***











 

www.resantiquae.nl

pianomuziek in poëzie




Detlev von Liliencron: Ballade g-moll

Nach einer wilden, wüstdurchzechten Nacht,
Schon ränderte das erste Rot die Wolken,
Stahl ich mich aus dem Saale, die Genossen
Im Streite, lachend, lallend, unterm Tische,
Im weinerlichen Elend, schwer betrunken
Zurück in ihrem Durcheinander lassend.
Doch eh’ ich ging, bat einen meiner Runde
Ich mitzugehn, um frische Luft zu schöpfen.
Im Nebenzimmer, das wir nun durchschritten,
Stand ein Klavier, und wie dort hingezogen,
Setzt’ an die Tasten sich mein junger Freund
Und spielte die Ballade g-Moll Chopins.
Und wie vom Geist des Weines nur befeuert,
Begeistert nur zu höherem Seelenflug,
Erwuchs zu mächtigem Wesen jenes Stück.
Nie hatt’ ich herrlicher sie spielen hören.
Ich unterdessen schlich zum Fenster hin
Und schlug die Flügel auf, so weit ich konnte.
Der Sommermorgen friedet keusch vor mir,
Das Gras, die Blumen schlafen noch im Tau,
Kein Lüftchen regte sich, kein Vogel zwitschert.
Doch da, in dieser leidenlosen Ruhe,
Entdeckt’ an einem schmächtigen Ahornstamm
Ein blasses Mädchen ich. Die rechte Schläfe
Lehnt an den Baum; und aus den großen Augen
Tropft Trän’ auf Träne langsam auf die Hände,
Die schwach das Taschentüchlein drehn und zupfen
Und zitternd auseinanderzerren ...

http://nl.wikipedia.org/wiki/Detlev_von_Liliencron

Wilhelm Busch: Gemartert

Ein gutes Tier
Ist das Klavier,
Still, friedlich und bescheiden,
Und muß dabei
Doch vielerlei
Erdulden und erleiden.

Der Virtuos
Stürzt darauf los
Mit hochgesträubter Mähne.
Er öffnet ihm
Voll Ungestüm
Den Leib gleich der Hyäne.

Und rasend wild,
Das Herz erfüllt
Von mörderlicher Freude,
Durchwühlt er dann,
Soweit er kann,
Des Opfers Eingeweide.

Wie es da schrie,
Das arme Vieh,
Und unter Angstgewimmer
Bald hoch, bald tief
Um Hilfe rief,
Vergess' ich nie und nimmer.

Wilhelm Busch: Fipps, der Affe - 9. Kapitel

1. Bild

Mit Recht erscheint uns das Klavier,
Wenn's schön poliert, als Zimmerzier.
Ob's außerdem Genuß verschafft,
Bleibt hin und wieder zweifelhaft.

Auch Fipps fühlt sich dazu getrieben,
Die Kunst in Tönen auszuüben.


Er zeigt sich wirklich recht gewandt,
Selbst mit der linken Hinterhand.

http://en.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Busch

Leconte de l'Isle: La fille aux cheveux de lin.

aus: Poèmes antiques. Chansons écossaises. [Nr. IV]

(Dieses Gedicht gab Debussy die Anregung zu seinem gleichnamigem Klavierstück.)


Sur la luzerne en fleur assise,
Qui chante dès le frais matin?
C'est la fille aux cheveux de lin,
La belle aux lèvres de cerise.

 

Inmitten blühender Luzernen sitzend,
wer singt dort seit dem frühen Morgen?
Es ist das Mädchen mit den flachsblonden Haaren,
die Schöne mit den kirschroten Lippen.

L'amour, au clair soleil d'été,
Avec l'alouette a chanté.

 

Die Liebe, im sommerlichen Sonnenlicht,
gemeinsam mit einer Lerche hat sie gesungen.

Ta bouche a des couleurs divines,
Ma chère, et tente le baiser!
Sur l'herbe en fleur veux-tu causer,
Fille aux cils longs, aux boucles fines?

 

Dein Mund hat göttliche Farben,
meine Liebe, und ich versuche ihn zu küssen!
Und du willst über die blühenden Kräuter plaudern,
Mädchen mit den langen Wimpern, mit den feinen Locken?

L'amour, au clair soleil d'été,
Avec l'alouette a chanté.

 

Die Liebe, im sommerlichen Sonnenlicht,
gemeinsam mit einer Lerche hat sie gesungen.

Ne dis pas non, fille cruelle!
Ne dis pas oui! J'entendrai mieux
Le long regard des tes grands yeux
Et ta lèvre rose, ô ma belle!

 

Sag' nicht Nein, du grausames Mädchen!
Sag' nicht Ja! Viel lieber würde ich
den tiefen Blick deiner großen Augen spüren
und deine roten Lippen, oh meine Schöne!

L'amour, au clair soleil d'été,
Avec l'alouette a chanté.

 

Die Liebe, im sommerlichen Sonnenlicht,
gemeinsam mit einer Lerche hat sie gesungen.

Adieu les daims, adieu les lèvres
Et les rouges perdrix!
Je veux
Baiser le lin de tes cheveux,
Presser la pourpre de tes lèvres.

 

Adieu ihr Damhirsche, adieu ihr Lippen
und ihr roten Rebhühner! Ich will
den Flachs deiner Haare küssen,
den Purpur deiner Lippen saugen.

L'amour, au clair soleil d'été,
Avec l'alouette a chanté.

 

Die Liebe, im sommerlichen Sonnenlicht,
gemeinsam mit einer Lerche hat sie gesungen.

(Wörtliche Übersetzung des französischen Textes. Eine freie Nachdichtung finden Sie auf der Website pian-e-forte.de von Jörg Gedan.)

http://en.wikipedia.org/wiki/Leconte_de_Lisle

Heinrich Wilhelm von Gerstenberg:
Die Klavierspielerin
(Phyllis an das Klavier)

Bestes, trautes Klavier,
Schalle, schalle
Lauter Liebe!
Lauter süße Liebe
Sei dein schmelzendes Saitenspiel!

Denn ich fühl es, ich fühl's,
Dieser Busen Schmilzt vor Liebe;
Ach! Wie wallt, wie wallt er,
Des verschwiegnen Bewußtseins voll!

Aber, Theon, du weinst,
Nennst mich kälter
Als das Eismeer:
Und, Grausamer, siehst nicht,
Wie ich zittre, dich anzusehn!

Wie die Wange mir glüht!
Und die Stimme
Itzt dahinstirbt;
Und der Finger bebend
In die Töne hinüberfliegt.

Weh mir! Wenn er nun kommt!
Und nun sprachlos
Horcht und seufzet,
Und nun meine Seele
Ganz im Feuer der Liebe strömt!

Welchen leisesten Ton
Soll ich, Himmel!
Soll ich wählen,
Der doch ganz ihm sage:
Bester Jüngling, ich liebe dich!

Ach! Die Wange wird glühn,
Und die Stimme
Wird verstummen
Und der Finger bebend
In die Töne hinüberfliehn;

Und der silberne Laut,
Zittern wird er
Auf der Saite,
Noch ersterbend sagen:
Bester Jüngling, ich liebe dich!

http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Wilhelm_von_Gerstenberg

Johann Wolfgang von Goethe: "Die Leiden eines jungen Pianisten"

Um diese Zeit ward auch der schon längst in Beratung gezogene Vorsatz, uns in der Musik unterrichten zu lassen, ausgeführt; und zwar verdient der letzte Anstoß dazu wohl einige Erwähnung. Daß wir das Klavier lernen sollten, war ausgemacht; allein über die Wahl des Meisters war man immer streitig gewesen.

Endlich komme ich einmal zufälligerweise in das Zimmer eines meiner Gesellen, der eben Klavierstunde nimmt, und finde den Lehrer als einen ganz allerliebsten Mann. Für jeden Finger der rechten und linken Hand hat er einen Spitznamen, womit er ihn aufs lustigste bezeichnet, wenn er gebraucht werden soll. Die schwarzen und weißen Tasten werden gleichfalls bildlich genannt, ja die Töne selbst erscheinen unter figürlichen Namen. Eine solche bunte Gesellschaft arbeitet nun ganz vergnüglich durcheinander. Applikatur und Takt scheinen ganz leicht und anschaulich zu werden, und indem der Schüler zu dem besten Humor aufgeregt wird, geht auch alles zum schönsten von statten.

Kaum war ich nach Hause gekommen, als ich den Eltern anlag, nunmehr Ernst zu machen und uns diesen unvergleichlichen Mann zum Klaviermeister zu geben. Man nahm noch einigen Anstand, man erkundigte sich; man hörte zwar nichts Übles von dem Lehrer, aber auch nichts sonderlich Gutes. Ich hatte indessen meiner Schwester alle die lustigen Benennungen erzählt, wir konnten den Unterricht kaum erwarten und setzten es durch, daß der Mann angenommen wurde.

Das Notenlesen ging zuerst an, und als dabei kein Spaß vorkommen wollte, trösteten wir uns mit der Hoffnung, daß, wenn es erst ans Klavier gehen würde, wenn es an die Finger käme, das scherzhafte Wesen seinen Anfang nehmen würde. Allein weder Tastatur noch Fingersetzung schien zu einigem Gleichnis Gelegenheit zu geben. So trocken wie die Noten, mit ihren Strichen auf und zwischen den fünf Linien, blieben auch die schwarzen und weißen Claves, und weder von einem Däumerling noch Deuterling noch Goldfinger war mehr eine Silbe zu hören; und das Gesicht verzog der Mann so wenig beim trockenen Unterricht, als er es vorher beim trockenen Spaß verzogen hatte. Meine Schwester machte mir die bittersten Vorwürfe, daß ich sie getäuscht habe, und glaubte wirklich, es sei nur Erfindung von mir gewesen. Ich war aber selbst betäubt und lernte wenig, ob der Mann gleich ordentlich genug zu Werke ging: denn ich wartete immer noch, die früheren Späße sollten zum Vorschein kommen, und vertröstete meine Schwester von einem Tag zum andern. Aber sie blieben aus, und ich hätte mir dieses Rätsel niemals erklären können, wenn es mir nicht gleichfalls ein Zufall aufgelöst hätte.

Einer meiner Gespielen trat herein, mitten in der Stunde, und auf einmal eröffneten sich die sämtlichen Röhren des humoristischen Springbrunnens; die Däumerlinge und Deuterlinge, die Krabler und Zabler, wie er die Finger zu bezeichnen pflegte, die Fakchen und Gakchen, wie er z. B. die Noten f und g, die Fiekchen und Giekchen, wie er fis und gis benannte, waren auf einmal wieder vorhanden und machten die wundersamsten Männerchen. Mein junger Freund kam nicht aus dem Lachen und freute sich, daß man auf eine so lustige Weise so viel lernen könne. Er schwur, daß er seinen Eltern keine Ruhe lassen würde, bis sie ihm einen solchen vortrefflichen Mann zum Lehrer gegeben. [...]

Auszug aus:
J. W. von Goethe: Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 4. Buch.

Franz Grillparzer: Liszt

Du gleichst dem Engel mit dem Flammenschwerte,
Der aufgestellt vor unsrer Unschuld Garten;
Ein strenger Spruch, gerecht in seiner Härte,
Straft durch sich selber jegliches Entarten.

Doch weigerst du die Pforten jener Räume,
Wo Unschuld mit sich selber ging zufrieden,
So zeigst du uns, ein Traumbild wacher Träume,
Das Bild des Glücks, das nicht mehr weilt hienieden.

Eintauchend in die Welt der Leidenschaften,
Des Kampfs, des Streits, der wildverworrnen Grenzen,
Läßt du aus Augen, die an Eden haften,
Den Widerschein des dort Gesehnen glänzen.

Der Donner wird zum Strahl, der Strahl zum Lichte,
Auf Augenblicke schwinden Nebeldünste,
Die Luft der Heimat weht durch die Gesichte –
Eintracht in Zwietracht ist das Reich der Künste.

http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Grillparzer

Eduard Hanslick: Ein Brief über die "Clavierseuche"

<163> Sie wünschen meine Ansicht über jene unbarmherzige moderne Stadtplage zu hören, die es heute glücklich zu der ehrenvollen Bezeichnung "Clavierseuche" gebracht hat. [...] Ich halte die herrschende Seuche für unheilbar und glaube, daß wir nur mittelbar, auf weiten ästhetischen und pädagogischen Umwegen dahin gelangen können, ihren verheerenden Fortgang allmälig einzudämmen.

Die Qualen, die wir täglich durch nachbarlich klimpernde Dilettanten oder exercierende Schüler erdulden, sind in allen Farben oft genug geschildert. Ich glaube <164> allen Ernstes, daß unter den hunderterlei Geräuschen und Kißklängen, welche tagsüber das Ohr des Großstädters zermartern und vorzeitig abstumpfen, diese musikalische Folter die aufreibendste ist. In irgend eine wichtige Arbeit oder ernste Lectüre vertieft, der Ruhe bedürftig, oder nach geistiger Sammlung ringend, müssen wir wider Willen dem entsetzlichen Clavierspiel neben uns zuhören; mit einer Art gespannter Todesangst warten wir auf den uns wohlbekannten Accord, den das liebe Fräulein jedesmal falsch greift; wir zittern vor dem Laufe, bei welchem der kleine Junge unfehlbar stocken und nun von vorn anfangen wird. [...]

<165> Es sind mir im Moment nur zwei Arten erinnerlich von behördlichem Einschreiten gegen die Belästigung durch Clavierspiel. Die Pariser Polizei hat einzelne Beschwerden dahin entschieden, daß ohne Erlaubniß der Nachbarn nicht vor sieben Uhr früh und nach elf Uhr abends musicirt werden darf. [...]

Eine zweite polizieliche Fürsorge besteht, den Zeitungen zufolge, jetzt in Weimar, wo es gegen zwei Mark Strafe verboten ist, bei offenen Fenstern zu musiziren. Es ist dies eine wohltätige Verordnung – beschämend nur durch den Gedanken, daß eine Obrigkeit erst befehlen mußte, was das eigene Anstandsgefühl einem jeden von selbst diktieren sollte.

<166> Auf diesem Gebiete musikalischer Attentate darf ich mich der schmerzlichen Erfahrungen rühmen. Es war eine angeblich "ruhige", etwas enge Gasse, in welcher ich vor einigen Jahren das Glück hatte, ein clavierfreies Haus zu bewohnen. Aber mir gegenüber stürmten aus drei Stockwerken alle bösen Geister zu den stets offenen Fenstern heraus. Während im ersten Stock mehrere musikalische Schwestern von schwachem Gehör und stets verstimmtem Clavier Beethoven, Strauß, Offenbach und Chopin durch einander schüttelten, blutete über ihnen ein junges Opfer musikalischer Dressur stundenlang unter Tonleitern und Uebungen. Am frühesten begann die Sopran-Dame im dritten Stock ihr Tagwerk mit italiensichen Arien aus "Lucia" und der "Nachtwandlerin". Es schien ihr Appetit zum Frühstück zu machen, wir Anderen verdienten keine Rücksicht und Donizetti war ja längst todt. So ging es des Morgens. Der Abend pflegte im anstoßenden Hause durch vierhändiges Abschlachten altersschwacher Ouvertüren gefeiert zu werden, und [...] niemals, gar niemals kam diesen kunstsinnigen Gemüthern der Gedanke, es könnten ihre musikalischen <167> Orgien uns wehrlose Leute in der Nachbarschaft belästigen. [...]

<171> Nur mittelbar, so bemerkte ich Eingangs, wird eine allmälige Besserung dieser Zustände sich anbahnen lassen, nur mittelbar und auf weitem Umwege. [...] Diejenigen, die heute bereits Clavier spielen – worunter wohl fünfzig Stümper auf einen Künstler kommen – vermögen wir am Ausüben ihrer Fertigkeit nicht zu <172> hindern; wir können aber – Jeder in seinem Kreise – dahin wirken, daß künftig nicht mehr so Viele Clavier spielen lernen. Nurdann wird weniger und wird besser gespieltwerden. [...] Jedes Kind zum Clavierlernen zu zwingen, es stundenlang an's Piano zu schmieden, gleichviel ob es Lust und Talent dazu hat, ist ein Unsinn, eine Versündigung. Der unverhältnißmäßige Zeitaufwand, den unsere Jugend dem Clavierspiele opfert, wird zum Raube an der ernsteren wissenschaftlichen Ausbildung. [...]

<178> Nur wenn einflußreiche Stimmen nicht müde werden zu warnen, – wenn unsere Conservatorien der Ueberproduction an Pianisten und Pianistinnen entgegenwirken, anstatt sie leichtsinnig noch zu befördern, – wenn endlich Jeder von uns im eigenen Kreise seine Kraft dagegen einsetzt: dann und nur dann ist es zu hoffen erlaubt, daß die Geißel, die man schauerlich genug "Clavierseuche" nennt, allmälig mildere Formen annehmen und künftighin weniger Opfer, auf der spielenden wie auf der hörenden Seite, fordern werde.

Auszüge aus:
Eduard Hanslick, Gemeine, schädliche und gemeinschädliche Klavierspielerei;
erschienen in: E. Hanslick, Aus neuer und neuester Zeit. Der Modernen Oper IX. Theil. Musikalische

http://en.wikipedia.org/wiki/Eduard_Hanslick

Kritiken und Schilderungen. Berlin 1900.

Johann Timotheus Hermes (1738-1821): Ans Clavier. [I]

Aus: Sophiens Reise von Memel nach Sachsen. Leipzig 1769. S. 38.
3. Theil der ersten Ausgabe.

Sey mir gegrüßt mein schmeichelndes Clavier!
Was keine Sprache richtig nennt,
Die Krankheit tief in mir
Die nie mein Mund bekennt
Die klag ich Dir!

Dich, o Clavier erfand ein Menschenfreund,
Ein Mann der traurig war, wie ich.
Er hat, wie ich, geweint!
Voll Kummer schuf er Dich
Für sich und mich.

Und Heil sey ihm, Vertrauter meiner Brust,
Heil sey dem Mann, der Dich erfand!
Hat ihn, der Schmerz und Lust
An keine Saiten band,
Kein Stein genannt?

zitiert nach: J.N. Forkel, Musikalisch-kritische Bibliothek. Gotha 1778-1779, Bd. 1, S. 318.

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Timotheus_Hermes


Eduard Möricke: Auf einen Klavierspieler

Hört ihn und seht sein dürftig Instrument!
Die alte, klepperdürre Mähre,
Auf der ihr jede Rippe zählen könnt,
Verwandelt sich im Griffe dieses Knaben
Zu einem Pferd von wilder, edler Art,
Das in Arabiens Glut geboren ward!
Es will nicht Zeug noch Zügel haben,
Es bäumt den Leib, zeigt wiehernd seine Zähne,
Dann schüttelt sich die weiße Mähne,
Wie Schaum des Meers zum Himmel spritzt,
Bis ihm, besiegt von dem gelass'nen Reiter,
Im Aug' die bittre Träne blitzt –
O horch! nun tanzt es sanft auf goldner Töne Leiter!

http://en.wikipedia.org/wiki/Eduard_M%C3%B6rike

Christian Morgenstern: Die Geruchsorgel

Palmström baut sich eine Geruchs-Orgel
und spielt drauf v. Korfs Nießwurz-Sonate.

Diese beginnt mit Alpenkräuter-Triolen
und erfreut durch eine Akazien-Arie.

Doch im Scherzo, plötzlich und unerwartet,
zwischen Tuberosen und Eukalyptus,

folgen die drei berühmten Nießwurz-Stellen,
welche der Sonate den Namen geben.

Palmström fällt bei diesen Ha-Cis-Synkopen
jedesmal beinahe vom Sessel, während

Korf daheim, am sichern Schreibtisch sitzend,
Opus hinter Opus aufs Papier wirft ...

http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_Morgenstern

Alexander Moszkowski: LIED, Lisztenreiches

Frei nach Schillers "Lied von der Glocke"

Wohltätig sind die Hände dann,
So lang' der Mensch nicht spielen kann;
Läßt er sie still im Schoße ruhn,
Nie werden sie was Böses tun.

Doch furchtbar uns bedrängt,
Wenn Technik sich dazwischen mengt,
Einhertritt auf der eignen Spur,
Die Tochter der Klaviatur!

Wehe, wenn sie losgelassen
Sich auf's Donnernde verlegt
Und mit wucht'ger Schläge Massen
Ein Klavier zum Krüppel schlägt!

Von dem Flügel
Strömen Töne,
Wunderschöne;
Von dem Flügel Manchesmal
Kommt Skandal.

Hört ihr's wettern dort, so wißt,
Das ist Liszt!
Rot wie Blut
Ist seine Backe,
Jetzt gerät er schon in Wut,
Welch Geknacke!

Jetzt hinauf
Kommt ein Lauf,
Abwärts im Moment im nächsten,
Im Fortissimo in Sexten,
Von den Fingern, den behexten.

Kochend, wie aus Ofens Rachen,
Glüh'n die Tasten, Hämmer krachen,
Pfoten stürzen, Saiten klirren,
Späne fliegen, Noten schwirren;

Zwischen Trümmern,
Ohn' Bekümmern,
Fuchteln hin und her die Patschen,
Meist in Skalen, in chromat'schen;

Durch der Hände lange Kette,
Um die Wette
Flieget aufwärts eine Horde
Falsch gegriffener Akkorde
Bis hinauf in den Diskant;

Prasselnd fällt die dürre Hand
Jetzt zugleich in alle Ecken,
Grad' als sollt' sie Tote wecken;
Und als wollten sie im Rasen
Mitten durch das Instrument
Reißen, die gewalt'gen Händ',
Wird die Schlußpassag' vollführt,
Riesengroß! Hoffnungslos
Sieht der Hörer seine Ohnmacht
Gegenüber solcher Tonmacht
Und bewundert resigniert.

Ganz kaputt ist der Flügel
Nur ein wüster Trümmerhügel;
Mit den einstmals prächt'gen Klängen
Ist es aus,
Und zerriss'ne Saiten hängen
Weit hinaus.

Einen Blick
Dem schonungslosen
Virtuosen
Sendet noch der Mensch zurück.
Greift fröhlich dann zu seiner Watte,
Falls er die im Ohre hatte;
Wie sehr es auch um ihn getobt,
Den süßen Trost hat sein Gewissen,
Das Trommelfell ist nicht zerrissen,
Gott sei gepriesen und gelobt!

anonym: La Confidence

Die Melodie dieses französischen Volksliedes bildet die Grundlage zu W.A. Mozarts Variationen für Klavier, KV 265 "Morgen kommt der Weihnachtsmann").

Ah! vous dirai-je, Maman,
Ce qui cause mon tourment?
Depuis que j'ai vu Silvandre,
Me regarder d'un air (oeil) tendre,
Mon coeur dit à chaque instant:
Peut-on vivre sans amant!

 

Ach! soll ich Dir sagen, Mama,
wer mir Qualen bereitet?
Seit ich Silvandre gesehen habe,
der mich mit zärtlichem Blick betrachtet,
sagt mein Herz jeden Augenblick:
Kann man ohne den Liebenden leben!

L'autre jour dans un bosquet,
Il me ceuilloit un bouquet;
Il en orna ma boulette,
Me disant: belle brunette,
Flore est moins belle que toi:
L'amour moins tendre que moi.

 

Den andern Tagin in einem Wäldchen
pflückte er einen Blumenstrauß;
er schmückte damit mein Haupt
und sprach zu mir: Schöne Blonde,
die Blume ist weniger schön als Du es bist,
die Liebe weniger zärtlich als ich.

Je rougis, et par malheur,
Und soupir trahit mon coeur:
Le cruel avec adresse;
Profita de ma faiblesse:
Hélas! maman, un faux pas
Me fit tomber dans ses bras.

 

Ich wurde rot, und unglücklicherweise
entstieg ein Seufzer meinem Herzen:
Mit Geschicklichkeit nutzte der Grausame
meine Schwäche aus:
Ach! Mama, ein falscher Schritt
ließ mich in seine Arme fallen.

Je n'avois pourtout soutien
que ma houlette et mon chien;
L'amour, voulant ma défaite,
Ecartat chien et houlette:
Ah! qu'on goûte de douceur,
Quand l'amour prend soin d'un coeur.

 

Ich hatte keine Hilfe,
nur durch meinen Hirtenstab und durch meinen Hund.
Die Liebe forderte meine Schwäche,
sie zerstreute Hund und Stab.
Ach! wie man die Süße spürt,
wenn die Liebe das Herz umfängt.

Robert Odemann: Der Schicksalswalzer

In einem Bechsteinflügel lebte, dick und satt,
ein Mottenliebespärchen, ganz verborgen,
das sich am Filz der Hämmer gütlich tat.
Die beiden kannten keine Nahrungssorgen.
Doch wer nur immer frißt und liebt und frißt,
gedankenlos der Völlerei ergeben,
und darüber dann das Geistige vergißt,
der führt ein inhaltloses, schales Leben.

Der Mottenmann war etwas trivial,
hat nichts bei klassischer Musik empfunden.
Chopin und Schumann, sagte er einmal,
die würden seine Ohren nur verwunden.
Sie sagte spitz: "Jaah, du laßt nur Lehár
und seinen blöden Donauwalzer gelten.
Es wird mir immer deutlicher jetzt klar,
wir beiden leben in getrennten Welten."

Er sagte barsch: "Ach, spiel dich nicht so auf,
als ob du diesen Tonsalat verstündest!
Dann hau doch ab, ich warte nur darauf.
Schau, daß du einen Seelenpartner findest."
Da trennten sich die beiden dann im Haß.
Sie ist in den Diskant hinaufgezogen,
und er blieb, wo er immer war, im Baß.
Im Grunde waren sie sich noch gewogen.
Doch keiner sagte: "Liebling ach, verzeih."
Im Gegenteil, sie trotzten und sie schmollten.
Dabei verharrten sie. Bis dann die zwei
das Fürchterlichste bald erleben sollten.

Denn an den Flügel setzte sich ein Mann,
ein Virtuose, ein ganz weltbekannter.
Der fing ganz zart mit Joseph Haydn an,
und etwas später spielte er brillanter.
Mit letzter Meisterschaft, ganz unerhört,
erklang von ihm mit Verve und Ekstase
(das hat den Mottenmann total betört)
nun eine Donauwalzer Paraphrase.

Das Stück – es war in D-Dur komponiert –,
das brachte nun das Kommende ins Rollen.
In Es-Dur wäre niemals das passiert,
was wir hier wahrgetreu berichten wollen.
Denn er sah drüben im Diskant allein
ganz traurig seine kleine Freundin stehen.
Er dachte sich: Das renk' ich wieder ein.
Genug geschmollt, ich muß jetzt zu ihr gehen.

Sie hatte seine Absicht schon erkannt
und winkte ihm: Bleib da, bleib da, mein Lieber!
Doch er war aus dem Baß schon losgerannt.
Er dachte nur: Ich muß zu ihr hinüber.
Und wenn sie meinen Walzer auch nicht schätzt,
du lieber Gott, da ist man doch nicht kleinlich.
Ich hab' sie letzten Endes auch verletzt.
Sie wartet doch auf mich dort höchstwahrscheinlich.

Beflügelt von der Walzermelodie,
sprang mutig er von Hammer jetzt zu Hammer.
Er dachte voller Sehnsucht nur an sie,
da sprang er auf ein A, o welch ein Jammer.
Er ahnte nicht, daß er ins Unglück lief,
denn eben dieses A war unerläßlich
für das bekannte Walzerterzmotiv,
und dieses A zerschmetterte ihn gräßlich.

Mit eignen Augen sah sie diesen Graus,
wie er für sie dort in den Tod gegangen.
Die Walzermelodie von Johann Strauß
hat sie wie einen Keulenschlag empfangen.
Gewissensbisse packten sie nunmehr.
Das war die Weise, die er zärtlich liebte,
mit der sie ihn verspottete so sehr,
um derentwegen Selbstmord er verübte.
An ihrer Seele zerrte es und riß,
im Schuldgefühl begann sie zu erbeben.
Da warf sie sich verzweifelt auf ein Fis
und blieb wie er an diesem Hammer kleben.

Man merke es sich ein für allemal:
Man lasse doch bei künstlerischen Dingen
jedweder Kreatur die eigne Wahl,
denn der Geschmack läßt sich doch niemals zwingen.
Es mögen Menschen oder Motten sein,
sie sollen sich nach Wunsch nur amüsieren.
In keinem Falle greife man da ein,
denn sonst kann etwas Schreckliches passieren.


http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_T._Odeman

Rainer Maria Rilke: Übung am Klavier

Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;
sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid
und legte in die triftige Etüde
die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

die kommen konnte: morgen, heute abend –,
die vielleicht da war, die man nur verbarg;
und vor den Fenstern, hoch und alles habend,
empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte
die Hände; wünschte sich ein langes Buch
und schob auf einmal den Jasmingeruch
erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.

http://en.wikipedia.org/wiki/Rainer_Maria_Rilke

Rainer Maria Rilke:
Orpheus. Eurydike.
Hermes

Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
Wie stille Silbererze gingen sie
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
Sonst war nichts Rotes.

Felsen war da
und wesenlose Wälder, Brücken über Leeres
und jener große, graue, blinde Teich,
der über seinem fernen Grunde hing
wie Regenhimmel über einer Landschaft.
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
erschien des einen Weges blasser Streifen
wie eine lange Bleiche hingelegt.

Und dieses einen Weges kamen sie.

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
in großen Bissen; seine Hände hingen
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
die in die Linke eingewachsen war
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
Und seine Sinne waren wie entzweit:
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
umkehrte, kam und immer wieder weit
und wartend an der nächsten Wendung stand,
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
Manchmal erschien es ihm, als reichte es
bis an das Gehen jener beiden andern,
die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.

Er aber sagte sich, sie kämen doch;
sagte es laut und hörte sich verhallen.
Sie kämen doch, nur wärens zwei,
die furchtbar leise gingen. Dürfte er
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:

den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
die Reisehaube über hellen Augen,
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
und flügelschlagend an den Fußgelenken;
und seiner linken Hand gegeben: sie.

Die So-geliebte, daß aus einer Leier
mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
daß eine Welt aus Klage ward, in der
alles noch einmal da war: Wald und Tal
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
und daß um diese Klage-Welt ganz so
wie um die andre Erde eine Sonne
und ein gestirnter stiller Himmel ging,
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen –
diese So-geliebte.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
Sie war in sich wie Eine hoher Hoffnung
und dachte nicht des Mannes, der voranging,
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
erfüllte sie wie Fülle.

Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel
so war sie voll von ihrem großen Tode,
der also neu war, daß sie nichts begriff.
Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend,
und ihre Hände waren der Vermählung
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
unendlich leise leitende Berührung
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.

Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
und hingegeben wir gefallner Regen
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.

Sie war schon Wurzel.
Und als plötzlich jäh
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet –
begriff sie nichts und sagte leise: Wer?

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Charles Henri Sanson: "Das Klavier und sein Henker"

Vorbemerkung:
Die Familie Sanson hatte seit Generationen das Amt des Scharfrichters von Paris inne. In seinen Memoiren gedenkt Henri Sanson auch seines Großvaters Charles-Henri, der das Henkersamt in den Jahren der Französischen Revolution ausübte.

Glücklicherweise besuchte meinen Großvater seit einiger Zeit ein deutscher Mechaniker namens [Tobias] Schmidt, und mit diesem hatte er bisweilen von seiner und Doktor Guillotins Bedrängnis gesprochen. Dieser Schmidt, damals Klavierfabrikant, war in bezug auf Mechanik sehr erfahren und geschickt, auch wie fast alle seine deutschen Landsleute ein leidenschaftlicher Musiker. Nachdem er die Bekanntschaft meines Großvaters durch einige an ihn verkaufte Instrumente gemacht, hatte er an diesem Gefallen gefunden und kam nun wöchentlich mehrere Male in das Haus des Scharfrichters. Sei es, daß einmal ein Klavier zu stimmen war, kurz, der Mechanikus Schmidt galt bald in meiner Familie als ein ganz unentbehrlicher Gast und Hausfreund. Die Liebe zur Musik knüpfte zwischen ihm und Charles-Henri Sanson, der auch ein Musikverehrer war und ganz leidlich die Violine und das Cello spielte, ein inniges Freundschaftsband; das Spiel Gluckscher Musikstücke näherte sie einander mehr und mehr. Schmidt kam bald alle Tage. Während er auf dem Klavier spielte, ließ Charles-Henri Sanson seine Violine oder sein Cello ertönen.

Eines Abends, gerade nach einer Arie aus Orpheus und vor einem Duett aus der Iphigenie in Aulis, kam man, das heißt mein Großvater, auf den sehr beliebten Instrumentenwechsel, wenn ich dieses schreckliche Wortspiel hier anwenden darf; man vertauschte nämlich Klavier und Geige mit der fraglichen Enthauptungsmaschine, deren Gestalt Charles-Henri mit fieberhafter Hast Tag und Nacht in Erwägung zog. »Hören Sie, ich glaube daß ich eine Maschine nach Ihrem Wunsch erfinden könnte«, antwortete Schmidt, nahm einen Bleistift und entwarf schnell mit einigen Strichen eine Zeichnung. Dies war die Guillotine!

Quelle:
Mémoires des Sansons, publiés par Henri Sanson, ancien Exécuteur des Hautes-oeuvres de la Cour de Paris. Paris 1863; zitiert nach: Die Tagebücher der Henker von Paris, hrsg. von E. Wesemann und K.-H.Wettig, München 1983.

Fazit: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, in diesem Falle offensichtlich ein Klavierbaumeister!

Anmerkung:
Die Herkunft des Cembalobauers Tobias Schmidt sowie sein beruflicher Werdegang liegen im Dunkeln, ebenso der genaue Zeitpunkt, wann er sich in Paris niederließ. 1785 bewarb er sich um die Aufnahme in die Corporation der Pariser Instrumentenmacher und gab als Adresse die rue de Thionville (ehemals rue Daupine) an (Arch. nat., Y 9333; 28. September 1785). Zusammen mit dem Scharfrichter Charles-Henri Sanson und dem Arzt J.I. Guillotin entwickelte er eine Enthauptungsmaschine und erbot sich im April 1792, eine solche Maschine für den Preis von 824 Livres (dem Gegenwert d'un beau clavecin) zu bauen.

Literaturhinweis:
A. Kershaw: A history of the guillotine. London (Calder) 1958.
Colombe Samoyault-Verlet: Les facteurs de clavecins parisiens. Notices biographiques et documents (1500-1793). Paris (Heugel) 1966, S. 65-66.

http://en.wikipedia.org/wiki/Charles-Henri_Sanson 


Friedrich Schiller: Laura am Klavier

Wenn dein Finger durch die Saiten meistert,
Laura, itzt zur Statue entgeistert,
Itzt entkörpert steh’ ich da.
Du gebietest über Tod und Leben,
Mächtig wie von tausend Nervgeweben
Seelen fordert Philadelphia.

Ehrerbietig leiser rauschen
Dann die Lüfte, dir zu lauschen.
Hingeschmiedet zum Gesang
Stehn im ew’gen Wirbelgang,
Einzuziehn die Wonnefülle,
Lauschende Naturen stille.
Zauberin! mit Tönen, wie
Mich mit Blicken, zwingst du sie.

Seelenvolle Harmonien wimmeln,
Ein wollüstig Ungestüm,
Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln
Neugeborne Seraphim;
Wie, des Chaos* Riesenarm entronnen,
Aufgejagt vom Schöpfungssturm, die Sonnen
Funkelnd fuhren aus der Nacht,
Strömt der Töne Zaubermacht.

Lieblich itzt, wie über glatten Kieseln
Silberhelle Fluten rieseln,
Majestätisch prächtig nun,
Wie des Donners Orgelton,
Stürmend von hinnen itzt, wie sich von Felsen
Rauschende, schäumende Gießbäche wälzen,
Holdes Gesäusel bald,
Schmeichlerisch linde,
Wie durch den Espenwald
Buhlende Winde,

Schwer nun und melancholisch düster,
Wie durch toter Wüsten Schauernachtgeflüster,
Wo verlornes Heulen schweift,
Thränenwellen der Cocytus schleift.
Mädchen, sprich! Ich frage, gib mir Kunde:
Stehst mit höhern Geistern du im Bunde?
Ist’s die Sprache, lüg’ mir nicht,
Die man in Elysen spricht?

http://nl.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Schiller

Friedrich Schubart: Serafina an ihr Klavier

Sanftes Klavier!
Welche Entzückungen schaffst du in mir,
Sanftes Klavier!
Wenn sich die Schönen
Tändelnd verwöhnen,
Weih' ich mich dir,
Liebes Klavier!

Bin ich allein,
Hauch' ich dir meine Empfindungen ein,
Himmlisch und rein.
Unschuld im Spiele,
Tugendgefühle
Sprechen aus dir,
Trautes Klavier!

Melancholie
Dunkelt die Seele der Spielerin nie,
Heiter ist sie!
Tanzende Docken,
Töne, wie Glocken,
Flößen ins Blut
Rosigen Muth.

Sing' ich dazu,
Goldener Flügel, welch' himmlische Ruh'
Lispelst mir du!
Thränen der Freude
Netzen die Saite!
Silberner Klang
Trägt den Gesang.

Tugend, ach dir!
Unschuld, dir weih' ich mein liebes Klavier;
Stimmet es mir,
Engel, ihr Hüter
Frommer Gemüther;
Jeder Ton sei,
Himmel, dir treu.

Sanftes Klavier!
Welche Entzückungen schaffst du in mir,
Goldnes Klavier!
Wenn mich im Leben
Sorgen umschweben,
Töne du mir,
Trautes Klavier!

http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Friedrich_Daniel_Schubart

Schubart: An Dudeldum

Ei Dudeldum! so greif
In dein Klavier so steif!
Zwar sind die Finger brav,
Nie fehlt's in der Octav',
Noch in der Quint' und Terz;
Nur Eines fehlt – das Herz!

William Shakespeare: Sonett 128

How oft, when thou, my music, music play'st
Upon that blessed wood whose motion sounds
With thy sweet fingers, when thou gently sway'st
The wiry concord that mine ear confounds,

Do I envy those jacks that nimble leap
To kiss the tender inward of thy hand,
Whilst my poor lips, which should that harvest reap
At the wood's boldness by thee blushing stand!

To be so tickled, they would change their state
And situation with those dancing chips
O'er whom thy fingers walk with gentle gait,
Making dead wood more blest than living lips.

Since saucy jacks so happy are in this,
Give them thy fingers, me thy lips to kiss.

Übersetzungen:

Wenn du, mein Wohllaut, Wohllaut läßt erklingen
Aus dem geweihten Holz, das tönend wird,
Wenn deine süßen Finger sanft beschwingen
Der Drähte Einklang, der mein Herz verwirrt,

Zürn ich den Tasten, die im Tanz berührt
Zu hast'gem Kuß das Innre deiner Hand
Indes mein armer Mund, dem dies gebührt,
Errötend ob des Holzes Kühnheit stand.

Gern hätt Gestalt und Wesen er getauscht
Mit den Gesellen, die da tanzend wippen,
Da deine Hand das tote Holz berauscht
und mehr beglückt als die lebendigen Lippen.

Doch wenn die Kecken schon verwöhnt von dir,
Gib ihnen deine Hand, den Mund gib mir.

Übersetzung: Therese Robinson

Musik bist du für mich, doch wenn Musik erklingt
Aus diesem hölzernen, dem drahtbespannten Kasten
Weil jeder deiner süßen Finger lieblich singt
Wenn sie im Takt des Busens über Tasten hasten

Ach, wie beneid ich dann die Holzklötzchen um dich
Sie kitzeln deine Hände keck beim Rumklaviern
Und meine armen Lippen schmachten, röten sich
Vor Zorn, wenn sich so Kerlchen mit dir amüsiern

Die necken, schmeicheln, treiben schamlos Schabernack
Mein Kußmaul wird verschäht – ich leide Frust
Denn deine Finger tätscheln totes Tastenpack
Statt daß sie mich, der lebt, beseligen mit Lust

Na gut, wenn deine Hände Holz halt streicheln müssen
Lass deine Lippen mir! Ich brauch sie doch zum Küssen

Übersetzung: Wolf Biermann

Wie oft, mein Herz, wenn du die Tasten rührst,
Daß unter deinen zarten Fingern klingt
Beglückt ihr Holz, und alle Saiten führst
Zum vollen Einklang, der mein Ohr bezwingt;

Wie oft beneide ich die Tasten dann,
Die deiner Hand entbieten ihren Kuß,
Wenn ich in der Entsagung schwerem Bann
Ihr keckes Spiel errötend sehen muß.

Ach, meine Lippen tauschten Rang und Stand
Mit ihnen gern um soviel Seligkeit,
Da totem Holz der Druck von deiner Hand
Mehr Glück als der lebend'gen Lippe leiht.

Scheint wert das Holz so hoher Gnade dir,
Gib ihm die Hand zum Kuß, die Lippe mir!

Übersetzung: Max Josef Wolff

Wie oft, wenn du, mein Lieb, ein Lied mir spielst
Und über diese leichtbewegten Tasten,
Mit denen du beseligend ins Ohr mir zielst,
Die Kuppen deiner süßen Finger hasten, –

Beneide ich die kecke Tastatur,
Die küssen darf das Inn're deiner Hand,
Das leidenschaftlich meinen Lippen nur
Gehören sollt, die es so zärtlich band.

Ach, würden diese Lippen einmal so berühmt,
Wie jenes tanzbeschwingte Holz,
Das alle Töne-Tage deine Finger spürt –,
Mit ihm zu tauschen, ja, das wär' mein Stolz.

Doch wenn der freche Klotz geküsst sein muss:
Reich ihm die Hand, die Lippe mir zum Kuss.

H. Stuhl: Musik und Kostenmanagement

Der Vorstandschef eines großen Unternehmens überläßt seinem Controller die Einladung zu einem Konzert. Aufgeführt werden soll Schuberts Unvollendete. Auf die Frage des Vorstandschefs am nächsten Tag: "Wie hat Ihnen das Konzert gefallen?" sagt der Controller ihm einen schriftlichen Bericht zu. Der Bericht ging einen Tag später ein. Sein Inhalt:

1.    Die vier Oboisten hatten über einen längeren Zeitraum nichts zu tun. Ihre Anzahl sollte deshalb gekürzt, ihre Aufgaben auf das gesamte Orchester verteilt werden. Dadurch können Arbeitsspitzen vermieden werden.

2.    Die zwölf Geiger spielten alle die gleichen Noten. Die Anzahl der Mitarbeiter in diesem Bereich sollte daher drastisch gekürzt werden. Sollte hier tatsächlich eine große Lautstärke erforderlich sein, kann das auch mit einem elektronischen Verstärker erreicht werden.

3.    Das Spielen von Viertelnoten erfordert einen hohen Aufwand. Dies scheint mir eine übertriebene Verfeinerung. ich empfehle daher, alle Noten auf die nächstliegende halbe aufzurunden. Dann können dafür Studenten und Mitarbeiter mit geringen Qualitäten eingesetzt werden.

4.    Wenig sinnvoll ist es, daß die Hornisten Passagen wiederholen, die die Streicher bereits gespielt haben. Würden derlei überflüssige Passagen gestrichen, könnte das Konzert von zwei Stunden auf zwanzig Minuten gekürzt werden.

5.    Hätte Schubert dies alles beachtet, dann hätte er ohne Zweifel seine Sinfonie beenden können.

Quelle:
Zitat aus einer Rede, die der Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Forschung, Helmut Stuhl, zum Jubiläum eines Boehringer Werkes in Mannheim hielt.

Unbekannt: Das Cellokonzert

Die Blüte des Orchesters ist
Seit grauer Urzeit der Cellist.
Drum schätzt ihn auch der Dirigent,
Dem dauernd er ins Auge schaut,
Weil man sein Pult so angebaut.

Wie herrlich kann das Cello klingen
Hört man's die Kantilene singen!
Doch kann dasselbe gleichermaßen
Auch wütend im Furioso rasen.
Denn wird das Tremolo geschüttelt,
Chromatisch wird man durchgerüttelt,
Doch tröstest du dich, weil du weißt,
Das gibt sehr schnell sich allermeist,
Und der Cellist nach Sturmgewittern
Wird wieder bald in Rührung zittern,
Denn Schmerz sowohl auch wie Entzücken
Vermag es herrlich auszudrücken.

Natürlich ist ein solcher Mann,
Der so Verschied'nes leisten kann,
Nicht nur ein Glied der großen Masse,
Er ist auch ein Solist von großer Klasse.
Drum nach gehör'ger Vorbereitung
Geht er zur Orchesterleitung,
Und leicht vermag er's zu erreichen,
Er darf ein großes Solo streichen.

Die Kühnheit, die dazu gehört,
Das Publikum durch Beifall ehrt,
Als er vor Stolz und ungeniert
Vor dem Orchester sich plaziert,
Worauf er heftig überzeugt
Von seinem Können sich verbeugt.

Des Vorschußbeifalls herzlich froh,
Es klingt das A von der Oboe.
Nun schnell gestimmt! Nun ist's genug!
Nur noch ein letzter Händedruck.
Die Locke, die ihn sehr belästigt,
Wird seitlich hinter'm Ohr befestigt;
Dann ist er völlig kampfbereit.
Der Dirigent ist auch so weit.

Der Taktstock klopft, und kraftvoll schön
Hört man das Tutti vor sich gehen.
Doch ist jetzt keine Zeit zu ruh'n,
Es gibt noch allerlei zu tun:
Erst sieht er sich sein Cello an,
Ob wirklich auch vier Saiten dran,
Dann sieht man, wie er stark erregt
Wild mit dem Bogen um sich schlägt,
Dem er – weshalb, er wird schon wissen –
Zuvor drei Haare ausgerissen.
Es wird die Brille, die von Horn,
Befestigt aus der Nase vorn,
Nicht, weil sie ihn bedeutend ziert,
Vielmehr, weil sie Geist markiert.

Dann kommt auch schon sein Einsatz dran,
Und er soll zeigen, was er kann.
Das zeigt er auch, der Herr Cellist,
Dieweil das Tempo ruhig ist,
Und singt mit viel Gefühl sich aus.
Doch bald ist's mit dem Frieden aus:
Das Thema, das er spielt eben,
Ist dem Orchester jetzt gegeben,
Indes es der Cellist mit vielen
Figuren soll graziös umspielen.
Das ist viel schwerer als gedacht,
Doch wird's ihm ziemlich leicht gemacht,
Weil das Orchester sich verhält,
Als ob er gar nicht auf der Welt.

Wehrlos ist er – einer gegen viele!
Zwar zweifelt niemand, daß er spiele,
Doch hört man nichts! Allein man sieht
Ja, wie er heftig sich bemüht.
Den Bogen sieht mit viel Vergnügen
Man sich auf allen Saiten wiegen.
Dies Schaukeln, Stolpern, wie bekannt,
Wird meist Arpeggio zubenannt.
Die Finger an der linken Hand
Sind äußerst länglich ausgespannt
Und krabbeln links und krabbeln quer
Das ganze Griffbrett hin und her:

Jetzt setzt er seinen Daumen auf,
Steil in die Höhe glitscht ein Lauf,
Und dieser Lauf ist auch zu hören,
Da kann selbst kein Orchester stören!
Der Hörer merkt freilich merkt gar peinlich,
Dass manches nicht ganz völlig reinlich.
Doch daraus sieht zum Glück
Er auch, wie schwierig dieses Stück.

Bums!! Knallt ein heftiger Akkord,
Und das Orchester schweigt sofort.
Drauf stürzt sich der Solist allein
Beherzt in die Kadenz hinein
Und spielt, was irgend er von alten
Etüden hat im Kopf behalten.
Wenn schließlich er nicht weiter kann,
Fängt heftig er zu trillern an,
Worauf der Dirigent erwacht
Und schnell dem Satz ein Ende macht.
Laut tost der Beifall durch das Haus,
Dieweil man merkt, das Stück sei aus,
Und mancher fühlt sich gar verletzt,
Als er erneut sich niedersetzt.

Der zweite Satz wird, wie bekannt,
Zumeist "adagio" genannt.
Er fließt in ruhiger Bewegung
Und bringt uns niemals in Erregung.
Es wird auf weichem Hörnerlaut
Ein sanfter Holzsatz aufgebaut.

Der Held, er hat, statt still zu sitzen,
Das Cello, welches kam ins Schwitzen,
Schnell abgetrocknet, treu besorgt
Mit einem Schnupftuch, das geborgt.

Der Zärtlichkeit erblüht der Lohn:
Man hört es deutlich an dem Ton,
Als jetzt das Cello sanft beschwingt,
Die süße Kantilene singt.
Und zwar im göttlichen Tenor.
Doch plötzlich geht ein Wechsel vor.

Ha! Seht, jetzt klettert er gewandt
Bis hoch hinauf in den Diskant.
Man fragt sich tief besorgt dabei,
Ob er auch völlig schwindelfrei.
Nach richtigen Tönen geht sein Streben,
Die falschen liegen dicht daneben.
Allein das stört uns gar nicht sehr,
Wenn er nur wieder unten wär.

Indes spielt er weiter heftig:
Das Handgelenk, es wackelt kräftig,
Und so ist's schließlich denn passiert,
Daß er das Gleichgewicht verliert,
Und sich bemüht mit innerem Jammern
sich an dem Griffbrett festzuklammern.

Allein umsonst! Es ist zu spät!
Entsetzt fühlt er, wie's abwärts geht
Doch landet er nach Angst und Plage
Noch glücklich in der dritten Lage.
Man muß, um solchen Satz zu schließen,
Auch noch ein Flageolett genießen.
Weshalb der Künstler sich tief neigt,
So daß er uns den Rücken zeigt,
Damit er dicht unten am Stege
Den Finger an die Saite lege.

Da, seht! Welch Wunder ist geschehn!
Es klingen gleich der Töne zehn,
Was ganz gewisslich gar nicht leicht,
Obwohl der Mann nur einmal streicht.

An das Adagio schließt sodann
Sich pausenlos das Rondo an,
Allegro im 6/8-Takt,
Ein leiser Rhythmus, der uns packt,
Abwechselnd in den Pauken klopft.
Wozu von Hörnern, die gestopft,
Ein Jagdmotiv erklingt marcato.
Der Herr Solist zupft pizzicato.

Dann nimmt auch er das Thema auf.
Allmählich kommt er sehr in Lauf
Bei seinen Sechzentelpassagen
In mittleren und hohen Lagen.
Kein Ruhepunkt lockt zum Verweilen,
Drum immer schneller wird sein Eilen.
Und das Orchester auf sein Zeichen,
Der Dirigent tut desgleichen,

Wie ein Verbrecher eilends flüchtet,
damit man ihn nicht faßt und richtet
Und hinstürmt durch die Straßen Länge,
Dicht hinter sich die Wut der Menge,
So der Cellist, er eilt voran,
Kaum, daß man ihm noch folgen kann.

Man hört den Dirigenten schnaufen,
Der strebt, dem Rang ihm abzulaufen.
Doch unser Held, er triumphiert,
Er hat drei Monate trainiert.
Der Komponist, leicht zu verstehen,
Hat diesen Fall vorausgesehn,
So daß, wer früher ist am Ziele,
Aufhört zunächst mit seinem Spiele,
Bis daß der andere vielleicht
Die Stelle später noch erreicht.
Worauf man mit vereinter Kraft
Den Weg zum Schlußakkorde schafft.

Man hat, nachdem das Stück geschlossen,
Nicht nur Musik, auch Sport genossen,
Die Hörer sind befriedigt heftig,
Drum ist der Beifall doppelt kräftig.
Der Sieger strahlend sich verneigt,
Wobei er auf den Andern zeigt,
Der gänzlich kraftlos und gebrochen,
Sich hinter seinem Pult verkrochen.

Doch der Cellist verläßt ihn nicht,
Er zieht ihn in das Tageslicht.
Man sieht zu der Versöhnung Zeichen
Die Gegner sich die Hände reichen.
Gerührt bemerkts das Publikum,
Und bringt vor Beifall sich fast um,
Weil dieser Göttliche Cellist
Gleich groß als Mensch und Künstler ist.

Unbekannt: Ans Clavier. [II]

Mit stillem Kummer in der Brust,
Schleich' ich mich jetzt zu dir.
Verleih mir unschuldsvolle Lust,
Du zärtliches Clavier!

In deine Saiten sing' ichs oft,
Verfolgt die Bosheit mich.
Die Thräne fließt – und unverhofft
Genieß' ich Ruh durch dich!

Du lispelst meine Klagen nach,
Voll Sympathie – und auch
Verräthst du niemals, was ich sprach,
Nach falscher Freunde Brauch.

Bald sing' ich zu dem Silberklang
Von deinem Saitenspiel
Dem Herrn der Erde Lobgesang,
Und warmes Dankgefühl.

Bald sing' ich keusche Liebe drein,
Die mir im Busen glüht,
Und so wie deine Saiten rein –
Vor Gottes Augen blüht.

So laut mein Herz der Tugend schlägt,
So laut sey mein Gesang!
So lang mein Busen Unschuld hegt,
Verleih mir Himmelsklang!

Das ungewisse Glück der Welt
Erhöhst du immer mir.
Und wenn mir's Neid und Haß vergällt,
So find ich Trost bey dir! –

Dank sey dem Mann, der hohe Lust
Einst durchs Clavier erfand!
Ihm danke jede sanfte Brust,
Die Freude durch ihn fand!

zitiert nach: J.N. Forkel, Musikalisch-kritische Bibliothek. Gotha 1778-1779, Bd. 2, S. 394 f.

Franz Werfel: Konzert einer Klavierlehrerin

Die dicke Dame mit den Sommersprossen,
Die tief sich in die Dekolletage wagen
– Ich wünsche Bluse ihr und steifen Kragen -,
Sitzt schon am Flügel, fett und hingegossen.

Die Noten ziehn gleich Pompefunèbre-Rossen.
Chopin, der Trauermarsch ... und so getragen ...
Ich fühle nur ein leeres Mißbehagen,
Von dieses Weibes Übermaß verdrossen.

Die Schülerinnen sitzen in der Runde
Und tun entzückt und hassen sie im stillen.
Zehn Rosenkörbe glühn wie milde Fackeln

Aufleuchtend lieblich aus dem Hintergrunde,
Und schauen aus geängstigten Pupillen
Auf ihre Brüste, die im Takte wackeln.

http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Werfel

Christian Felix Weisse: Das Clavier

Süß ertönendes Clavier,
Welche Freuden schaffst du mir!
In der Einsamkeit gebricht
Mir es an Ergötzen nicht;
Du bist, was ich selber will,
Bald Erweckung und bald Spiel.

Scherz ich, so ertönet mir
Ein scherzhaftes Lied von dir;
Will ich aber traurig sein,
Klagend stimmst du mit mir ein;
Heb ich fromme Lieder an,
Wie erhaben klingst du dann!

Niemals öffne meine Brust
Sich der Lockung falscher Lust!
Meine Freuden müssen rein,
So wie deine Saiten sein,
Und mein ganzes Leben nie
Ohne süße Harmonie.

http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Felix_Wei%C3%9Fe

Friedrich Wilhelm Zachariae: Das Klavier

Du Echo meiner Klagen,
Mein treues Saitenspiel,
Nun kömmt nach trüben Tagen
Die Nacht, der Sorgen Ziel.
Gehorcht mir, sanfte Saiten,
Und helft mein Lied bestreiten -
Doch nein, laß mir mein Leid
Und meine Zärtlichkeit.

Wenn ich untröstbar scheine,
Lieb ich doch meinen Schmerz;
Und wenn ich einsam weine,
Weint doch ein liebend' Herz.
Die Zeit nur ist verloren,
Die ich mit goldnen Toren
Bei Spiel und Wein und Pracht
So fühllos durchgelacht.

Ihr holden Saiten, klinget
In sanfter Harmonie!
Flieht, was die Oper singet,
Und folgt der Phantasie.
Seid sanft, wie meine Liebe,
Besinget ihre Triebe
Und zeigt durch eure Macht,
Daß sie euch siegend macht.

http://de.wikipedia.org/wiki/Justus_Friedrich_Wilhelm_Zachariae