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muziek in poëzie duits 3

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                       MÄRCHEN

 

        Am Heidehügel geht ein Singen,

        Ein leises Singen her und hin,

        Da wiegt in einer goldenen Wiege

        Ihr Kind die Zwergenkönigin.

 

        Ich denke an das alte Märchen,

        Es liegt mein Kopf in deinem Schoß,

        Dein Mund singt mir ein Wiegenliedchen,

        Und meine Augen werden groß.

 

        Mein Herz, das ist so still und selig,

        Ein goldener Traum darüber fliegt,

        Es liegt in einer goldnen Wiege,

        Die langsam hin und her sich wiegt.

 

Hermann Löns  (1866-1914)

Uit : Mein goldenes Buch

http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_L%C3%B6ns

 

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                              IM  KONZERTE

 

(8. November 1896.)

 

        Vom Baume fiel das letzte Blatt,

        Frau Musika fröstelt im Freien

        Und labt uns im geheizten Saal

        Mit ihren Melodeien.

 

        Schön ist ein Symphoniekonzert

        Mit Kaffee und mit Kuchen.

        »Frau Schulze, probieren Sie meinen mal,

        Ich werd' dafür Ihren versuchen.«

 

        Die Tassen klappern, die Damen auch,

        Stricknadeln klimpern nicht minder,

        Dazwischen plärren und weinen laut

        Die mitgenommenen Kinder.

 

        Schön ist ein Symphoniekonzert,

        Wenn nur die Musik nicht wäre,

        Man klagt darüber, daß sie zu sehr

        Die Unterhaltung störe.

 

Hermann Löns  (1866-1914)

Uit : Fritz  von der Leines  Ausgewählte  Lieder

 

 

 

 

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                    MUSIK  MIT NATUR

 

 

(6. April 1902.)

 

    Es wird noch nicht genug getutet

    In unserer lieben Leinestadt,

    Noch immer der Georgengarten

    Nicht Militärkonzerte hat.

 

    Dort singen bloß die Nachtigallen

    Und Amsel, Drossel, Star und Fink,

    Das ist doch nichts, denn wieviel feiner

    Klingt's Schnedderengteng und Tschingdingding.

 

    Piepmätze hat ja jedes Bierdorf,

    Die Großstadt aber ist verwöhnt,

    Uns kann nur ein Konzert begeistern,

    Das ord'ntlich knallt und klingt und dröhnt.

 

    Das ist poetisch, schnedderedderengteng,

    Das ist so reizend, rattabum,

    O welche Wonne, tsataszingda,

    O, welche Lust, tsarummschrummschrumm.

 

 

 

Hermann Löns  (1866-1914)

Uit : Fritz  von der Leines  Ausgewählte  Lieder

 

 

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               DER  KONZERTHUSTER

 

(15. Dezember 1903.)

 

        Er hat einen richtigen Schnupfen,

        Ihr Husten ist auch nicht ganz schlecht,

        In einer Tour niest er und prustet,

        Sie kröchert sich schön was zurecht.

 

        Die beiden sind Kunstenthusiasten,

        In keinem Konzert fehlen sie,

        Ob Kammermusik oder Wüllner,

        Man hört ihr Gehust und Hatschi.

 

        Im Tivoli spielt Sarasate,

        Die beiden, die sitzen ganz vorn,

        Sie hustet bei jeder Piece,

        Er dröhnt wie ein Turmwächterhorn.

 

        Ihr Enthusiasmus ist rührend,

        Die Kunst, die ist ihnen kein Spaß,

        Und geht's ihnen auch noch so elend,

        Sie kommen und husten uns was.

 

 

 

Hermann Löns  (1866-1914)

Uit : Fritz  von der Leines  Ausgewählte  Lieder

 

 

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                            MUSIK

 

 

Wer einsam steht im bunten Lebenskreise

Und was das Leben teuer macht, verlor,

Wie bebt sein Herz, trifft eine liebe Weise

Aus [ferner] Jugendzeit sein horchend Ohr.

 

Willkommen Töne! Eures Hauches Fächeln

Weckt eine schlummernde Gedankenwelt,

Verweinte Augen lernen wieder lächeln,

Die düst're Stirn ist plötzlich aufgehellt.

 

Der Zephyr, der in reichen [Blütendüften]

Des Orients sich [hin- und hergewiegt],

Verbreitet Balsamhauch noch in den Lüften,

Wenn schon die Blume welk am Boden liegt.

 

So lebt, ist auch der Traum des Glücks entschwunden,

Erinnerung im Hauche der Musik;

Ein kleines Lied aus [jenen] bessern Stunden

Bringt uns die alte Seligkeit zurück.

 

Musik, Du Mächtige, vor Dir [entschwindet]

Der armen Sprache [ausdrucksvollstes] Wort;

Warum auch [sagen], was das Herz empfindet,

Tönt doch in Dir die ganze Seele fort.

 

Der Freundschaft Worte haben oft gelogen,

Es täuscht die Liebe durch Beredsamkeit ;

Musik allein hat nie ein Herz betrogen

Und viele tausend Herzen [hocherfreut].

 

Helene Luise Elisabeth zu Mecklenburg-Schwerin (1814-1858)

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Duchess_Helene_of_Mecklenburg-Schwerin

 

 

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                 PERGOLESES  STÄNDCHEN

 

            Nina, laß den Schlummer fahren!

            Bist du denn gestorben? ach!

            Bist du tot in jungen Jahren?

            Horch, die Liebe ruft! Erwach!

 

            Aus dem Schlummer sie zu wecken,

            Der vor Tod und Sterben graut,

            Mischt der Meister einen Schrecken

            In den süßen Liebeslaut.

 

            Willst du schweigen! Haucht's im Düster,

            Ich bin blühend, bin gesund!

            Küsse mich, sagt das Geflüster,

            Fühle meinen frischen Mund!

 

            Und der Wohllaut des Gesanges

            Ward von Stadt und Land belobt,

            Und die Macht des Liebeszwanges

            Ward vom jungen Volk erprobt:

 

            Nina, laß den Schlummer fahren!

            Bist du denn gestorben? ach!

            Bist du tot in jungen Jahren?

            Horch, die Liebe ruft! Erwach!

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Uit : Gedichte [1892]

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Conrad_Ferdinand_Meyer

 

***  

 

 

               DIE  LAUTENSTIMMER

 

            Schlummernd jüngst in Waldesraum

            Hatt ich einen hübschen Traum:

            Etwas regt sich in der Hecke,

            Etwas klimpert im Verstecke.

 

            Das Gesträuch mit leiser Hand

            Teilt ich, bis das Nest ich fand:

            Kinder, rings im Grase sitzend,

            Mit den hellen Augen blitzend!

 

            Rutschend auf dem nackten Knie,

            Stimmten eine Laute sie –

            »Sagt, was lagert ihr im Runde?

            Sprecht, was schaffet ihr im Bunde?«

 

            Auf das zarte Werk erpicht,

            Hörten sie die Frage nicht.

            »Seht, wie ist sie zugerichtet!

            Wundgerissen! Fast vernichtet!«

 

            Emsig ward geklopft, gespäht,

            An den Saiten flink gedreht,

            Ließen eine tiefer klingen,

            Ließen eine hohe springen –

 

 

 

             Endlich klang die Laute rein

            Und die Kinder spielten fein,

            Bis ich aus dem Traum erwachte

            Und mir seinen Sinn bedachte:

 

            Dumpf entschlummert, jetzo hell,

            Ganz ein anderer Gesell!

            Was die Kinder ohne Fehle

            Stimmten, es war meine Seele!

 

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Uit : Gedichte [1892]

 

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             DAS  GLÖCKLEIN

 

    Er steht an ihrem Pfühl in herber Qual,

    Den jungen Busen muß er keuchen sehn –

    Er ist ein Arzt. Er weiß, sein traut Gemahl

    Erblaßt, sobald die Morgenschauer wehn.

 

    Sie hat geschlummert: »Lieber, du bei mir?

    Mir träumte, daß ich auf der Alpe war,

    Wie schön mir träumte, das erzähl ich dir –

    Du schickst mich wieder hin das nächste Jahr!

 

    Dort vor dem Dorf – du weißt den moos'gen Stein –

    Saß ich, umhallt von lauter Herdgetön,

    An mir vorüber zogen mit Schalmein

    Die Herden nieder von den Sommerhöhn.

 

    Die Herden kehrten alle heut nach Haus –

    Das ist die letzte wohl? Nein, eine noch!

    Noch ein Geläut klingt an und eins klingt aus!

    Das endet nicht! Da kam das letzte doch!

 

    Mich überflutete das Abendrot,

    Die Matten dunkelten so grün und rein,

    Die Firne brannten aus und waren tot,    

    Darüber glomm ein leiser Sternenschein –

 

    Da horch! ein Glöcklein läutet in der Schlucht,

    Verirrt, verspätet, wandert's ohne Ruh,

    Ein armes Glöcklein, das die Herde sucht –

    Aufwacht ich dann und bei mir warest du!

 

    Oh, bring mich wieder auf die lieben Höhn –

    Sie haben, sagst du, mich gesund gemacht...

    Dort war es schön! Dort war es wunderschön!

    Das Glöcklein! Wieder! Hörst du's? Gute Nacht...«

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Uit : Gedichte [1892]

 

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              DAS  ENDE  DES FESTES

 

    Da mit Sokrates die Freunde tranken,

    Und die Häupter auf die Polster sanken,

    Kam ein Jüngling, kann ich mich entsinnen,

    Mit zwei schlanken Flötenbläserinnen.

 

    Aus den Kelchen schütten wir die Neigen,

    Die gesprächesmüden Lippen schweigen,

    Um die welken Kränze zieht ein Singen...

    Still! Des Todes Schlummerflöten klingen!

 

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Uit : Gedichte [1892]

 

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                AN  DAPHNENS  KLAVIER

 

1773.

 

                Wenn der lauten Stadt Getümmel

            Nun allmählich leiser hallt,

            Und vom rotbeströmten Himmel

            Dämmerung hernieder wallt;

            Dann, o silbernes Klavier,

            Wandelt Daphne hin zu dir!

 

                Heiter, auch von Nacht umgeben,

            Schwingt sich ihre Seel' empor;

            Engelreine Thaten schweben

            Ihr in goldnen Bildern vor.

            Ruhig ist ihr Aug', und lacht,

            Wie der Mond in stiller Nacht.

 

                Und ein Strom von Harmonieen,

            Ihres Lebens Wiederhall,

            Geußt, in süßen Melodieen,

            Sich in deinen Silberschall;

            Ihre ganze Seele glüht,

            Und sie singt ein deutsches Lied.

 

                O des neideswerten Lohnes,

            Ihre Seele zu erfreun!            

            Schöpfer ihres Silbertones,

            Ihrer Seligkeit zu sein!

            Himmel, Himmel! o Klavier!

            Ach, sie singt ein Lied von mir!

 

Johann Martin Miller (1750-1814)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Martin_Miller

 

 

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         ALS  MARIANE  AM  KLAVIER  SANG

 

Um Mitternacht.

 

(1775.)

 

                Alles schläft! Nur silbern schallet

            Marianens Stimme noch!

            Gott, von welcher Regung wallet

            Mein gepreßter Busen hoch!

            Zwischen Wonn' und bangem Schmerz

            Schwankt mein liebekrankes Herz.

 

                Schwind, o Erde! Laß mich fliegen

            Zu des Hochgelobten Thron;

            Mich mit ihr im Staube liegen,

            Seufzen mit in ihren Ton!

            Gott, du hörst es, was sie fleht;

            Acht auch mit auf mein Gebet!

 

                Daß ich lang um sie mich quäle,

            Ist der Holden unbewußt.

            Send, o Gott, der frommen Seele

            Lieb' und Mitleid in die Brust!

            Wär' ihr nur mein Leid bekannt,

            Wär' auch meine Qual verbannt. –

                 Gott! Ich seh den Himmel offen;

            Freud' und Leben winken mir!

            Daß mein Herz darf wieder hoffen,

            Mariane, dank' ich dir.

            Sing, und zaubr', o Sängerin,

            Ganz ins Paradies mich hin!

 

Johann Martin Miller (1750-1814)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

 

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      AN  FRIEDRICH  NIETSZCHE

 

    Die Park-Kapelle spielte »Lohengrin«.

    Da löste sich mein Blut zu jähem Gang,

    daß heiß und weh das Herz mir überschwoll.

    Auch Du hast jene Töne ja geliebt

    und einst voll tiefen Dursts in dich getrunken,

    auch Du an ihnen zitternd dich berauscht,

    wie ich mich heute zitternd dran berausche.

    O Du! ...

    Und unter tausenden, die stumpf

    ihr kaltes Ich behaglich wiederkäuten,

    hab ich, mit starren, unerschlossnen Mienen,

    in innern Tränen fassungslos geweint.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Christian_Morgenstern

 

 

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         BEI  EINER  SONATE  BEETHOVENS

 

                Da rollte der Donner selber –

                und Titanen

                schnitten mit flachen Händen

                Steinplatten aus dem Fels

                und schmetterten sie

                frohlockend hinaus,

                daß sie wie Vögel

                die Luft durchschossen ...

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

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   VOR  DIE  VIER  SÄTZE  EINER  SYMPHONIE

 

1.

            Wie das noch so hoch getürmte

            Wasser wieder muß zum Meere,

            fällt der noch so hoch gestürmte

            Geist zurück in toter Schwere.

 

2.

            Fester Boden kann dich retten,

            wenn du dich verloren hast;

            trage fromm der Erde Ketten,

            und zur Lust wird dir die Last.

 

3.

            Stiegst du aus der Wasser Gruft

            auf die feste Erden,

            magst du nun einmal der Luft

            kecker Segler werden.

 

4.

            Auf zur Erdenmutter Sonne

            trägt den Vogel sein Gefieder,

            Feuer tiefster Daseinswonne

            schenkt ihm seine höchsten Lieder.

 

 

 

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

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                            PRÄLUDIUM

 

    Singe, o singe dich, Seele,

    über den Eintag empor in die

    himmlischen Reiche der Schönheit!

    Bade in goldenen Strömen der Töne dich rein

    vom Staube der Sorgen!

 

    Was dir die Welt geraubt, vergiß es!

    Was dir dein Los verwehrt,

    genieß es im Traum!

    Auf klingenden Wellen

    kommen die heimlichsten Wunder

    wie Düfte

    ferner Gärten

    zu deinen leis zitternden Sinnen.

 

    Singe, singe, Seele des Menschen,

    vom Grauen der Nächte bedroht,

    dich empor,

    wo, lichtumgürtet,

    der Phantasien

    jungfräulicher Reigen

    die zierlichen Füße

    auf nie verblühenden Wiesen

    verführerisch setzt.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

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GLEICH  EINER  VERSUNKENEN MELODIE

 

            Gleich einer versunkenen Melodie

            hör ich vergangene Tage

            mich umklingen.

            Heiß von Tränen

            wird mir die Wange,

            und von wehmütigen Seufzern

            schluchzt mir die Brust,

            an der du –

            ach Du!

            einst dein blondes,

            erglühendes Köpfchen bargst,

            o Geliebte!

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

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                 KONZERT  AM MEER

 

(Eine Erinnerung an Sylt)

 

    Und Wagner wühlte das Meer auf.

    Da türmte das göttlich empörte

    der Brandung Bänke

    zu schäumenden Mauern

    und brach sie

    in langen, brünstigen Donnern

    weithin auf den Strand.

    So stoßen tausend Hengste zugleich

    den Dampf durch die schrecklich geblähte Nüster.

 

    Und ich, der schwache, eintagige Mensch,

    stand davor,

    mit fliegenden Gliedern,

    und meine Hände

    öffneten sich gegen das Meer,

    als wollten sie's versteinern,

    dies dionysische Schauspiel,

    dieses königliche Wogen-Sterben,

    diese morituri te salutant, Wagner!

    te salutant, Mensch!

 

    Und da reckt' ich mich auf.

    Und da lag mein Auge    

    löwenfunkelnd

    über dem sterbenden Meer.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

*** 

 

 

                        ABENDLÄUTEN

 

                    In deine langen Wellen,

                            tiefe Glocke,

                    leg ich die leise Stimme

                        meiner Traurigkeit;

                        in deinen Schwingen

                                löst sie

                            sanft sich auf,

                        verschwistert nun

                        dem ewigen Gesang

                        der Lebensglocke,

                        Schicksalsglocke,

                                    die

                        zu unsern Häupten

                        läutet, läutet, läutet.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

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                        OHNE  GEIGE

 

            Ich möchte eine Geige haben,

            so ganz für mich allein,

            da spielt ich all meine Schmerzen

            und all meine Lust hinein.

 

            Denn ach, ihr lieben Leute,

            ihr wißt nicht, was geigen heißt,

            ihr habt wohl fleißige Finger,

            doch nicht den heiligen Geist.

 

            Ich höre die Welten singen,

            wenn er mein Haupt durchweht –

            doch ach, ich hab keine Geige,

            ich bin nur ein armer Poet.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

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               Zum II. Satz

         (andante con moto)

  von Beethovens Appassionata

 

    Oh siehe die Lande, sie liegen so stille

    und freun sich der sternigen Kühle entgegen,

    es rastet der Sonne gewaltiger Wille,

    und leiser wird alles Bewegen und Regen.

 

    Es baut sich die Nacht auf unzähligen Säulen

    des Lichtes empor über schlafenden Fluren,

    und langsam veratmen ihr Jauchzen und Heulen

    die träumenden Seelen der Kreaturen.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Ich und die Welt

 

 

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         DAS  GROSSE  LALULA

 

            Kroklokwafzi? SeMemeMi!

            Seiokrontro – prafriplo:

            Bifzi, bafzi; hulaleMi:

            quasti basti bo ...

            Lalu lalu lalu lalu la!

 

            Hontraruru miromente

            zasku zes rü rü?

            Entepente, leiolente

            klekwapufzi lü?

            Lalu lalu lalu lalu la!

 

            Simarar kos malzipempu

            silzuzankunkrei (;)!

            Marjomar dos: Quempu Lempu

            Siri Suri Sei []!

            Lalu lalu lalu lalu la!

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Galgenlieder

 

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                    BIM, BAM, BUM

 

            Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,

            als hätt er Vogelflügel,

            er fliegt in römischer Kirchentracht

            wohl über Tal und Hügel.

 

            Er sucht die Glockentönin BIM,

            die ihm vorausgeflogen;

            d.h. die Sache ist sehr schlimm,

            sie hat ihn nämlich betrogen.

 

            »O komm«, so ruft er, »komm, dein BAM

            erwartet dich voll Schmerzen.

            Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,

            dein BAM liebt dich von Herzen!«

 

            Doch BIM, daß ihr's nur alle wißt,

            hat sich dem BUM ergeben;

            der ist zwar auch ein guter Christ,

            allein das ist es eben.

 

            Der BAM fliegt weiter durch die Nacht

            wohl über Wald und Lichtung.

            Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,

            er fliegt in falscher Richtung.

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Galgenlieder

 

 

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                DIE  GERUCHS-ORGEL

 

    Palmström baut sich eine Geruchs-Orgel

    und spielt drauf v. Korfs Nießwurz-Sonate.

 

    Diese beginnt mit Alpenkräuter-Triolen

    und erfreut durch eine Akazien-Arie.

 

    Doch im Scherzo, plötzlich und unerwartet,

    zwischen Tuberosen und Eukalyptus,

 

    folgen die drei berühmten Nießwurz-Stellen,

    welche der Sonate den Namen geben.

 

    Palmström fällt bei diesen Ha-Cis-Synkopen

    jedesmal beinahe vom Sessel, während

 

    Korf daheim, am sichern Schreibtisch sitzend,

    Opus hinter Opus aufs Papier wirft ...

 

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Palmström

 

 

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          WALTER  VON  DER  VOGELWEIDE

 

    Ich mußte dir als reifer Mensch begegnen,

    um dich als köstlichen Gewinn zu segnen.

    O Walter, einem Lied wie »Unter der Linden«

    ist wohl in weiter Welt nichts gleich zu finden.

 

Christian Morgenstern (1871-1914)

Uit : Melencolia

 

 

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WER  SICH DIE MUSIEK ERKIEST

 

Wer sich die Musik erkiest,

Hat ein himmlisch Gut bekommen,

Denn ihr erster Ursprung ist

Von dem Himmel selbst genommen,

weil die Engel insgemein

Selbsten Musikanten sein.

 

Wenn einst in der letzten Zeit

Alle Ding' wie Rauch [verwehen],

Bleibet in der Ewigkeit

Doch die Musik noch bestehen,

Weil die Engel insgemein

Selbsten Musikanten sein.

 

Weil ihr erster Ursprung ist

Von dem Himmel selbst genommen;

Wer die Musik sich erkiest,

Hat ein himmlisch Gut bekommen.

 

Wer die Musik hier nicht acht',

Hat sein besten Trost verloren,

Denn ihr himmlisch Klingen macht

Unsre Herzen neu geboren.

 

Da Gott in der ersten Zeit

Sein Geschöpf zum Leben weckte

Und dem schwachen Menschenkind

Seine Hand entgegenstreckte,

Sangen alle Seraphim,

Klang Gesang der Cherubim;

 

Denn ihr himmlisch Singen macht

Unsre Herzen neu geboren;

Wer die Musik hier nicht acht',

Hat sein besten Trost verloren.

 

 

Eduard Mörike (1804-1875)

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Eduard_M%C3%B6rike

 

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AN  EINER ÄOLSHARFE

 

Angelehnt an die Efeuwand

Dieser alten Terrasse,

Du, einer luftgebor'nen Muse

Geheimnisvolles Saitenspiel,

Fang' an,

Fange wieder an

Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herüber,

Ach! von des Knaben,

Der mir so lieb war,

Frischgrünendem Hügel.

Und Frühlingsblüten [unterwegs]1 streifend,

Übersättigt mit Wohlgerüchen,

Wie süß, wie süß bedrängt ihr dies Herz!

Und säuselt her in die Saiten,

Angezogen von wohllautender Wehmut,

Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,

Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,

Wieder Wind heftiger herstößt,

Ein holder Schrei der Harfe

Wiederholt mir zu süßem Erschrecken

Meiner Seele plötzliche Regung,

Und hier, die volle Rose streut geschüttelt

All' ihre Blätter vor meine Füße!

 

Eduard Mörike (1804-1875)

 

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AN  PHILOMELE

 

Tonleiterähnlich steiget dein Klaggesang

Vollschwellend auf, wie wenn man Bouteillen füllt:

    Es steigt und steigt im Hals der Flasche -

        Sieh, und das liebliche Naß schäumt über.

 

O Sängerin, dir möcht ich ein Liedchen weihn,

Voll Lieb und Sehnsucht! aber ich stocke schon;

    Ach, mein unselig Gleichnis regt mir

        Plötzlich den Durst und mein Gaumen lechzet.

 

Verzeih! im Jägerschlößchen ist frisches Bier

Und Kegelabend heut: ich versprach es halb

    Dem Oberamtsgerichtsverweser,

        Auch dem Notar und dem Oberförster.

 

     Eduard Mörike (1804-1875)

 

***

 

AUF  EINEN  KLAVIERSPIELER

 

Hört ihn und seht sein dürftig Instrument!

Die alte, klepperdürre Mähre,

An der ihr jede Rippe zählen könnt,

Verwandelt sich im Griffe dieses Knaben

Zu einem Pferd von wilder, edler Art,

Das in Arabiens Glut geboren ward!

Es will nicht Zeug, noch Zügel haben,

Es bäumt den Leib, zeigt wiehernd seine Zähne,

Dann schüttelt sich die weiße Mähne,

Wie Schaum des Meers zum Himmel spritzt,

Bis ihm, besiegt von dem gelaßnen Reiter,

Im Aug die bittre Träne blitzt -

O horch! nun tanzt es sanft auf goldner Töne Leiter!

 

Eduard Mörike (1804-1875)

 

***

 

BEIM  WEINE

 

Gebt mir des Homeros Leier,

Aber ohne blutge Saiten!

Gebt den Becher, um gehörig

Nach dem Trinkgesetz zu mischen;

Daß ich trunken möge tanzen

Und, noch klug genug im Taumel,

Zu dem Barbiton ein Trinklied

Mit gewaltger Stimme singen.

Gebt mir des Homeros Leier,

Aber ohne blutge Saiten!

 

Eduard Mörike (1804-1875)

 

***

 

VERSCHIEDENER   KRIEG

 

Du singest Thebens Kriege,

Und jener Trojas Schlachten,

Ich meine Niederlagen.

Kein Reiterheer, kein Fußvolk

Schlägt mich, und keine Flotte.

Ein andres Heer bekriegt mich --

Aus jenem Augenpaare.

 

Eduard Mörike (1804-1875)

Uit : Anakreontische Lieder

 

 

***

 

                     AN  EINE  ÄOLSHARFE

 

                                Tu semper urges flebilibus modis

                                Mysten ademptum: nec tibi Vespero

                                Surgente decedunt amores,

                                Nec rapidum fugiente Solem.

                                                                                        Hor.

 

            Angelehnt an die Efeuwand

            Dieser alten Terrasse,

            Du, einer luftgebornen Muse

            Geheimnisvolles Saitenspiel,

            Fang an,

            Fange wieder an

            Deine melodische Klage!

 

            Ihr kommet, Winde, fern herüber,

            Ach, von des Knaben,

            Der mir so lieb war,

            Frisch grünendem Hügel.

            Und Frühlingsblüten unterweges streifend,

            Übersättigt mit Wohlgerüchen,

            Wie süß bedrängt ihr dies Herz!

            Und säuselt her in die Saiten,

            Angezogen von wohllautender Wehmut,

            Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,

            Und hinsterbend wieder.

             Aber auf einmal,

            Wie der Wind heftiger herstößt,

            Ein holder Schrei der Harfe

            Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,

            Meiner Seele plötzliche Regung;

            Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt,

            All ihre Blätter vor meine Füße!

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 

***

 

 

 

           AN  EINE  SÄNGERIN

 

Soll auf der Jungfrau Mund die begeisterte Rede verpönt sein,

    Ist euch des tiefern Gefühls volles Bekenntnis versagt:

O wie preis ich die Sängerin drum, die, unter der Muse

    Schutz, mir den lieblichen Grund ihres Gemütes enthüllt!

Niemand ärgert sich mehr, ja entzückt steht selbst der Philister,

    Fühlt, in des Schönen Gestalt, ewige Mächte sich nah.

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 

*** 

 

                              JOSEPH  HAYDN

 

Manchmal ist sein Humor altfränkisch, ein zierliches Zöpflein,

    Das, wie der Zauberer spielt, schalkhaft im Rücken ihm tanzt.

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 

***

 

          AUF  EINEN  KLAVIERSPIELER

 

    Hört ihn und seht sein dürftig Instrument!

    Die alte, klepperdürre Mähre,

    An der ihr jede Rippe zählen könnt,

    Verwandelt sich im Griffe dieses Knaben

    Zu einem Pferd von wilder, edler Art,

    Das in Arabiens Glut geboren ward!

    Es will nicht Zeug, noch Zügel haben,

    Es bäumt den Leib, zeigt wiehernd seine Zähne,

    Dann schüttelt sich die weiße Mähne,

    Wie Schaum des Meers zum Himmel spritzt,

    Bis ihm, besiegt von dem gelaßnen Reiter,

    Im Aug die bittre Träne blitzt –

    O horch! nun tanzt es sanft auf goldner Töne Leiter!

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 

*** 

 

                             SELTSAMER TRAUM

 

Als Nachbild eines glücklichen Theaterabends bei und nach Aufführung von Mozarts Figaro

 

Marien und Paulinen, Rudolph und Friedrich gewidmet von dem Lustigsten aus der Gesellschaft

 

Stuttgart, 1828

 

    Ich sahe nächtlich hinter Traumgardinen

    Viel Frühlingsgärten blühn und immer ändern;

    Es tanzten, klein, auf zierlichen Geländern

    An hundert Figaros mit Cherubinen.

 

    Wie alle Dinge hundertfach erschienen,

    So sah ich zwischen Masken, Blumen, Bändern,

    Und zwischen all den seidenen Gewändern

    Einfach die Einzigen, Marien, Paulinen.

 

    Und aus dem samtnen Frühlingsboden stiegen,

    Gehoben von melodischen Gewalten,

    Die Leidenschaften auf als ernste Schatten;

 

    Da sah ich, still, mit tief gefurchten Zügen,

    Einfach zwei edle bärtige Gestalten,

    Und ich sang, als Hanswurst, auf Blumenmatten.

 

 

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 

*** 

 

An Marie Mörike, geb. Seyffer

 

            Deines Tages reiche Fülle

            Ganz empfindest du sie erst,

            Wenn du in der nächtgen Stille

            Einsam dich zur Muse kehrst,

 

            Die zu vollen Himmelstönen

            Deine Lippen hat geweiht,

            Jede Freude zu verschönen

            Und zu klagen jedes Leid.

 

            Doch wie du den Freund entzücket,

            Perlend in der Töne Licht,

            Himmlischer fürwahr beglücket

            Dich die Muse selber nicht.

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 

*** 

 

L. Richters Kinder-Symphonie als Hochzeitsgeschenk

 

            für Marie Hocheisen, geb. v. Breitschwert

 

(Ein nicht genug bekanntes Kunstblatt des vortrefflichen Meisters; Lithographie mit leichter Färbung, Querfolio. – Eine Anzahl Kinder, mehr ländlich als städtisch, in Werktagskleidung, hat sich dicht bei der Stadt am halbverfallenen Zwinger versammelt, wo sie, ganz unter sich, Musik machen. Mit Ausnahme eines ältern Knaben, der eine wirkliche Geige spielt, hat jedes nur ein Kinderspielzeug, oder ein zufällig gefundenes Surrogat für das betreffende Instrument, einen Trichter, eine Gießkanne und dergleichen in Händen. Der Violinist und ein zweiter Knabe, sowie das älteste Mädchen, welches mit letzterem zusammen singt, haben den edelsten musikalischen Ausdruck auf dem Gesicht. Unmittelbar hinter der Versammlung ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt und bildet eine Art von künstlerischer Draperie. – Die nicht genannte Stadt ist Biberach, woselbst der Vater des Bräutigams als erster Geistlicher lebt.)

 

    Hier, Liebwerteste, seht ihr einen kleinen

    Dilettantenverein, ungleich an Kräften,

     Und teilweise versehn mit Tonwerkzeugen,

    Die dem Hörenden bange machen könnten.

 

    Ein symphonisches Stück mit Singpartieen

    Gilt's, und zwar noch der ersten Proben eine.

    Vom andächtigen Klarinett herunter

    Bis zum Rätschchen und Vater Haydns Kuckuck

    Tut ein jedes nach seinem Kunstvermögen.

    Baßposaune, Trompete lasten sichtlich

    Auf der schmelzenden Bratsche; offenbar auch

    Kommt die Sängerin schon nicht mehr zum Worte;

    Doch nichts bringt den Direktor aus der Fassung.

 

    Sagt, und wären euch denn die guten Kinder

    Völlig fremd? es entdeckte wirklich niemand

    Ein bekanntes Gesichtchen hier? – Nun also

    Wißt: Landsleute sind's unsres vielgeehrten

    Bräutigams! – wie ich näher gleich erkläre.

 

    Denn ich selber, mit einem Dresdner Freunde,

    Der verwichenen Herbst sich gern, als Maler,

    Unser Schwaben einmal beschauen wollte,

    War zufälliger Zeuge dieser Szene,

    Als wir beide, von Friedrichshafen kommend,

    Vor dem Städtchen im Rißtal, das ihr kennet,

    In Erwartung des Vier-Uhr-Zuges müßig

    Hin und her um die alten Mauern strichen.

     Leider waren des Herrn Dekans Hochwürden

    Damals eben verreist, er hätte sonst wohl

    Uns im kühligen Haus bei sich ein Fäßlein

    Angestochen des edlen Kraftgebräudes,

    Das sein heimatlich Ulm ihm zollt alljährlich.

 

    Nun, beim äußersten Häuschen an der hintern

    Grabenmauer ist gar ein stiller Winkel.

    Eine Witwe, des Kantors selig, wohnt dort

    Mit drei Kindern. Der eine Sohn ererbte

    Seines Vaters geliebte Geige, aber

    Alle dreie von seinen Gaben etwas.

 

    Unvollständig noch, als wir kamen, lärmte,

    Sang und pfiff das Orchester durcheinander:

    Für die Fehlenden spielte die gesamte

    Junge Nachbarschaft mit, und nicht nach Noten.

    Doch verstummend auf unsern Wink mit einmal

    Wich das wirre Getös dem hellen Goldklang

    Einer himmlischen Mädchenstimme, wie wenn

    Nachts aus krausem Gewölk des Mondes Klarheit

    Tritt, ein Weilchen die reine Bahn behauptend.

    Aber nimmer beschreib ich dieser Kehle

    Herzgewinnenden Ton, noch jenes Lächeln,

    Das verschämt um die frischen Lippen schwebte,

    Noch den wonnigen Ernst, mit dem der Geiger

    Ihr zunächst sie begleitete, der Bruder;

     Neigend beide das Haupt nach einer Seite,

    Wie zwei Wipfel, geneigt von einem Hauche,

    Seelenvoll dem beseelten Zuge folgend.

    – Und was sang sie? Die Worte ließen unschwer

    Einen bräutlichen Festgesang erkennen.

    Doch mir fiel nicht von weitem ein zu fragen,

    Ob dergleichen denn wirklich wo im Werk sei?

    Und wir hatten auch nicht lang Zeit: denn während

    Wir in herzlicher Rührung horchend standen –

    Ludwig Richter und ich und ein vergnügter

    Ulmer Spatz, mit noch andern wackern Tierchen –

    Scholl die höllische Pfeife her vom Bahnhof.

    Rasch nur küßt ich das süße Kind (Freund Richter,

    Immer praktischer, zog den Beutel, das ich

    Traun im Taumel beinah vergessen hätte) –

    Und so rannten wir fort, und Stuttgart zu ging's.

 

    Kaum nach Hause gelangt vernahm ich staunend,

    O Marie, was sich mit dir begeben.

    Holde, liebliche Botschaft, deren Wohllaut

    Mir weissagend das Ohr voraus berührte!

    »Heil!« so klingt es aus Kindermund noch helle

    Mir im Sinn, und in ihrem Namen ruf ich

    Heil, o Freundliche, dir und deinem Liebsten!

    – Zwar sie hofften, so hör ich, hier im Saale

    Heut, sonntäglich geputzt, mit Bändern und mit

    Blumensträußen, geführt vom Herrn Provisor,

     Ihre Sache vor euch zu produzieren.

    Doch das sollte nicht sein, man fand den Einfall

    Doch am Ende zu kühn, die Fahrt kostspielig.

 

    Laßt euch denn, als Ersatz aus Richters Mappe,

    Diese stille Musik hier auch gefallen –

    Eine Probe nur freilich, aber war nicht

    Stets den Liebenden selber ihres Glückes

    Vorbereitung so süß wie die Erfüllung?

 

 

Eduard  Mörike (1804-1875)

Uit : Gedichte (1867)

 *** 

 

       SPIEL  NUR, LUSTIGER MUSIKANTE

 

            Spiel nur, lustiger Musikante,

            spielst du auch verkehrt.

            Wer sein bißchen Glück nicht bannte,

            war sein Glück nicht wert.

 

            Streiche nur den Fiedelbogen

            über deinen Baß.

            Wem sein bißchen Glück verflogen,

            merkt, daß er's besaß.

 

            Fiedle, daß die Saiten springen

            samt dem Instrument.

            Glück läßt sich nicht wiederbringen,

            wenn's von dannen rennt.

 

Erich Mühsam (1878-1934)

Uit : Sammlung 1898-1928

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Eduard_M%C3%BChsam

 

 

*** 

 

 

           AUF  DIE  LEIER  DES ORPHEUS

 

Unter Sonnen glänz' ich – o gelber Neid, warum grollst du?

Alles beschattende Nacht leiht mir nur grelleren Schein.

 

Friedrich Müller (1749-1825)

Uit : Gedichte

 

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Friedrich_M%C3%BCller

 

 

*** 

 

 

       DER  PRAGER  MUSIKANT

 

        Mit der Fiedel auf dem Rücken,

        Mit dem Kappel in der Hand,

        Ziehn wir Prager Musikanten

        Durch das weite Christenland.

 

            Unser Schutzpatron im Himmel

        Heißt der heil'ge Nepomuk,

        Steht mit seinem Sternenkränzel

        Mitten auf der Prager Bruck.

 

            Als ich da hinausgewandert,

        Hab' ich Reverenz gemacht,

        Ein Gebet ihm aus dem Kopfe

        Recht bedächtig hergesagt.

 

            Steht also in keinem Büchel,

        Wie man's auf dem Herzen hat:

        Wanderschaft mit leerem Beutel,

        Und ein Schätzel in der Stadt.

 

            Wenn das Mädel singen könnte,

        Wär's gezogen mit hinaus,

        Doch es hat 'ne heisre Kehle,

        Darum ließ ich es zu Haus.

             Ei, da gab es nasse Augen,

        'S war mir selbst nicht einerlei:

        Sprach ich: 'S ist ja nicht für ewig,

        Schönstes Nannerl, laß mich frei!

 

            Und ich schlüpft' aus ihren Armen,

        Aus der Kammer, aus dem Haus,

        Konnt' nicht wieder rückwärts schauen,

        Bis ich war zur Stadt hinaus.

 

            Da hab' ich dies Lied gesungen,

        Hab' die Fiedel zu gespielt,

        Bis ich in den Morgenlüften

        Auf der Brust mich leicht gefühlt.

 

            Manches Vöglein hat's vernommen:

        Flög' nur eins an Liebchens Ohr,

        Säng' ihr, wenn sie weinen wollte,

        Dieses frische Liedel vor!

 

            Wenn ich aus der Fremde komme,

        Spiel' ich auf aus anderm Ton,

        Abends unter ihrem Fenster:

        Schätzel, Schätzel, schläfst du schon?

 

            Hoch geschwenkt den vollen Beutel,

         Das giebt eine Musika!

        'S Fenster klirrt, es rauscht der Laden,

        Heilige Cäcilia!

 

            All' ihr Prager Musikanten,

        Auf, heraus mit Horn und Baß,

        Spielt den schönsten Hochzeitreigen!

        Morgen leeren wir ein Faß.

 

Wilhelm Müller (1794-1827)

Uit : Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten 1

 

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_M%C3%BCller

 

 

*** 

 

 

                             DISHARMONIE

 

Erzähl' dein Glück dem Unglück nicht, dein Unglück nicht dem Glück!

Hier klingt dir Leid auf deine Lust, dort Lust auf Leid zurück.

 

Wilhelm Müller (1794-1827)

Uit : Lyrische Reisen und epigrammatische Spaziergänge

 

 

*** 

 

 

              DIE  ZERBROCHENE  LEIER

 

Ich schlug zu Stücken meine Leier, ergrimmt auf diese tolle Welt.

Doch bald empfand ich lange Weile, und eine neue ward bestellt.

Indessen klimpr' ich auf der Saite, die an der alte hängen blieb:

So lange nehmt, geneigte Leser, mit kleinen Reimen auch vorlieb.

Wilhelm Müller (1794-1827)

Uit : Lyrische Reisen und epigrammatische Spaziergänge

 

 

*** 

 

 

                  DIE  LETZTE  NOTE

 

                    Nun ist die letzte Note

                    vom alten Lied gesungen,

                    an der verstaubten Harfe

                    die letzte Saite ist gesprungen.

 

                    Kaum rührt ein Hauch die Lüfte

                    mit leisem tönenden Beben,

                    wenn über die toten Saiten

                    hinflattern die Spinneweben . . .

 

 

Clara Müller-Jahnke (1860-1905)

Uit : Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Clara_M%C3%BCller-Jahnke

 

 

*** 

 

 

                        DIE  EINE  SAITE

 

    Und wieder spielt der Abend auf den Wogen

    in seiner herbstlich sonnenroten Pracht.

    Auf goldner Straße kommt dahergezogen

    die stille Sehnsucht, die so selig macht.

        In lila Purpurdämmrung träumt der Strand.

 

    Ein lauer Wind aus rosenroter Weite:

    und mir im Herzen tönt die eine Saite, –

        – die du gespannt.

 

Clara Müller-Jahnke (1860-1905)

Uit : Gedichte

 

 

*** 

 

 

 

 

Die mit der himmlischen verwechselte Welt-Music/ Bey beerdigung Frauen von Rehdigern fürgestellet 1689

 

B.N.

 

    Nachdem des glückes ball/ der liebe gauckel-spiel/

Princeßin Anna/ ward aus Engelland vertrieben/

Weil könig Heinrich nicht ihr wesen konte lieben/

    Und seiner alten haut ihr marmel mißgefiel;

Riß das betrübte kind den wechsel ihres orden/

    Der ihr vor sonnenschein nun drachen-blicke gab/

    Vor grosser hertzens-angst in einer lauten ab/

Mit dieser überschrifft: Sie ist zu thränen worden.

 

    Wer heute noch den thon der sterbligkeit erreicht/

Wird wie taranteln auch leicht in den adern fühlen/

Daß unser gantzes thun nur süssen saiten-spielen/

    Und unser glücke sich mit schwachen lauten gleicht.

Denn wenn die saiten offt am allerhellsten klingen/

    So wird das gantze spiel durch einen bruch verrückt;

    So/ wenn den sterblichen der freuden anfang glückt/

Muß offt das ende nichts als schwere thränen bringen.

Wir fangen schon die lust in kinder-röcken an/

Und wissen weder maaß noch grentzen auszusetzen;

Wenn bald ein apffel uns/ bald zucker mehr ergetzen/

    Als affen honigseim im hunger trösten kan.

Die erste stimmung sind die lustigen geberden/

    Das lachen aber ist das wahre saiten-spiel;

    Doch wenn die mutter uns das gringste nehmen will/

So sieht man spiel und lust zu saltz und thränen werden.

 

    Mit zeit und alter wächst auch die ergetzligkeit/

Wie farben mit der frucht und schatten mit den zweigen/

Der läst sein hochmuths-lied biß an die wolcken steigen/

    Ein ander wird durch gold- und silber-klang erfreut;

Doch/ weil man ohne tact das beste lied verderben/

    Mit vielem klange nur die ohren schwächen kan;

    Was wunder ist es denn/ daß aberwitz und wahn/

Nach unterbrochner lust/ auch saure thränen erben?

 

    Die schönste stimmung ist/ die nach der liebe klingt/

Was aber muß auch hier vor lange zeit verschwinden/

 

 

Eh man den rechten thon der hertzen lernt ergründen/

    Und alle regungen in reine noten bringt?

Ja wenn auch mann und weib wie der magnet mit norden/

    In ihrer liebe gleich/ und beyde stimmig seyn:

    So stellt der blasse tod das gantze spielen ein/

Und schreibt auff ihre lust: sie ist zu thränen worden.

 

    Mein Herr/ sein liebster schatz/ der auff der bahre liegt/

Und stets mit seiner brust ein gleicher thon gewesen/

Läst hier die sichre welt am allerbesten lesen/

    Was lieb und lauten-spiel vor harte brüche kriegt.

Ihr hertze wolte gleich mit neuer stimme fliessen/

    Und durch ein süsses pfand sein glücke recht erhöhn/

    So heist der himmel sie im spielen stille stehn/

Und ihn sein liebes-lied mit heissen thränen schliessen.

 

    Was flößt/ betrübter/ wohl mehr gall und wermuth ein?

Was aber kan uns auch mehr licht und anlaß geben/

Wie man auff erden schon zum himmel sich erheben/

    Und unsre seele soll der engel lustspiel seyn?

Denn was hier weltlich klingt/ muß wie die welt verderben; Wer aber hertz und brust nach Gottes wesen stimmt/

    Der kan/ wenn alles gleich in saltze fast zerschwimmt/

Bey seinem spielen doch noch ohne thränen sterben.

 

    Und dieses eben hat die selige bedacht;

Wenn sie/ wie Memnons bild die stimme von der sonnen/

Der freuden hellen thon von Gottes licht gewonnen/

    Und ihm als nachtigall ein täglich opffer bracht:

Wenn sie/ wie Augustin/ die augen ihr verbunden/

    Die geile hinderniß der erden abgeschafft/

    Und aus der andacht offt mehr honig-reiche krafft/

Als ein verliebtes ohr aus harffen-klang empfunden.

 

    Der abgesagte feind der frommen unter-welt/

Floh ihren schwan-gesang wie crocodile flöten/

Den eyfer wuste sie mit schöner art zu tödten/

    Der wollust süsser thon hat nie ihr hertz gefällt.

Drum tritt sie voller glantz nun in den himmels-orden/

    Da sie der engel hand mit neuer lust erfreut/

    Und auff das bittre saltz der alten traurigkeit/

Die göldnen worte schreibt: Sie ist zu zucker worden.

 

    Ists so/ betrübtester/ so weint er ohne recht;

Denn kont' ihr liebes-klang auff erden ihn ergetzen/

 

Wie kan ihr wechsel ihn denn itzt in trauren setzen/

    Da Gott nur seine lust zu ihrem nutzen schwächt?

Ein Christ muß schmertz und leid wie dornen lernen fühlen/

    Mehr auff der rosen werth als ihre stachel sehn/

    Und dencken/ daß kein weh denselben kan geschehn/

Die durch die thränen sich hier in den himmel spielen.

 

 

Benjamin Neukirch (1665-1729)

Uit : Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Neukirch

 

 

*** 

 

 

                       VENEDIG

 

An der Brücke stand

jüngst ich in brauner Nacht.

Fernher kam Gesang;

goldener Tropfen quoll's

über die zitternde Fläche weg.

Gondeln, Lichter, Musik -

trunken schwamm's in die Dämmrung hinaus ...

 

Meine Seele, ein Saitenspiel,

sang sich, unsichtbar berührt,

heimlich ein Gondellied dazu,

zitternd vor bunter Seligkeit.

- Hörte ihr jemand zu?

 

Friedrich Wilhelm Nietzsche  (1844-1900)

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Nietzsche

 

 

***

 

 

                 AN RICHARD WAGNER

 

1855

 

    Von einer neuen Oper sprach man lang,

    Voll rauschender Musik und holdem Sang,

    Die Deinen Namen uns verkündet;

    Und alles Neue lockte mich herbei

    Wenn eines deutschen Namens Weih'

    Sich deutschem Werk verbündet

 

    In Dresdens Opernhause weilt ich nun:

    »Rienzi« hieß die Oper, »Roms Tribun«.

    Mit vollen, feierlichen Klängen

    Begann sie, da Dein kleiner Zauberstab

    Das erste Zeichen dem Orchester gab,

    Daß Tön' an Töne drängen.

 

    Erschüttert lauscht das dichtgefüllte Haus

    Wagt kaum zu atmen in dem Tongebraus,

    Ruft beifallstürmend in die Scene,

    Und immer neu bricht sich Begeistrung Bahn,

    Ruft bald »Rienzi« und bald »Adrian«,

    »Colonna und Irene«!

 

    Todtbleich und bebend fand ich mich am Schluß –

    Eins wußt ich nur: Es war ein Genius,

 

    Du einsam weilst im fernen, fremden Land

    Dein Stern kann nicht erbleichen.

    Mit Donnertönen dringt Dein Name weit

    Er glänzt in sieggewohnter Herrlichkeit

    Als unser Bundeszeichen.

 

    Dir winkt der Tempel der Unsterblichkeit,

    Die jeden Genius der Zukunft weiht,

    Der seinem Volk vorangegangen.

    Es folgt Dir nach zum Reich, das Du erschaut,

    Der Zukunft Kunstwerk wird einst hoch erbaut

    Und Dir geweihet prangen.

 

Louise Otto (1819-1895)

Uit : Mein Lebensgang

 

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Louise_Otto-Peters

 

 

***

TÖNE

 

Worte hab ich nicht, um dir zu sagen,

Was für dich im tiefsten Herzen glüht,

Worte find'ich nicht, um dir zu klagen,

Wie der Sehnsucht Weh die Brust durchzieht.

 

Höre denn der Saiten leises Flehen,

Höre denn der Töne mächt'gen Klang,

Liebe flüsternd wie des Zephyrs Wehen,

Brausend wie der Strom in wildem Drang.

 

Nah'n sie dir auf ihren Geisterschwingen,

Und du lauschest meinen Boten nicht,

Mögen sie verrauschen und verklingen,

Wie mein Herz in stiller Wehmut bricht.

 

R. Otto

 

*** 

 

 

Ein himmlisch Saitenspiel dünkt mir das Herz des Frommen,

Von Gott allein berührt, von Engeln nur vernommen.

 

Betty Paoli (1814-1894)

Uit : Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Betty_Paoli

 *** 

 

Schalle nur, du muntre Flöte

da die holde morgenröte

noch mit tausend Farben spielt,

Und diss blökende getümmel,

unter aufgeklärtem Himmel,

im betauten Grase wül't;

da sich, aus belaubten Büschen,

der vergnügten Vögel Schall

und ein sanfter Wiederhall

in der stillen Luft vermischen!

 

Schalle, sanftes Rohr! und sage:

Phillis kömmt an diesem Tage

Auf des Tirsis weide hin,

Phillis, die mein Herze liebet,

Phillis, die sich mir ergiebet,

Phillis, meine Schäferin.

Suche Phillis zu gefallen,

Meiner Flöten lauter Ton!

Wald und Hügel lernet schon

Selbst von meiner Phillis lallen.

 

Anoniem

 

 

***

 

[Klag', o meine Flöte! klage!]

Die entschwundnen schönen Tage

Und des Frühlings schnelle Flucht,

Hier auf den verwelkten Fluren,

Wo mein Geist umsonst die Spuren

Süß gewohnter Freuden sucht.

 

Klag', o meine Flöte! klage!

Einsam rufest du dem Tage,

Der dem Schmerz zu spät erwacht.

Einsam schallen meine Lieder;

Nur das Echo hallt sie wieder

Durch die Schatten stiller Nacht.

 

Klag', o meine Flöte! klage!

Die entflohnen schönen Tage,

Wo ein Herz, das mir nur schlug,

Deinen sanften Liedern lauschte,

Zürnend, wenn ein Zephyr rauschte,

Und den kleinsten Laut vertrug.

 

Klag', o meine Flöte! klage!

Nimmer kehren diese Tage!

Ungerührt hört Delia

Meiner Lieder banges Sehnen,

Sie, die ich bei deinen Tönen

Oft in Lust verloren sah!

 

Klag', o meine Flöte! klage!

Kürzt den Faden meiner Tage

Bald der strengen Parze Stahl;

[Klage dann]  auf Lethe's Matten

Irgend einem guten Schatten

Meine Lieb' und meine Qual!

 

Karoline Pichler (1769-1843)

Uit : Idyllen

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Karoline_Pichler

 

*** 

 

            Könnt ich spielen eine Laute,

            Wüßt ich, wem ich mich vertraute:

            Vor dein Fenster würd ich treten,

            Könnt ich blasen auf der Flaute;

            Worte scheinen mir so nüchtern,

            Daß mir oft vor ihnen graute!

            Worte hört man nicht von ferne

            Wie die süßen Flötenlaute;

            Dennoch soll die Welt erfahren,

            Was ich Holdes an dir schaute:

            Schwarzes Auge! Goldne Locken!

            Üpp'ge Glieder, schöngebaute!

            Nach dem Vließe deiner Locken

            Fährt mein Herz als Argonaute.

 

August  von Platen (1796-1835)

Uit : Gedichte (1834)

 

http://en.wikipedia.org/wiki/August_von_Platen-Hallerm%C3%BCnde

 

 

*** 

 

ÜBUNG  AM  KLAVIER

 

Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;

sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid

und legte in die triftige Etüde

die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

 

die kommen konnte: morgen, heute abend -,

die vielleicht da war, die man nur verbarg;

und vor den Fenstern, hoch und alles habend,

empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

 

Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte

die Hände; wünschte sich ein langes Buch -

und schob auf einmal den Jasmingeruch

erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Uit : Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Rainer_Maria_Rilke

*** 

 

              THEATER   UND  DICHTKUNST

 

 

 

Ehmals wollt ich in Hast ausmisten den Stall des Augeias;

    Aber es trat Hermes, während ich keuchte, zu mir:

Nimm hier, sagte der Gott, die unsterblichen Saiten des Orpheus;

    Jedes Bemühns unwert ist der verpestete Stall.

 

August  von Platen (1796-1835)

Uit : Gedichte (1834)

 

*** 

 

                                       MUSIK 

 

    Was spielst du, Knabe? Durch die Gärten gings

    wie viele Schritte, flüsternde Befehle.

    Was spielst du, Knabe? Siehe deine Seele

    verfing sich in den Stäben der Syrinx.

 

    Was lockst du sie? Der Klang ist wie ein Kerker,

    darin sie sich versäumt und sich versehnt;

    stark ist dein Leben, doch dein Lied ist stärker,

    an deine Sehnsucht schluchzend angelehnt. –

 

    Gieb ihr ein Schweigen, daß die Seele leise

    heimkehre in das Flutende und Viele,

    darin sie lebte, wachsend, weit und weise,

    eh du sie zwangst in deine zarten Spiele.

 

    Wie sie schon matter mit den Flügeln schlägt:

    so wirst du, Träumer, ihren Flug vergeuden,

    daß ihre Schwinge, vom Gesang zersägt,

    sie nicht mehr über meine Mauern trägt,

    wenn ich sie rufen werde zu den Freuden.

 

 

Rainer  Maria Rilke (1875-1926)

Uit : Das Buch der Bilder

 

*** 

 

 

                  AN  DIE  MUSIK

 

Musik: Atem der Statuen. Vielleicht:

Stille der Bilder. Du Sprache wo Sprachen

enden. Du Zeit

die senkrecht steht auf der Richtung

vergehender Herzen.

 

Gefühle zu wem? O du der Gefühle

Wandlung in was? -- in hörbare Landschaft.

Du Fremde: Musik. Du uns entwachsener

Herzraum. Innigstes unser,

das, uns übersteigend, hinausdrängt, --

heiliger Abschied:

da uns das Innre umsteht

als geübteste Ferne, als andre

Seite der Luft:

rein,

riesig

nicht mehr bewohnbar.

 

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 

 

*** 

 

 

               DAVID  SINGT  VOR  SAUL

 

1.

 

            König, hörst du, wie mein Saitenspiel

            Fernen wirft, durch die wir uns bewegen:

            Sterne treiben uns verwirrt entgegen,

            und wir fallen endlich wie ein Regen,

            und es blüht, wo dieser Regen fiel.

 

            Mädchen blühen, die du noch erkannt,

            die jetzt Frauen sind und mich verführen;

            den Geruch der Jungfraun kannst du spüren,

            und die Knaben stehen, angespannt

            schlank und atmend, an verschwiegnen Türen.

 

            Daß mein Klang dir alles wiederbrächte.

            Aber trunken taumelt mein Getön:

            Deine Nächte, König, deine Nächte –,

            und wie waren, die dein Schaffen schwächte,

            o wie waren alle Leiber schön.

 

            Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,

            weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten

            greif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn? –

 

 

 

2.

 

            König, der du alles dieses hattest

            und der du mit lauter Leben mich

            überwältigest und überschattest:

            komm aus deinem Throne und zerbrich

            meine Harfe, die du so ermattest.

 

            Sie ist wie ein abgenommner Baum:

            durch die Zweige, die dir Frucht getragen,

            schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen

            welche kommen –, und ich kenn sie kaum.

 

            Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;

            sieh dir diese Knabenhand da an:

            glaubst du, König, daß sie die Oktaven

            eines Leibes noch nicht greifen kann?

 

 

3.

 

            König, birgst du dich in Finsternissen,

            und ich hab dich doch in der Gewalt.

            Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,

            und der Raum wird um uns beide kalt.

            Mein verwaistes Herz und dein verworrnes

            hängen in den Wolken deines Zornes,

            wütend ineinander eingebissen

            und zu einem einzigen verkrallt.

 

            Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?

            König, König, das Gewicht wird Geist.

            Wenn wir uns nur aneinander halten,

            du am Jungen, König, ich am Alten,

            sind wir fast wie ein Gestirn das kreist.

 

Rainer  Maria Rilke (1875-1926)

Uit : Neue Gedichte

 

 

*** 

 

 

                ÜBUNG AM  KLAVIER

 

    Der Sommer summt. Der Nachmittag macht müde;

    sie atmete verwirrt ihr frisches Kleid

    und legte in die triftige Etüde

    die Ungeduld nach einer Wirklichkeit,

 

    die kommen konnte: morgen, heute abend –,

    die vielleicht da war, die man nur verbarg;

    und vor den Fenstern, hoch und alles habend,

    empfand sie plötzlich den verwöhnten Park.

 

    Da brach sie ab; schaute hinaus, verschränkte

    die Hände; wünschte sich ein langes Buch –

    und schob auf einmal den Jasmingeruch

    erzürnt zurück. Sie fand, daß er sie kränkte.

 

 

 

 

 

 

Rainer  Maria Rilke (1875-1926)

Uit : Der neuen Gedichte anderer Teil

 

 

*** 

 

 

            Frau Teemaschine sang auf dem Feuer.

            Der Beifall war ganz ungeheuer.

            Ja, ihre Base Petroleumkanne

            War von dem Liede ganz gefangen.

            Ihr rannen die Tränen über die Wangen

            Und tropften gerade in eine Pfanne,

            In der ein Schweinebraten briet,

            Der ausgezeichnet dann geriet.

            War auch Petroleum drauf geflossen,

            Er wurde trotzdem doch genossen.

            Sein Herr war mit dem Koch zufrieden.

 

            (Besagter Herr war ein Kosak;

            Sein Leibgericht war Siegellack.)

 

            Ja, die Geschmäcker sind verschieden.

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Uit : Die Schnupftabaksdose

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Ringelnatz

 

*** 

 

                      DER  SÄNGER

 

            Vor dem Debut soupierend saß,

            Bei einer Frau, der Sänger.

            Sie staunte über seinen Fraß

            Und wurde immer länger.

 

            Der Sänger auf die Bühne trat,

            Schlicht, ohne sich zu rühmen.

            Ein Hauch von Bier und Fleischsalat

            Verlor sich in Parfümen.

 

            Der Sänger sang das hohe C.

            Der Beifall wuchs und tobte.

            Die Dame in der Loge B

            Stand auf und garderobte.

 

            Der Sänger stürzte aus dem Haus

            In den verschneiten Garten.

            Die Dame folgte, einen Strauß

            Auspackend, voll Erwarten.

 

            Der Sänger lüpfte seinen Frack

            Und duckte sich im Garten.

            Es klang wie »Schlacht am Skagerrak«.

            Die Dame mußte warten.

 

             Vom langen Stehn im nassen Schnee

            Holt man sich Rheumatismus. –

            Der Sänger mit dem hohen C

            Kennt seinen Mechanismus.

 

 

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Uit : Flugzeuggedanken

 

 

*** 

                           WIEDERHALL

 

            Vernähmest du die Melodie,

            Wie sie mir durch die Seele klingt,

            Eh' sie dem Worte Flügel lieh

            Als Lied zu flattern leicht beschwingt:

            Dann in dem leisen Traumgesang

            Der ungesungnen Lieder all

            Verstehend grüßte dich der Klang

            Als deiner Worte Wiederhall.

 

            Zog erst das arme Lied hinaus,

            Dann sucht es lange durch die Welt

            Nach jenem Klang im Heimathhaus,

            Der einst so süß sich ihm gesellt.

            Nur wenn es pocht an deine Brust,

            Die einst die Schwingen ihm verlieh,

            Dann findet es die ganze Lust

            Der alten Heimathmelodie.

 

Otto Roquette (1824-1896)

Uit : Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Roquette

 

 

*** 

 

 

 

     Die du mir, Glocke, zuträgst deine Klänge,

Warum denn hast du in des Sommers Schimmer

Bei mir dich hier vernehmen lassen nimmer

Und thust im Winter jetzt so weite Gänge?

 

    »Im Sommer war vom Turme, wo ich hänge,

Bis hieher, wo du wohnst im stillen Zimmer,

Aus Gass' und Straßen solch ein Leben immer,

Daß ich nicht kommen konnte durchs Gedränge.

 

    Blumen und Gräser waren lauter Ohren,

An Strauch und Bäumen lauschten alle Sprossen,

Und alle Felsen horchten auch, die schroffen.

 

    Da ging mein Reden unterwegs verloren;

Jetzt sind die Ohren draußen all' geschlossen,

Nur deins hier steht der Lieb' auch ewig offen.«

 

Friedrich Rückert (1788-1866)

Uit : Lyrische Gedichte

 

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Friedrich_R%C3%BCckert

 

 

*** 

 

 

 

                          DRAHTKLÄNGE

 

        Ihr dunklen Drähte, hingezogen

            So weit mein Aug' zur Ferne schweift,

        Wie tönt ihr, wenn der Lüfte Wogen

            In euch so wie in Saiten greift!

 

        O welch' ein seltsam leises Klingen,

            Durchzuckt von schrillem Klagelaut,

        Als hallte nach, was eu'ren Schwingen

            Zu raschem Flug ward anvertraut.

 

        Als zitterten in euch die Schmerzen,

            Als zitterte in euch die Lust,

        Die ihr aus Millionen Herzen,

            Verkündend, tragt von Brust zu Brust.

 

        Und so, ihr wundersamen Saiten,

            Wenn euch des Windes Hauch befällt,

        Ertönt ihr in die stillen Weiten

            Als Aeolsharfe dieser Welt!

 

 

Ferdinand von Saar (1833-1906)

Uit : Gedichte

 

 

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Saar

 

 

 

 

***

 

 

 

 

          DIE  SINGENDEN  MÄDCHEN

 

            Frühling war's. Im Abendschatten

                Ging ich durch das stille Thal –

            Da, vor mir auf grünen Matten,

                Tönt es sanft mit einem Mal.

 

            Näher kam ich; zwei Gestalten

                Saßen ruhig, Hand in Hand;

            Mädchen, wie bei Tag sie walten

                Auf durchfurchtem Ackerland.

 

            Braun im Antlitz trugen Beide

                Spuren von der Sonne Kuß,

            Unter dem zerschliss'nen Kleide

                Sah hervor der nackte Fuß.

 

            Aber schön das Haupt erhoben,

                Holden Einklang in der Brust,

            Zu den ersten Sternen droben,

                Sangen sie wie unbewußt.

 

            Sangen sie die alte Weise

                Von der Liebe Lust und Leid,

            Achtlos, nur sich selbst zum Preise,

                Durch die weite Einsamkeit. –            

           Seid getrost, ihr Dichterseelen,

                Dacht' ich im Vorübergang,

            Hört ihr noch aus solchen Kehlen

                Solchen tief empfund'nen Klang!

 

Ferdinand von Saar (1833-1906)

Uit : Gedichte 

 

Ein schone schulkunst,

was ein singer sol singen

 

In dem langen ton Wolframs.

 

13. mai 1515.

 

1.

        Mein herz das mag nit rue han,

        darum so wil ich heben an,

        zu singen hie auf diesem plan,

        wiewol ich nit kan iederman

        singen und das im freude geit;

        es ist mir leit,

        seit ichs nit kan volbringen,

        Das doch zimt einem singer frei,

        das er sol künnen mancherlei

        auf das, wu er bei leuten sei,

        das er mit süßer melodei

        den leuten sing, was man beger;

        so ers gewer,

        der mag mit preis gelingen.

        Mancher der tut das selbig nicht

        und singt allein aus musica der kunste,

        darmit er sich herfüre bricht,

        und ist doch solch materi gar umsunste,

        wan der zehent sein nit verstat;

        seins gesangs kein genad man hat,

         gespöttes man ob im nit lat;

        darum so wer der beste rat:

        ein singer ließ sein kunst mit ru,

        bis er kum zu

        wu meistersinger singen.

 

2.

        Bei den sing er von meisterschaft

        und von der siben kunsten kraft;

        ist er mit rechter kunst behaft,

        so bleibt er von in ungestraft;

        bei andren leuten zimet bas

        zu singen das,

        was ich hernach wil sagen.

        Des nem ein ieder singer war,

        wo er ist bei der glerten schar,

        so sing er von der gotheit klar

        und von der meit, die got gebar,

        und aus der heiligen geschrift,

        was sie antrift;

        gift sol er nit zutragen.

        Wo er ist bei dem adel gut,

        so sing er nit von solchem disputiren,

        sunder sing in aus freiem mut

        von rennen, stechen, kempfen und turniren,

        von fechten, ringen, springen vil,

        von jagen, baisen, wie man wil,

 

         von solchem ritterlichen spil

        manche historia subtil;

        kan er das meisterlichen, do

        sein herz wirt fro,

        so er tut preis erjagen.

 

3.

        Weiter gib ich dem singer ler,

        wan er bei schonen frauen wer,

        der sing von scham, zucht unde er

        sein lob wirt im gepreiset mer.

        den bauren sing er von dem pflug,

        das ist ir fug,

        klug, was zu felt geschichte;

        Auch von der lichten sumerzeit.

        den kriegsleuten sei er bereit

        zu singen von stürmen und streit;

        den kaufleuten von landen weit,

        von merk und steten ane zal,

        von berg und tal;

        alles lob man im jichte.

        Dem trinker sing von gutem wein;

        dem spiler sing von würfel und von karten,

        des mag sein herz wol frölich sein;

        dem buler sing von schönen frauen zarten.

        also hab ich ein klein erzelt,

        wie sich ein singer halten selt,

 

         wu er das sein gesang erschelt,

        darmit groß preis erjagen welt,

        der sing was iederman zukert,

        was man begert,

        lert in Hans Sachsen dichte.

 

Hans  Sachs (1494-1576)

Uit : Geistliche und weltliche Lieder

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Hans_Sachs

 

*** 

 

           GESANG  AN  DIE  MELODIE

 

    Melodie! du Laut aus höherm Leben!

    Deiner Ätherschwingen reinstes Streben

    Würde zum Unendlichen sich heben;

    Doch ein Schall, der flüchtige, vertönt,

    Hallt kein beßrer Wohllaut uns von innen,

    Der, was hier verklang an äußern Sinnen,

    Dauernder zum Geistigen verschönt!

 

    Durch des Lebens Kränz' und seine Flittern

    Stürmt das Schicksal oft aus Nachtgewittern,

    Und die bang' verscheuchten Tön' erzittern,

    Wie verwehter Freuden Blütenhauch.

    Alles Schöne muß verblüht entschweben;

    Die Empfindung flieht, es flieht das Leben,

    Und des Wohllauts Strom entrinnet auch.

 

    Soll die Fülle seiner Harmonieen

    Leuchtend durch des Lebens Thale ziehen,

    Darf die Glut der Rührung nie verglühen,

    Die der Geister Sonn' auf ihn ergoß.

    Wie vom Engel, der die Wolken teilte,

    Spät noch Licht auf jenem Teiche weilte,

    Und die Heilungskraft, die ihm entfloß.

 

     Nicht dem Ohre schmeichelnd nur zu kosen, –

    Zur Erquickung dem Erquickungslosen,

    Flößt das Öl aus deinen Himmelsrosen

    Holdes Labsal in des Menschen Herz! –

    In der Töne zarten Knospen liegen

    Leise Wehmut, rührendes Vergnügen

    Und der Sehnsucht wonnevoller Schmerz.

 

    Hellas Tochter! holdeste Aöde!

    Dort in Chören sang dir der Tragöde,

    Dort beseeltest du der Suada Rede,

    Schwebtest auf der Dichtung reichem Strom;

    Schwandest dann, verklärter zu erscheinen,

    Stiegst in Hymnen christlicher Gemeinen

    Durch des Tempels Dom zum Sternendom!

 

    Heil'ge Andacht, tief und doch erhaben,

    Nährtest du des Glaubens Himmelsgaben,

    Märtyrer im Todeskampf zu laben,

    Lichte Hoffnung, frommes Gottvertrau'n;

    Gabst Choral und Psalm die höchsten Weihen,

    Und erhellst mit leisen Litaneien

    Sterbenden des offnen Grabes Grau'n.

 

    Täuschung wärest du, und bald entflohen,

    Was den Mut erhebt, wo Stürme drohen?

    Was die Heere stärkt, und die Heroen

 

     Zart zu schonen – kühn zu sterben drang?

    Was, wie Spartas Helden, edle Streiter

    In die Schlachten führet freudig heiter,

    Ihr Gedächtnis feiert im Gesang? –

 

    Woll' auch uns nicht wirkungslos entschwinden;

    Immer sollst du offne Herzen finden

    Und zu schönen Zwecken sie verbinden,

    Die Gemüter stimmen rein und klar!

    Und des Vaterlandes edle Söhne,

    Seiner sanften Töchter Seelentöne,

    Bringen dir ein würdig Opfer dar!

 

    Sanft entström aus weiblich milder Kehle,

    Mit Gedanken einer Engelsseele!

    Ausdrucksvoller selbst als Philomele

    Töne, was ein fühlend Herz erfuhr!

    Unsern Busen lindernd zu erweiten,

    Sende du, die Seufzer zu begleiten,

    Stimmen sanfter Töchter der Natur!

 

    Jedem Sennenhorn auf Tannenhöhen,

    Dem bekränzten Kahn auf Alpenseen

    Müssen reine Jubel nur entwehen!

    Kühner Sinn veredle jedes Lied!

    Reine Freiheit höre rein sich grüßen,

    Künde weit im Land zu unsern Füßen,

     Daß sie nie aus edeln Herzen schied!

 

    Tön aus jeder Brust im Vollergusse,

    Und entzieh uns flüchtigem Genusse;

    Stärke dann zu heiligem Entschlusse;

    Rüste jeden Laut mit Kraft und Geist!

    Weih uns, fest das Schicksal zu ertragen,

    Und das Höchste für die Pflicht zu wagen,

    Und den Aufschwung, der von Staub entreißt!

 

    Einst zerfallen dir des Raumes Schranken;

    Ewige, melodische Gedanken

    Steigen, wenn des Kerkers Decken sanken,

    Aus der Erdentöne Hüll' empor,

    Wie des Schwanen Lied, wenn mit Gesange

    Er zum Himmel stieg, im Sphärenklange

    Schwindend, sich, ein Geisterlaut, verlor.

 

Johann Gaudenz von  Salis-Seewis (1762-1834)

Uit : Gedichte

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Johann_Gaudenz_von_Salis-Seewis

 

***

 

                 AN  MENDELSSOHN

 

Um Ostern war's; noch strömte das Gewühl

    Zum Dom; doch lang an einem Pfeiler schon

    Saß ich, zu lauschen deinem Orgelspiel.

Die Fuge hobst du an – beim ersten Ton

    Erkannt' ich sie, die keiner so mit freister

    Beherrschung spielt, wie du, o Mendelssohn,

Du letzter Enkel unsrer großen Meister,

    In den, so glaubt' ich oft, der alte Bach,

    Der hehre Mozart strömten ihre Geister!

Du, dessen Kunst nicht stutzerhaft und flach,

    Wie die des Tags, mit Düften des Lawendels

    Sich parfümiert, in leeres Weh und Ach

Dahinschmilzt, oder flüchtigen Getändels,

    Kokett sich schmückt mit ihrem eignen Quark,

    Nein, voll und tief zur Seele dringt wie Händels

Posaunenstöße, die bis in das Mark

    Der Erde dringen und die Gräber sprengen! –

    So saß ich denn und lauschte, wie bald stark

Gleich Strömen, wenn sie Wog' an Woge drängen,

    Die Töne um mich fluteten und schwollen,

    Bald, Tropfen gleich, die sich an Blüten hängen,

Sanft rieselnd aus den Orgelpfeifen quollen.

    Mein Herz erzitterte dem Klang – so schwanken

    Am Wassersturze bei der Fluten Rollen

Die Lilien – in mir hoben sich Gedanken,

    Die bald empor mit den gewalt'gen Streben

    Sich schwangen, bald zur Tiefe niedersanken.

Um mich, so schien's, in wunderbarem Leben

    Bewegte sich's; die Töne deiner Fuge

    Sah ich als Geister durch die Hallen schweben;

Sie flatterten herab im Wirbelfluge;

    An den Altären losch der Kerzen Glimmen;

    Die Luft erbebte ihrem Atemzuge,

Und das Gewölbe dröhnte von den Stimmen.

    Hier sah ich sie in Blend' und Nische kauern,

    Dort aufwärts zu den höchsten Gurten klimmen,

Dann niederstürzen, wie in Winterschauern

    Die welken Blätter. Wunderbar verschlungen,

    Schwarz diese und den Blick verhüllt mit Trauern,

Im Lichtkleid andere; die Dämmerungen

    Des Doms durchglitten sie, im Bogengang

    Sich suchend, rufend sich mit Geisterzungen,

Dann wieder fliehend. O und ihr Gesang!

    Er rollte, furchtbar, wie das Miserere,

    Die Wölberippen hin; er schluchzte bang,

So wie, das Haupt gesenkt, das kummerschwere,

    Die Mutter an dem Kreuz des hehren Sohnes;

    Er scholl dem Aufruhr gleich der Himmelsheere,

Da Cherubim am Fuß des ew'gen Thrones

    Auf Lucifer die Flammenschwerter schwangen.

    Aus Abgrundtiefen hört' ich wilden Hohnes

Des Gottverfluchten Rufe – da verklangen

    Die Töne alle – einen Trauerflor

    Mit nächt'gen Falten sah ich niederhangen;

Kein Strahl glomm aus dem Todesdunkel vor;

    Doch Myrrhenduft fühlt' ich den Dom durchwehen;

    Das Auge nicht, der Geist sah in dem Chor

Den Katafalk des heil'gen Toten stehen;

    Und mählich regten sich die Lüfte wieder;

    Ein Weinen wurde laut, ein sanftes Flehen;

Die Stille selber tönte Klagelieder;

    Die Weiber nahten, Spezerei zu bringen;

    Die Engel stürzten auf die Leiche nieder

Und fächelten das Haupt mit ihren Schwingen;

    O und sie selber kam, die Schmerzenreiche,

    Und sank zum Sohne hin mit Händeringen

Und küßte seine Stirn, die heilig-bleiche!

    Da dünkte mich, als weinte selbst der leere

    Sternlose Raum um die geliebte Leiche,

Als sei das Weltall selbst nur eine Zähre,

    Die aus dem Blick des Ewigen gequollen

    Und nun zerrinne; über ferne Meere

Hört' ich den letzten Donner sterbend rollen,

    Und meine Seele stürzte voll Verzagen

    In finstre Tiefen – doch mit wundervollen,

Gewalt'gen Tönen in die Welt der Klagen

    Ergoß sich Engelstimmenklang von oben;

     Ein Glanz, wie von des ew'gen Morgens Tagen,

Brach in die Grabesnacht; in Flocken stoben

    Die Wolken hin – in seine eignen Falten

    Barg sich das Dunkel, das der Tod gewoben.

Ich hörte aus des Abgrunds tiefsten Spalten

    Den Jubelchor, wie ferner Meere Branden,

    Ja hörte, wie die Himmel wiederhallten:

Der Heiland ist aus seiner Gruft erstanden!

 

 

So dacht' ich an den Meister viel, den teuren,

    Da noch die tiefste Seele wunderbar

    Von den Gebilden, von den ungeheuren,

Durch ihn beschworenen, erfüllt mir war.

    Noch wogte um mich her im Wirbelstrome

    Der Fugenklang; in seltsam fremder Schar

Durchzogen noch den Geist mir die Phantome,

    Die mich umschwebt zu jener Osterstunde,

    Der unvergeßlichen, im alten Dome.

Da flog durch Deutschland hin die Trauerkunde,

    Daß Mendelssohn, der herrliche, geschieden;

    Ein Schmerzensruf entrang sich jedem Munde,

Ihm nachgesandt in seinen Himmelsfrieden;

    Ich aber hielt zurück die Totenklage

      Und dachte still: Er war nicht von hienieden!

Von jenen Geistern ward er heimgetragen!

 

Adolf  Friedrich von Schack (1815-1894)

Uit : Gedichte

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Adolf_Friedrich_von_Schack