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muziek in poëzie duits 4

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                          BEI  MUSIK

 

Wer bist du, dessen Odem auf den Wogen

    Der Töne mir entgegenquillt?

Entzückungen, die nicht von dieser Erde,

Wehn leise mich aus ihnen an; ich werde

Hinunter an das bleiche Meer gezogen,

    Das zwischen hier und drüben schwillt.

 

Mich führt ein Weib, verhüllt mit weißem Schleier,

    In ihren Kahn; von dannen trägt

Der Windeshauch uns auf dem Wellenspiele,

Das sich melodisch bricht am Kiele

Und tönend bei den Klängen ihrer Leier

    Stets weitre, weitre Kreise schlägt.

 

Ein Lispeln hallt um mich von Geisterstimmen,

    Und Laute, die ich nie gekannt,

Und Murmeln hör' ich ungesehner Quellen;

Dann legt sich große Stille auf die Wellen,

Drauf weiße, wunderbare Blüten schwimmen,

    Wie Boten von dem Jenseitsstrand.

 

In eine Schale, während süßes Beben

    Vom Haupt zum Fuße mich durchschleicht,

Schöpft von den blassen Wellen die Verhüllte Und bietet mir zum Trank die randgefüllte;

Mir stockt der Atemzug; ist's Tod, ist's Leben,

    Was sie mir in dem Kelche reicht?

 

 

Adolf  Friedrich von Schack (1815-1894)

Uit : Lotosblätter

 

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            Schleich, Gesang, mit leisen Tritten,

            Schleich an der Geliebten Pfühl!

            Dir vertrau' ich, keinem dritten,

            All mein innerstes Gefühl.

 

            Meine Lieder all, auf denen

            Frisch noch liegt des Herzens Tau,

            Blinkend von der Liebe Thränen,

            Bringe hin der teuren Frau!

 

            Trag zu ihr, was mir an Früchten

            In der Seele je gedieh;

            Goldnen Aepfeln gleich, am lichten

            Weihnachtsbaum umleucht' es sie!

 

            Auf der Lautentöne Wellen,

            Die sich suchen, die sich fliehn,

            Glitzernd laß dahin den hellen

            Schein durch ihre Träume ziehn,

 

            Bis dem Schimmer und dem Klange

            Ihre Seele Antwort giebt

            Und ein Rot auf ihrer Wange

            Mir verrät, daß sie mich liebt.

 

 

Adolf  Friedrich von Schack (1815-1894)

Uit : Lotosblätter 

 

 

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                     INDIANERLIED

 

                    Murx den Europäer!

                        Murx ihn!

                    Murx ihn! Murx ihn!

                        Murx ihn ab!

 

Paul Scheerbart (1863-1815)

Uit : Katerpoesie

 

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_Scheerbart

 

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                          TONKUNST

 

Leben atme die bildende Kunst, Geist fodr' ich vom Dichter,

    Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus.

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Gedichte (1789-1805)

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Schiller

 

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                LAURA  AM   KLAVIER

 

    Wenn dein Finger durch die Saiten meistert –

    Laura, itzt zur Statue entgeistert,

        Itzt entkörpert steh ich da.

    Du gebietest über Tod und Leben,

    Mächtig wie von tausend Nervgeweben

        Seelen fordert Philadelphia; –

 

    Ehrerbietig leiser rauschen

    Dann die Lüfte, dir zu lauschen;

        Hingeschmiedet zum Gesang,

        Stehn im ewgen Wirbelgang,

    Einzuziehn die Wonnefülle,

    Lauschende Naturen stille,

        Zauberin! mit Tönen, wie

        Mich mit Blicken, zwingst du sie.

 

    Seelenvolle Harmonien wimmeln,

        Ein wollüstig Ungestüm,

    Aus den Saiten, wie aus ihren Himmeln

        Neugeborne Seraphim;

    Wie, des Chaos Riesenarm entronnen,

    Aufgejagt vom Schöpfungssturm die Sonnen

        Funkend fuhren aus der Finsternus,

        Strömt der goldne Saitenguß.

 

     Lieblich itzt wie über bunten Kieseln

    Silberhelle Fluten rieseln, –

        Majestätisch prächtig nun

        Wie des Donners Orgelton,

    Stürmend von hinnen itzt, wie sich von Felsen

    Rauschende, schäumende Gießbäche wälzen,

        Holdes Gesäusel bald,

            Schmeichlerisch linde,

        Wie durch den Espenwald

            Buhlende Winde,

    Schwerer nun und melancholisch düster,

    Wie durch toter Wüsten Schauernachtgeflüster,

        Wo verlornes Heulen schweift,

        Tränenwellen der Cocytus schleift.

 

    Mädchen, sprich! Ich frage, gib mir Kunde:

    Stehst mit höhern Geistern du im Bunde?

        Ists die Sprache, lüg mir nicht,

        Die man in Elysen spricht?

 

    Von dem Auge weg der Schleier!

        Starre Riegel von dem Ohr!

    Mädchen! Ha! schon atm ich freier,

    Läutert mich ätherisch Feuer?

        Tragen Wirbel mich empor? – –

     Neuer Geister Sonnensitze

    Winken durch zerrißner Himmel Ritze –

        Überm Grabe Morgenrot!

    Weg, ihr Spötter, mit Insektenwitze!

        Weg! Es ist ein Gott – – – –

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Gedichte (1776-1788)

 

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     DAS  LIED  VON  DER  GLOCKE

 

                                                             Vivos voco

                                                             Mortuos plango

                                                             Fulgura frango

 

Fest gemauert in der Erden

Steht die Form, aus Lehm gebrannt.

Heute muß die Glocke werden,

Frisch, Gesellen, seid zur Hand.

    Von der Stirne heiß

    Rinnen muß der Schweiß,

Soll das Werk den Meister loben,

Doch der Segen kommt von oben.

 

Zum Werke, das wir ernst bereiten,

Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;

Wenn gute Reden sie begleiten,

Dann fließt die Arbeit munter fort.

So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,

Was durch die schwache Kraft entspringt,

Den schlechten Mann muß man verachten,

Der nie bedacht, was er vollbringt.

Das ists ja, was den Menschen zieret,

Und dazu ward ihm der Verstand,

Daß er im innern Herzen spüret,

Was er erschafft mit seiner Hand.

 

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,

Doch recht trocken laßt es sein,

Daß die eingepreßte Flamme

Schlage zu dem Schwalch hinein.

    Kocht des Kupfers Brei,

    Schnell das Zinn herbei,

Daß die zähe Glockenspeise

Fließe nach der rechten Weise.

 

Was in des Dammes tiefer Grube

Die Hand mit Feuers Hülfe baut,

Hoch auf des Turmes Glockenstube

Da wird es von uns zeugen laut.

Noch dauern wirds in späten Tagen

Und rühren vieler Menschen Ohr

Und wird mit dem Betrübten klagen

Und stimmen zu der Andacht Chor.

Was unten tief dem Erdensohne

Das wechselnde Verhängnis bringt,

Das schlägt an die metallne Krone,

Die es erbaulich weiterklingt.

 

Weiße Blasen seh ich springen,

Wohl! die Massen sind im Fluß.

Laßts mit Aschensalz durchdringen,

Das befördert schnell den Guß.

Auch von Schaume rein

    Muß die Mischung sein,

Daß vom reinlichen Metalle

Rein und voll die Stimme schalle.

 

Denn mit der Freude Feierklange

Begrüßt sie das geliebte Kind

Auf seines Lebens erstem Gange,

Den es in Schlafes Arm beginnt;

Ihm ruhen noch im Zeitenschoße

Die schwarzen und die heitern Lose,

Der Mutterliebe zarte Sorgen

Bewachen seinen goldnen Morgen. –

Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.

Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,

Er stürmt ins Leben wild hinaus,

Durchmißt die Welt am Wanderstabe.

Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus,

Und herrlich, in der Jugend Prangen,

Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,

Mit züchtigen, verschämten Wangen

Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.

Da faßt ein namenloses Sehnen

Des Jünglings Herz, er irrt allein,

Aus seinen Augen brechen Tränen,

Er flieht der Brüder wilden Reihn.

Errötend folgt er ihren Spuren

 

 

Und ist von ihrem Gruß beglückt,

Das Schönste sucht er auf den Fluren,

Womit er seine Liebe schmückt.

O! zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,

Der ersten Liebe goldne Zeit,

Das Auge sieht den Himmel offen,

Es schwelgt das Herz in Seligkeit.

O! daß sie ewig grünen bliebe,

Die schöne Zeit der jungen Liebe!

 

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!

Dieses Stäbchen tauch ich ein,

Sehn wirs überglast erscheinen,

Wirds zum Gusse zeitig sein.

    Jetzt, Gesellen, frisch!

    Prüft mir das Gemisch,

Ob das Spröde mit dem Weichen

Sich vereint zum guten Zeichen.

 

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,

Wo Starkes sich und Mildes paarten,

Da gibt es einen guten Klang.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet!

Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.

Lieblich in der Bräute Locken

Spielt der jungfräuliche Kranz,

Wenn die hellen Kirchenglocken

Laden zu des Festes Glanz.

Ach! des Lebens schönste Feier

Endigt auch den Lebensmai,

Mit dem Gürtel, mit dem Schleier

Reißt der schöne Wahn entzwei.

Die Leidenschaft flieht!

Die Liebe muß bleiben,

Die Blume verblüht,

Die Frucht muß treiben.

Der Mann muß hinaus

Ins feindliche Leben,

Muß wirken und streben

Und pflanzen und schaffen,

Erlisten, erraffen,

Muß wetten und wagen,

Das Glück zu erjagen.

Da strömet herbei die unendliche Gabe,

Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,

Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.

Und drinnen waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im häuslichen Kreise,

Und lehret die Mädchen

Und wehret den Knaben,

Und reget ohn Ende

Die fleißigen Hände,

Und mehrt den Gewinn

Mit ordnendem Sinn.

Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,

Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,

Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein

Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,

Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer,

Und ruhet nimmer.

 

Und der Vater mit frohem Blick

Von des Hauses weitschauendem Giebel

Überzählet sein blühend Glück,

Siehet der Pfosten ragende Bäume

Und der Scheunen gefüllte Räume

Und die Speicher, vom Segen gebogen,

Und des Kornes bewegte Wogen,

Rühmt sich mit stolzem Mund:

Fest, wie der Erde Grund,

Gegen des Unglücks Macht

Steht mir des Hauses Pracht!

Doch mit des Geschickes Mächten

Ist kein ewger Bund zu flechten,

Und das Unglück schreitet schnell.

 

Wohl! Nun kann der Guß beginnen,

Schön gezacket ist der Bruch.

Doch, bevor wirs lassen rinnen,

Betet einen frommen Spruch!

    Stoßt den Zapfen aus!

    Gott bewahr das Haus.

Rauchend in des Henkels Bogen

Schießts mit feuerbraunen Wogen.

 

Wohltätig ist des Feuers Macht,

Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,

Und was er bildet, was er schafft,

Das dankt er dieser Himmelskraft,

Doch furchtbar wird die Himmelskraft,

Wenn sie der Fessel sich entrafft,

Einhertritt auf der eignen Spur

Die freie Tochter der Natur.

Wehe, wenn sie losgelassen

Wachsend ohne Widerstand

Durch die volkbelebten Gassen

Wälzt den ungeheuren Brand!

Denn die Elemente hassen

Das Gebild der Menschenhand.

Aus der Wolke

Quillt der Segen,

Strömt der Regen,

Aus der Wolke, ohne Wahl,

Zuckt der Strahl!

Hört ihrs wimmern hoch vom Turm?

Das ist Sturm!

Rot wie Blut

Ist der Himmel,

Das ist nicht des Tages Glut!

Welch Getümmel

Straßen auf!

Dampf wallt auf!

Flackernd steigt die Feuersäule,

Durch der Straße lange Zeile

Wächst es fort mit Windeseile,

Kochend wie aus Ofens Rachen

Glühn die Lüfte, Balken krachen,

Pfosten stürzen, Fenster klirren,

Kinder jammern, Mütter irren,

Tiere wimmern

Unter Trümmern,

Alles rennet, rettet, flüchtet,

Taghell ist die Nacht gelichtet,

Durch der Hände lange Kette

Um die Wette

Fliegt der Eimer, hoch im Bogen

Sprützen Quellen, Wasserwogen.

Heulend kommt der Sturm geflogen,

Der die Flamme brausend sucht.

Prasselnd in die dürre Frucht

Fällt sie, in des Speichers Räume,

In der Sparren dürre Bäume,

Und als wollte sie im Wehen

Mit sich fort der Erde Wucht

Reißen, in gewaltger Flucht,

Wächst sie in des Himmels Höhen

Rießengroß!

Hoffnungslos

Weicht der Mensch der Götterstärke,

Müßig sieht er seine Werke

Und bewundernd untergehen.

 

Leergebrannt

Ist die Stätte,

Wilder Stürme rauhes Bette,

In den öden Fensterhöhlen

Wohnt das Grauen,

Und des Himmels Wolken schauen

Hoch hinein.

 

Einen Blick

Nach dem Grabe

Seiner Habe

Sendet noch der Mensch zurück –

Greift fröhlich dann zum Wanderstabe,

Was Feuers Wut ihm auch geraubt,

Ein süßer Trost ist ihm geblieben,

Er zählt die Häupter seiner Lieben,

Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.

 

In die Erd ists aufgenommen,

Glücklich ist die Form gefüllt,

Wirds auch schön zutage kommen,

Daß es Fleiß und Kunst vergilt?

    Wenn der Guß mißlang?

    Wenn die Form zersprang?

Ach! vielleicht, indem wir hoffen,

Hat uns Unheil schon getroffen.

 

Dem dunkeln Schoß der heilgen Erde

Vertrauen wir der Hände Tat,

Vertraut der Sämann seine Saat

Und hofft, daß sie entkeimen werde

Zum Segen, nach des Himmels Rat.

Noch köstlicheren Samen bergen

Wir traurend in der Erde Schoß

Und hoffen, daß er aus den Särgen

Erblühen soll zu schönerm Los.

 

Von dem Dome,

Schwer und bang,

Tönt die Glocke

Grabgesang.

Ernst begleiten ihre Trauerschläge

Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

 

 

Ach! die Gattin ists, die teure,

Ach! es ist die treue Mutter,

Die der schwarze Fürst der Schatten

Wegführt aus dem Arm des Gatten,

Aus der zarten Kinder Schar,

Die sie blühend ihm gebar,

Die sie an der treuen Brust

Wachsen sah mit Mutterlust –

Ach! des Hauses zarte Bande

Sind gelöst auf immerdar,

Denn sie wohnt im Schattenlande,

Die des Hauses Mutter war,

Denn es fehlt ihr treues Walten,

Ihre Sorge wacht nicht mehr,

An verwaister Stätte schalten

Wird die Fremde, liebeleer.

 

Bis die Glocke sich verkühlet,

Laßt die strenge Arbeit ruhn,

Wie im Laub der Vogel spielet,

Mag sich jeder gütlich tun.

    Winkt der Sterne Licht,

    Ledig aller Pflicht

Hört der Pursch die Vesper schlagen,

Meister muß sich immer plagen.

 Munter fördert seine Schritte

Fern im wilden Forst der Wandrer

Nach der lieben Heimathütte.

Blökend ziehen

Heim die Schafe,

Und der Rinder

Breitgestirnte, glatte Scharen

Kommen brüllend,

Die gewohnten Ställe füllend.

Schwer herein

Schwankt der Wagen,

Kornbeladen,

Bunt von Farben

Auf den Garben

Liegt der Kranz,

Und das junge Volk der Schnitter

Fliegt zum Tanz.

Markt und Straße werden stiller,

Um des Lichts gesellge Flamme

Sammeln sich die Hausbewohner,

Und das Stadttor schließt sich knarrend.

Schwarz bedecket

Sich die Erde,

Doch den sichern Bürger schrecket

Nicht die Nacht,

Die den Bösen gräßlich wecket,

Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche

Himmelstochter, die das Gleiche

Frei und leicht und freudig bindet,

Die der Städte Bau gegründet,

Die herein von den Gefilden

Rief den ungesellgen Wilden,

Eintrat in der Menschen Hütten,

Sie gewöhnt zu sanften Sitten

Und das teuerste der Bande

Wob, den Trieb zum Vaterlande!

 

Tausend fleißge Hände regen,

Helfen sich in munterm Bund,

Und in feurigem Bewegen

Werden alle Kräfte kund.

Meister rührt sich und Geselle

In der Freiheit heilgem Schutz.

Jeder freut sich seiner Stelle,

Bietet dem Verächter Trutz.

Arbeit ist des Bürgers Zierde,

Segen ist der Mühe Preis,

Ehrt den König seine Würde,

Ehret uns der Hände Fleiß.

 

Holder Friede,

Süße Eintracht,

Weilet, weilet

Freundlich über dieser Stadt!

Möge nie der Tag erscheinen,

Wo des rauhen Krieges Horden

Dieses stille Tal durchtoben,

Wo der Himmel,

Den des Abends sanfte Röte

Lieblich malt,

Von der Dörfer, von der Städte

Wildem Brande schrecklich strahlt!

 

Nun zerbrecht mir das Gebäude,

Seine Absicht hats erfüllt,

Daß sich Herz und Auge weide

An dem wohlgelungnen Bild.

    Schwingt den Hammer, schwingt,

    Bis der Mantel springt,

Wenn die Glock soll auferstehen,

Muß die Form in Stücken gehen.

 

Der Meister kann die Form zerbrechen

Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,

Doch wehe, wenn in Flammenbächen

Das glühnde Erz sich selbst befreit!

Blindwütend mit des Donners Krachen

Zersprengt es das geborstne Haus,

Und wie aus offnem Höllenrachen

 

Speit es Verderben zündend aus;

Wo rohe Kräfte sinnlos walten,

Da kann sich kein Gebild gestalten,

Wenn sich die Völker selbst befrein,

Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

 

Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte

Der Feuerzunder still gehäuft,

Das Volk, zerreißend seine Kette,

Zur Eigenhilfe schrecklich greift!

Da zerret an der Glocke Strängen

Der Aufruhr, daß sie heulend schallt

Und, nur geweiht zu Friedensklängen,

Die Losung anstimmt zur Gewalt.

 

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,

Der ruhge Bürger greift zur Wehr,

Die Straßen füllen sich, die Hallen,

Und Würgerbanden ziehn umher,

Da werden Weiber zu Hyänen

Und treiben mit Entsetzen Scherz,

Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,

Zerreißen sie des Feindes Herz.

Nichts Heiliges ist mehr, es lösen

Sich alle Bande frommer Scheu,

Der Gute räumt den Platz dem Bösen,

Und alle Laster walten frei.

Gefährlich ists, den Leu zu wecken,

Verderblich ist des Tigers Zahn,

Jedoch der schrecklichste der Schrecken,

Das ist der Mensch in seinem Wahn.

Weh denen, die dem Ewigblinden

Des Lichtes Himmelsfackel leihn!

Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden

Und äschert Städt und Länder ein.

 

Freude hat mir Gott gegeben!

Sehet! wie ein goldner Stern

Aus der Hülse, blank und eben,

Schält sich der metallne Kern.

    Von dem Helm zum Kranz

    Spielts wie Sonnenglanz,

Auch des Wappens nette Schilder

Loben den erfahrnen Bilder.

 

Herein! herein!

Gesellen alle, schließt den Reihen,

Daß wir die Glocke taufend weihen,

Concordia soll ihr Name sein,

Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine

Versammle sie die liebende Gemeine.

 

Und dies sei fortan ihr Beruf,

Wozu der Meister sie erschuf!

Hoch überm niedern Erdenleben

Soll sie in blauem Himmelszelt

Die Nachbarin des Donners schweben

Und grenzen an die Sternenwelt,

Soll eine Stimme sein von oben,

Wie der Gestirne helle Schar,

Die ihren Schöpfer wandelnd loben

Und führen das bekränzte Jahr.

Nur ewigen und ernsten Dingen

Sei ihr metallner Mund geweiht,

Und stündlich mit den schnellen Schwingen

Berühr im Fluge sie die Zeit,

Dem Schicksal leihe sie die Zunge,

Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,

Begleite sie mit ihrem Schwunge

Des Lebens wechselvolles Spiel.

Und wie der Klang im Ohr vergehet,

Der mächtig tönend ihr entschallt,

So lehre sie, daß nichts bestehet,

Das alles Irdische verhallt.

 

Jetzo mit der Kraft des Stranges

Wiegt die Glock mir aus der Gruft,

Daß sie in das Reich des Klanges

Steige, in die Himmelsluft.

    Ziehet, ziehet, hebt!

    Sie bewegt sich, schwebt,

Freude dieser Stadt bedeute,

Friede sei ihr erst Geläute.

 

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Gedichte (1798-1805)

 

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 DIE  MACHT  DES  GESANGES

 

            Ein Regenstrom aus Felsenrissen,

            Er kommt mit Donners Ungestüm,

            Bergtrümmer folgen seinen Güssen,

            Und Eichen stürzen unter ihm;

            Erstaunt, mit wollustvollem Grausen,

            Hört ihn der Wanderer und lauscht,

            Er hört die Flut vom Felsen brausen,

            Doch weiß er nicht, woher sie rauscht:

            So strömen des Gesanges Wellen

            Hervor aus nie entdeckten Quellen.

 

            Verbündet mit den furchtbarn Wesen,

            Die still des Lebens Faden drehn,

            Wer kann des Sängers Zauber lösen,

            Wer seinen Tönen widerstehn?

            Wie mit dem Stab des Götterboten

            Beherrscht er das bewegte Herz,

            Er taucht es in das Reich der Toten,

            Er hebt es staunend himmelwärts

            Und wiegt es zwischen Ernst und Spiele

            Auf schwanker Leiter der Gefühle.

 

            Wie wenn auf einmal in die Kreise

            Der Freude, mit Gigantenschritt,

            Geheimnisvoll nach Geisterweise

            Ein ungeheures Schicksal tritt.

            Da beugt sich jede Erdengröße

            Dem Fremdling aus der andern Welt,

            Des Jubels nichtiges Getöse

            Verstummt, und jede Larve fällt,

            Und vor der Wahrheit mächtgem Siege

            Verschwindet jedes Werk der Lüge.

 

            So rafft von jeder eiteln Bürde,

            Wenn des Gesanges Ruf erschallt,

            Der Mensch sich auf zur Geisterwürde

            Und tritt in heilige Gewalt;

            Den hohen Göttern ist er eigen,

            Ihm darf nichts Irdisches sich nahn,

            Und jede andre Macht muß schweigen,

            Und kein Verhängnis fällt ihn an,

            Es schwinden jedes Kummers Falten,

            Solang des Liedes Zauber walten.

 

            Und wie nach hoffnungslosem Sehnen,

            Nach langer Trennung bitterm Schmerz,

            Ein Kind mit heißen Reuetränen

            Sich stürzt an seiner Mutter Herz,

            So führt zu seiner Jugend Hütten,

            Zu seiner Unschuld reinem Glück,

            Vom fernen Ausland fremder Sitten

            Den Flüchtling der Gesang zurück,

            In der Natur getreuen Armen

            Von kalten Regeln zu erwarmen.

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Gedichte (1789-1805)

 

 

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                               GEWISSE  MELODIEN 

 

Dies ist Musik fürs Denken! Solang man sie hört, bleibt man eiskalt,

    Vier, fünf Stunden darauf macht sie erst rechten Effekt.

 

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Xenien  und Votivtafeln

 

 

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                           DER  VIRTUOSE

 

Eine hohe Noblesse bedien ich heut mit der Flöte,

    Die, wie ganz Wien mir bezeugt, völlig wie Geige sich hört.

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Xenien  und Votivtafeln

 

 

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                DAS  PUBLIKUM IM  GEDRÄNGE

 

Wohin wenden wir uns? Sind wir natürlich, so sind wir

    Platt, und genieren wir uns, nennt man es abgeschmackt gar.

 

 

Friedrich Schiller ( 1759-1805)

Uit : Xenien  und Votivtafeln

 

 

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               TRAUTE  NACHTMUSIK

 

                Linde lös't der Harfe Klimpern

            Die gesunknen Augenwimpern.

 

                Mit dem Liebchen in die Wette

            Hatt' ich alle Lust errungen,

            Und vom trauten Arm umschlungen

            Ruht' ich aus an weicher Stätte.

            Da entwich sie schlau dem Bette,

            Wollte mir die müden Wimpern

            Lösen mit der Harfe Klimpern.

 

                Halb schon ist die Nacht entronnen,

            Und sie will mich, ach! verjagen,

            Denn verräth'risch möcht' es tagen.

            Süße Töne, schlimm ersonnen!

            Weckt mich auf zu neuen Wonnen,

            Oder thaut mit leisem Klimpern

            Liebesträum' auf meine Wimpern.

 

                Wie sie deine Knie' umschloßen,

            Zarte Finger sie durchirren,

            Muß die Harfe Sehnsucht girren.

            Mildre denn, was du beschloßen!

            Manche Huld blieb ungenoßen,

             Schmachtend heben sich die Wimpern:

            Kose wieder! laß dein Klimpern!

 

 

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Uit : Lieder und Romanzen

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/August_Wilhelm_von_Schlegel

 

 

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                  GESANG  UND  KUSS

 

Wenn fremde Blicke wachsam uns umgeben,

    Und unsre tiefe Sehnsucht, ungestillt,

    Sich in der Heiterkeit Geberde hüllt,

    Und leise kaum den Busen wagt zu heben:

 

Dann ist nur eins, o mein geliebtes Leben!

    Was mein Gemüth mit Wonn' und Ahndung füllt:

    Die Melodie, so deinem Mund' entquillt,

    Der seelenvollen Töne sanftes Schweben.

 

Wie Liebesodem fühl' ich den Gesang

    Auf diesen Lippen, die vergebens glühen;

    Zum Kuße wird mir jeder zarte Klang.

 

Und nenne dieß nicht eitle Phantasieen.

    Vernehm' ich nicht im schweigenden Umfang

    Auch deines Herzens schöne Harmonieen?

 

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Uit :  Sonette

 

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          DAS  LIED  VON DER  GLOCKE

[naar aanleiding van Schillers gelijknamige gedicht]

 

1. A propos de cloches

 

        Wenn jemand schwatzt die Kreuz und Quer

    Was ihm in Sinn kommt ungefähr,

    Sagt man in Frankreich wohl zum Spotte:

    »Il bavarde à propos de bottes.«

    Bei uns wird wohl das Sprichwort sein:

    »Dem fällt bei Glocken Vieles ein«.

    Der Dichter weiß in's Glockengießen

    Das Looß der Menschheit einzuschließen:

    Er bricht die schönen Reden, traun!

    Vom Glockenthurm, und nicht vom Zaun.

 

 

                          2. Kritik eines Küsters

 

   »Mein ich bitt, daß wir vnsere Glocken sampt jhren Klipffeln haben

   möchten. – – Date nobis glockas nostras, nostra Tiatina, Tiatina.«

Fischart in seiner Geschichtklitterung nach Rabelais.

 

    Wir Küster, würd'ger Herr, sind hoch erfreut,

Daß Sie so schön der Glocken Lob gesungen;

Es hat uns fast wie Festgeläut geklungen.

Nur haben Sie sich etwas weit zerstreut,

Und doch dabei den Hauptpunkt übergangen:

Die Klöpfel mein' ich, die darinnen hangen.

Denn ohne Zung' im Munde, – mit Respekt

Zu sagen, – müßte ja der Pfarrer selbst verstummen.

So, wenn kein Klöpfel in den Glocken steckt,

Wie sehr man auch am Seile zerrt und reckt,

Man bringt sie nicht zum Bimmeln oder Brummen.

 

 

           3. Der idealische Glockengießer

 

    Nicht Zinn und Kupfer, nach gemeiner Weise,

Nein, Wortgepräng' und Reim, mühsam in eins verschmelzt,

Bis sich die zähe Mass' in Strophen weiter wälzt:

Das ist im Glockenlied die edle Glockenspeise.

 

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Uit :  Epigramme und litterarische Scherze

 

 

***

 

DER ORGELSPIELER UND  DER BÄLGENTRETER

 

Wie wünsch' ich, daß mein Freund stets in der Hofgunst schwelge,

Der große Meister Tieck im Lesen-Orgelspiel.

Wenn er den Shakspeare liest, tret' ich dazu die Bälge:

Der Beifall gilt mir mit, wiewohl nicht eben viel.

 

 

August Wilhelm Schlegel (1767-1845)

Uit :  Epigramme und litterarische Scherze

 

 

*** 

 

 

                         

                            DER  SÄNGER

 

                Nimmer wird das Leid geendet,

                Dem die Lieder nur gefallen,

                Die von ferne leise hallen,

                Wo es gern sie hingesendet,

                Daß sie wieder zu ihm wallen.

 

                Will mich Gegenwart umfangen,

                Schöne Liebe gleich erhören,

                Liebe Schönheit sich betören,

                Muß ich Fernes doch verlangen,

                Und nur auf das Echo hören.

                So wird nie mein Sinn gewendet,

                Wenn er hört die Lieder schallen,

                Die von ferne leise hallen,

                Wo er gern sie hingesendet,

                Daß sie wieder zu ihm wallen.

 

Friedrich Schlegel (1772-1829)

Uit : Abendröte

*** 

 

           ABSCHIED  DES  STERBENDEN SÄNGERS

 

    In Liebe lebend streb' und bilde Werke,

    Verklär' im Farbenglanz geliebte Leiden,

 

    Und mal' in Liedern, die kein Licht beneiden,

    Des Feuers Schönheit, das dich ewig stärke.

 

    Nun wisse, daß ich mich verschwinden merke.

    Die Liebe will, ich soll vom Leben scheiden,

    Der Freude Heimat mußt' ich lange meiden,

    Berauschend raubt Musik die letzte Stärke.

 

    Mein einzig Leben war, den Tod verschönen.

    Der andern tiefgefühlte Not beweinen,

    War sterbend Lust dem trostberaubten Herzen.

 

    Und weint dein Geist bei den zerrißnen Tönen,

    So werd' ich selber dir alsbald erscheinen

    Mit leiser Stimme in den wilden Schmerzen.

 

Friedrich Schlegel (1772-1829)

Uit : Stimmen  der  Liebe

 

*** 

 

                   AN  DIE  MUSIK

 

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,

Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,

Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden,

Hast mich in eine beßre Welt entrückt!

 

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf' entflossen,

Ein süßer, heiliger Akkord von dir

Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,

Du holde Kunst, ich danke dir dafür!

 

Franz Adolf Friedrich von Schober (1796-1882)

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_von_Schober

 

DIE  MUSIK 

 

Sie saß auf hohem Felsengipfel,

Und tausend Stimmen wurden wach;

Sanft rauscht' es durch der Haine Wipfel,

Melodisch murmelte der Bach.

 

Sie stieg zum stillen Thal hernieder,

Entlockend sußer Weisen Schall,

Und rings erwachten  frohe Lieder,

Antwortete der Wiederhall.

 

Sie schwebt' auf dunkeln Meereswogen;

Von ihrer Töne Wunderklang

Fühlt' selbst die Fluth sich angezogen;

Die Ufer brausten von Gefang.

 

Sie kam hernieder von den Sternen,

Umleuchtet von der Sonne Strahl,

Und über ihr in weiten Fernen

Erklang der hohe Weltchoral.

 

Und um sie her in dichten Kreisen

Versammelt sich der Hörer Schaar;

Gerührt von ihren Zauberweisen

Bringt Alles frohe Opfer dar.

 

Der Aether naht mit Blumendüften,

Mit seinen Gaben naht das Meer;

Es bringt die Erd' aus tiefen Klüften

All' ihrer Schätze Wunder her.

 

Bescheiden stand der Mensch von ferne,

Er brachte nur das stille Herz;

Der holden Göttin weiht'er gerne,

Was sie bewegt mit süßem Schmerz.

 

Und freundlich blicht auf hin sie nieder,

Und zu dem Wohnsitz ew'ger Luft,

Zum hehren Tempel ihrer Lieder

Weiht sie des Menschen treue Brust.

 

Christian Schreiber (1781-1857)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Schreiber_(Philosoph)

 

***

 

 

DER   SÄNGER

 

Es stand der Sänger mit trüben Sinn

auf tief aufbrausenden Meer,

in die düstere Ferne da schauet er hin,

ihm war es im Busen so schwer,

und was ihn beweget mit innigem Drang,

er spricht es aus in der Saiten Gesang,

leis' horchen die Wogen umher.

 

Was treibst du mich ewiges Sehnen fort,

zu suchen die Quelle der Lust;

wo find ich den sichern, den ruhigen Ort,

geahnt von der glaubenden Brust,

was liebend das Herz mir gefangen hält,

es gehet nicht unter im Strome der Welt,

doch bin ich mir's nimmer bewußt.

 

So klagte der Sänger mit trüben Sinn

auf tief aufbrausenden Meer,

in die düstere Ferne da schauet er hin,

ihm war es im Busen so schwer;

und horch, in den Wellen da flüstert es sacht'

und er hört eine Stimme wie Wehen der Nacht,

leis horchen die Wogen umher.

 

Was klagst du o Sänger, was schauet dein Sinn

so trüb in die Ferne hinein?

Wer mit süßen Liedern ziehet dahin,

schwer kann ihm das Leben nicht sein,

Ihm blühet die Welt in der heiteren Brust,

ihm rauschet die Quelle der ewigen Lust

im eigenen Busen so rein.

 

Das hörte der Sänger mit frischem Mut,

es ergreift ihn mit stiller Gewalt;

schnell rauschen die Wogen, es hebt sich die Flut,

und die tröstende Stimme verhallt.

Nur in den Tiefen noch flüstert's und spricht;

der Mensch begreift das Unendliche nicht,

doch das Endliche ist die Gestalt!

 

Christian Schreiber (1781-1857)

 

***

 

          Dem blinden Flötenspieler

          Dülon auf die Reise

 

            Du guter Dülon klage nicht,

            Daß Nacht umflort dein Angesicht;

            Hast du nicht tiefes Herzgefühl?

            Nicht zauberisches Flötenspiel?

 

            Homer zog arm und blind herum;

            Und dennoch sang er Ilium

            Und des Odysseus Wanderschaft

            Mit voller Schöpfer-Geisteskraft.

 

            Blind saß der Zeltenbarde da,

            Und sah, was kaum ein Dichter sah.

            Den Stürmen gleich des Ozeans,

            Erscholl die Harfe Ossians.

 

            Milton sah blind die Engelschlacht,

            Das Chaos und die Höllennacht,

            Und malte, ohne Augenstrahl,

            Der Weiber schönes Ideal.

 

            Und Pfeffel, ohne Sonnenschein,

            Dringt in das Reich der Fabel ein;

            Und seine Geißel, kühn und stark,

            Trifft böse Fürsten bis aufs Mark.            

            Die lichtberaubte Paradieß

            Schwingt ihre Saiten so gewiß,

            Daß vor der Macht des Genius

            Der Hörer wonneschauern muß.

 

            Gar gut ist Gott, der uns gemacht:

            Deckt er den äußern Blick mit Nacht,

            So schärft er, zu der Seele Glück,

            Mit hellerm Strahl den innern Blick.

 

            Drum, guter Dülon, klage nicht,

            Daß Nacht umflort dein Angesicht.

            Gott gab dir tiefres Herzgefühl,

            Und Zauber in dein Flötenspiel.

 

            O Dülon, Dülon, freue dich,

            Einst öffnen deine Augen sich,

            Dann siehst du Gottes Herrlichkeit,

            Und flötest ihm aus Dankbarkeit.

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Christian_Friedrich_Daniel_Schubart

***

 

                   AN   MEIN   KLAVIER

 

 

         Auf die Nachricht von Minettens Tod.

 

        Klage, tiefgestimmte Saite,

            Aus dem weinenden Klavier!

        Keinen Silberton der Freude,

            Todeston entlock' ich dir!

        Ach, Minetten, die dich spielte,

            Die dir Geisterodem gab,

        Wenn sie Lieb' und Mitleid fühlte,

            Ach, Minetten deckt das Grab!

 

        Noch seh' ich die Holde stehen,

            Wie sie sanft auf mich geblickt,

        Wenn ich alle meine Wehen

            Mit den Saiten ausgedrückt.

        Sang ich: »Ach, ich bin gefangen!«

            O, wie fühlte sie mein Loos!

        Bleicher wurden ihre Wangen

            Und die Mitleidszähre floß.

 

        Wenn ich Jesum Christum nannte,

            Las ich es im hellern Blick,

        Wie ihr Herz vor Liebe brannte,

            Wie sie fühlte Christenglück!

        O dann schwammen Himmelstöne

             Uni mein Ohr: Die Blume fällt!

        Schau sie an in ihrer Schöne,

            Sie ist reif für jene Welt!

 

        O, verherrlichte Minette!

            Engel, warum stand ich nicht

        Auch vor deinem Sterbebette?

            Sah, wie Jesus Christus Licht

        Dir die Todeswange hellte!

            Wie ein Blick ins Paradies

        Dir die Lust der Welt vergällte

            Und dir deine Krone wies!

 

        Mutter, Bruder drüben, drüben,

            Dachtest du, in Christus Reich,

        Wo sich Fromme ewig lieben!

            Seh' ich euch, umarm' ich euch!

        So entlastet von den Bürden

            Dieser Zeit, gingst du zur Ruh'.

        Ach, wenn Engel sterben würden,

            Stürben sie so schön wie du.

 

        Fromme Mutter, weine milder;

            Bruder, klage nicht zu sehr!

        Himmlisch schweben ja die Bilder

            Ihrer Wonne um euch her.

        Seht, im Paradiese schreitet

 

             Sie mit ihrem Ahnherrn Veit,

        Himmlisch schön und schon gekleidet

            Ins Gewand der Herrlichkeit.

 

        Sanfter werde meine Klage

            Aus dem weinenden Klavier,

        Dank, und Lieb', und Wehmuth sage:

            Dies ist ein Geschenk von ihr!

        Ach, so lang ich noch die Saite

            Bebend rühre, tön' ihr Klang

        Bald, Minette, deine Freude,

            Bald der Freundschaft Klaggesang.

 

        Dort seh' ich dich wieder, dorten,

            Wo du Lebenswasser trinkst,

        Wenn du mir an goldnen Pforten

            Mit dem Rosenfinger winkst.

        »Frei bist du« – O Freundin, sage

            Dies zu meinem Geist einmal!

        Doch Minettens Todtenklage

            Schmilzt im feirlichen Choral.

 

        Heil dir, du Gottgewählte,

            Du junge Himmelsbraut!

        Des Lammes Neuvermählte,

            Ihm ewig nun vertraut!

        Laß deine Blicke fallen

             Herab auf unsre Noth.

        Minette, wünsch' uns allen

            Den schönen Christentod!

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

AN MEINEM KLAVIER

 

Sanftes Klavier,

Welche Entzückungen schaffest du mir,

Sanftes Klavier!

Wenn sich die Schönen

Tändelnd verwöhnen,

Weih' ich mich dir,

Liebes Klavier!

 

Bin ich allein,

Hauch' ich dir meine Empfindungen ein,

Himmlisch und rein.

Unschuld im Spiele,

Tugendgefühle,

Sprechen aus dir,

Trautes Klavier!

 

Sing' ich dazu,

Goldener Flügel, welch' himmlische Ruh'

Lispelst mir du!

Tränen der Freude

Netzen die Saite!

Silberner Klang

Trägt den Gesang.

 

Sanftes Klavier,

Welche Entzückungen schaffest du mir,

Goldnes Klavier!

Wenn mich im Leben

Sorgen umschweben,

Töne du mir,

Trautes Klavier!

 

Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

 

***

 

 

 

 

          SERAFINA  AN  IHR  KLAVIER

 

                            Sanftes Klavier!

        Welche Entzückungen schaffst du in mir,

                        Sanftes Klavier!

                        Wenn sich die Schönen

                        Tändelnd verwöhnen,

                            Weih' ich mich dir,

                            Liebes Klavier!

 

                            Bin ich allein,

        Hauch' ich dir meine Empfindungen ein,

                        Himmlisch und rein.

                        Unschuld im Spiele,

                        Tugendgefühle

                            Sprechen aus dir,

                            Trautes Klavier!

 

                            Melancholie

        Dunkelt die Seele der Spielerin nie,

                        Heiter ist sie!

                        Tanzende Docken,

                        Töne, wie Glocken,

                            Flößen ins Blut

                            Rosigen Muth.

 

 

 

                        Sing' ich dazu,

        Goldener Flügel, welch' himmlische Ruh'

                        Lispelst mir du!

                        Thränen der Freude

                        Netzen die Saite!

                            Silberner Klang

                            Trägt den Gesang.

 

                            Tugend, ach dir!

        Unschuld, dir weih' ich mein liebes Klavier;

                        Stimmet es mir,

                        Engel, ihr Hüter

                        Frommer Gemüther;

                            Jeder Ton sei,

                            Himmel, dir treu.                     

        Welche Entzückungen schaffst du in mir,

                        Goldnes Klavier!

                        Wenn mich im Leben

                        Sorgen umschweben,

                            Töne du mir,

                            Trautes Klavier!

 

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte      

 

*** 

 

                     

                       AN  DIE  TONKUNST

 

    Göttin der Tonkunst, auf purpurnen Schwingen

Kamst du von Sion zu Menschen herab;

Lehrtest sie flöten, und spielen, und singen,

Griffst in die Harfe, die Jova dir gab.

Thiere und Pflanzen

Strebten zu tanzen;

Kummer und Schwermuth mit wolkigem Blick

Wichen dir, mächtige Göttin! zurück.

 

    Jetzt töntest du der Liebe Freuden

Ins hohe Harfenspiel.

Du sangst von Minneseligkeiten,

Und jede Note war Gefühl.

Göttin der Tonkunst, auf purpurnen Schwingen

Kamst du von Sion zu Menschen herab!

 

    Jetzt fingst du an zu spielen

Den stummgewordnen Schmerz,

Bis süße Thränen fielen

Und lüfteten das Herz.

Göttin der Tonkunst, auf purpurnen Schwingen

Kamst du von Sion zu Menschen herab!

 

    Jetzt rauschten die Saiten

Von hüpfenden Freuden;

Es kam im blühenden Kranz

Der wirbelnde schwäbische Tanz.

Göttin der Tonkunst, auf purpurnen Schwingen

Kamst du von Sion zu Menschen herab!

 

    Nun schwang die Göttin sich zum Chor

Der Feiernden im Gotteshaus empor,

Und griff mit mächtiger Faust

Ins Orgelspiel: die Töne flogen

Brausend empor – so braust

Der Ocean mit seinen Wogen –

Und Hallelujah donnerte der Chor

In Fugen zum Himmel empor.

Göttin der Tonkunst, auf purpurnen Schwingen

Kamst du von Sion zu Menschen herab!

 

    Und nun sangst du ein Kirchenlied;

Die Andacht mischt sich drein,

Die betend vor dem Himmel kniet;

Und singend schlief sie ein.

Göttin der Tonkunst, auf purpurnen Schwingen

Kamst du von Sion zu Menschen herab!

Lehrtest sie flöten, und spielen, und singen,

Griffst in die Harfe, die Jova dir gab.

Thiere und Pflanzen

Strebten zu tanzen;

Kummer und Schwermuth mit wolkigem Blick

Wichen dir, mächtige Göttin! zurück.

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte      

 

*** 

 

                  AN  DUDELDUM

 

                Ei Dudeldum! so greif

                In dein Klavier so steif!

                    Zwar sind die Finger brav,

                    Nie fehlt's in der Octav',

                Noch in der Quint' und Terz;

                Nur Eines fehlt – das Herz!

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte      

 

*** 

 

                           VIRTUOSENGLÜCK

 

            Schlecht ist der Virtuosen Glück

        In unsrer Tage Lauf,

        'S thät Noth sie nähmen einen Strick,

        Und hingen all sich auf.

 

            Pfeift einer auch wie Lesbrün pfeift,

        Geigt einer Lolli nach,

        Greift 's Klavikord wie Eckard greift,

        Und komponirt wie Bach:

 

            So hört man lieber Schellenklang,

        Schuhu- und Katzenschrei

        Und Gansgigag und Eselsang,

        Als Sphärenmelodei.

 

            Das Ohr der meisten Menschen ist

        Wie Eselsohr gar groß:

        Darum bedenk's, mein frommer Christ,

        Und werd' kein Virtuos!

 

Anm. »Ein reisender Virtuos, den Sch. nur ein mittelmäßiges Concert hatte zusammenbringen können, bat ihn um ein Stammbuchblatt, das sich auf seinen Beruf beziehen sollte. Schubart schrieb auf dem Flügel so-

gleich das Obige nieder.«

Ludwig Schubart.

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte     

 

***  

 

                ZINKENISTENTROST

 

            Wie glücklich ist der Zinkenist,

            Der Herr und sein Geselle!

            Er kömmt, wenn er gestorben ist,

            Gewiß nicht in die Hölle:

            Denn Gott hält oft ein Freudenfest

            Mit auserwählten Christen;

            Und weil man da Posaunen bläst,

            So braucht man Zinkenisten.

 

Anm. »Sch. gab einem Zinkenisten, bei dem er im Hause wohnte und dem seine keifende Frau oft prophezeite, das Saufen werde ihn noch in die Hölle bringen, obigen Trostspruch.«

Ludwig Schubart.

 

Christian  Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

Uit : Gedichte     

 *** 

 

                     Am 1sten Januar 1814

 

            Wohl hab' ich dir mit leisem Ton

        Manch zartempfund'nes Lied gesungen,

        Doch nie des Liedes süßen Lohn,

        Der Minne Lächeln, mir errungen;

        Drum seufz' ich oft mit stillem Schmerz:

        Verstummt, verstummt ihr gold'nen Saiten!

        Denn ach, der Liebsten kaltes Herz

        Kann eure Klänge doch nicht deuten!

 

            Doch nah' ich dir, du holdes Bild,

        Und sitze still zu deinen Füßen

        Und sehe, wie so wundermild

        Mich deine klaren Blicke grüßen,

        Und wie der Unschuld keuscher Kranz

        Und wie die Blüthen alles Schönen

        Dein Angesicht mit reinem Glanz,

        Mit heil'gem Schmuck dein Leben krönen;

 

            Dann schwillt mein Herz von süßer Lust

        Und kann's nicht bergen, nicht enthalten,

        Und bunt beginnt in tiefer Brust

        Der Bilder holdes Reich zu walten,

        Und was dein Mund, dein Auge spricht,

        Tönt lieblich mir im Herzen wieder,

 

       Und deiner Strenge denk' ich nicht,

        Und denke nur auf zarte Lieder.

 

            Dein Aug' ist meine Fantasie,

        Dein Athem giebt mir Mild' und Feuer,

        Dein Wort mir Klang und Harmonie,

        Dein Wangenroth der Anmuth Schleier.

        O wollte nur der Genius

        Der Liebe meinem Leben lachen,

        Dann könnte leicht dein süßer Kuß

        Den Sänger noch unsterblich machen!

 

 

Ernst  Schulze (1789-1817)

Uit  : Poetisches  Tagebuch

 

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Ernst_Schulze

 

 

*** 

 

 

            HYMNUS   AN  DIE  HEILIGE CÄCILIA

 

Für Cäcilie.

 

            Reizendste der Phantasieen,

            Die mein trunknes Auge sah,

            Mutter süßer Harmonieen,

            Du, die Sinn dem Klang verliehen,

            Heilige Cäcilia!

            Zartgefühl und reines Streben

            Hat dein Athem mir gegeben,

            Nimm, was ich dir weihen kann,

            Harmonie in Wort und Leben,

            Himmlische, zum Opfer an!

 

                Ach, die Dämmrung milder Thränen

            Und der Sonnenstrahl der Lust,

            Ahnung, Glaub' und leises Sehnen,

            Alles wiegt auf holden Tönen

            Sich ins Heiligthum der Brust.

            Was, vom Irdischen entbunden,

            In des Anschauns sel'gen Stunden

            Nie die reine Seele sah,

            Hat sie oft bei dir empfunden,

            Heilige Cäcilia!

                 Sey mit freundlichem Gesange,

            Trösterin, sey mir gegrüßt,

            Die im schmeichlerischem Klange

            Bei des Lebens heißem Drange

            Lindrung in die Brust uns gießt;

            Die mit milden Freudenzähren,

            Ird'sche Wonne zu verklären,

            Den geweihten Blick belebt,

            Und den Glanz der ew'gen Sphären

            Um der Erde Nebel webt.

 

                Als du an des Lebens Saume

            Noch im Arm der Mutter lagst

            Und, geküßt vom leisen Traume,

            Von des Schlummers goldnem Baume

            Dir die ersten Blüthen brachst,

            Ach, da schwebten zarte Lieder

            Schon zu deinem Ohr hernieder,

            Und die keusche Phantasie

            Hob mit säuselndem Gefieder

            Dich in's Reich der Harmonie.

 

                Lächelnd gab dem zarten Kinde

            Ihren Kuß die Huldgöttin,

            Daß es, frei von ird'scher Sünde,

            Mit dem Schönen sich verbünde

            Zu des Herrlichsten Gewinn.

             Nur der Hauch der reinen Güte

            Nährt des Wohllauts zarte Blüthe,

            Wie den Blumenkelch der Tag,

            Und ein Mißton im Gemüthe

            Klingt auch auf den Saiten nach.

 

                Und als jetzt in heil'ger Schöne

            Ihres Lebens Lenz begann,

            Ach, da sprachen alle Töne

            Auf des Daseyns bunter Scene

            Den verwandten Busen an.

            Und der West, der sie umschwebte,

            Und die Fluth, die abwärts bebte,

            Und des Hains Elysium,

            Was im Raum der Erde lebte,

            Schuf in Ton und Klang sich um.

 

                Und sie irrte durch's Gefilde,

            Irrte träumend durch den Hain,

            Und das Hohe wie das Milde

            Prägten zaubrische Gebilde

            In den reinen Busen ein.

            Ach, in ihrem weichen Herzen

            Spiegelten sich Lust und Schmerzen,

            Und ihr inn'res Wesen schien

            Mit dem Schmetterling zu scherzen,

            Mit dem Adler aufzufliehn.

                 Sprich, wie kannst du ihn ertragen,

            Diesen Kampf getheilter Lust?

            Nein, du mußt im Glück verzagen

            Oder auszusprechen wagen,

            Was du fühlst in tiefer Brust!

            Und sie spannt die goldnen Saiten,

            Und die zarten Finger gleiten,

            Horch, die Fluth der Klänge schwillt,

            Und es dämmert den Geweihten

            Der Empfindung erstes Bild.

 

                Zarter Liebe leises Sehnen,

            Sinnend irrst du und allein;

            Ruhig willst du gern dich wähnen:

            Doch es zeugen deine Thränen

            Von der unbekannten Pein.

            Ach, wenn mild die Saiten beben,

            Und der Brust geheimstes Leben

            Leis' im Reich der Kläng' entblüht,

            Wird dein Herz den Schleier heben,

            Der das Räthsel dir entzieht.

 

                Sieh, es tobt des Kampfs Erinne,

            Und der Jüngling zieht den Stahl,

            Und er blickt mit trübem Sinne

            In die Augen seiner Minne

            Und zum heil'gen Sonnenstrahl:

            Aber horch! Trompeten schallen,

            Und des Krieges Donner hallen,

            Und er stürzt sich in die Schlacht.

            Mag er siegen, mag er fallen,

            Ihn bezwingt die stärk're Macht.

 

                Geist, der durch die Saiten waltet

            Und, vom leisesten Entstehn

            Schwellend zum Akkord entfaltet,

            Uns die tiefste Welt gestaltet,

            Geist, wer schuf dein heil'ges Wehn?

            Was zum Gott mich oft erhoben,

            Oft der Leidenschaften Toben

            In der wilden Brust gestillt,

            Wär', aus eitlem Hauch gewoben,

            Nur des Nichtseyns Dämmerbild?

 

                Nein, dich hat die ew'ge Liebe

            Zu den Sterblichen gesandt,

            Daß im rauhen Weltgetriebe

            Uns die süße Ahnung bliebe

            Von dem schönern Vaterland.

            Jeder Ton, der uns durchdrungen,

            Ist aus heil'gem Quell entsprungen

            Und aus ew'gen Harmonien,

            Und erhellt die Dämmerungen,

             Die die Heimath uns entziehn.

 

                Harmonie, du Band der Sphären,

            Schöpferin des ew'gen Lichts,

            Göttin, deren Wink zu ehren,

            Tausend Sonnen sich verklären

            Aus dem Schooß des dunklen Nichts,

            Heilige, die jedem Fehle,

            Daß nur Gleiches sich vermähle,

            Die geweihte Kette schließt,

            Glorie der reinen Seele,

            Harmonie sey mir gegrüßt!

 

                Dir gehorcht die schwarze Welle,

            Wenn der Sturm die Flügel schwingt,

            Dir der Tanz der Wiesenquelle,

            Ruh und Kampf und Nacht und Helle

            Folgen, wenn dein Scepter winkt.

            Wo der Schöpfung Pulse beben,

            Darf kein Mißklang sich erheben;

            Auf geheimnißvoller Spur

            Schmilzt der Kräfte Widerstreben

            In den Einklang der Natur.

 

                Was dem Geiste Kraft gewährte

            Und dem Herzen Größe lieh,

            Was den Keim des Schönen nährte

             Und das Werk des Meisters ehrte,

            Wecktest du, o Harmonie!

            Freiheit muß auf Scham sich gründen,

            Kraft und Milde sich verbinden

            Und Genuß durch Müh' erfreun;

            Kühnheit soll die That erfinden,

            Richterin die Charis seyn.

 

                Hehre, die am Himmelsbogen

            Und im Erdenkreise weilt,

            Sey der Reizenden gewogen,

            Die, von deinem Hauch erzogen,

            Geist und Namen mit dir theilt.

            Als von dir ihr Auge glühte

            Weckte sie des Liedes Blüthe

            Und der Worte Kraft in mir,

            Und gefiel ich dir, so biete

            Ihr allein den Lohn dafür.

 

 

Ernst  Schulze (1789-1817)

Uit  : Vermischte  Gedichte

 

 

*** 

 

 

              SEBASTIAN  BACHS  APOTHEOSE

 

Nach einem Gemälde Cäciliens.

 

Du Macht des Klangs, empor auf Adlerschwingen

Hebt mich dein Flug; entflieh, du öde Nacht!

Zum Licht empor will ich begeistert dringen,

Im Busen ist die Flamme mir erwacht,

Und liebend soll mein Geist das Bild umschlingen,

Wovon der Klang die Kunde mir gebracht.

Kalt strahlt der Sonne Glanz auf ird'scher Welle,

Und droben nur vermählt sich Gluth und Helle.

 

    Wer hat den Kranz der Harmonie gewunden,

Wo Blüthe sich an Blüthe wechselnd reiht?

Was sich geflohn ist friedlich hier verbunden,

Das Gleiche trennt der ernste Schritt der Zeit.

Durch Haß hat Lieb' und Liebe sich gefunden,

Und schöner glänzt die Freude durch das Leid,

Und nur gefühlt vom Geiste der Geweihten

Schwebt leis' ein Gott stillordnend durch die Saiten.

 

    Kühn hat dein Geist den ew'gen Rath durchdrungen,

Enträthselt ist des Lebens dunkles Spiel,

Der Frevel trotzt, die Tugend liegt bezwungen,

Der Mensch verzagt, fest steht das ew'ge Ziel,

 

 

Und stets verwebt geheimnißvoll verschlungen

Sich That und That, Gefühl sich und Gefühl.

Dem Schwachen nur scheint Ruh' und Streit verschieden:

Der große Geist erkennt im Kampf den Frieden.

 

    Was wunderbar im ordnungslosen Reigen

Der bunten Welt dem Geist vorüberzieht,

Und was, verhüllt in ahnungsvolles Schweigen,

Im Feenreich der Phantasie entblüht,

Das Alles mußte deinem Blick sich zeigen

Und Bilder leihn dem schaffenden Gemüth,

Und friedlich ließ entzweiter Mächte Streben

Dein Genius harmonisch sich verweben.

 

    Ach, jede Kraft, die in des Herzens Tiefen,

Vom dunklen Flor der Welt verschleiert, quillt,

Des ew'gen Stamms verborgne Hieroglyphen

Hat dein Gebot dem geist'gen Aug' enthüllt;

Dich führt' ein Gott, und deine Töne riefen

In's Leben auf des schönern Lebens Bild;

Gern folgt das Herz den magischen Gesetzen

Und staunt entzückt bei seinen eignen Schätzen.

 

    Wildflatternd wallt hoch an des Himmels Räumen,

Vom Sturm gescheucht, die Wolke, schwarz und dicht,

Und wandelbar gleich wesenlosen Träumen

Schmiegt sie in's Band der sichern Form sich nicht:

Doch freundlich naht, mit Gold sie zu besäumen,

Der Nächtlichen das heil'ge Sonnenlicht,

Und, was den Blitz im dunklen Schooß verschlossen,

Schwebt jetzt daher, vom heitern Glanz umflossen.

 

    Doch näher kömmt's mit stillem Trotz gezogen;

Den Kranz des Lichts verschmäht die finstre Nacht;

Der Donner rollt, der Himmel bricht in Wogen,

Laut heult der Sturm das Siegeslied der Nacht:

Doch ruhig wölbt des Friedens heil'ger Bogen

Sich hell und hehr durchs dunkle Feld der Schlacht;

Mag unten auch der Aufruhr tobend stürmen,

Hoch lebt ein Gott, er wird die Seinen schirmen.

 

    So weiß dein Geist lebendig zu entfalten,

Was räthselhaft den Busen wechselnd hebt;

Auf deinen Wink, gleich finstern Luftgestalten,

Vom Machtgebot der Willkühr rasch belebt,

Ziehn sie daher, die nächtlichen Gewalten,

Bei deren Nahn das bange Herz erbebt;

Doch dämmernd kränzt ein leiser Strahl der Milde

Den Uebermuth der trotzigen Gebilde.

 

    Doch wenn auch rings die Wetter feindlich toben,

Wenn, aus dem Schlaf gewaltig aufgerafft,

Am Widerstand die Kräfte sich erproben,

Im wilden Streit empörter Leidenschaft;

Stets wird das Herz im rauhen Sturm erhoben,

Und mächt'ger fühlt im Kampfe sich die Kraft.

Was sterblich ist, mag wanken und verzagen:

Uns schützt der Gott, den wir im Busen tragen.

 

    Der Sturm entflieht, sanft nahn des Westes Schwingen,

Den Wahn beherrscht der kurze Augenblick,

Der Nebel schmilzt, und heitre Strahlen bringen

Den Genius der Ruhe dir zurück;

Der Epheu wird das düstre Grab umschlingen,

Entschwunden reizt das feindliche Geschick,

Und frischer blüht, wie in des Thaues Kühle,

Der duft'ge Kranz der zarteren Gefühle.

 

    Du holde Ros', im dunkeln Kelch gefangen,

Dir, Liebe, löst sein Wink das ird'sche Kleid;

Im lichten Glanz siehst du verschämt dich prangen,

Geschlichtet ist der Sehnsucht wilder Streit;

Die Wünsche ruhn, die schwellend in dir rangen,

Du wohnst im Licht und schaust die Seligkeit,

Und von dem Hauch des geist'gen Klangs umwoben,

Strebst du, gelabt vom eignen Duft, nach oben.

 

    O Paradies der reinsten Phantasieen,

Du bist enthüllt, geweihtes Feenland!

Hell seh' ich dich und unverwelklich blühen,

Nicht sterblich ist dein luftiges Gewand;

Dein Aether schwimmt in ew'gen Harmonieen,

Die Dämmrung hat dein Himmel nie gekannt;

Kein ferner Strahl schmückt dich mit irrer Helle,

Du bist dir selbst des Lichtes ew'ge Quelle.

 

    Rings säuselt Duft, und tausend Blüthen schmücken

Mit frischem Glanz den heil'gen Schattenhain.

O naht euch nicht die Lächelnden zu pflücken,

Denn gaukelnd flieht der bunte Zauberschein;

Die Blume soll mit Duft nur uns entzücken,

Und ewig soll die sel'ge Sehnsucht seyn,

Durch Zartsinn nur wird das Gefühl gefeiert;

Die Schönheit flieht, wenn sie der Wahn entschleiert.

 

    Geweihte Kunst, still will ich niederfallen,

Dein göttlich Bild mit frommem Sinn umfahn;

Dein Priester hat der Zukunft goldne Hallen,

Hat mir den Glanz des Himmels aufgethan;

Der Ton verschwebt, die Harmonien entwallen,

Unsterblich weilt des Herzens süßer Wahn,

Und nimmer raubt der rasche Tanz der Stunden,

Was heilig wir mit reinem Sinn empfunden.

     Ha, welch ein Strahl erhellt die ird'schen Zonen!

Die Welt versinkt, ein dunkles Traumgesicht:

Hoch im Gewölk seh' ich die Tugend thronen;

Huld ist ihr Blick, ihr Kranz ist ew'ges Licht;

Aetherisch ruhn in ihrem Schooß die Kronen,

Die sie um's Haupt der kühnen Streiter flicht;

Im Zauberklang der wunderbaren Saiten

Hör' ich ihr Wort zu mir herniedergleiten.

 

    Der fromme Sinn, der zu den ew'gen Höhen

Den scheuen Blick zu heben nicht gewagt,

Bewundert still, wie bei der Töne Wehen

Sein eigner Glanz belebend in ihm tagt.

Werth fühlt er sich zum Himmel aufzusehen,

Rein ist der Geist, wo Sünde sonst gezagt.

Das Heil'ge darf er gläubig jetzt umarmen;

Denn droben wohnt ein Vater voll Erbarmen.

 

    O starker Muth, der mir den Geist beflügelt,

Der Glaube ruft, die Kette sinkt dahin,

Zum Thatenruhm ist mir das Thor entriegelt,

Die Ehre winkt, die hohe Königin,

Und stürmisch eilt und frei und ungezügelt

Das rasche Herz zum köstlichen Gewinn;

Nicht will ich feig den schönen Tag verträumen,

Selbst meine Nacht soll noch mit Gold sich säumen.

Nie soll das Recht dies freie Herz verlassen,

Nie ihren Thron Gewalt in mir erbaun;

Was Haß verdient, das will ich muthig hassen,

Mit festem Blick dem Feind in's Auge schaun,

Das Herrliche will ich voll Lieb' umfassen,

Und wie auf Gott auf Menschenwerth vertraun,

Will kämpfen für das ew'ge Ziel und leiden,

Und ohne Schmerz, doch nicht vergessen, scheiden.

 

    So läßt das Herz von deinem Wink sich leiten,

Aus Kampf wird Ruh und aus dem Dunkel Tag.

Die Seele schwebt auf den gerührten Saiten,

Wohin du rufst folgt sie gefesselt nach,

Doch bandenlos wähnt sie umherzugleiten,

Emporgeschnellt durch eignen Flügelschlag,

Und aus sich selbst die wechselnden Gestalten

Der Phantasie lebendig zu entfalten.

 

    Die Freude siegt! Ein lichter Rosenschleier

Webt gaukelnd sich um's blaue Himmelszelt;

Der Busen hebt im Drang der Lust sich freier,

Im Morgenlicht schwimmt die verjüngte Welt,

In jedem Blick glänzt ein verklärtes Feuer,

Hell ist der Geist und hoch das Herz geschwellt,

Und fortgerafft von stürmischem Entzücken

Will an sein Herz der Mensch den Menschen drücken.

     Doch so wie ernst der Dämmrung Flügel schweben,

Noch kränzt das Blau ein zarter Purpurschein,

Still naht die Ruh, und Halm und Blüthe beben,

Und säuselnd wogt bei ihrem Kuß der Hain;

Fern schwimmt am Fels der Strahlen letztes Leben,

Schon kettet sich der Träume bunter Reihn,

Und drüben hebt im funkelnden Gewande

Die duft'ge Nacht sich aus dem Schattenlande;

 

    So windet sich in deinen Zaubertönen

Geweihter Ernst um der Entzückung Glanz;

Begeisternd naht die Hoheit sich dem Schönen,

Die Würde lenkt der Anmuth leisen Tanz;

Den zarten Arm schlingt um die Lust das Sehnen,

Der Wehmuth Thau glänzt in der Freude Kranz;

Still wird das Herz, und in der heil'gen Ferne

Schwebt vor dem Geist der Glanz der ew'gen Sterne.

 

    Gewaltiger! bei dir fühlt der Gedanke,

Und sinnend denkt dein innerstes Gefühl;

Was Schwache spornt, das wählst du dir zur Schranke:

Wo Feige fliehn, da winkt dein hohes Ziel;

Wie auch der Sinn der flücht'gen Menge wanke,

Du lohnst dir selbst mit dem, was dir gefiel,

Und nicht verletzt von ungeweihtem Spotte

Nahst du auf kühner Bahn dich deinem Gotte.

 

    Hört ihr im Dom das Festgeläut erschallen

Zum Himmel steigt der Andacht frommes Chor,

Erschütternd tönt die Orgel durch die Hallen,

Und gläubig schaut des Meister Blick empor,

Und Alles ist rings auf die Knie gefallen,

Und offen steht des Himmels goldnes Thor;

Entsündigt schwingt vom heil'gen Klang der Saiten

Sich Alles auf zu ew'gen Seligkeiten.

 

    Doch seinem Blick entstrahlt allmächt'ges Leben,

Bewundernd fühlt sein Geist die eigne Macht;

Gewaltiger rauscht der Begeistrung Schweben,

Verklärter glänzt die Flamme durch die Nacht,

Und rastlos ringt er fort mit kühnem Streben,

Bis siegend er das Göttliche vollbracht,

Und höher stets beginnt die Fluth zu schlagen,

Im Sturm der Lust will fast sein Herz verzagen.

 

    Heil ihm, schon liegt das Irdische bezwungen;

Hell strahlt die Kunst des trüben Flors beraubt;

Wonach er rang, das hat er jetzt errungen,

Weil er an Gott, weil er an sich geglaubt;

Das Ideal hält bräutlich ihn umschlungen,

Der Glaube flicht den Lorbeer ihm um's Haupt;

Kühn strebt sein Geist das Dunkel zu verlassen;

Wer Gott geschaut, den kann die Welt nicht fassen.

 

Und sieh, da winkt, von goldnem Duft umwoben,

Cäcilia mit leisem Harfenton;

Was er geliebt das leitet ihn nach oben,

Wofür er kämpfte beut ihm jetzt den Lohn;

Schon ist sein Geist verklärt emporgehoben,

Schon kniet er hin vor des Allmächt'gen Thron;

Ein Strahl entsinkt sich um sein Haupt zu weben,

Ein Engel kniet, und alle Himmel beben!

 

Ernst  Schulze (1789-1817)

Uit  : Vermischte  Gedichte

 

 *** 

 

 

 

 

Der Sänger und die Fremden

 

        Ein Harfner sitzt auf moos'gen Steinen,

        Er läßt das Volk des Weges ziehn,

        Er spielt und kümmert sich um Keinen,

        Und Keiner kümmert sich um ihn.

 

        Zuweilen schielet wohl den Sänger

        Ein Waidmann oder Pflüger an,

        Und denkt: Wer ist der Müßiggänger,

        Der nur zum Liede klimpern kann?

 

        Man sieht, es mag ihn Niemand hören,

        Er fährt, in sich versunken, fort,

        Als spielt' und säng' er Geisterchören,

        So in der Wolke lauschen dort.

 

        Jetzt nimmt der Wind auf seinen Flügel

        Den Ton, der in den Lüften schwamm;

        Und trägt ihn über grüne Hügel

        In's Thal, zu einem frohen Stamm.

 

        Da spielt ums Ohr der Hirtensöhne

        Der ferne, wunderbare Klang,

        Die Frauen horchen auf die Töne,

        Und mancher pilgert nach dem Sang.

Sie steigen von dem Berge nieder,

        Sie reihn sich um den Mann im Kreis

        Und trinken seine süßen Lieder,

        Indeß er nichts von ihnen weiß.

 

        Die Mütter mit den Töchtern lauschen,

        Sie senken hold ihr Lockenhaupt,

        Des Harfners Töne mächtig rauschen,

        Der immer noch sich einsam glaubt.

 

        Doch wie er nun sein Lied geendet,

        Schlägt er die Augen auf, erschrickt –

        Er spricht: »Wer hat mir euch gesendet,

        Euch, so in Wolken ich erblickt?«

 

        Und voller schlägt er in die Saiten:

        »Nimm an, o Muse, mein Gebet!

        Du trägst mein Lied in alle Weiten,

        Wenn es die Nähe nicht versteht!

 

        Du hütest deines Sängers Ehre,

        Nie bleibt um ihn die Stätte leer;

        Du brächtest ihm selbst über Meere

        Das Ohr, das ihn vernommen, her.«

 

 

Gustav Schwab (1792-1850)

Uit  : Gedichte

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Gustav_Schwab

 

*** 

 

              DER  GLOCKENKLANG

 

        Graf Azo, müd vom flücht'gen Wild,

        Schlief kühl im Gras bethaut;

        Ihm naht' ein Traum, doch ohne Bild,

        In's Ohr weht ihm ein Laut:

        Er hört' einen hallenden Glockenklang,

        Er hört' einen herrlichen Kirchensang,

        Kein Gotteshaus er schaut!

 

        Er wiegte sanft sein Haupt im Schall,

        Die Töne klangen aus,

        Und endlich ward's ein leiser Hall,

        Wie weicher Blätter Saus.

        Und als verschwunden war der Traum,

        Lauscht in des Waldes stillen Raum

        Er sehnsuchtsvoll hinaus:

 

        »O Klang, o Klang! wo find' ich dich?

        Klang wie aus Gottes Mund!

        Wann grüßest du aus Lüften mich

        Aus hohem Domesrund!

        O hätt' ich dich, du Wunderklang,

        So wär' ich all' mein Leben lang

        An Herz und Geist gesund!«

        Und als er aufgestanden war,

        Da hallt' es durch die Luft:

        Wohl tönt' es laut, wohl tönt' es klar

        Durch Bäum' und Felsenkluft:

        Mit Sehnen eilet er nach vorn –

        Doch ist es nur das Jägerhorn,

        Das ihn zum Werke ruft.

 

        Und als er tiefer in den Wald

        Und in die Büsche drang,

        Hoch über seinem Haupte hallt'

        Ein leichter, leiser Klang.

        Er streckte sich, er lauscht' empor,

        Doch nur den Wind vernahm sein Ohr,

        Der sich durch Wipfel schwang.

 

        Und weiter in die Finsterniß

        Lockt ihn der Wald hinein:

        »Ihr Knappen, eurer Spur gewiß,

        Verfolgt nur Hirsch und Schwein!

        Ich jage, was kein Glück erspäht,

        Ich jage, was kein Windspiel fäht!« –

        Und wieder klingt's im Hain.

 

        Ein weicher Schall, ein Wiegensang –

        Ach, das ist wohl sein Traum?

        Doch ist es nur der Wellendrang

         Im See am steilen Saum.

        Dort jubelt laut sein Knappenchor,

        Ein Eber schießt getroffen vor,

        Stürzt in des Wassers Schaum.

 

        Die Diener drangen durch das Rohr

        Zu haschen ihren Fund:

        Da blinkt' es aus dem Schilf hervor

        Aus heller Wasser Grund;

        Vorbei rauscht seiner Knechte Schar,

        Dem Grafen winkte wunderbar

        Ein hohles, lichtes Rund.

 

        Es ist ein Erz, ein Glockenkranz –

        O langen Suchens Lohn! –

        Das Schilfrohr streift er von dem Glanz,

        Da zittert halber Ton;

        Da wird ihm ganz vor Wonne bang:

        »Erjagt, erjagt hab' ich den Klang,

        Er ist's, ich kenn' ihn schon!«

 

        Drauf schlug er mit gehobnem Speer

        An des Metalles Rand;

        Wie klang es mächtig, hell und hehr,

        Wie Klang von Gott gesandt.

        Sie zogen bald aus Schilf und Moor

        Den Schatz, und aus dem Wald hervor,

        Und führten ihn an's Land.

 

        Von Glockentönen hallt sein Ohr,

        Graf Azo fliegt voraus.

        Zu seinem Schloß zürnt er empor:

        »Was stehest du noch, Haus?

        Ihr Maurer, löset Stein um Stein!

        Reißt mir die Menschenwohnung ein,

        Baut Gottes Dom daraus!«

 

        Bald saß im Dom und lauschte froh

        Der Graf auf sein Geläut.

        Er dacht': »Ein jeder finde so

        Den Klang, der ihn erfreut.

        Ich höre hallenden Glockenklang,

        Ich höre herrlichen Kirchensang:

        Im Himmel bin ich heut!«

 

 

Gustav Schwab (1792-1850)

Uit  : Gedichte

 

*** 

 

 

 

TRÖSTERIN  MUSIK

 

Musik! du himmlisches Gebilde

voll hoher Macht, voll süßer Milde,

wir fühlen doppelt tief dein Walten,

wenn uns ein Leid das Herz gespalten.

Der Schmerzenswogen wirres Drängen,

es glättet sich vor deinen Klängen,

besänftigt all die Fluten ziehen

ins weite Meer der Harmonien.

Wie Orgelton, wie Meereswogen

kommt dann kommt der Trost ins Herz gezogen

und stillt der Seele wildes Sehnen

und löst das Weh in milde Tränen.

 

Musik! du himmlisches Gebilde

voll hoher Macht, voll süßer Milde,

du pochst noch in den tiefsten Schmerzen

mit leisem Finger an die Herzen.

Und wenn die Seele, gramgebrochen,

kein Wort mehr hört, das Trost gesprochen,

wenn längst verstummt die stillen Klagen

im Leid, das tränenlos getragen:

dann fühlt das Herz in Orgeltönen

ein hehres, himmlisches Versöhnen

und findet in dem Klang der Lieder

den letzten Trost, die Tränen wieder.

 

August Seuffert (1844-1904)

 

http://en.wikipedia.org/wiki/August_Seuffert

 

***

 

An die Musen

 

            Wär' ich würdig, zu gewinnen

            Eure Gunst, ihr Charitinnen,

            Der Begeist'rung Sonnenflug,

            Die mich oft in goldnen Träumen

            Unter amaranth'nen Bäumen

            Wie auf Rosenarmen trug;

 

            Euch, ihr Holden! zu besingen,

            Flög' ich dann mit kühnen Schwingen

            Zum erhab'nen Helikon,

            Wo im Lorbeerhain die Musen

            Ruhen an der Götter Busen

            Stimmt' ich meiner Lyra Ton.

 

            Auch der Freundschaft süßen Freuden

            Sollten jauchzend meine Saiten

            Süße ew'ge Lieder weih'n!

            Nicht um Thoren Lob zu singen

            Oder Güther zu erringen,

            Wollt' ich, Harfe! dich entweih'n.

 

            Oft sah' ich mit vollen Händen

            Launenhaft Fortunen spenden

            Manchem Thoren Glück und Gold;             

            Nie will ich nach Güthern dürsten,

            Selbst das stolze Loos der Fürsten

            Zahlt dem Tode seinen Sold.

 

            Nur zu ruhen an dem Busen

            Meiner lieben holden Musen,

            Das ist meiner Wünsche Ziel!

            Werd' ich diesen Wunsch erlangen,

            Mögen stolze Thoren prangen

            Mit Fortunens Schattenspiel!

 

 

Elise  Sommer (1767-    ?   )

Uit : Poetische  Versuche

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Elise_Sommer

 

 

*** 

 

 

          DER  HARFENSPIELER

 

    Die morsche Harfe blitzt auf seinen Knien

    die blassen Hände lösen von der Saiten

    verglühtem Golde welke Melodien

    die fremd und schwer wie Perlenketten gleiten

 

    indes sein Blick traumvoll und halb erhellt

    durch aufgeworfner Decken Samtgehänge

    hintaumelt über mondberonnen Feld:

    Daß er sich mit den zarten Wolken schwänge

 

    die lind die Nacht zu goldnen Inseln trägt

    verzaubert glitte auf beglänzten Flügeln

    zum Meer das fern an weiße Küsten schlägt

    und süßem Strom und blassen Rebenhügeln.

 

 

Ernst  Stadler (1883-1914)

Uit : Praeludien

 

 

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Stadler

 

 

*** 

 

 

                 DER  HARFENSPIELER

 

    Die morsche Harfe blitzt auf seinen Knien

    die blassen Hände lösen von der Saiten

    verglühtem Golde welke Melodien

    die fremd und schwer wie Perlenketten gleiten

 

    indes sein Blick traumvoll und halb erhellt

    durch aufgeworfner Decken Samtgehänge

    hintaumelt über mondberonnen Feld:

    Daß er sich mit den zarten Wolken schwänge

 

    die lind die Nacht zu goldnen Inseln trägt

    verzaubert glitte auf beglänzten Flügeln

    zum Meer das fern an weiße Küsten schlägt

    und süßem Strom und blassen Rebenhügeln.

 

Ernst  Stadler (1883-1914)

Uit : Praeludien

 

 

*** 

 

 

 

 

                                     MARSYAS

 

(Nach Henri de Régniers »Le Sang de Marsyas«)

 

    Marsyas sang.

    Erst war es nur ein flüchtig Lied

    wie Windeshauch der weich das Laub durchzieht

    wie Tropfenrieseln

        wie ein Bach der unter Kräutern rinnt

    wie Regen dann und Wolkenbruch und Wind

    dann wie der Sturm dann wie das wilde Meer –

    dann Schweigen ... heller wieder schwebt daher

    zu unserm Ohr zitternd der Flöte Klang

    wie Fichtensäuseln wie ein Immensang ...

    Und wie er träumend in den Abend bläst sein Lied

    erlischt die Sonne hinter Moor und Ried.

    Starr stand Apollo und das Licht zerging

    um seinen Leib und düstrer Schatten hing

    sich um ihn tief. Und plötzlich schien er ganz

        von Nacht umronnen.

    Doch Marsyas vom letzten Glast umsponnen

    der Sonne die sein Antlitz purpurn überfloß

    und heiß sein Vließ mit Flammen übergoß

    bläst immer noch berauscht vom Glanz der Stunde

    das Flötenrohr erglüht wie gleißend Gold

        an seinem Munde.

    Und alles lauschte auf des Satyrs trunknes Lied

 

     und alle offnen Mundes harrten auf den Spott

    Apolls hingen an seinen Zügen. Doch der Gott

    stand starr wie Erz schweigend regte kein Glied.

    Da bog die Augen tief in seine senkend

        jäh das Flötenspiel

    Marsyas übers Knie und klirrend brach's und fiel.

 

    Ein Schreien

        Hohngelächter Füßestampfen taumelnd toll –

    dann jähes Schweigen: denn Apoll

    glühend vor Zorn und Scham aus Lärm und Hohn

    wandte sich schweigend ab und schritt davon ...

 

 

Ernst  Stadler (1883-1914)

Uit : Praeludien

 

 

*** 

 

 

                                  PANS   TRAUER

 

Die dunkle Trauer,

    die um aller Dinge Stirnen todessüchtig wittert,

Hebt sachte deiner Flöte Klingen auf,

    das mittäglich im braunen Haideröhricht zittert.

Die Schwermut aller Blumen,

    aller Gräser, Steine, Schilfe, Bäume stummes Klagen

Saugt es in sich und will sie demutsvoll

    in blaue Sommerhimmel tragen.

Die Müdigkeit der Stunden,

    wenn der Tag durch gelbe Dämmernebel raucht,

Heimströmend alles Licht

    im mütterlichen Schoß der Nacht sich untertaucht,

Verlorne Wehmut kleiner Lieder, die ein Mädchen

    tanzend sich auf Sommerwiesen singt,

Glockengeläut, das heimwehrauschend

    über sonnenrote Abendhügel dringt,

Die große Traurigkeit des Meers, das sich

    an grauer Küsten Damm die Brust zerschlägt

Und auf gebeugtem Rücken endlos die Vergänglichkeit

    vom Sommer in den jungen Frühling trägt –

Sinkt in dein Spiel, schwermütig helle Blüte,

    die in dunkle Brunnen glitt ...

 

 

 

Ernst  Stadler (1883-1914)

Uit : Verstreute  Gedichte  aus den Jahren 1910 bis  1914

 

***  

 

                     WIR  SINGEN

 

 

         Wir singen. Fillis spielt die Flöten

            den Schall merkt Sie und ich allein.

            Laß/ Fillis/ laß dein Fingern seyn/

        sonst wirstu mich durch Sehn-sucht tödten.

            Soll aber ich die Laute schlagen/

            so wil ich wol ein Stükkgen wagen.

 

Kaspar  Stieler ( 1632-1707)

Uit : Die geharnschte Venus

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Kaspar_von_Stieler

 

 

*** 

 

            Der alte Leyersänger an 

               Hamburgs Krieger

 

Im April 1813.

 

        Wachst du, Alter? Traumgebilde,

            Schmeichelt meinem Wunsch ihr nicht?

        Statt der Geier, Hamburgs Schilde?

            Wo der Zöllner Raubgezücht?

 

        Frischer Bursche reges Leben

            Wallt auf Straß' und Markt einher!

        Wogt's nicht, wie sich senken, heben

            Fluthen auf erregtem Meer?

 

        Eifer glüht in jedem Schritte,

            Sprühend strahlt der Flammenblick.

        Kehrt der alten Hansa Sitte

            Zur bejochten Stadt zurück?

 

        Dieser prüft des Säbels Hiebe,

            Jener tummelt rasch sein Roß –

        Zauber ist's, der junger Triebe

            Kraft in welke Sprossen goß.

 

        Fähnlein wehn vor jeder Schwelle,

            Jubel schallt und Freudenschuß,

        Schon der flinke Kriegsgeselle

             Küßt der Braut den Abschiedskuß.

 

        Seht! Der alte Leyersänger

            Wankt aus seiner Zell' hervor,

        Auf! erzählt die Wunder! länger

            Harrt umsonst mein dürstend Ohr –

 

        Schweigt! Mir flüstert's schon die Leyer,

            Schon des Sehers Augen schaun

        Sanft auf eure Freiheitsfeier

            Himmelssegen niederthaun.

 

        Alles neu und alles anders,

            Was in Aug' und Ohr mir dringt. –

        Füllt die Becher! Alexanders

            Nam' ertöne! Kinder, trinkt!

 

        Heil Ihm! Gürtet euch, ihr Krieger,

            Wallt der guten Sache Pfad!

        Leyersang umschwebt den Sieger,

            Ruhm bekränzt des Helden That!

 

Christian Graf zu Stolberg  (1784-1821)

Uit : Gedichte

 

 

***  DIE NACHTIGALL

 

[Das]1 macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süssen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.

 

Sie war doch sonst ein wildes [Kind]1,

Nun geht sie tief in Sinnen,

Trägt in der Hand den Sommerhut

Und duldet still der Sonne Glut

Und weiß nicht, was beginnen.

 

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süssen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.

 

Theodor Storm (1817-1880)

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Theodor_Storm

 

***

 

MUSIKANTEN WOLLEN WANDERN

 

Musikanten wollen wandern;

Ei, die hielte mich wohl fest!

Noch 'nen Trunk, Herr Wirt, vom Roten;

Dann ade, du trautes Nest!

 

Hoch das Glas! Zu neuen Liedern

Geb es Kraft und Herzenswonne!

Ha, wie lieblich in die Adern

Strömt der Geist der Heimatsonne! -

 

Wie dort hoch die Wolken ziehen!

durch die Saiten fährt der Wind;

Und er weht die leichten Lieder

In die weite Welt geschwind.

 

Musikanten wollen wandern!

Schon zur Neige ging der Wein;

Ziehn die Lieder in die Weite,

Muß der Spielmann hinterdrein.

 

Theodor Storm (1817-1880)

Uit : Die neuen Fiedellieder, no. 6

 

***

 

 

 

 

 

 

 

            DIE  NEUEN  FIEDELLIEDER

 

1.

 

            Lang und breit war ich gesessen

            Überm schwarzen Kontrapunkt;

            Auf ein Haar dem Stadttrompeter

            Gaben sie mich zum Adjunkt.

 

            Hei, da bin ich ausgerissen;

            Schöne Welt, so nimm mich nun!

            Durch die Städte will ich schweifen,

            An den Quellen will ich ruhn.

 

            Nur die Fiedel auf dem Rücken;

            Vorwärts über Berg und Strom!

            Schon durchschreit ich deine Hallen,

            Hoher kühler Waldesdom.

 

            Und ich streich die alte Geige,

            Daß es hell im Wandern klingt;

            Schaut der Fink vom Baum hernieder:

            »Ei, Herr Vetter, wie das singt!«

 

            Doch am Horizonte steiget

            Eines Städtchens Turm empor! –

            Welchen kleinen Lilienohren

            Geig ich dort mein Stücklein vor?

 

2.

 

            Wenn mir unterm Fiedelbogen

            Manche Saite auch zersprang,

            Neue werden aufgezogen,

            Und sie geben frischen Klang.

 

            Auf dem Schützenplatz am Tore

            Strich ich leis mein Spielwerk an;

            Wie sie gleich die Köpfe wandten,

            Da ich eben nur begann!

 

            Und es tönt und schwillt und rauschet,

            Wie im Sturz der Waldesbach;

            Meine Seele singt die Weise,

            Meine Geige klingt sie nach.

 

            Trotzig hadern noch die Burschen;

            Bald doch wird es still im Kreis;

            Erst ein Raunen, dann ein Schweigen,

            Selbst die Bäume säuseln leis.

 

            Zauber hat sie all befangen;

            Und ich weiß, wie das geschah!

            Dort im Kranz der blonden Frauen

            Stehst du selbst, Frau Musika!

 

 

3.

 

            Glaubt ich doch, sie wär es selber

             –Was nur das Gedanken sind! –,

            Die Frau Musika vom Himmel;

            Und nun ist' s ein Erdenkind!

 

            Gestern, da sie stand am Brunnen,

            Zog ich flink den Hut zum Gruß;

            Und sie nickt' und sprach in Züchten:

            »Grüß dich Gott, Herr Musikus!«

 

            Zwar ich wußt, Marannle heißt sie,

            Und sie wohnt am Tore nah;

            Doch ich hätt's nicht können lassen,

            Sprach: »Grüß Gott, Frau Musika!«

 

            Was sie da für Augen machte!

            Und was da mit mir geschah!

            Stets nun klingt's mir vor den Ohren:

            Musikus und Musika!

10.

 

            Am Markte bei der Kirchen,

            Da steht ein klingend Haus;

            Trompet und Geige tönen

            Da mannigfalt heraus.

 

            Der Lind'baum vor der Türe

            Ist lust'ger Aufenthalt;

            Vom Wald die Finken kommen

            Und singen, daß es schallt.

 

            Und auf der Bank darunter,

            Die mit dem Kindlein da,

            Das ist in alle Wege

            Die blond' Frau Musika.

 

            Der jung' frisch' Stadttrompeter

            Bläst eben grad vom Turm;

            Er bläst, daß nun vergangen

            All Not und Wintersturm.

 

            Die Schwalb ist heimgekommen,

            Lind weht des Lenzen Hauch!

            Das bläst er heut vom Turme

            Nach altehrwürd'gem Brauch.

           

            Herr Gott, die Saaten segne

            Mit deiner reichen Hand,

            Und gib uns Frieden, Frieden

            Im lieben deutschen Land!

 

 

Theodor Storm (1817-1888)

Uit : Gedichte

 

 *** 

Wie ein fahrender Hornist sich ein Land erblies

 

        Ein Spielmann aus Welschland kam,

            Der blies das Horn so süß,

        Daß er 'nem jeden, der's vernahm,

            Das Herz aus dem Leibe blies.

        Vor Kaiser Karl und seinem Gesind',

            Da ließ er sein Horn erschallen,

        Er blies so laut, er blies so lind,

            Das tät dem Kaiser gefallen:

 

        »Mein Spielemann, mein Spielemann,

            Dein Horn hat hellen Ton,

        Und was das Horn erreichen kann,

            Das sei des Hornes Lohn.

        Auf hohem Berg, in weiter Au',

            Da sollst Du's blasen am Rheine,

        Soweit man's hört im ganzen Gau,

            Sei alles Land das Deine!«

 

        Der Spielmann auf dem Berge stand,

            Ringsum viel Rebenhügel,

        Und blaues Gebirg' und grünes Land

            Und blitzender Ströme Spiegel.

        Er setzte das Horn wohl an den Mund,

            Sich selber auf den Rasen,

        Weit in die Rund', aus Herzensgrund,

            Da tät er blasen und blasen.

 

        Es war zuerst ein schwimmender Hall,

            Und dann ein hallend Geschmetter,

        Der Westwind schwieg und der Wasserfall,

            Es schwieg das Rauschen der Blätter.

        Die Bergeskuppen, die Schlösser drauf,

            Die neigten sich horchend hinüber,

        Den Flug, den hielten die Adler auf,

            Und schwammen lautlos darüber.

 

        Und lustiger blies der Spielemann,

            Er blies zum wirbelnden Tanze,

        Die Eichen faßten einander an

            Und walzten am Bergeskranze.

        Die Schnitter warfen die Sensen fort,

            Die Dirnen mußten sie schwingen;

        Der alte Rhein im felsigen Bord

            Wie ein Knäblein wollt' er springen.

 

        Der Spielmann nahm das Horn vom Mund,

            War freudig aus der Maßen,

        Durch Dorf und Weiler in der Rund',

            Da schritt er seine Straßen.

        »Hast Du das Horn gehört?« fragt' er,

            Tät sich ein Bauer zeigen,

         Und scholl ein »Ja« zur Antwort her,

            Rief er: »Du bist mein eigen!«

 

        Ich wollt', ich wär' ein Spielemann

            Mit solcher Klanggewalt,

        Daß alles käm' in meinen Bann,

            So weit mein Lied erschallt.

        Nicht Land und Leut', nicht Burg und Wald,

            Die sollten vor mir sich neigen;

        Ich wollte nur, wo es widerhallt,

            Wär' jedes Herz mein eigen.

 

Moritz von Strachwitz (1822-1847)

Uit : Vermischte  Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Graf_vin_Strachwitz

 

 

*** 

 

 

        Hallelujajodler des

bayrischen   Zentrumsmannes

 

Forte mit Kopfstimme zu singen

 

                    Mir han de mehrer'n,

                    Mir han de schwerer'n,

                    All's hat an Zwirn,

                    Bal mir regier'n.

                    Mir san ma da!

                    Hallelu – –

                    Ridiridu – –

                    Halleluja!

 

                    Mir lassen s' schpringa,

                    All's muaß ins g'linga,

                    Mir san vaweg'n,

                    Dös muaß ma sehg'n,

                    Saukalt – ah! ah!

                    Hallelu – –

                    Ridiridu – –

                    Halleluja!

 

                    Allessamt frißt a,

                    Inser Minista,

                    Frißt aus da Hand.

                    Bal er aa zahnt,

                    Do sagt er ja!

                    Hallelu – –

                    Ridiridu – –

                    Halleluja!

 

                    Öfta san s' bärig,

                    Schaug'n aa scho g'hörig

                    Wild über d' Brill'n –

                    Do san s' ins z' Will'n!

                    Weil s' müass'n – ha! ha!

                    Hallelu – –

                    Ridiridu – –

                    Halleluja!

 

                    Mir tean im teuern

                    Vataland Bayern,

                    Was mir g'rad woll'n,

                    Mir san de g'schwoll'n

                    Bauerndada!

                    Hallelu – –

                    Ridiridu – –

                    Halleluja!

 

Ludwig Thoma (1867-1921)

Uit : Ausgewälte  Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Thoma

 

 

*** 

 

 

                        BALLMUSIK

 

    Im Herzen war es stille,

Der Wahnsinn lag an Ketten;

Da regt sich böser Wille,

Vom Kerker ihn zu retten,

Den Tollen los zu machen:

Da hört man Pauken klingen,

Da bricht hervor mit Lachen

Trommeten-Klang und Krachen,

Dazwischen Flöten singen,

Und Pfeifentöne springen

Mit gellendem Geschrei

Zwischen dröhnenden tönenden Geigen

In rasender Wuth herbei,

Das wilde Gemüth zu zeigen,

Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. –

 

    Wohin dreht sich der Reigen?

Was sucht die springende Menge

Im windenden Gedränge? –

Vorüber! Es glänzen die Lichter,

Wir tummeln uns näher und dichter,

Es jauchzt in uns das blöde Herz;

Lauter tönet

Grimmer dröhnet

Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,

Er werde zum Scherz! –

 

    Du winkst mir, holdes Angesicht?

Es lacht der Mund, der Augen Licht;

Herbei, daß ich dich fasse,

Im Schweben wieder lasse;

Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,

Der Mund verstummt, der lieblich spricht,

Dich faßt des Todes Arm.

Was winkst, du, Schädel, freundlich mir?

Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,

Daß du so bald erbleichest hier,

Wohl heut, wohl morgen.

Was sollen die Sorgen?

Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. –

 

    Heut lieb ich dich,

Jetzt meinst du mich;

Ach, Noth und Angst sie lauern

Schon hinter diesen Mauern,

Und Seufzer schwer und thränend Leid

Stehn schon bereit,

Dich zu umstricken;

Froh laß uns blicken

Vernichtung an und grausen Tod;

Was will die Angst, was will uns Noth?

Wir drücken

Im Taumel die Hand;

Mich rührt dein Gewand,

Du schwebest dahin, ich taumle zurück –

Auch Verzweiflung ist Glück.

 

    Aus diesem Entzücken,

Und was wir heut lachten,

Entsprießt wohl Verachten

Und giftiger Neid;

O herrliche Zeit!

Wenn ich dich verhöhne,

Winkt dort mir die Schöne,

Und wird meine Braut;

Die andere schaut

Noch kühner darein;

Soll dies' es denn sein? –

 

    So taumeln wir alle

Im Schwindel die Halle

Des Lebens hinab,

Kein Lieben, kein Leben,

Kein Sein uns gegeben,

Nur Träumen und Grab:

Da unten bedecken

Wohl Blumen und Klee

 

Noch grimmere Schrecken,

Noch wilderes Weh;

Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,

Noch schreiender gellender Hörnergesang!

Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,

Weil Lieb uns nicht Leben

Kein Herz hat gegeben,

Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! –

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Tieck

 

 

*** 

            Die Musik spricht:

 

 

    Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen

        Entzündeten sich brünstig im Verlangen,

        Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen,

        Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen,

 

    Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen

        Die seelgen Thränen auf die heilgen Wangen,

        Daß alle Kräfte wollustreich erklangen,

        Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen.

 

    Da brachen sich die Leiden an den Freuden,

        Die Wonne suchte sich im stillen Innern,

        Das Wort empfand die Engel, welche schufen;

 

    Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden.

        Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern

        Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen.

 

 

Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen,

    Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen,

    Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen

    Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen.

 

So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen?

    Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen,

    Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen,

    In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen?

 

Die Wasser gehn und finden keine Zungen,

    Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden,

    Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend.

 

In Menschenstimme ist es ihm gelungen,

    Nun hat das ewge Wort sich wieder funden,

    Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend. Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse,

    Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte,

    Den grünen Wald erfreut mein Angesichte,

    Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüsse.

 

Wem ich der Sterblichen die Lippe küsse,

    Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte,

    Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte,

    Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse.

 

Die ewge Liebe, welche nie vergangen,

    Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen,

    Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle,

 

Da regt sich, schlägt in Jubel auf die Stille,

    Zur spiel'nden Glorie wird der Himmelsbogen,

    Der Trunkne hört, was alle Engel sangen.

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

*** 

 

 

                      PERGOLESE

 

 

        Ein Jüngling wandelt durch die Waldesgrüne,

    Einsam, verlassen, seufzend und in Thränen;

    Was will sein Händeringen doch ersehnen!

    Was sagt die trübe, liebe Leidensmiene?

 

        Bald ists, als ob ein Engel ihm erschiene,

    So schaut er in das Grün mit hohem Sehnen,

    Er spricht mit Vögeln, mit der Luft im Wähnen,

    In Zweigen neigen Arme sich zur Sühne.

 

        Da lächelt er in Andacht und in Liebe,

    Die Sonne scheint auf ihn mit rothen Lichtern,

    In Glorien wallt der Tag und küßt ihn scheidend.

 

        Ach, daß der goldne Glanz zugegen bliebe!

    Die Nacht steigt auf mit Wolkenangesichtern,

    Das Dunkel faßt ihn und er spricht süß leidend:

 

 

 

 

Erquicklich war und nicht umsonst mein Wallen,

Maria, Mutter, Sohn und ewge Liebe,

Ich kann in Tönen sagen wie ich liebe,

Ich schönen Weisen soll mein Preisen schallen.

 

    Bist, Jesus, du vergessen denn von allen?

Mein Herz, mein Schmerz treibt mich zu deiner Liebe,

Die Mutter, Sohn, weiß wohl wie ich dich liebe,

Laß dir gefallen denn mein kindlich Lallen.

 

    O sende du aus deinem lichten Himmel

Die kindlichsten der Englein zu mir nieder,

Mein Herz ist offen, thu es, Gott, mein Vater!

 

    Wir zünden an das rauschende Getümmel,

Ich sterbe gern am Schluß der süßen Lieder,

Denn viel' entzückt nach mir mein Stabat mater.

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

*** 

 

 

                          STABAT  MATER

 

 

An dem Kreuz die Mutter stande,

Schmerzen fühlt sie vielerhande,

Aufgelößt des Herzens Bande,

Wie der Heiland überwande.

 

    Kommt mit mir zum Sehnsuchtslande!

    Ach im Brande

    Laßt die ganze Seele glühen,

    Strahlen aus und einwärts ziehen,

    Lilien werden auferblühen,

    Nacht und Dunkel schüchtern fliehen

    Von dem Lande,

    Wo das Kreuz in Thränen stande.

 

Ach, Maria, welche Leiden

Mußten deine Seele schneiden!

Wer empfand doch von euch beiden

Wohl zumeist den Tod der Freuden?

 

    Englein, kommt, im Niederklimmen

    Laßt erglänzen eure Stimmen,

    Ihr wart ja am Kreuz zugegen

    Als der Welt geschah der Seegen,

 

 

Müßt euch klingend nun bewegen,

    Flüglein fein zusammen legen,

    Daß in den Gesanges-Stimmen,

    Störend mag kein Rauschen schwimmen.

 

Als die Mutter in dem Sohne

Sah ihr eignes Herze tödten,

Ach, wie ward in bittern Nöthen

Dir des Todes Angst zum Lohne!

O, wo blieb die goldne Krone!

Deine Seele rief zum Throne

Mit dem Sohne: Vater, schone!

Ach! wer könnte sich versteinen,

Nicht mit dir, Maria, weinen?

Seel' und Herz nicht dir vereinen?

Thränen, brecht hervor mit Scheinen,

Zittert Töne, klage Stöhnen,

Siehe, wie in Schmach, Verhöhnen,

Noth, Angst, Schmerz zerbricht den Reinen!

    Aber, Weinen,

Laß in dir ein Lachen scheinen;

Zittert Thränen, freundlich klingend,

Und lobsingend

Tritt hervor du tiefes Klagen!

Wonnevoll sind seine Plagen,

Und das Herz muß zu sich sagen:

Meinethalb hat er's getragen.

Selbst das Kreuz, an das geschlagen

Jesus Christus unverschuldet

Seine schwere Marter duldet,

Will vor Freuden und vor Leiden

Weinen,

Thränen mit dem Blute einen.

Menschen, seht hier eure Wonnen,

Ausgelöscht sind eure Sonnen,

Ausgetrocknet alle Bronnen:

Aber habt ihr euch besonnen

    Daß euch dadurch Heil gewonnen?

Daß mein Herz am Kreuzesschafte,

Milder Jesus, ewig hafte,

Bis es liebend ganz verbronnen!

 

    Ja, es soll in mir zerbrechen!

    Klagen, Weinen, holdes Lachen,

    Ihr müßt jetzt das Ende machen:

    So wie kleine Kindlein sprechen,

    Plötzlich aus in Thränen brechen;

    Ist es Schuld wohl und Verbrechen,

    Wenn sie in den Thränen lachen?

    Wunden, seid wie süße Blumen,

    Seufzer, aus den Heiligthumen

    Steigt empor wie süße Düfte,

    Wallet in die Himmelslüfte:

    Sehnen,

     Thränen,

    Holdseeligkeiten,

    Himmlische Freuden,

    Wie sie süß und hell verbreiten

    Durch mein Herz die Herrlichkeiten!

    Nichts soll mich im Tode scheiden,

    Jesu Christ, von deinen Leiden!

 

Sei mir du, Maria, milde,

Gegen dieses Leben wilde,

O du süßes Gottesbilde!

Deine Liebe sei mein Schilde!

 

    Wann die letzte Stunde kommen,

    Sei die Seel' in Lieb' entglommen,

    In den Himmel aufgenommen.

            Amen!

        Es vernahmen

    Gott, Maria, Christ, die Bitten,

    Sie sind nicht von euch bestritten,

    Denn sie kamen

    Recht hier aus des Herzens Mitten,

    Auch für mich hast du gelitten,

        Amen!

 

 

Und es ist vom hohen Chor

            Kaum der letzte Ton verglommen,

            Ist er schon der Erd' entnommen

            Und die Seele steigt empor.

 

            Glücklich ist wohl der zu preisen,

            Der vor Gott hin durfte treten,

            Mit so lieblichen Gebeten,

            Mit so schönen frommen Weisen.

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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            DIE  MUSIK  BESCHLIESST

 

    In inn'ger Lieb' war ich mit diesem Kinde,

Und ihm gelang, in süßen Himmels-Weisen

Die Mutter Gottes wunderhold zu preisen,

Und aller Herzen rührt sein Geist gelinde.

 

    Da lösten sie in Wehmuth ihre Sünde,

Es beteten die Thoren wie die Weisen,

Der Engel fuhr herab in Thränen, leisen

Flügelgetöns, daß er ihr Heil verkünde.

 

    Da fiel den Bösen Zagen an und Beben,

Er sprach: der süße Pfeil hat all' getroffen,

Mein Reich versinkt, den Menschen nur zum Spotte!

 

    Er stürmt ihn an, des Jünglings Herz war offen

In Andacht, reißt die Blätter ab vom Leben,

Und aus dem Kelch entblüht der Geist zu Gotte.

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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                                GESANG

 

Wann du erhebst den lichten Ton zum Singen,

    Und den tiefen goldnen Klang drein giesset,

    Von Clara's Zaubermund ein Feuer fließet,

    Seh ich die Himmelsgeister lieblich ringen.

 

Bald wollen die Gespielen dich bezwingen,

    Von deiner Süsse wird ihr Zorn versüsset,

    Doch wie der lichte Ton wie Morgen grüsset,

    Muß ihn das klingende Meer in Wellen schlingen.

 

Bald schwimmt er oben wieder wie die Blume,

    Die Wogen kämpfen, und er wird ein Strahlen,

    Er zuckt wie Liebesblitze in den Wellen,

 

Krystalle leuchten freundlich, in den hellen

    Spiegeln muß sich dein herrlich Bildniß mahlen,

    Maria steht gekrönt im Heiligthume.

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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DER  GARTEN

 

Betret' ich nun des Gartens grüne Gänge?

    Wie frisch und lieblich dort die tiefen Gründe!

    Die Einsamkeit holdseelig und gelinde,

    Wie Chorgesang rauscht hier das Baumgedränge.

 

Was find' ich an dem blühenden Gehänge?

    Wie! Thränen an so manchem bunten Kinde?

    Was seufzen denn so bang die Abendwinde?

    Wo tönen her so zauberhaft Gesänge?

 

Sind wohl so spät in Wandrung noch die Bienen?

    Schlummern hier Lieder aufgeweckt von Sternen?

    Des Waldes Geister, in der Bäume Kronen? –

 

Gesangs-Göttinnen, die den Hain bewohnen,

    Sind jetzt, herdenkend, weit in andern Fernen,

    Drum klagt so Wind, wie Staud', und Baum im Grünen.

 

 

Echo.

 

                                Thal, Wald muß ihnen dienen,

    Sie sind Gesang, und welchen Baum sie denken,

    Der muß süßklingend seine Zweige senken.

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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                                   NACHT

 

            Süße Ahndungsschauer gleiten

        Ueber Fluß und Flur dahin,

        Mondesstrahlen hold bereiten

        Lager liebetrunknem Sinn.

        Ach, wie ziehn, wie flüstern die Wogen,

        Spiegelt in Wellen der Himmelsbogen.

 

            Liebe, dort im Firmamente,

        Unter uns in blanker Fluth,

        Zündet Sternglanz, keiner brennte,

        Gäbe Liebe nicht den Muth:

        Uns, von Himmelsothem gefächelt,

        Himmel und Wasser und Erde lächelt.

 

            Mondschein liegt auf allen Blumen,

        Alle Palmen schlummern schon,

        In der Waldung Heiligthumen

        Wallet, klingt der Liebe Ton:

        Schlafend verkündigen alle Töne,

        Palmen und Blumen der Liebe Schöne.

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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                                  DIE  TÖNE

 

        Siehst du nicht in Tönen Funken glimmen?

    Ja, es sind die süßen Engelstimmen;

    In Form, Gestalt, wohin dein Auge sah,

    In Farbenglanz ist dir der Ew'ge nah,

    Doch wie ein Räthsel steht er vor dir da.

    Er ist so nah' und wieder weit zurück,

    Du siehst und fühlst, dann flieht er deinem Blick,

    Dem körperschweren Blick kann's nicht gelingen

    Sich an den Unsichtbaren hinzudringen;

    Entfernter noch, um mehr gesucht zu sein,

    Verbarg er in die Töne sich hinein;

    Doch freut es ihn, sich freyer dort zu regen,

    Die Liebe heller kömmt dir dort entgegen. –

    Das war ich ehmals, ach! ich fühl' es tief,

    Eh' noch mein Geist in diesem Körper schlief. –

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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NACHT

 

Süße Ahndungsschauer gleiten

Ueber Fluß und Flur dahin,

Mondesstrahlen hold bereiten

Lager liebetrunknem Sinn.

Ach, wie ziehn, wie flüstern die Wogen,

Spiegelt in Wellen der Himmelsbogen.

 

Liebe, dort im Firmamente,

Unter uns in blanker Fluth,

Zündet Sternglanz, keiner brennte,

Gäbe Liebe nicht den Muth:

Uns, von Himmelsothem gefächelt,

Himmel und Wasser und Erde lächelt.

 

Mondschein liegt auf allen Blumen,

Alle Palmen schlummern schon,

In der Waldung Heiligthumen

Wallet, klingt der Liebe Ton:

Schlafend verkündigen alle Töne,

Palmen und Blumen der Liebe Schöne.

 

Johann Ludwig Tieck (1773-1853)

 

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                               ERKENNEN

 

        Keiner, der nicht schon zum Weihe-Fest gelassen,

    Kann den Sinn der dunkeln Kunst erfassen,

    Keinem sprechen diese Geistertöne,

    Keiner sieht den Glanz der schönsten Schöne,

    Dem im innern Herzen nicht das Siegel brennt,

    Welches ihn als Eingeweihten nennt,

    Jene Flamme, die der Töne Geist erkennt.

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

 

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                                    LIEBE

 

                Weht ein Ton vom Feld herüber

            Grüßt mich immerdar ein Freund,

            Spricht zu mir: was weinst du Lieber?

            Sieh, wie Sonne Liebe scheint:

            Herz am Herzen stets vereint

            Gehn die bösen Stunden über.

 

                Liebe denkt in süßen Tönen,

            Denn Gedanken stehn zu fern,

            Nur in Tönen mag sie gern

            Alles was sie will verschönen.

            Drum ist ewig uns zugegen

            Wenn Musik mit Klängen spricht

            Ihr die Sprache nicht gebricht

            Holde Lieb' auf allen Wegen,

            Liebe kann sich nicht bewegen

            Leihet sie den Othem nicht.

 

 

Ludwig Tieck (1773-1853)

Uit : Gedichte

 

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                             TROST

 

                Wenn die Ankerstricke brechen,

            Denen du zu sehr vertraust,

            Oft dein Glück so sicher schaust,

            Zornig nun die Wogen sprechen, –

            O so laß das Schiff den Wogen,

            Mast und Segel untergehn,

            Laß die Winde zornig wehn,

            Bleibe dir nur selbst gewogen,

            Von den Tönen fortgezogen,

            Wirst du schön're Lande sehn:

            Sprache hat dich nur betrogen,

            Der Gedanke dich belogen,

            Bleibe hier am Ufer stehn. –