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muziek in poëzie duits 2

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            AN  EINE WELSCHE  SÄNGERIN

 

 

als sie das Volkslied: »Gott erhalte Franz den Kaiser« mit Variationen sang

Haydn, Gott erhalte

http://www.youtube.com/watch?v=BC0SxTl3hEA 

    Mit Operliedern treibe deinen Scherz,

    Wer frägt da viel nach Wahrheit, Herz und Seele?

    Zum: »Gott erhalte« ist ein deutsches Herz

    Weit nötiger, als eine welsche Kehle.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                         DIE DREIFACHE  MUSE 

 

 

    Wenn dein Tanz das Herz befehdet,

    Wenn dein sprechend Auge redet,

    All dein Wesen Harmonie,

    Seh ich hold in dir vereinet,

    Was in Künsten schön erscheinet,

    Tanz, Musik und Poesie.

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                  DIE   VIERFACHE  MUSE 

 

        Wenn dein Fuß im Tanze strahlt,

        Uns dein Arm erzählend malt,

        Wir des Auges Sprache lesen,

        Harmonie dein ganzes Wesen:

        Seh ich hold in dir vereinet,

        Was in Künsten schön erscheinet,

        Malerei – belebt wie nie –

        Tanz, Musik und Poesie.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                   [Für Schuberts Grabstein]

 

1

 

Wanderer! Hast du Schuberts Lieder gehört? Unter diesem Steine liegt er. (Hier liegt, der sie sang.)

 

2

 

Den Besten stand er nahe als er starb, und doch war er kaum noch auf der Hälfte seiner Bahn.

 

3

 

Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.

 

4

 

Er hieß die Dichtkunst tönen und reden die Musik. Nicht Frau und nicht Magd, als Schwestern umarmen sich die beiden über Schuberts Grab.

 

5

 

Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz,

Aber noch viel schönere Hoffnungen.

Franz Schubert liegt hier.

Geboren am 31. Jänner 1797,

Gestorben am 19. November 1828,

31 Jahre alt.

 

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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      IN  DAS  STAMMBUCH  EINES  SÄNGERS

 

 

 

            »Kunst sei nur ein heitrer Scherz«,

            Künstler sprachen dies!

            Doch bei dir hält treu das Herz,

            Was der Mund verhieß.

 

Grillparzer.

 

(Wien am 1ten Jänner 1834)

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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          KLARA   WIECK  UND  BEETHOVEN 

 

 

Fortsetzung

 

    Nun war, wie billig, alle Welt entzückt.

    Die Schlosser nur, die ungeschickt,

    Kein Sperrzeug fanden für das harte Schloß,

    Sie tadelten die Lösung als zu rasch.

    Ein Grobschmied schloß sich ihrer Meinung an.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                CASTELLI  UND  KLARA  WIECK 

 

 

    Die Nachsicht, die die Welt dir schenkt als dein,

    Willst gegen andre du so hart verleugnen.

    Sei, um in Künsten streng zu sein,

    Streng gegen dich vorerst in deiner eignen.

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

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                               LISZT

 

Noch stürmt der Beifall, des Entzückens Flug,

Doch läßt das Maß sich kaum noch mehr vergrößern,

Drum seis, o Herr, der Trefflichkeit genug.

Wir danken dir! doch send uns keinen Bessern.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                              OPERA   SERIA

 

        Rubini, Malibran, Fodor, Lablache,

        So ging denn eure schöne Kunst verloren?

        Die Oper wird zum Melodram. Glück auf!

        Für weiche Herzen und für harte Ohren.

 

        Rubini, Malibran, Fodor, Lablache,

        Non ebbero successor vostri talenti puri

        Si cangia in Melodrama l'Opera. Al prò

        Dei cuori teneri e degli' orechi duri.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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DAS  MONUMENT DER VIER  TONSETZER

 

            Sparsam zu sein ist unsre Liebe,

            In Zwecken groß, in Mitteln klein,

            Wie einen Galgen auf vier Diebe,

            Vier Meistern einen Leichenstein.

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                          PRICCIALDI

 

        Was bläsest du, unglücklicher Tamino?

        Meinst du, weil Eingeweihte wohnen hier?

        Sie aber blasen selbst auf ihren Hörnern,

        Und Affen nur und Bären lauschen dir.

 

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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IN  DAS  STAMMBUCH EINES TONKÜNSTLERS

 

 

 

Die mir als Freundin so wert, der Tonkunst liebliche Muse,

Ward dir zur Gattin ersehn. Glücklicher! wahrlich, du bists!

Denn ob selten die Eh auch hält, was die Liebe versprochen:

Du bist sinnig und mild, dir, Freund, hält sies gewiß!

 

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                           [In Donizettis Stammbuch]

 

    Ich schreibe dir, und du verstehst mich nicht.

    Was du geschrieben, hab ich wohl verstanden.

    Der Kopf versteht nur, was die Zunge spricht,

    Die Herzen sprechen gleich in allen – Landen.

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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     DIE  MUSIKALISCHEN  GELEHRTEN

 

        Ihr grübelt, klügelt früh und spät,

        Nichts, was zu schwer euch deuchte,

        Doch wer so leicht, was schwer, versteht,

        Versteht oft schwer das Leichte.

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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                   BEETHOVOMANIE

 

Ich sähe, glaubt ihr, auf Beethoven schief?

Als ob zu meinem Ohr nicht seine Zauber reichten!

Nur graut mir vor dem Wörtlein: tief,

Vor allem aus dem Mund der Seichten.

 

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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               EINEM  KOMPOSITEUR

 

            Dein Quartett klang, als ob einer

            Mit der Axt gewaltgen Schlägen

            Samt drei Weibern, welche sägen,

            Eine Klafter Holz verkleiner.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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BEETHOVENS  NEUNTE  SYMPHONIE 

 Beethoven, symfonie IX

http://www.youtube.com/watch?v=XRdUdWwVca4

 

            Obs mir gefällt, ob nicht gefällt,

            Sein Ruhm bleibt ganz und heil,

            Denn jeder Faust, es weiß die Welt!

            Hat seinen zweiten Teil.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

 

 

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  AN  EINEN  NEUERN  LATEINISCHEN DICHTER

 

Ob Längen sich und Kürzen in rechtem Maße mengen,

Steht mir kein Urteil zu; für mich sinds lauter Längen.

 

Die drei Damen.

 

So ist dein Vaterland so schön?

 

Papageno.

 

Hmhm, hmhm, hmhmhm.

 

Damen.

 

Und möchtest nichts drin anders sehn?

 

Papageno.

 

Hmhm, hmhm, hmhmhm.

 

Damen.

 

Was aber dünkt dich etwa schwer?

 

Papageno.

 

Hmhm, hmhm, hmhmhm.

 

Damen. Und wers verschuldet, nenn ihn! Wer!

 

Papageno.

 

Hmhm, hmhm, hmhmhm.

(Mon maitre nicht und ich nicht)

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

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            [Grabschrift für W.A. Mozart, Sohn]

 

Wolfgang Amadeus Mozart

Tonkünstler und Tonsetzer,

geb. am 26. Juli 1791, gest. am 29. Juli 1844.

Sohn des großen Mozart.

Dem Vater ähnlich an Gestalt und edlem Gemüte.

Der Name des Vaters sei seine Grabschrift,

so wie seine Verehrung des erstern

                      der Inhalt seines Lebens war.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

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                          THALBERG

 

Laß sie sich brüsten mit erzwungnen Gaben,

Das Ziel erstreben mit gewagten Würfen,

Du spielst für Hörer, die das Schöne haben,

Die andern nur für solche, dies bedürfen.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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              [In das Beethoven-Album 1845]

 

Die Feuerprobe des Tadels hat Beethoven siegreich bestanden,

Gott schütze ihn nur noch vor der Wasserprobe der Nachahmung.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                             FÜR  LISZT

 

    So wie die Blumen, die zum Kranz sich winden,

    Selbst ohne Duft, verknüpft das trockne Band,

    Bekräftigt holder Frauen warm Empfinden,

    Weit überholt, der prüfende Verstand.

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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           JENNY  LIND  UND DER KRITIKER 

 

                Der Hund bellt an den Mond,

                Der leuchtet wie gewohnt,

                Gibt sich durch Strahlen kund

                Und bleibt der holde Mond,

                So wie der Hund – ein Hund.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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DER   KOMPOSITEUR 

 

Man sagt, du verachtest die Melodie,

Schon das Wort erfüllt dich mit Schauer;

So gings auch dem Fuchs, dem enthaltsamen Vieh,

Der fand die Trauben sauer.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                                 LIND

 

    Wollt ihr mit andern Künstlern sie vergleichen

    Und tadeln ihr Benehmen für die Welt?

    Es geht ihr eben wie andern Reichen,

    Sie hat nicht immer kleines Geld.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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Ein Musiker ohne Gefühl fürs Schöne

    Legt sich, kein Wunder, nun auf Politik,

    War was er trieb doch stets ein Aufruhr der Töne

    Und jetzt so beliebte Katzenmusik.

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                                   R.W.

 

        »Was denken Sie«, fragt' mich der Meister –

        »Von meiner Zukunftsmusik?«

        Nun – kämen wie Mozart noch Geister –

        Das wäre der Zukunft Musik.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                          R.W.-TENDENZ

 

            »Den wortgewordenen Geistesblick

            Zu sättgen mit gleichem Tone –

            Das ist die Zukunft der wahren Musik,

            Ist aller Künste Krone.«

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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             Sebastian Bach der Katzenmusik

            Und Alexander, der Kleine,

            Du orgelst dein eingelerntes Stück

            Fortan im Musikvereine.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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         Singt nur Don Juan in beschleunigtem Takt

        Und jubelt in froher Hast.

        Es kommt, ihr wißt, erst im letzten Akt,

        Doch sicher, der steinerne Gast.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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            [Trinkspruch für Meyerbeer]

 

Dem Meister, der in dieser Zeit des Viel-Wollens und Wenig-Könnens das Große kann, das er will.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                    FELIX  MENDELSSOHN

 

Jung bist du zwar gestorben, doch wardst du geboren alt,

Dir fehlt der Jugend Frische und ihres Dranges Gewalt.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                   DIE  MUSIKMEISTERIN

 

 

            Seit Reiz und Jugend verschwunden,

            Weiht sie dem Unterricht ihr Leben

            Und gibt nun eifrig Stunden,

            Nachdem sie früher halbe gegeben.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                    RICHARD WAGNER

 

Erscheint Freund Wagner auch denn auf der Bühne?

Ein magrer Geist mit einer Krinoline.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                             OFFENBACH

 

            In Gold und göttlichen Ehren

            Ward Offenbach heute der Preis;

            Wer kann der Welt es verwehren,

            Daß sie so blöd? – nun, so seis!

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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            Richard Wagner und Friedrich Hebbel

            Tappen beide in ästhetischen Nebbel.

            Behagen die beiden b dir nicht,

            So denke, daß der Nebel sehr dicht.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                  MUSIKALISCHES

 

    Wäre Richard Wagner ein Alt-Baier,

    Wäre der König in seiner Vorliebe freier,

    Doch jetzt in seinem Sturm gegen Altgewohntes

    Ist er für München ein Lolo Montes.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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              DEN  BEETHOVEN  ENTHUSIASTEN

 

    Wie ihr hab ich Beethoven hoch geehrt,

    Wobei jedoch als Unterschied sich anhängt,

    Daß, wo eure Bewundrung erst recht anfängt,

    Die meinige schon wieder aufhört.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Epigramme

 

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                              ZWEI  HARFEN

 

            Durch der Seele Tiefen klingend

        Weht in mir ein Harfenpaar,

        Brausend tönt das Spiel der einen,

        Das der andern sanft und klar;

        Zwei der Kräfte, die sich hassen,

        Geben ihnen Klang und Laut,

        In den Saiten wettert diese,

        Jene küßt sie leis' und traut.

 

            Wie von Fels auf Felsbett stürzend

        Wild der Katarakt erdröhnt,

        Wie, wenn Donnerkeile rasen,

        Dumpf es durch die Bergschlucht stöhnt,

        Wie der Sturz der fessellosen

        Schneelavin' im Thal verhallt,

        Also auch die eine Harfe

        Mir im Busen dröhnend schallt.

 

            Doch wie über Rosenhaine

        Zefir haucht den Morgenkuß,

        Wie aus fernen, fernen Welten

        Der Geliebten leiser Gruß,

        Wie bei Nacht sich's still harmonisch

        In Cypressenwipfeln regt,

 

Anastasius Grün (1808-1876)

Uit : Gedichte

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Anastasius(Gr%C3%B6n

 

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              DAS  MUSIKANTENDORF

 

    Es blinkt ein Dörflein in Böhmens Land,

Drin, was da lebendig, ein Musikant;

Verkehrte Schwalben, im Lenz entflogen,

Sind jetzt im Herbst sie heimgezogen.

 

    Du meinst die Nachtigallen der Welt

In Einem Busch hier alle gesellt.

Du meinst, es müssen hier tausend Quellen

Zu Einem melodischen Strome schwellen.

 

    Horch, lieblich spielt hier im Erdgeschoß

Ein Stück zur Geige der Virtuos;

Aufs Jahr durchklingt's der Länder Weite,

Glückseliger, dich entzückt's schon heute!

 

    Doch furchtbar jetzt aus dem Nebenhaus

Braust polterndes Paukengewirbel heraus;

Dein Ohr, es glich dem Knappen im Schachte,

Auf den ein Bergsturz zusammenkrachte!

 

    Horch, drüben flötet's so süß und rein,

Und wiegt in gaukelnde Träume dich ein,

Doch hier der Trompeten Schmettern und Krachen

Sorgt für dein zeitliches Wiedererwachen.

 

     Horch, Mädchenstimmen so lieblich und hehr,

Dein Ohr durchschifft des Wohllauts Meer!

Am Brummbaß hat der Nachbar Behagen,

Vom Sturm, ach, wird dein Schifflein verschlagen!

 

    Horch, Waldhornklang! Wie herrlich er schallt!

Dir säuselt der duftige grüne Wald;

Doch dort des Dudelsacks Surren und Summen

Dich mahnt's, daß in Wäldern auch Bären brummen!

 

    Hier flüstert der Guitarren Erguß

Von Rosenlauben und heimlichem Kuß;

Dort braust aus dem Haus der Klang der Fagotte,

Wie von Betrunkenen eine Rotte.

 

    Der übt auf dem Klarinett sich ein,

Der will ein Meister am Hackbrett sein;

Dort stürzt vom Fenster Posaunenschall nieder,

Wie eines Verzweiflers zerschmetterte Glieder.

 

    Jed' einzelner Ton klingt gut und rein,

Doch will kein Einklang Aller gedeihn,

Wie die zerhauenen Glieder der Schlangen

Sich winden und nie zusammen gelangen.

 

    So heult's durcheinander und wimmert und dröhnt

 

Und ächzt und schnurrt und pfeift und stöhnt,

Als säßen im Chor des Mißlauts Geister,

Als wäre Satan Kapellenmeister!

 

    Du fliehst und suchst vor dem Thore Ruh

Und fühlst, es dachten die Vogel wie du,

Die Schwalben und Störche, die auch entflogen,

Weil heim die Musikanten gezogen. –

 

    Doch wenn der Schnee zu schmelzen begann,

Dann wallt aus dem Dörflein Weib und Mann,

Die wollen ostwärts, die westwärts wandern,

Nach Süden die Einen, gen Norden die Andern.

 

    Vereint, was getrennt zu Hause war:

Dort drei, hier ein Pärlein, dort eine Schaar,

Wie des Wohllauts Geist sie zu Kränzen reihte

Und, Blumen gleich, durch die Lande streute!

 

    Das kommt dem Dörflein auch eben recht,

Drin musizirt der Lerchen Geschlecht,

Frau Schwalbe kommt herbeigeflogen,

Herr Storch ist auch wieder eingezogen.

 

    Die Spielleut' grüßen manch fernes Land,

Sind üb'rall willkommen und wohlbekannt,

Finden üb'rall offene Ohren und Hände

Und schäumende Becher und Beifallsspende.

 

    Da hat jeder Busch seine Nachtigall

Und jeder Fels seinen Wasserfall,

In allen Wäldern die Vögel singen,

Durch alle Thäler die Quellen springen.

 

Anastasius Grün (1808-1876)

Uit : Gedichte

 

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    O hört' ein Lied ich deinem Mund entklingen!

        Genesung ist's, blühst du in Sängen wieder;

        Des Dichterbaumes Blüthen sind die Lieder,

        Kein kranker Baum wird solche Blüthen bringen.

 

    Sei's auch ein düstres Lied, wenn nur dein Singen!

        Die dunkle Tanne blüht nicht hell wie Flieder,

        Selbst deine Lerchen tragen schwarz Gefieder,

        Nur Morgenroth vergoldet ihre Schwingen.

 

    Es ist dein Lied der räthselvolle Falter,

        Der einen Todtenschädel trägt zum Schilde;

        Doch nur durch schöne Frühlingsnächte wallt er!

 

    Der Passiflore gleicht's, ein Kreuz umschwankend,

        Ein göttlich Leiden formt ihr Blühn zum Bilde;

        Doch nur in Frühlingssonnen blüht sie rankend.

 

Anastasius Grün (1808-1876)

Uit : In der Veranda

 

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                    ORPHISCHES  LIED

 

Höre mich Phoibos Apoll! Du, der auf bläuligem Bogen

Siegreich schreitet herauf an wölbichter Feste des Himmels,

Spendend die heilige Helle der Wolkenerzeugenden Erde,

Leuchtend Okeanos hin zur Tiefe des felsichten Bettes,

Höre mich Liebling des Zeus! Sieh gnädig auf deinen Geweihten!

Sei im Gesang mir gewärtig, und lasse der goldenen Leyer

Saiten mir klingen, wie dir, wenn mit siegender Lippe du singest

Pythons des schrecklichen Fall dem Chore melodischer Musen,

Oder im Liede besingst ferntreffende Pfeile des Bogens,

Also, o Phoibos Apoll! laß von begeistertem Munde

Strömen mir wogende Rythmen des sinnebeherrschenden Wohllauts,

Daß sich der Wald mit beseele, die Dryas des Baumes mir lausche,

Schlängelnde Ströme mir folgen, und reißende Thiere

                                                      unschädlich

Schmeichelnd zu mir sich gesellen. Vor allem Erzeugter Kronions!

Gieb des Gesanges herrschende Kraft, die drunten gewaltig

Äis den König bewege des Landes am stygischem Strome.

Lehre vergessene Schmerzen mich wecken im Busen der Göttin

Die ein zu strenges Gebot dem düsteren Herrscher vermählet,

Daß sie erbarmend sich zeige dem Schwestergeschick der Geliebten,

Wieder ihr gönne zu schaun des Tages sonnige Klarheit,

Deines unsterblichen Haupts fern leuchtende Strahlen, o Phoibos!

 

Karoline von Günderode  (1780-1806)

Uit : Melete

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Karoline_von_G%C3%BCnderode

 

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 SIE  ERLISCHT

 

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,

Und Herrn und Damen gehn nach Haus.

Ob ihnen auch das Stück gefallen?

Ich glaub, ich hörte Beifall schallen.

Ein hochverehrtes Publikum

Beklatschte dankbar seinen Dichter.

Jetzt aber ist das Haus so stumm,

Und sind verschwunden Lust und Lichter.

Doch horch! ein schollernd schnöder Klang

Ertönt unfern der öden Bühne; -

Vielleicht daß eine Saite sprang

An einer alten Violine.

Verdrießlich rascheln im Parterr

Etwelche Ratten hin und her,

Und Alles riecht nach ranzgem Öle.

Die letzte Lampe ächzt und zischt

Verzweiflungsvoll, und sie erlischt.

Das arme Licht war meine Seele.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Romanzero

 

 

 

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             »Ich bin der Gott der Musika,

            Verehrt in allen Landen;

            Mein Tempel hat in Gräcia

            Auf Mont-Parnaß gestanden.

 

            Auf Mont-Parnaß in Gräcia,

            Da hab ich oft gesessen

            Am holden Quell Kastalia,

            Im Schatten der Zypressen.

 

            Vokalisierend saßen da

            Um mich herum die Töchter,

            Das sang und klang la-la, la-la!

            Geplauder und Gelächter.

 

            Mitunter rief tra-ra, tra-ra!

            Ein Waldhorn aus dem Holze;

            Dort jagte Artemisia,

            Mein Schwesterlein, die Stolze.

 

            Ich weiß es nicht, wie mir geschah:

            Ich brauchte nur zu nippen

            Vom Wasser der Kastalia,

            Da tönten meine Lippen.

 

 

 

 

 

 

             Ich sang – und wie von selbst beinah

            Die Leier klang, berauschend;

            Mir war, als ob ich Daphne sah,

            Aus Lorbeerbüschen lauschend.

 

            Ich sang – und wie Ambrosia

            Wohlrüche sich ergossen,

            Es war von einer Gloria

            Die ganze Welt umflossen.

 

            Wohl tausend Jahr' aus Gräcia

            Bin ich verbannt, vertrieben –

            Doch ist mein Herz in Gräcia,

            In Gräcia geblieben.«

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Romanzero

 

 

 

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In der Kirche – wehmütiger Orgelton – die letzten Seufzer des Christentums –

 

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Aphorismen und Fragmente

 

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Die alte Harfe liegt im hohen Gras. Der Harfner ist gestorben. Die talentvollen Affen kommen herab von den Bäumen und klimpern drauf – die Eule sitzt mürrisch rezensierend – die Nachtigall singt der Rose ihr Lied; sobald es ganz dunkel wird, überwältigt sie die Liebe, und sie stürzt auf den Rosenstrauch, und zerrissen von den Dornen, verblutet sie – der Mond geht auf – der Nachtwind säuselt in den Saiten der Harfe – die Affen glauben, es sei der tote Harfner, und entfliehen.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Aphorismen und Fragmente

 

 

 

***  

 

 

 

Die französische Kunst – Nachbildung des Realen; da aber die Franzosen seit fünfzig Jahr soviel erleben und sehen konnten, so sind ihre Kunstwerke durch die Nachbildung des Erlebten und Gesehenen viel bedeutender als die Werke deutscher Künstler, die nur durch Seelentraum zu ihren Anschauungen gelangten.

    Nur in der Architektur, wo die Natur nicht nachgebildet werden kann, sind die Franzosen zurück –

    In der Musik geben sie den Ton ihrer Nationalität: Verstand und Sentimentalität, Geist, Grazie – Drama: Passion. Eklektizismus, eingeführt durch Meyerbeer.

 

 

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Aphorismen und Fragmente

 

 

 

***

BEGEGNUNG

 

Wohl unter der Linde erklingt die Musik,

Da tanzen die Burschen und Mädel,

Da tanzen zwei, die niemand kennt,

Sie schaun so schlank und edel.

 

Sie schweben auf, sie schweben ab,

In seltsam fremder Weise;

Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,

Das Fräulein flüstert leise:

 

«Mein schöner Junker, auf Eurem Hut

Schwankt eine Neckenlilje,

Die wächst nur tief in Meeresgrund -

Ihr stammt nicht aus Adams Familie.

 

Ihr seid der Wassermann, Ihr wollt

Verlocken des Dorfes Schönen.

Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,

An Euren fischgrätigen Zähnen.»

 

Sie schweben auf, sie schweben ab,

In seltsam fremder Weise,

Sie lachen sich an, sie schütteln das Haupt,

Der Junker flüstert leise:

 

«Mein schönes Fräulein, sagt mir, warum

So eiskalt Eure Hand ist?

Sagt mir, warum so naß der Saum

An Eurem weißen Gewand ist?

 

Ich hab Euch erkannt, beim ersten Blick,

An Eurem spöttischen Knickse -

Du bist kein irdisches Menschenkind,

Du bist mein Mühmchen, die Nixe.»

 

Die Geigen verstummen, der Tanz ist aus,

Es trennen sich höflich die beiden.

Sie kennen sich leider viel zu gut,

Suchen sich jetzt zu vermeiden.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 

 

 

*** 

Ja freilich, du bist mein Ideal,

Habs dir ja oft bekräftigt

Mit Küssen und Eiden sonder Zahl;

Doch heute bin ich beschäftigt.

 

Komm morgen zwischen zwei und drei,

Dann sollen neue Flammen

Bewähren meine Schwärmerei;

Wir essen nachher zusammen.

 

Wenn ich Billette bekommen kann,

Bin ich sogar kapabel,

Dich in die Oper zu führen alsdann:

Man gibt Robert-le-Diable.

 

Es ist ein großes Zauberstück

Voll Teufelslust und Liebe;

Von Meyerbeer ist die Musik,

Der schlechte Text von Scribe.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 

 

 

***

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                            GRUNDTON 

 

In meiner Seele zittert eine Saite,

Tief mit der Wurzel meines Seins verknüpft;

Wenn mit dem Bogen ich darüber gleite,

Geschieht's, daß Psyche selbst dem Laut entschlüpft.

 

Soll ich der Sprache grobem Ohr verraten,

Was in der feinen Seelenstimme singt?:

»Du liebst zumeist die jungfräulichen Taten,

Die Erstlingsopfer, die dein Fühlen bringt.

 

Ob's glückt – mißlingt?... Die Tat schon ist Erfüllen,

Was draus erfolgt, steht nicht in deiner Hand.

Das Weltgeheimnis müßte sich enthüllen,

Wär' dir der Ausgang deines Tuns bekannt.

 

So geh im Einklang mit dem Gang des Blutes

Und gib dich liebend hin mit Ja und Nein!

Kommt's auch einmal verkehrt heraus, was tut es?

Ergebnis nicht, Erlebnis nur ist dein ...«

 

 

 

Karl Henckel (1864-1929)

Uit : Buch  des   Lebens

 

 

 

 

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Henckell

 

 

 

*** 

 

 

 

 

                             DIE  ÄOLSHARFE

 

Nach Thomson.

 

1795.

 

    Kommt, ätherische Wesen,

Luftbewohner, die Ihr über der Menschheit Loos

Euch betrübt und erfreuet!

Aeol's Saiten erwarten Euch. –

 

    Horch, sie kommen unsichtbar. –

Diesen traurigen Ton, sang ihn ein Liebender,

Der zum Tod in die Schlacht zog? –

Jenen zärteren, sanftern Laut,

 

    Diesen Seufzer verhauchte

Braut und Mutter? – Erklang diesen ein flehender

Greis, der unter der Knechtschaft

Harten Fessel daniedersank? –

 

    Süße Töne beginnen.

Seid Ihr Kindesgelall? oder der Säuglinge

Und des Knaben und Mädchens

Erste Freuden? O weilet, weilt! –

 

    Weilt auch Ihr, die Ihr wieder-

Kehret, Seufzer des Manns, die Ihr den letzten Hauch

Seines brechenden Herzens

Einem fühlenden Weltgeist gabt!

 

    Horch! In tieferem Tone

Bebt die Saite; wer ist's? Eines Hermiten Ton,

Der, ein heiliger Barde,

Sich beseufzt und das Vaterland.

 

    Horch! An Babylon's Weiden

Klang die Harfe so dumpf, und so erhaben jetzt,

Da sie Freuden der Zukunft,

Hell in Tönen, frohlockend singt.

 

    Horch! So klinget die Harfe

Eines Engels im Chor himmlischer Geister, wenn

Sich die lösende Seele

Sanft von Athem zu Athem hebt,

 

    Bis allmächtig erklinget

Aller Seligen Chor, aller Befreieten,

Die, der drückenden Bande

Los, beginnen den Weltaccord.

 

    Singt, Ihr Hauche des Weltalls,

Wandernde Stimmen, singt Eure phantastischen

Töne, denen erwartend

 

 

 

Kehret, Seufzer des Manns, die Ihr den letzten Hauch

Seines brechenden Herzens

Einem fühlenden Weltgeist gabt!

 

    Horch! In tieferem Tone

Bebt die Saite; wer ist's? Eines Hermiten Ton,

Der, ein heiliger Barde,

Sich beseufzt und das Vaterland.

 

    Horch! An Babylon's Weiden

Klang die Harfe so dumpf, und so erhaben jetzt,

Da sie Freuden der Zukunft,

Hell in Tönen, frohlockend singt.

 

    Horch! So klinget die Harfe

Eines Engels im Chor himmlischer Geister, wenn

Sich die lösende Seele

Sanft von Athem zu Athem hebt,

 

    Bis allmächtig erklinget

Aller Seligen Chor, aller Befreieten,

Die, der drückenden Bande

Los, beginnen den Weltaccord.

 

    Singt, Ihr Hauche des Weltalls,

Wandernde Stimmen, singt Eure phantastischen

Töne, denen erwartend

Meine künstliche Leyer schweigt.

 

Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Uit : Gedichte

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottfried_Herder

 

 

*** 

 

 

                                  DIE  FLÖTE

 

Nimm der Heerde den Hirten mit seiner lockenden Flöte,

    Nimm dem Menschengeschlecht, was ihm die Muse verlieh:

Sieh, es verwildert die Heerde, und statt des Gesanges der Musen

    Treibt ein barbarisches Volk auch ein barbarischer Stab.

 

 

 

Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Uit : Gedichte

 

 

 

*** 

 

 

 

                            MUSIK

 

                Das Leben und die Leyer wird

                Durch weise Stimmung süß.

 

 

 

 

Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Uit : Gedichte

 

 

 

*** 

 

 

 

 

 

 

                   GEWALT  DER  TONKUNST 

 

Englisch

 

Aus Percy's Reliq. Vol. 1. p. 181.

 

        Wenn tauber Schmerz die Seele nagt,

            Und öder Nebel sie umfängt,

        Und bangend sie nach Troste fragt,

            Und stets in sich zurück sich drängt;

        Musik mit Einem Himmelsschall,

            Hebt sie empor vom Nebelthal.

 

        Wenn unser Herz in Freude schwimmt,

            Und sich in Freude bald verliehrt;

        Musik das Herz voll Taumel nimmt,

            Und sanft in sich zurück es führt,

        Verschmelzt es sanft in Lieb und Pein

            Und lästs vor Gott im Himmel seyn.

 

        Im Himmel labt der Töne Trank

            Den Durst der Pilger dieser Zeit.

        Im Himmel kränzet Lobgesang

            Mit Kränzen der Unsterblichkeit;

        Die Sterne dort im Jubelgang

            Frohlocken Einen Lobgesang.

 

 

 

       O Himmelsgab! o Labetrank!

            Dem matten Waller dieser Zeit,

        Geschenk, das aus der Höhe sank,

            Zu lindern unser Erdenleid,

        Sey, wenn mein Schifflein sich verirrt,

            Mir, was der Stern dem Schiffer wird.

 

Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Uit : Volkslieder

 

 

 

*** 

 

 

 

AN  DAS  CLAVIER

 

Sey mir gegrüßt

mein schmeichelndes Clavier!

Was keine Sprache richtig nennt,

die Krankheit tief in mir,

die mir mein Mund bekennt,

die klag ich dir.

 

Dich o Clavier

erfand ein Menschenfreund,

ein Mann der traurig war wie ich,

er hat, wie ich geweint;

voll Kummer schuf er dich,

für sich und mich.

 

Und Heil sey ihm,

Vertauter meiner Brust,

Heil sey dem Mann, der dich erfand!

Hat ihn, der Schmerz und Lust

An deine Saiten band,

kein Stein genannt?

 

Johann Timotheus Hermes (1738-1821)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Timotheus_Hermes

 

***

                AN  RICHARD  WAGNER

 

1.

 

            Vielverschlagner Richard Wagner,

            Aus dem Schiffbruch von Paris

            Nach der Isarstadt getragner,

            Sangeskundiger Ulyß!

 

            Ungestümer Wegebahner,

            Deutscher Tonkunst Pionier,

            Unter welche Insulaner,

            Teurer Freund, gerietst du hier!

 

            Und was hilft dir alle Gnade

            Ihres Herrn Alkinous?

            Auf der Lebenspromenade

            Dieser erste Sonnenkuß?

 

            Die Philister, scheelen Blickes,

            Spucken in den reinsten Quell;

            Kleine Schönheit rührt ihr dickes,

            Undurchdringlich dickes Fell.

 

            Ihres Hofbräuhorizontes

            Grenzen überstiegst du keck,

            Und du bist wie Lola Montez

            Dieser Biedermänner Schreck.

 

            »Solche Summen zu verplempern,

            Nimmt der Fremdling sich heraus!

            Er bestellte sich bei Sempern

            Gar ein neu Komödienhaus!

 

            Ist die Bühne, drauf der Robert,

            Der Prophet, der Troubadour

            Münchens Publikum erobert,

            Eine Bretterbude nur?

 

            Schreitet nicht der große Vasco

            Weltumsegelnd über sie?

            Doch Geduld – du machst Fiasko,

            Hergelaufenes Genie!

 

            Ja, trotz allen deinen Kniffen,

            Wir versalzen dir die Supp;

            Morgen wirst du ausgepfiffen –

            Vorwärts, Franziskanerklub!«

 

Georg Herwegh (1817-1875)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

 

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Georg_Herwegh

 

 

                               DIE   TÖNE

 

    Ihr tiefen Seelen, die im Stoff gefangen,

    Nach Lebensodem, nach Befreiung ringt;

    Wer löset eure Bande dem Verlangen,

    Das gern melodisch aus der Stummheit dringt?

    Wer Töne öffnet eurer Kerker Riegel?

    Und wer entfesselt eure Aetherflügel?

 

    Einst, da Gewalt den Widerstand berühret,

    Zersprang der Töne alte Kerkernacht;

    Im weiten Raume hier und da verirret

    Entflohen sie, der Stummheit nun erwacht,

    Und sie durchwandelten den blauen Bogen

    Und jauchzten in den Sturm der wilden Wogen.

 

    Sie schlüpften flüsternd durch der Bäume Wipfel

    Und hauchten aus der Nachtigallen Brust,

    Mit muthigen Strömen stürzten sie vom Gipfel

    Der Felsen sich in wilder Freiheitslust.

    Sie rauschten an der Menschen Ohr vorüber,

    Er zog sie in sein innerstes hinüber.

 

    Und da er unterm Herzen sie getragen,

    Heist er sie wandlen auf der Lüfte Pfad

    Und allen den verwandten Seelen sagen,

    Wie liebend sie sein Geist gepfleget hat.

    Harmonisch schweben sie aus ihrer Wiege

    Und wandlen fort und tragen Menschenzüge.

 

Karoline  von Günderode   (1780-1806)

Uit : Gedichte aus dem Nachlass

 

***

 

 

                    DER   LETZTE  TON 

 

Ein Ton, der in den Lüften lebt,

hoch über allem Dasein schwebt,

den doch des Menschen Ohr erst hört,

wenns schon kein fremder Laut mehr stört,

wenn Todesschweigen schon die Welt

gebannt in ihren Tiefen hält ...

 

Ein Ton der Freude, überreich

bald trotzig froh, bald lieb und weich –

der letzte Ton. Auch du darfst einst ihn hören

– dann wird kein Leid, kein Schmerz die Seele mehr bethören!

 

Otto Erich Hartleben (1864-1905)

Uit : Meine Verse 1883-1904

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Otto_Erich_Hartleben

*** 

 

              HORN  UND FLÖTE

 

            Tief in des Berges Grunde,

                Da ruhte das Metall,

            In ödem Steingeklüfte,

                Taub, ohne Glanz und Schall.

            Oft um des Berges Gipfel

                Hat dumpf der Sturm gerauscht,

            Man hat in seinen Tiefen

                Gewässersturz erlauscht.

 

            Fern an des Ganges Ufer,

                Da stand der Sandelbaum;

            Die Sonne einsam drüber

                Im weiten Himmelsraum.

            Goß die auf ihn hernieder

                Der Stralen heiße Glut,

            So kühlte ihn der Lotos

                Durch seiner Düfte Flut.

 

            Man wagte sich hinunter

                Bis zu des Berges Herz

            Und stahl mit keckem Finger

                Sein treu bewahrtes Erz.

            Durch Feuer und durch Wasser

                Hat das den Weg gemacht,

             Draus haben Menschen-Hände

                Ein Horn hervorgebracht.

 

            Es haben gift'ge Winde

                Den edlen Baum entstellt,

            Dann hat ein fleiß'ger Schiffer

                Ihn ganz und gar gefällt.

            Ihn über's Meer zu führen,

                Hielt er ihn nicht zu schlecht,

            Zur Flöte fand ein Meister

                Drauf einen Zweig gerecht.

 

            Nun bläsest du die Flöte

                Und du das Horn zur Stund',

            Und Horn und Flöte machen

                Mir manch Geheimniß kund.

            Bald in des Berges Schooße

                Vermeine ich zu sein,

            Und bald, mich zu ergehen

                In Indiens Sonnenschein.

 

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Uit : Gedichte [Ausgabe letzter Hand]

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Hebbel

 

***

     

                    VIRTUOSEN-PORTRAITS

 

Also dieß ist der Mann, durch welchen mich Mozart entzückte!

Säh' ich die Geige doch auch, die ihm so wacker gedient!

Säh' ich das nützliche Schaf, das dieser die Saiten geliefert,

Und das geduldige Pferd, das ihm den Bogen bezog!

 

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Uit : Gedichte [Ausgabe letzter Hand]

 

*** 

 

                   AUF  EINE  SÄNGERIN

 

        Die Lerche, die den Lenz begrüßt,

            Die holde Nachtigall,

        Die seinen Abschied uns versüßt

            Durch ihrer Stimme Schall:

 

        Die Beiden scheinen Schwestern gleich,

            Die rasch und unverweilt

        Schon bei der Schöpfung sich in's Reich

            Der Harmonie getheilt.

 

        Doch fühl' ich, seit ich dich vernahm,

            Daß noch ein Vogel fehlt,

        Der einst sich zwischen Lust und Gram

            Den Echo-Sitz erwählt.

 

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Uit : Gedichte [Ausgabe letzter Hand]

 

***  

 

                       AN EINE SÄNGERIN

 

Als sie eine Romanze sang

 

            Ich denke noch der Zaubervollen,

            Wie sie zuerst mein Auge sah!

            Wie ihre Töne lieblich klangen

            Und heimlich süß ins Herze drangen,

            Entrollten Tränen meinen Wangen –

            Ich wußte nicht, wie mir geschah.

 

            Ein Traum war über mich gekommen:

            Mir war, als sei ich noch ein Kind,

            Und säße still, beim Lämpchenscheine,

            In Mutters frommem Kämmerleine,

            Und läse Märchen wunderfeine,

            Derweilen draußen Nacht und Wind.

 

            Die Märchen fangen an zu leben,

            Die Ritter steigen aus der Gruft;

            Bei Ronzisvall, da gibt's ein Streiten,

            Da kommt Herr Roland herzureiten,

            Viel kühne Degen ihn begleiten,

            Auch leider Ganelon, der Schuft.

 

            Durch den wird Roland schlimm gebettet,

            Er schwimmt in Blut, und atmet kaum;

            Kaum mochte fern sein Jagdhornzeichen

            Das Ohr des großen Karls erreichen,

            Da muß der Ritter schon erbleichen –

            Und mit ihm stirbt zugleich mein Traum.

 

            Das war ein laut verworrnes Schallen,

            Das mich aus meinen Träumen rief.

            Verklungen war jetzt die Legende,

            Die Leute schlugen in die Hände,

            Und riefen »Bravo!« ohne Ende;

            Die Sängerin verneigt sich tief.

 

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Buch der Lieder

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Heine

 

***

 Mendelssohn, Auf Flügeln, Bonney

http://www.youtube.com/watch?v=Xfj4thZrFj4

 

            Auf Flügeln des Gesanges,

            Herzliebchen, trag ich dich fort,

            Fort nach den Fluren des Ganges,

            Dort weiß ich den schönsten Ort.

 

            Dort liegt ein rotblühender Garten

            Im stillen Mondenschein;

            Die Lotosblumen erwarten

            Ihr trautes Schwesterlein.

 

            Die Veilchen kichern und kosen,

            Und schaun nach den Sternen empor;

            Heimlich erzählen die Rosen

            Sich duftende Märchen ins Ohr.

 

            Es hüpfen herbei und lauschen

            Die frommen, klugen Gazell'n;

            Und in der Ferne rauschen

            Des heiligen Stromes Well'n.

 

            Dort wollen wir niedersinken

            Unter dem Palmenbaum,

            Und Liebe und Ruhe trinken

            Und träumen seligen Traum.

 

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Buch der Lieder

 

*** 

 

             Das ist ein Flöten und Geigen,

            Trompeten schmettern drein;

            Da tanzt den Hochzeitreigen

            Die Herzallerliebste mein.

 

            Das ist ein Klingen und Dröhnen

            Von Pauken und Schalmei'n;

            Dazwischen schluchzen und stöhnen

            Die guten Engelein.

 

Schumann, Das ist ein Flöten, Wunderlich

http://www.youtube.com/watch?v=r-uaLLFMwW8 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Buch der Lieder

 

*** 

 

            Hör ich das Liedchen klingen,

            Das einst die Liebste sang,

            So will mir die Brust zerspringen

            Vor wildem Schmerzendrang.

 

            Es treibt mich ein dunkles Sehnen

            Hinauf zur Waldeshöh',

            Dort löst sich auf in Tränen

            Mein übergroßes Weh.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

Uit : Buch der Lieder

 Schumann, Hör ich das Liedchen klingen, Wunderlich

http://www.youtube.com/watch?v=FT7OI-pOsOs

*** 

        

 

            Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

            Daß ich so traurig bin;

            Ein Märchen aus alten Zeiten,

            Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

 

            Die Luft ist kühl und es dunkelt,

            Und ruhig fließt der Rhein;

            Der Gipfel des Berges funkelt

            Im Abendsonnenschein.

 

            Die schönste Jungfrau sitzet

            Dort oben wunderbar,

            Ihr goldnes Geschmeide blitzet,

            Sie kämmt ihr goldenes Haar.

 

            Sie kämmt es mit goldenem Kamme,

            Und singt ein Lied dabei;

            Das hat eine wundersame,

            Gewaltige Melodei.

 

            Den Schiffer im kleinen Schiffe

            Ergreift es mit wildem Weh;

            Er schaut nicht die Felsenriffe,

            Er schaut nur hinauf in die Höh'.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 Ich weiss nicht was soll es bedeuten

http://www.youtube.com/watch?v=88QYAWbVLsc

***

 

 

Uit : Buch der Lieder AN EINE SÄNGERIN

 

Als sie eine alte Romanze sang

 

Ich denke noch der Zaubervollen,

Wie sie zuerst mein Auge sah!

Wie ihre Töne lieblich klangen

Und heimlich süß ins Herze drangen,

Entrollten Tränen meinen Wangen -

Ich wußte nicht, wie mir geschah.

 

Ein Traum war über mich gekommen:

Mir war, als sei ich noch ein Kind,

Und säße still, beim Lämpchenscheine,

In Mutters frommem Kämmerleine,

Und läse Märchen wunderfeine,

Derweilen draußen Nacht und Wind.

 

Die Märchen fangen an zu leben,

Die Ritter steigen aus der Gruft;

Bei Ronzisvall da gibts ein Streiten,

Da kommt Herr Roland herzureiten,

Viel kühne Degen ihn begleiten,

Auch leider Ganelon, der Schuft.

 

Durch den wird Roland schlimm gebettet,

Er schwimmt in Blut, und atmet kaum;

Kaum mochte fern sein Jadghornzeichen

Das Ohr des großen Karls erreichen,

Da mußt der Ritter schon erbleichen -

Und mit ihm stirbt zugleich mein Traum.

 

Das war ein laut verworrnes Schallen,

Das mich aus meinen Träumen rief.

Verklungen war jetzt die Legende,

Die Leute schlugen in die Hände,

Und riefen «Bravo!» ohne Ende;

Die Sängerin verneigt sich tief.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 

***

 

DER SÄNGER

 

Auf Flügeln des Gesanges,

Herzliebchen, trag ich dich fort,

Fort nach den Fluren des Ganges,

Dort weiß ich den schönsten Ort;

 

Dort liegt ein [rotblühender] Garten

Im stillen Mondenschein,

Die Lotosblumen erwarten

Ihr trautes Schwesterlein.

 

Die Veilchen kichern und kosen,

Und schaun nach den Sternen empor,

Heimlich erzählen die Rosen

Sich duftende Märchen ins Ohr.

 

Es hüpfen herbei und lauschen

Die frommen, klugen Gazelln,

Und in der Ferne rauschen

Des [heiligen]2 Stromes Well'n.

 

Dort wollen wir niedersinken

Unter dem Palmenbaum,

Und Liebe und Ruhe trinken,

Und träumen seligen Traum.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 

***

 

Das ist ein Flöten und Geigen,

Trompeten schmettern [drein]

Da tanzt [wohl] den Hochzeitreigen

Die Herzallerliebste mein.

 

Das ist ein Klingen und Dröhnen,

[Von Pauken und Schalmei'n];

Dazwischen schluchzen und stöhnen

Die [guten] Engelein.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 

***

 

Hör' ich das Liedchen klingen,

Das einst die Liebste sang,

[So will mir die Brust]1 zerspringen

[Vor]2 wildem [Schmerzendrang.]3

 

[Es treibt mich]4 ein dunkles Sehnen

Hinauf zur Waldeshöh',

Dort löst sich auf in Tränen

Mein übergroßes Weh'.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

 

 

 

 

*** 

Beine hat uns zwei gegeben

Gott der Herr, um fortzustreben,

wollte nicht, dass an der Scholle

unsre Menschheit kleben solle.

Um ein Stillstandsknecht zu sein,

genügte uns ein einzges Bein.

 

Augen gab uns Gott ein Paar,

daß wir schauen rein und klar;

um zu glauben, was wir lesen,

wär ein Aug genug gewesen.

Gott gab uns die Augen beide,

daß wir schauen und begaffen

wie er hübsch die Welt erschaffen

zu des Menschen Augenweide;

doch beim Gaffen in den Gassen

sollen wir die Augen brauchen

und uns dort nicht treten lassen

auf die armen Hühneraugen,

die uns ganz besonders plagen,

wenn wir enge Stiefel tragen.

 

Gott versah uns mit zwei Händen,

dass wir doppelt Gutes spenden;

nicht um doppelt zuzugreifen

und die Beute aufzuhäufen

in den großen Eisentruhn,

wie gewisse Leute tun --

(ihren Namen auszusprechen

dürfen wir uns nicht erfrechen --

hängen würden wir sie gern,

doch sie sind so große Herrn,

Philanthropen, Ehrenmänner,

manche sind auch unsre Gönner,

und man macht aus deutschen Eichen

keine Galgen für die Reichen.)

 

Gott gab uns nur eine Nase,

weil wir zwei in einem Glase

nicht hineinzubringen wüßten,

und den Wein verschlappern müßten.

 

Gott gab uns nur einen Mund,

weil zwei Mäuler ungesund.

Mit dem einen Maule schon

schwätzt zu viel der Erdensohn.

Wenn er doppelmäulig wär,

fräß und lög er auch noch mehr.

Hat er jetzt das Maul voll Brei,

muß er schweigen unterdessen,

hätt er aber Mäuler zwei,

löge er sogar beim Fressen.

 

Mit zwei Ohren hat versehn

uns der Herr. Vorzüglich schön

ist dabei die Symmetrie.

Sind nicht ganz so lang wie die,

so er unsern grauen braven

Kameraden anerschaffen.

Ohren gab uns Gott die beiden,

um von Mozart, Gluck und Hayden

Meisterstücke anzuhören --

Gäb es nur Tonkunst-Kolik

und Hämorrhoidal-Musik

von dem großen Meyerbeer,

schon ein Ohr hinlänglich wär! --

 

Als zur blonden Teutolinde

ich in solcher Weise sprach,

seufzte sie uns sagte: Ach!

Grübeln über Gottes Gründe,

kritisieren unsern Schöpfer,

ach! das ist, als ob der Topf

klüger sein wollt als der Töpfer!

Doch der Mensch fragt stets: Warum?

Wenn er sieht, dass etwas dumm.

Freund ich hab dir zugehört,

und du hast mir gut erklärt,

wie zum weisesten Behuf

Gott den Menschen zweifach schuf

Augen, Ohren, Arm' und Bein',

während er ihm nur ein

Exemplar von Nas und Mund --

doch nun sage mir den Grund:

Gott, der Schöpfer der Natur,

warum schuf er einfach nur

das skabröse Requisit,

das der Mann gebraucht, damit

er fortpflanze seine Rasse

und zugleich sein Wasser lasse?

Teurer Freund, ein Duplikat

wäre wahrlich hier vonnöten,

um Funktionen zu vertreten,

die so wichtig für den Staat

wie fürs Individuum,

kurz fürs ganze Publikum.

Zwei Funktionen, die so greulich

und so schimpflich und abscheulich

miteinander kontrastieren

und die Menschheit sehr blamieren.

Eine Jungfrau von Gemüt

muß sich schämen, wenn sie sieht,

wie ihr höchstes Ideal

wird entweiht so trivial!

Wie der Hochaltar der Minne

wird zur ganz gemeinen Rinne!

Psyche schaudert, denn der kleine

Gott Amur der Finsternis,

er verwandelt sich beim Scheine

ihrer Lamp -- in Mankepiß.

 

Also Teutolinde sprach,

und ich sagte ihr: Gemach!

Unklug wie die Weiber sind,

du verstehst nicht, liebes Kind,

Gottes Nützlichkeitssystem,

sein Ökonomie-Problem

ist, dass wechselnd die Maschinen

jeglichem Bedürfnis dienen,

dem profanen wie dem heilgen,

dem pikanten wie langweilgen, -

alles wird simplifiziert;

klug ist alles kombiniert:

Was dem Menschen dient zum Seichen,

damit schafft er seinesgleichen.

Auf demselben Dudelsack

spielt dasselbe Lumpenpack.

Feine Pfote, derbe Patsche,

fiedelt auf derselben Bratsche.

Durch dieselben Dämpfe, Räder

springt und singt und gähnt ein jeder,

und derselbe Omnibus

fährt uns nach dem Tartarus.

 

Heinrich Heine (1797-1856)

*** 

CON SORDINO

 

Mir zittern die Saiten

und stimmen die Weise an,

die ich für dich vorzeiten,

die ich für dich in einem Mai

aus lauter Glück ersann.

 

Ich führe den Bogen

so scheu und leis gespannt,

wie ich ihn da gezogen,

da ich in einer fernen Nacht

vor deinem Fenster stand

 

Hermann Hesse (1877-1962)

Uit : Der Geiger

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Hermann_Hesse

 

*** 

GAVOTTE

 

In einem welken Garten singt

Zum Brummbass eine Violine;

Ein altes Paar im Takte springt

Und lächelt kühl mit müder Mine.

 

Und jeder weiß; der andred denkt.

Wie anders doch vor zwanzig Jahren,

Wie heiß und handinhandgedrängt

Dieselben alten Tänze waren.

 

Hermann Hesse (1877-1962)

Gavotte, 1898

 

***

Was für ein Lied soll dir gesungen werden,

Das deiner würdig sei? Wo find ich's nur?

Am liebsten grüb' ich es tief aus der Erden,

Gesungen noch von keiner Kreatur.

Ein Lied, das weder Mann noch Weib bis heute

Hört' oder sang, selbst nicht die ält'sten Leute.

 

Paul Heyse (1830-1914)

Uit : Italienisches Liederbuch (1860)

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Paul_Heyse

 

***

 

 

                     O Saitenspiel

                    In schweigender Nacht,

                    Wenn Tagesgewühl

                    Zur Ruhe gebracht!

 

                    Worte verschwimmen

                    Im Meer des Seins,

                    Flammen verglimmen,

                    Hüpfenden Scheins.

 

                    Nicht Ton und Gestalt,

                    Nicht Farb' und Sinn;

                    Mit dunkler Gewalt

                    Nimmt Liebe dich hin.

 

                    Eins nur fühlst du:

                    Du bist zu Zwein.

                    Auch das verdämmert,

                    Traum spinnt dich ein.

 

                    Dich stärkt die Welle

                    Der Ewigkeit

                    Für Himmel und Hölle

                    Der nichtigen Zeit.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

            Es singt und klingt mir im Gemüt

            Vom Morgen bis zum Abendrot:

            Das Leben ist ein süßes Lied,

            Sein bittrer Kehrreim ist der Tod.

 

            Ich sang das Lieb wohl vor mich hin,

            Der Kehrreim schuf mir keine Not.

            Das Leben hatte klaren Sinn,

            Ein dunkles Rätsel schien der Tod.

 

            Gedämpft ist nun der lust'ge Schall,

            Der mir die Brust zu sprengen droht.

            Das Leben dunkelt überall,

            Und hell und heller winkt der Tod.

 

            Die falschen Töne sind verstummt,

            Des Lebens irre Glut verloht –

            Ich harre, daß in Schlaf mich summt

            Mit sanftem Wiegenlied der Tod.

 

 

Sorrent

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

 

***

 

                                     RISPETTI

 

1.

 

    Rispetti singt man abends in der Kühle

    Und mitternachts zur Stunde der Gespenster.

    Ein wenig aufzuatmen nach der Schwüle,

    Singt sie ein Liebender am Kammerfenster.

 

    Ich singe sie an einem kleinen Grabe,

    Drin ruht, was ich zumeist geliebet habe.

 

    Es kommt kein Gruß, kein Flüsterwort zurücke;

    Ein armer Spuk nur blieb von so viel Glücke.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

                     RISPETTI  2

 

    Vor unsern Fenstern nachts erklingt die Zither;

    Hörst du? Santa Lucia wird gesungen.

    Wie klingt uns nun die süße Weise bitter,

    Wie wühlt sie aus dem Schlaf Erinnerungen!

 

    Das Stimmchen, das geliebte, tönt nicht wieder,

    Das oft uns sang dies liebste seiner Lieder.

 

    Vom andern Ufer lockt es: Mamma mia,

    Deh! vieni all' agile barchetta mia!

 

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

***  

 

                   RISPETTI   3

 

     Ich war ein reingestimmtes Saitenspiel;

    Wenn ich erklang, so war's zur Freude vielen.

    Warum's dem Meister Schicksal nur gefiel,

    So ungestüm und rauh mir mitzuspielen?

 

    Nun ist die edle Harmonie zerstört;

    Verstimmen muß ich jeden, der mich hört.

 

    Nun sind die andern Saiten all' zersprungen;

    Nur eine tönt noch, von Erinnerungen.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

 

            JOHANNES BRAHMS  †

 

Und noch ein glorreich hochgefürstet Haupt

Hat dieser wilde Lenz der Welt geraubt.

 

Ein Haupt, das äußrer Würden sich entschlug,

Doch in dem Reich der Schönheit Krone trug!

 

Ihm ward in Tönen wundersamer Art

Das tiefste Weltgeheimnis offenbart,

 

Und was zu seiner lauschenden Seele drang,

Beseelt ausströmen mußt' es sein Gesang,

 

Voll heil'gen Tiefsinns, der am stumpfen Ohr

Der flachen Menge freilich sich verlor,

 

Da leichtre Kunst am lauten Markt sich bläht

Und Zügelloses hoch im Preise steht.

 

Er aber schritt, nicht buhlend um Gewinn

Gemeinen Ruhms, mit heitrem Mut dahin,

 

Gestärkt, beseligt durch der Muse Kuß,

Die immer treu blieb seinem Genius,

Bis dann in Süßigkeit und herber Kraft

Den Neid beschämte seine Meisterschaft

 

Und zu den Treuen, die ihn früh erkannt,

Ein endlos Volk sein Zauber überwand.

 

So, da die Welt vernahm: nach schwerer Pein

Ging dieser Herrliche zum Frieden ein,

 

Erscholl nur eine Klage weit ringsum,

Daß nun die goldne Sängerlippe stumm.

 

O wohl! Der Müde schläft am stillsten Ort,

Doch sein Gesang tönt unvergänglich fort,

 

So wie im Weltall, wenn ein Stern versinkt,

Sein Licht noch lang sich durch den Äther schwingt

 

Und in das Auge, das gen Himmel blickt,

Noch einen Strahl der Freude niederschickt.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

***

 

                        DAS   KONZERT

 

    In meinem Zimmer mir zur Augenweide

    Hängt überm Schreibtisch jenes Meisterwerk

    Giorgione's, das Konzert, das Kleinod aus

    Dem Schatz Palazzo Pitti's. In der Mitte

    Der blasse junge Mann im schwarzen Kleid,

    Der auf den Tasten eines Orgelwerks

    Die schlanken Hände ruhen läßt, als schlüg' er

    Den Schlußakkord, den feierlichen, an

    Der geistlichen Motette, die den Zwei'n

    Er vorgespielt, den Freunden, gleich ihm selbst

    Verehrer Palestrina's. Oder war's

    Ein Stück, entsprungen aus der eignen Seele

    Des Spielers, oder freie Phantasie?

    Nein, eines Meisters Schöpfung muß es sein.

    Denn zu dem Alten hinter ihm das Haupt

    Umwendend, scheint sein mystisch heißer Blick

    Zu fragen: Ist's nicht wunderbar? Und hab'

    Ich dir's zu Dank gespielt? Allein der Freund

    (Wohl ein Prälat, der Kleidung nach; ein Kranz

    Von dunklem Haar umzirkt sein kahles Haupt),

    In stiller Rührung zuckt's um seinen Mund,

    Und traulich auf des Jünglings Schulter legt er

    Die Rechte, gleich als spräch' er: Bravo, Freund!

    Du spieltest wundervoll! – Die linke Hand

     Hält einer Laute schlanken Hals umfaßt

    (Auch er übt wohl Musik, als Dilettant),

    Indes der Dritt' im Bunde, jener Jüngling

    In Federhut und adligem Gewand,

    Herausblickt aus dem Bilde, wie noch ganz

    Versunken in Entzückungen, und scheint

    Mich anzureden: Hättest du's gehört,

    Du stündest unterm Zauber noch, gleich mir!

 

    Und fühl' ich anders? In das seelenvolle

    Gesicht des Spielers blickend, ist es mir,

    Als höb' ein sanftes Klingen geisterhaft

    Sich an und dringe mir mit magischer

    Gewalt an Seel' und Sinn und fülle mir

    Das Herz mit Wonneklang, indes von draußen

    Der See, anstürmend an die Uferwehr,

    Mit tiefem Orgelbaß die Melodie

    Begleite.

    Heil'ge Musen, schwesterlich

    Fürwahr reicht ihr euch oft die Hand. Denn hier

    Aus des Giorgione stummberedtem Bild

    Tönt zauberisch mit längst verklungner Macht

    Ein Hauch italischer Tonkunst mir entgegen.

 

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

 

              AN   BEETHOVEN

 

Wie wer gekostet hat vom Zauberkraut

Und nun versteht der Elemente Lallen,

Das Stammeln der Natur, den Klagelaut

Der stummen Wesen, die dem Tod verfallen,

So gingst du durch die Welt. Dir klang vertraut,

Was allen schwieg, und das verworrne Schallen

Vom ew'gen Fluß der Dinge – deiner Seele

War's Wohllaut, wie ein Lied aus Vogelkehle.

 

Doch wer das Höchst' und Fremdeste ergründet,

Ein Fremdling wird er in der eignen Welt.

Wann hätt' ein Mensch Dämonen sich verbündet

Und dann zu frohen Menschen sich gesellt?

Vom Schmerz des Daseins, den dein Lied verkündet,

Ward jede flücht'ge Wonne dir vergällt;

Der Einklang, der dir tönt' im Flug der Sterne,

Blieb, wie du kämpftest, deinem Busen ferne.

 

So rächen sich an dem, der sie belauscht,

Die Überirdischen, die furchtbar Hehren.

Wer sich am Urquell alles Seins berauscht,

Soll nicht den Becher ird'scher Freude leeren.

Einsam, wenn alles Seel' um Seele tauscht,

Muß er die Glut des eignen Herds entbehren,

Und, ihm den Stachel recht ins Blut zu mühlen,

Lehrt Phantasie ihn das Versagte fühlen.

 

Er weiß von allem Traulichen und Süßen,

Das armer Menschen Niedrigkeit verklärt,

Sieht in des Weibes Blick die Liebe grüßen,

Die Treue, die das heil'ge Feuer nährt,

Den Glauben: endlich werde siegen müssen

Unschuld und Recht, mit Ketten selbst beschwert,

Und hört nach Kerkernacht und bangem Leide

Die Himmelsstimmen namenloser Freude.

 

So sprachst du aus in reinen Melodien,

Was du im Traum der Sehnsucht nur erfahren.

Den goldnen Schatz, den Ahnung dir verliehn,

Gabst du den Glücklichern, ihn zu bewahren.

Und wenn die Neunzahl hoher Sinfonien

Das Weltgeheimnis strebt zu offenbaren,

Fidelio klagt und jauchzt das ewig neue

Uralte Trostlied ew'ger Lieb' und Treue.

 

Dank, daß du dies Vermächtnis uns gelassen!

Schon vor dem Übermenschen will den Geist

Ein Schwindel ehrfurchtsvollen Grauns erfassen,

Als ob zu hoch du unsrer Liebe seist:

Da teilst du unser Dulden, Lieben, Hassen,

Der hohe Fremdling ist nicht mehr verwaist,

Und der vereinsamt ging auf ird'schen Wegen,

Das Herz der Menschheit schlägt ihm nun entgegen.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

***  

 

 

IN  VIRIDI  PRATO  CONSEDIT  PHOEBUS  APOLLO

 

(zu einem Bilde mit dieser Devise)

 

    Auf grüner Aue sitzt Apoll

    Und musiziert ganz wundervoll;

    Doch wird ihm all seine Kunst nicht frommen,

    Auf einen grünen Zweig zu kommen.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

 

***

 

        Ein Drama ist einer Geige gleich,

        Fast nie gelingt's auf den ersten Streich.

        Daß tiefer Vollklang dich erfreue,

        Zerbrich's und leim es dann aufs neue.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

***

 

 

Auf unsern Bühnen hat Ungeschmack

            Die holde Muse vertrieben.

            Sie spielen dir auf dem Dudelsack,

            Was du für Flöte geschrieben.

 

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

***

             Was heißt unendliche Melodie? –

            Das ist doch leicht verständlich:

            Von Takt zu Takt erwarten wir sie

            Und täuschen uns doch unendlich.

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte



***

 

                       ARS  LONGA

 

                Fünf Stunden lang mich ergeben

                In euren Meistergesang?

                Verzeiht! Kurz ist das Leben,

                Und diese Kunst – zu lang.

 

 

Paul  Heyse   (1830-1914)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

WIE  LANGE SCHON WAR IMMER MEIN VERLANGEN

 

Wie lange schon war immer mein Verlangen:

Ach wäre doch ein Musikus mir gut!

Nun ließ der Herr mich meinen Wunsch erlangen

Und schickt mir einen, ganz wie Milch und Blut.

Da kommt er eben her mit sanfter Miene,

Und senkt den Kopf und spielt die Violine.

 

Paul Heyse (1830-1914)

Uit : Italienisches Liederbuch (1860)

 

*** 

 

 

                              WALDSTIMME

 

    Wie deine grüngoldenen Augen funkeln,

    Wald, du moosiger Träumer,

    Wie so versonnen deine Gedanken dunkeln,

    Saftstrotzender Tagesversäumer,

    Einsiedel, schwer von Leben!

 

    Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben:

    Wie's Atem holt

    und näher kommt

    und braust,

    Und weiter zieht

    und stille wird

    und saust!

    Über der Wipfel Hin- und Wiederschweben,

    Hochoben steht ein ernster Ton,

 

    Dem lauschten tausend Jahre schon

    Und werden tausend Jahre lauschen.

    Und immer dieses starke, donnerdunkle Rauschen.

 

Peter Hille (1854-1904)

Uit :  Blätter  vom fünfzigjährigen Baum

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Peter_Hille

 

*** 

 

     DIE   STREICHINSTRUMENTISTEN

 

                Es giebt einen Freistaat, der in einer Brust Raum hat – oder hast du kein Herz?

Jean Paul, Dämmerungen für Deutschland.

 

                Ihr möchtet gerne streichen

                Des Geistes Freud' und Lust,

                Doch könnt ihr niemals reichen

                In eine freie Brust;

 

                Die wird euch nimmer fröhnen

                Wie lumpiges Papier,

                Die wird euch stets verhöhnen

                In eurer Vampyrgier.

 

                Wenn ihr den Wütherichen

                An Glück und Ehren gleicht,

                Ihr werdet einst gestrichen,

                Wie ihr die andern streicht.

 

                Drum streichet nur die Geigen,

                Macht ehrlich eure Hand!

                Spielt auf zum Geisterreigen

                Für's deutsche Vaterland!

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 

(1798-1874)

Uit : Unpolitische Lieder

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/August_Heinrich_Hoffmann_von_Fallersleben

 

*** 

 

                     DIE  MUSIKANTEN

 

Einer.

 

        Kuckuck stimmt sein Liedchen an,

        So als wollt' er sagen:

        Wer es etwa besser kann,

        Mag es mit mir wagen!

 

 

Ein Anderer.

 

        Kuckuck singt nur immerzu

        Sein kuck ku, kuck ku, kuck ku.

        Kann der Kuckuck musiciren,

        Ei, so wollen wir probiren,

        Ob man's nicht noch besser kann:

            Stimmet an! Stimmet an!

 

 

Mehrere.

 

        Bum, bum, bum!

        Wir marschiren herum,

        Musketier, Grenadier.

        Trum trom trum!

        Bidibum bom bum!

 

Andere.

 

        Und die Pfeifer spielen lustig drein

        Tio tio tio tio, so hell und so fein.

 

 

Alle.

 

        Trum trom trum!

        Bidibum bom bum!

 

 

Mehrere.

 

        Wir, die grünen Jäger vorn,

        Und wir blasen auf dem Horn,

        Daß es schallt

        Durch den Wald,

        Immerzu, immerzu,

        Ra ri ra ri ra ri ra ru!

 

 

Andere.

 

        Tra ra tra ra!

        Husaren sind da.

        Sie reiten im rothen Kleide

        Wohl über die grüne Haide.

        Tra ra tra ra!

        Juchheißassa!

        Im Regen und Wind

         Wie im Sonnenschein,

        Geschwind, geschwind,

        In die weite weite Welt hinein.

        Tra ra tra ra!

 

 

Mehrere.

 

        Wir bleiben hier,

        Infanteristen sind wir,

        Du Musketier, ich Grenadier

        Trom trom trom trom trom trom!

        Bidibom bidibom bom bom!

 

 

Alle.

 

        Kuckuck, Kuckuck, du armer Wicht,

        Trommeln und Trompeten kannst du nicht,

        Bum bum bum!

        Tra ra ra tra rum!

        Tio tio tio bum bum!

 

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 

(1798-1874)

Uit : Kinderlieder

 

*** 

 

                   GÄNSECANTATE

 

        Was haben wir Gänse für Kleidung an?

            Gi ga gack!

        Wir gehen barfuß allezeit

        In einem weißen Federkleid,

            Gi ga gack!

        Wir haben nur Einen Frack.

 

        Was trinken wir Gänse für einen Wein?

            Gi ga gack!

        Wir trinken nur den stärksten Wein,

        Das ist der Gänsewein allein,

            Gi ga gack!

        Ist stärker als Rum und Rack.

 

        Was haben wir Gänse für eine Kost?

            Gi ga gack!

        Des Sommers geh'n wir auf die Au,

        Des Winters speist die Bauersfrau

            Gi ga gack!

        Uns aus dem Hafersack.

 

        Was reden wir Gänse für Sprache doch?

            Gi ga gack!

        Wir könnten Professoren sein:         Wir reden Griechisch und Latein;

            Gi ga gack!

        Ist unser Schnick und Schnack.

 

        Was machen wir Gänse am Martinstag?

            Gi ga gack!

        Man führt uns aus dem Stall hinaus

        Zu einem fetten Martinsschmaus,

            Gi ga gick!

        Und bricht uns das Genick.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 

(1798-1874)

Uit : Kinderlieder

 

 

*** 

 

                DER  BESTE  SÄNGER

 

            Wer mag der beste Sänger sein

            Von allen Sängern groß und klein?

            Nun rathet, wer da rathen kann,

            Besinnt euch recht und sagt es dann.

 

            Das ist das liebe Vögelein,

            Das singet also hübsch und fein,

            Wie's kann kein Sänger in der Stadt:

            Es singet Alles frisch vom Blatt.

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 

(1798-1874)

Uit : Kinderlieder

 

*** 

 

           NUR  EINE KLEINE  GEIGE

 

            Eine kleine Geige möcht' ich haben,

            Eine kleine Geige hätt' ich gern!

            Alle Tage spielt' ich mir

            Zwei, drei Stückchen oder vier,

            Und sänge und spränge

            Gar lustig herum.

            Didel didel didel dum dum dum!

            Didel didel didel dum!

 

            Eine kleine Geige klingt gar lieblich,

            Eine kleine Geige klingt gar schön!

            Nachbars Kinder und unser Spitz

            Kämen alle wie der Blitz

            Und sängen und sprängen

            Mit mir auch herum.

            Didel didel didel dum dum dum!

            Didel didel didel dum!

 

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 

(1798-1874)

Uit : Kinderlieder

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

***

 

                             GHASELEN

 

1.

 

In der ärmsten kleinen Geige liegt die Harmonie des Alls verborgen,

Liegt ekstatisch tiefstes Stöhnen, Jauchzen süßen Schalls verborgen;

In dem Stein am Wege liegt der Funke, der die Welt entzündet,

Liegt die Wucht des fürchterlichen, blitzesgleichen Pralls verborgen.

In dem Wort, dem abgegriffnen, liegt was mancher sinnend suchet:

Eine Wahrheit, mit der Klarheit leuchtenden Kristalls verborgen ...

Lockt die Töne, sucht die Wahrheit, werft den Stein mit Riesenkräften!

Unsern Blicken ist Vollkommnes seit dem Tag des Sündenfalls verborgen.

 

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Uit : Die Gedichte  1891- 1898

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Hugo_von_Hofmannsthal

 

*** 

 

                     ”ZUKUNFTSMUSIK”

 

        Heiligen Mitleids rauschende Wellen,

        Klingend an jegliches Herze sie schlagen;

        Worte sind Formeln, die könnens nicht sagen,

        Können nicht fassen die Geister, die hellen.

 

        Frei sind die Seelen, zu jubeln, zu klagen,

        Ahnungen dämmern und Kräfte erschwellen:

        Töne den Tönen sich zaubrisch gesellen:

        Gilt es dem Heute, den kommenden Tagen?

 

        Wer will es deuten, – ein gärendes Wühlen,

        Regellos göttlich, – wer will erlauschen

        Heldenhaft höchstes und heißestes Fühlen,

 

        Feuerlodern und Stromesrauschen ...?

        Doch es beherrscht das Titanengetriebe

        Bebende Ahnung erlösender Liebe.

 

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)

Uit : Die Gedichte  1891- 1898

 

 

*** 

 

                                MELODIE

 

An Lyda

 

    Lyda, siehe! zauberisch umwunden

    Hält das All der Liebe Schöpferhand,

    Erd und Himmel wandeln treu verbunden,

    Laut und Seele knüpft der Liebe Band.

    Lüftchen säuseln, Donner rollen nieder –

    Staune, Liebe! staun und freue dich!

    Seelen finden sich im Donner wieder,

    Seelen kennen in dem Lüftchen sich.

 

    Am Gesträuche lullt in Liebesträume

    Süße Trunkenheit das Mädchen ein,

    Haucht der Frühling durch die Blütenbäume,

    Summen Abendsang die Käferlein;

    Helden springen von der Schlummerstätte,

    Grüßt sie brüderlich der Nachtorkan;

    Hinzuschmettern die Tyrannenkette,

    Wallen sie die traute Schreckenbahn.

 

    Wo der Totenkranz am Grabe flüstert,

    Wo der Wurm in schwarzen Wunden nagt,

    Wo, vom grauen Felsenstrauch umdüstert,

    Durch die Heide hin der Rabe klagt,

    Wo die Lerch im Tale froher Lieder,

    Plätschernd die Forell im Bache tanzt,

    Tönt die Seele Sympathieen wieder,

    Von der Liebe Zauber eingepflanzt.

 

    Wo des Geiers Schrei des Raubs sich freuet,

    Wo der Aar dem Felsennest entbraust,

    Wo Gemäuer ächzend niederdräuet,

    Wo der Wintersturm in Trümmern saust,

    Wo die Woge, vom Orkan bezwungen,

    Wieder auf zum schwarzen Himmel tost,

    Trinkt das Riesenherz Begeisterungen,

    Von den Schmeicheltönen liebgekost.

 

    Felsen zwingt zu trauten Mitgefühlen

    Tausendstimmiger Naturgesang,

    Aber süßer tönt von Saitenspielen

    Allgewaltiger ihr Zauberklang;

    Rascher pocht im angestammten Triebe,

    Bang und süße, wie der jungen Braut,

    Jeder Aderschlag, in trunkner Liebe

    Findt das Herz den brüderlichen Laut.

 

    Aus des Jammerers erstarrtem Blicke

    Locket Labetränen Flötenton,

    Im Gedränge schwarzer Mißgeschicke

    Schafft die Schlachttrommete Siegeslohn,

    Wie der Stürme Macht im Rosenstrauche,

    Reißt dahin der Saiten Ungestüm,

    Kosend huldiget dem Liebeshauche

    Sanfter Melodie der Rache Grimm.

 

    Reizender erglüht der Wangen Rose,

    Flammenatem haucht der Purpurmund,

    Hingebannt bei lispelndem Gekose

    Schwört die Liebe den Vermählungsbund;

    Niegesungne königliche Lieder

    Sprossen in des Sängers Brust empor,

    Stolzer schwebt des Hochgesangs Gefieder,

    Rührt der Töne Reigentanz das Ohr,

 

    Wie sie langsam erst am Hügel wallen,

    Majestätisch dann wie Siegersgang,

    Hochgehoben zu der Freude Hallen,

    Liebe singen und Triumphgesang,

    Dann durch Labyrinthe hingetragen

    Fürder schleichen in dem Todestal,

    Bis die Nachtgefilde schöner tagen,

    Bis Entzückung jauchzt am Göttermahl.

 

    Ha! und wann mir in des Sanges Tönen

    Näher meiner Liebe Seele schwebt,

    Hingegossen in Entzückungstränen

    Näher ihr des Sängers Seele bebt,

     Wähn ich nicht vom Körper losgebunden

    Hinzujauchzen in der Geister Land? –

    Lyda! Lyda! zauberisch umwunden

    Hält das All der Liebe Schöpferhand.

 

Friedrich Hölderlin  (1770-1843)

Uit : Gedichte 1784-1800

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Friedrich_H%C3%B6lderlin

***

 

 

     HYMNE  AN  DIE  GÖTTIN  DER  HARMONIE

 

                Urania, die glänzende Jungfrau, hält mit ihrem Zaubergürtel das Weltall in tobendem Entzücken zusammen.

Ardinghello

 

    Froh, als könnt ich Schöpfungen beglücken,

    Kühn, als huldigten die Geister mir,

    Nahet, in dein Heiligtum zu blicken,

    Hocherhabne! meine Liebe dir;

    Schon erglüht der wonnetrunkne Seher

    Von den Ahndungen der Herrlichkeit,

    Ha, und deinem Götterschoße näher

    Höhnt des Siegers Fahne Grab und Zeit.

 

    Tausendfältig, wie der Götter Wille,

    Weht Begeisterung den Sänger an,

    Unerschöpflich ist der Schönheit Fülle,

    Grenzenlos der Hoheit Ozean.

    Doch vor allem hab ich dich erkoren,

    Bebend, als ich ferne dich ersah,

    Bebend hab ich Liebe dir geschworen,

    Königin der Welt! Urania.

 

    Was der Geister stolzestes Verlangen

    In den Tiefen und den Höhn erzielt,

 

Hab ich allzumal in dir empfangen,

    Sint dich ahndend meine Seele fühlt.

    Dir entsprossen Myriaden Leben,

    Als die Strahlen deines Angesichts,

    Wendest du dein Angesicht, so beben

    Und vergehn sie, und die Welt ist Nichts.

 

    Thronend auf des alten Chaos Wogen,

    Majestätisch lächelnd winktest du,

    Und die wilden Elemente flogen

    Liebend sich auf deine Winke zu.

    Froh der seligen Vermählungsstunde

    Schlangen Wesen nun um Wesen sich,

    In den Himmeln, auf dem Erdenrunde

    Sahst du, Meisterin! im Bilde dich. –

 

    Ausgegossen ist des Lebens Schale,

    Bächlein, Sonnen treten in die Bahn,

    Liebetrunken schmiegen junge Tale

    Sich den liebetrunknen Hügeln an:

    Schön und stolz wie Göttersöhne hangen

    Felsen an der mütterlichen Brust,

    Von der Meere wildem Arm umfangen,

    Bebt das Land in niegefühlter Lust.

 

    Warm und leise wehen nun die Lüfte,

    Liebend sinkt der holde Lenz ins Tal:

 

     Haine sprossen an dem Felsgeklüfte,

    Gras und Blumen zeugt der junge Strahl.

    Siehe, siehe, vom empörten Meere,

    Von den Hügeln, von der Tale Schoß,

    Winden sich die ungezählten Heere

    Freudetaumelnder Geschöpfe los.

 

    Aus den Hainen wallt ins Lenzgefilde

    Himmlischschön der Göttin Sohn hervor,

    Den zum königlichen Ebenbilde

    Sie im Anbeginne sich erkor:

    Sanftbegrüßt von Paradiesesdüften

    Steht er wonniglichen Staunens da,

    Und der Liebe großen Bund zu stiften,

    Singt entgegen ihm Urania:

 

    »Komm, o Sohn! der süßen Schöpfungsstunde

    Auserwählter, komm und liebe mich!

    Meine Küsse weihten dich zum Bunde,

    Hauchten Geist von meinem Geist in dich. –

    Meine Welt ist deiner Seele Spiegel,

    Meine Welt, o Sohn! ist Harmonie,

    Freue dich! Zum offenbaren Siegel

    Meiner Liebe schuf ich dich und sie.

 

    Trümmer ist der Wesen schöne Hülle,

    Knüpft sie meiner Rechte Kraft nicht an.

    Mir entströmt der Schönheit ewge Fülle,

    Mir der Hoheit weiter Ozean.

    Danke mir der zauberischen Liebe,

    Mir der Freude stärkenden Genuß,

    Deine Tränen, deine schönsten Triebe

    Schuf, o Sohn! der schöpferische Kuß.

 

    Herrlicher mein Bild in dir zu finden,

    Haucht ich Kräfte dir und Kühnheit ein,

    Meines Reichs Gesetze zu ergründen,

    Schöpfer meiner Schöpfungen zu sein.

    Nur im Schatten wirst du mich erspähen,

    Aber liebe, liebe mich, o Sohn!

    Drüben wirst du meine Klarheit sehen,

    Drüben kosten deiner Liebe Lohn.«

 

    Nun, o Geister! in der Göttin Namen,

    Die uns schuf im Anbeginn der Zeit,

    Uns, die Sprößlinge von ihrem Samen,

    Uns, die Erben ihrer Herrlichkeit,

    Kommt zu feierlichen Huldigungen

    Mit der Seele ganzer Götterkraft,

    Mit der höchsten der Begeisterungen

    Schwört vor ihr, die schuf und ewig schafft.

 

    Frei und mächtig, wie des Meeres Welle,

    Rein wie Bächlein in Elysium,

 

    Sei der Dienst an ihres Tempels Schwelle,

    Sei der Wahrheit hohes Priestertum.

    Nieder, nieder mit verjährtem Wahne!

    Stolzer Lüge Fluch und Untergang,

    Ruhm der Weisheit unbefleckter Fahne,

    Den Gerechten Ruhm und Siegsgesang!

 

    Ha, der Lüge Quell – wie tot und trübe!

    Kräftig ist der Weisheit Quell und süß!

    Geister! Brüder! dieser Quell ist Liebe,

    Ihn umgrünt der Freuden Paradies.

    Von des Erdelebens Tand geläutert,

    Ahndet Götterlust der zarte Sinn,

    Von der Liebe Labetrunk erheitert,

    Naht die Seele sich der Schöpferin.

 

    Geister! Brüder! unser Bund erglühe

    Von der Liebe göttlicher Magie.

    Unbegrenzte, reine Liebe ziehe

    Freundlich uns zur hohen Harmonie.

    Sichtbar adle sie die treuen Söhne,

    Schaff in ihnen Ruhe, Mut und Tat,

    Und der heiligen Entzückung Träne,

    Wenn Urania der Seele naht.

 

    Siehe, Stolz und Hader ist vernichtet,

    Trug ist nun und blinde Lüge stumm,

    Streng ist Licht und Finsternis gesichtet,

    Rein der Wahrheit stilles Heiligtum.

    Unsrer Wünsche Kampf ist ausgerungen,

    Himmelsruh errang der heiße Streit,

    Und die priesterlichen Huldigungen

    Lohnet göttliche Genügsamkeit.

 

    Stark und selig in der Liebe Leben

    Staunen wir des Herzens Himmel an,

    Schnell wie Seraphin im Fluge, schweben

    Wir zur hohen Harmonie hinan.

    Das vermag die Saite nicht zu künden,

    Was Urania den Sehern ist,

    Wenn von hinnen Nacht und Wolke schwinden,

    Und in ihr die Seele sich vergißt.

 

    Kommt den Jubelsang mit uns zu singen,

    Denen Liebe gab die Schöpferin!

    Millionen, kommt emporzuringen

    Im Triumphe zu der Königin!

    Erdengötter, werft die Kronen nieder!

    Jubelt, Millionen fern und nah!

    Und ihr Orione, hallt es wider:

    Heilig, heilig ist Urania!

 

Friedrich Hölderlin  (1770-1843)

Uit : Gedichte 1784-1800

 

*** 

 

       HYMNE  AN  DIE  MUSE

 

    Schwach zu königlichem Feierliede,

    Schloß ich lang genug geheim und stumm

    Deine Freuden, hohe Pieride!

    In des Herzens stilles Heiligtum;

    Endlich, endlich soll die Saite künden,

    Wie von Liebe mir die Seele glüht,

    Unzertrennbarer den Bund zu binden,

    Soll dir huldigen dies Feierlied.

 

    Auf den Höhn, am ernsten Felsenhange,

    Wo so gerne mir die Träne rann,

    Säuselte die frühe Knabenwange

    Schon dein zauberischer Othem an; –

    Bin ich, Himmlische, der Göttergnaden,

    Königin der Geister, bin ich wert,

    Daß mich oft, des Erdetands entladen,

    Dein allmächtiges Umarmen ehrt? –

 

    Ha! vermöcht ich nun, dir nachzuringen,

    Königin! in deiner Götterkraft

    Deines Reiches Grenze zu erschwingen,

    Auszusprechen, was dein Zauber schafft! –

    Siehe! die geflügelten Aeonen

    Hält gebieterisch dein Othem an,

     Deinem Zauber huldigen Dämonen,

    Staub und Aether ist dir untertan.

 

    Wo der Forscher Adlersblicke beben,

    Wo der Hoffnung kühner Flügel sinkt,

    Keimet aus der Tiefe Lust und Leben,

    Wenn die Schöpferin vom Throne winkt;

    Seiner Früchte Süßestes bereitet

    Ihr der Wahrheit grenzenloses Land;

    Und der Liebe schöne Quelle leitet

    In der Weisheit Hain der Göttin Hand.

 

    Was vergessen wallt an Lethes Strande,

    Was der Enkel eitle Ware deckt,

    Strahlt heran im blendenden Gewande,

    Freundlich von der Göttin auferweckt;

    Was in Hütten und in Heldenstaaten

    In der göttergleichen Väter Zeit

    Große Seelen duldeten und taten,

    Lohnt die Muse mit Unsterblichkeit.

 

    Sieh! am Dornenstrauche keimt die Rose,

    So des Lenzes holder Strahl erglüht; –

    In der Pieride Mutterschoße

    Ist der Menschheit Adel aufgeblüht;

    Auf des Wilden krausgelockte Wange

    Drückt sie zauberisch den Götterkuß,

 

     Und im ersten glühenden Gesange

    Fühlt er staunend geistigen Genuß.

 

    Liebend lächelt nun der Himmel nieder,

    Leben atmen alle Schöpfungen,

    Und im morgenrötlichen Gefieder

    Nahen freundlich die Unsterblichen.

    Heilige Begeisterung erbauet

    In dem Haine nun ein Heiligtum,

    Und im todesvollen Kampfe schauet

    Der Heroë nach Elysium.

 

    Öde stehn und dürre die Gefilde,

    Wo die Blüten das Gesetz erzwingt;

    Aber wo in königlicher Milde

    Ihren Zauberstab die Muse schwingt,

    Blühen schwelgerisch und kühn die Saaten,

    Reifen, wie der Wandelsterne Lauf,

    Schnell und herrlich Hoffnungen und Taten

    Der Geschlechter zur Vollendung auf.

 

    Laß der Wonne Zähre dir gefallen!

    Laß die Seele des Begeisterten

    In der Liebe Taumel überwallen!

    Laß, o Göttin! laß mich huldigen! –

    Siehe! die geflügelten Aeonen

    Hält gebieterisch dein Othem an.

    Deinem Zauber huldigen Dämonen –

    Ewig bin auch ich dir untertan.

 

    Mag der Pöbel seinen Götzen zollen,

    Mag, aus deinem Heiligtum verbannt,

    Deinen Lieblingen das Laster grollen,

    Mag, in ihrer Schwäche Schmerz entbrannt,

    Stolze Lüge deine Würde schänden,

    Und dein Edelstes dem Staube weihn,

    Mag sie Blüte mir und Kraft verschwenden,

    Meine Liebe! – dieses Herz ist dein!

 

    In der Liebe volle Lust zerflossen,

    Höhnt das Herz der Zeiten trägen Lauf,

    Stark und rein im Innersten genossen,

    Wiegt der Augenblick Aeonen auf; –

    Wehe! wem des Lebens schöner Morgen

    Freude nicht und trunkne Liebe schafft,

    Wem am Sklavenbande bleicher Sorgen

    Zum Genusse Kraft und Mut erschlafft.

 

    Deine Priester, hohe Pieride!

    Schwingen frei und froh den Pilgerstab,

    Mit der allgewaltigen Aegide

    Lenkst du mütterlich die Sorgen ab;

    Schäumend beut die zauberische Schale

    Die Natur den Auserkornen dar,

     Trunken von der Schönheit Göttermahle

    Höhnet Glück und Zeit die frohe Schar.

 

    Frei und mutig, wie im Siegesliede,

    Wallen sie der edeln Geister Bahn,

    Dein Umarmen, hohe Pieride!

    Flammt zu königlichen Taten an; –

    Laßt die Mietlinge den Preis erspähen!

    Laßt sie seufzend für die Tugenden,

    Für den Schweiß am Joche Lohn erflehen!

    Mut und Tat ist Lohn den Edleren!

 

    Ha! von ihr, von ihr emporgehoben

    Blickt dem Ziele zu der trunkne Sinn –

    Hör es, Erd und Himmel! wir geloben,

    Ewig Priestertum der Königin!

    Kommt zu süßem brüderlichem Bunde,

    Denen sie den Adel anerschuf,

    Millionen auf dem Erdenrunde!

    Kommt zu neuem seligem Beruf!

 

    Ewig sei ergrauter Wahn vergessen!

    Was der reinen Geister Aug ermißt,

    Hoffe nie die Spanne zu ermessen! –

    Betet an, was schön und herrlich ist!

    Kostet frei, was die Natur bereitet,

    Folgt der Pieride treuen Hand,

 

    Geht, wohin die reine Liebe leitet,

    Liebt und sterbt für Freund und Vaterland!

 

Friedrich Hölderlin  (1770-1843)

Uit : Gedichte 1784-1800

 

***

 

   ER  BROHBT  ERST  SEIN  SÄYTEN-SPIHL 

 

Qwodlibet.

 

            Dreyssig Jahre/ Krieg/ dein Grauß –

        Gott sey Danck/ die Zeit ging auß/

        Teutschland pflantzt sich wihder Aehren;

        seine Zweytracht stieg zu Grab/

        unter nichts wie Freuden-Zähren

        warff es seine Waffen ab!

        Mars/ dein Morden

        schnob fürbey/

        deiner Horden

        sind wir frey!

        Statt wo sonst blohß Kugeln flögen/

        wölben sich die Friedens-Bögen!

 

            Himmel/ Heu und Haberstroh/

        bey sothanen Dingen

        sollt mir da mein Mongpopo

        nicht für Freuden springen?

        Sollt ich murrisch und aigrirt

        hindterm Ofen sizzen/

        itzt/ wo alles qwinqwelirt/

        daß die Funcken sprizzen?

        Nein/ von meinem muntren Rohr

        reiß ich jeden Drauer-Flohr/

 

         bey Konfäkkt und Wein

        will ich lustig seyn!

 

            Süssestes Kathringen/

        sing in mein Zythringen!

        Mit Flöten und mit Leyren

        wollen wir dihß feyren:

        Die Fenster haben wihder Scheiben/

        weil die Leutnamts Kühe dreiben!

        Jeder so in Dorff wie Stadt

        küsst sich itzt an Seiner satt/

        keiner mehr Bedäncken drägt/

        daß ihn wo ein Schnapp-Hahn schlägt!

 

            Vor so fegten durch die Gassen

        blohß Cardaunen und Carcassen/

        vor so schmetterten und krehten

        blohß die Wekk- und Schrekk-Corneten/

        vor so kunt man kaum für Rauffen/

        Grüzz-Worst frässen/ Dünn-Bier sauffen!

        Itzt so stopfft man sich den Magen

        mit Behagen!

        Itzt so blahsen uns die Zincken

        blohß zum Drincken!

        Itzt so übt man früh wie spaht

        waß schon Zeus mit Leden dhat!

         Ich finde würcklich dihse Zeit

        von außgesuchter Schmakkbahrkeit!

 

Arno Holz (1863-1929)

Uit :  Dafnis

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Holz

 

 

 ***

 

           ER  DRILLERT  IHR  EIN QWODLIBET

 

Qwodlibet.

 

                Wie das hagelt/ wie das schneyt!

            O du angenähme Zeit!

            Der Ofen bufft und knallt/

            das Feuer in ihm tukkert/

            itzt steht der gantze Wald

            mit Eyß bezukkert.

            Dorillgen sizz dich ans Spinett/

            nun drillr ich dir ein Qwodlibet:

 

                Juhch Holla Juhch/ Sa Sa!

            Du göldne Musica/

            nach der mein Hertz zu jeder Zeit

            fast wie Apoll nach Dafne schreyt:

            ich gäbe deinen lihben Krantz

            nicht ümb die Käyser-Stadt Byzantz!

            Dihß so jauchtz ich Drallala/

            Febus ist mein Grohß-Bapa!

 

                Meinen bundt-verschnührten Rokk

            buzzen sihben Krägen/

            heut zihrt mich der Schäffer-Stokk/

            morgen schon der Dägen.

            Heut sizz ich im grünen Klee/

            morgen auff dem Canape;

            doch offt so trukk ich auch die Bäncke

            in einer guhten Pauren-Schäncke/

            wo man fidelt/ dantzt und stampfft/

            oder wo der Knaster dampfft!

 

                Wo brännt der bräunste Brahten/

            wo klükkt der klährste Wein?

            Mit Ungrischen Dukahten

            muß man behafftet seyn!

            Kaum fühlt sie meinen Dhaler Göldt/

            gleich dhut sie/ waß mir wohl-geföllt.

            Ein Küßgen hihr/ ein Küßgen dort/

            ein Griffgen und ein kleines Wort/

            daß ist for meinen Zahn

            Vergnügungs-Martzipan!

 

                Ey/ ey/ waß stäkkt den dorten drin?

            Waß seynd denn daß for Oepffelchin?

            Subtil sind sie erbaut

            und ümb und ümb auß Haut!

            Verstatte drümb/ Belinde/

            daß ich dich zahrt ümbbinde;

            ich will mich dan auch recht befleissen/

            nicht in sie hinein zubeissen!

            Frihrt uns/ gleich so kriechen wir

            in das fehdrige Qwartir/

             wo wir uns zur Seite ruhn

            und mit Recht vertraulich dhun.

 

                Ihr stuzzt und dhut erstaunt?

            Botz Klekk/ bün ich kapaunt?

            Seyd ihr denn daub und blind?

            Bün ich ein Windel-Kind?

            Die nichts alß kläun und klaffen/

            seynd for mich blohß Affen/

            dihses abgeschahbte Rohr

            hau ich ümb ihr Midas-Ohr!

 

                Sich an Mägdgens delectiren/

            fleissig sich die Gurgel schmihren/

            Mäntelgens auß Sammt und Seyden/

            Thobakk fein zu Streiffgens schneiden/

            Bomper-nikkel und Confäkkt/

            alles waß nach Ceres schmäkkt/

            darzu bün ich stähts bereit/

            Dafnis ist for Biderkeit!

 

                Drümb so blahs ich alß Damöte

            auff der Teutschen Opitz-Flöte/

            biß kein Baum mehr über blihben/

            der nicht gäntzlig voll geschrihben.

            Bräucht die Rohse drümb zu stincken/

            weil auß ihr die Weßben drincken?

            Zoilus/ du falscher Wanst/

            tichte bässer/ wenn du kanst!

 

Arno Holz (1863-1929)

Uit :  Dafnis

 

*** 

 

SEIN QWODLIBET GEFÖLLT  IHR SO AUSSDERMAHSSEN DASS ER IHR SOFORT NOCH-EINS DRILLERT

 

 

Qwodlibet.

 

            Neptun/ den grünen Greiß/

        ümbzwänckt sein Hauß auß Eyß/

        itzt sizzt es sich so rächt geheuer

        ümb unser lihbes Schornstein-Feuer!

        Durch den nichts alß blancken Frost

        klirrt der Eurische Nord-Ost/

        in den krauß befrohrnen Scheiben

        siht man kleine Blühmckens kleiben.

 

            Mars/ der nicht mehr drummt und pfeifft/

        durch den dikken Dannicht streifft/

        Hirsche/ Wölffe/ Bären/ Lüxe/

        knallt sich seine Kugel-Büxe.

        Venus/ mit bereifften Hahren/

        sinnt itzt nur auffs Schlitten-Fahren.

        Kömbt er Abends froh nach Hauß/

        ziht sie ihm den Harnisch auß/

        Hasel-Hühner/ Löffel-Kraut

        stehn schon for ihn auff-gebaut

        und zu einem Gläsgen Wein

        Sauer-Kohl mit Pflükk-Hächt dreyn.

        Beyde Brüste nakkt und blohß/

         sizzt sie sich auff seinen Schooß;

        alles ist ihm frey gestellt/

        sälbst ihr göldnes Rohsen-Zelt!

 

            Volcan/ vergnügt in seinem Rauch/

        läßt sich die beyden lihben

        und stopfft sich seinen schwartzen Bauch

        fäst voll Gänse-Grihben.

        Saturnus/ der Kalender-Macher/

        saufft sihben Eymer Bacharacher.

        Drauff so rukken beyde dicht

        in das göldne Lampen-Licht

        und zu einer Pfeiff Thobakk

        spihlen sie dan Dikke-Dakk.

 

            Unterdeß pfaucht immer gröber

        Eolus/ der alte Schufft/

        durch die dikk begraute Lufft

        zirculirt ein Schnee-Gestöber.

        Puh Teuffel/ fegt das kolt!

        Ich acht/ ein guht Glaß Wein

        sampt einer Braht-Worst sollt

        ihm angenehm itzt seyn!

        Mercur in seinem Laden

        verkäufft blohß Honig-Fladen.

        Mit Hertzgens gantz auß Kuchen

        macht er die Kindgens juchen/

         mit Prillekens und Prindten

        stopfft er sie voll biß Hindten.

        Mit Obst und Confectüren

        kan er sie durchauß rühren;

        Knakk-Mandeln und Morsöllen –

        er weiß schon/ waß sie wöllen!

        Heimlich streichen zu ihm hin

        auch die kleinen Jüngffrichin.

        Sie sind for Feffergens und Würtzgens/

        sie knuppen gerne Nonnen-Fürtzgens/

        sie sind mit wenig Worten

        for angemachte Torten.

        Pallas/ das gelährte Kind/

        drükkt die Ofen-Banck und spinnt.

        Jeden Morgen kombt sie nider/

        denn sie tichtet – Mayen-Lider!

 

            Bringstu mir schon Späkk und Worst/

        bringstu mir schon Schincken?

        Mein/ waß blagt mich for ein Dorst/

        schaff mir auch zu drincken!

        Lilgen/ Tulipen und Klee

        däkkt itzt Elen-tieffer Schnee/

        darbey ohne Warm-Bier seyn

        wäre for mir Hellen-Pein!

 

            Bachus/ du in deinem Flauß

         sihst wie ein Zintz-Hahn auß/

        weil deine Nase itzt

        nichts alß Rubinen schwizzt!

        Erst itzt erfreut dich gantz

        die lihbe Nohä-Pflantz/

        in deinem Sauff-Hauß sizztu da/

        ronda di nellula! –

        Nirgends mehr ein Weg hin geht/

        alles ist fästzu geweht/

        und man hört für seinem Singen

        kaum noch/ wie die Schlittgens klingen.

 

            Juhch Hoscha Holl/

        itzt bün ich voll!

        Itzt kan ich kaum von deinen Knieen

        die schwache Hand zurukk mehr zihen!

        Deine außerlesne Jugend/

        deine ohngemeine Dugend/

        dein wie Spihgel-glattes Kinn

        nehmen mich mir sälbst dahin!

        Schon so sizzen wir verschränckt/

        in einander ein-gehänckt/

        schon so bün ich gantz vergnügt/

        weil dein Mund sich meinem fügt.

        Kleine/ schnell versezzte Küsse

        sind die schönsten Pompernüsse;

        nicht zu wenig/ nicht zu vihl/

         Lihben ist kein Poppcken-Spihl.

        Dihser war dir ein Genuß/

        bitte nun den Gegen-Kuß.

        Ey/ botz Klekk/ war daß ein Schmäzzgen!

        Du verlihbtes Löffel-Käzzgen!

 

        Dorillgen/ laß itzt das Spinett/

        uns wird zu wohl/ wir gehn zu Bett.

 

 

Arno Holz (1863-1929)

Uit :  Dafnis

 

 

*** 

 

 

DER SPIELMANN UND SEINE GEIGE

 

Vor Gottes Aug', dem Abendrot,

Gab sie mir Ring und Schwur;

Der Ring zersprang, die Treu' ist tot,

Mir blieb die Sehnsucht nur.

 

Ein Stutzer lockte [schmuck]1 und leicht

Mit süßem Flitterton;

Sie folgte, lächelnd ward [gereicht]2

Mein brechend' Herz zum Lohn.

 

Durch schwarz' Gewölk die Sonne blinkt!

Freud' steht mit Leid im Bund; -

Mein Gram lebt ewig, nimmer sinkt

Sein Thron am bleichen Mund.

 

Lös', Geige, der Dämonen Schar,

Es winkt mein Zauberstab, -

Stürm, Wahnsinn, dunkles Schlangenhaar,

Sei meiner Leiden Grab!

 

Doch leise, Äolsharfen gleich,

Besänftigt sie mein Herz;

Ihr Seelenklang, an Balsam reich,

Stillt meinen tiefen Schmerz.

 

Hoppe

 

 

*** 

MUSIK BEWEGT MICH

 

Musik bewegt mich, daß ich dein gedenke,

So will auch Meer und Wolke, Berg und Stern,

Wie anderer Art als du, dir noch so fern,

Daß ich zu dir das Herz voll Andacht lenke.

Kein edles Bild, das nicht mein Auge zwinge

Von dir zu träumen, kein beseelter Reim,

Der nicht zu dir Erinnern führe heim --

Geschwister sind sich alle schönen Dinge.

 

Ricarda Octavia Huch (1864-1947)

Uit : Neue Gedichte (Liebesgedichte) (1907)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Ricarda_Huch

 

***

 

AM  KLAVIER

 

Die lass mich hören, alte Töne,

Die duften Erinnerungen:

Vergangne Zeit, traurige, schöne,

silbern Meer, summende Heide.

Rast und Traum auf ewigen Steinen,

Vom Himmel umschlungen wir beide,

Fülle des Glücks, verhaltenes Weinen.

 

Dein Küsse sind so:

Süß wie einst, süßer als einst.

Was du denkst, was in Jahren entfloh,

Ungeküßter Küsse Glut,

Ungestillter Sehnsucht Drang,

Götterkraft, Jugendblut,

Liebe das Lebenslang

Überglut mich heiß,

Überfließt mich ganz,

Wie von Bergen Weiß

Des Mondes fließt,

Fern ferner Sonnenglanz,

Durch Nacht versüßt.

 

Ricarda Octavia Huch  (1864-1947)

Uit : Neue Gedichte, 1907

 

***

 

 

 

 

 

                        ÜBER  DIE  MUSIC

 

Nicht alle Lust ist gut. Soll sie dir nützlich seyn.

    So wehle die Music, das edelste Ergetzen/

    Das nicht zu üppig ist/ nicht aus der Ruh in Pein/

Nur aus der Unruh dich in Ruhe weiß zu setzen.

    Dein Hertz sey Felsen-Art/ Music beseelt die Brust/

    Und gönnt der Sterblichkeit den Vorschmack jener Luft.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Friedrich_Hunold

*** 

 

Auf Monsieur Schenckens Musicalia auf der Viole de gambe

 

Kunst und Erfindung sind hier unvergleichlich schön/

    Nur etwas mangelt noch: Wilst du gedoppelt leben/

So laß uns deiner Kunst die Ehr' und Anmuth geben/

    Die wir/ wenn du sie spielst/ im höchsten Grade sehn.

Es kan sich deine Kunst berühmt vor allen Sachen/

Dein Spielen dich berühmt vor allen Meistern machen.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 Schenck, Le nimfe di Rheno

http://www.youtube.com/watch?v=x1O2b5lgvnQ

*** 

 

Auf dieses Welt-berühmten Musici letzt heraus gegebene: Fantasies bisarres de la goutte

 

    Dein Podagra ist mehr als tausend Thaler wehrt/

Das so viel Anmuth läßt auf ein Lamento klingen.

    Allein deswegen wird es nicht von mir begehrt:

Nur Schenckens-Podagra kan was vortrefflichs bringen.

    Kriegst du es wiederum/ so sind wir zwar betrübt/

Wenn dich der schlimme Gast in etwas mitgenommen:

    Doch wenn es dir darauf so viel erfreulichs giebt:

So kanst du es vor uns nicht oft genug bekommen.

 

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 

*** 

 

           AUF  DIE VIOLA DI GAMBA

 

Ode.

 

1.

    Welch unbewuste Traurigkeit

Will meiner Seelen Ruhe stöhren?

    Was hemmt mir die Zufriedenheit?

Kom süsse Gamba laß dich hören/

    Du bleibest mir ein ander Davids-Spiel/

    Durch dessen Klang ein Feind der Ruhe fiel.

 

2.

    Du singest mir von Anmuth vor/

Dein Nachklangt redet von Vergnügen.

    Dein zarter Thon dringt durch das Ohr/

Das Hertz in den Besitz zu kriegen/

    Da breitet sich dein lieblichs Sausen aus/

    Und jagt den Sturm der trüben Wolken raus.

 

3.

    So machst du mir das Wetter schön/

Du unvergleichliches Ergetzen.

    Nun hör' ich deine Säyten gehn/

Die in der Höh' und Tieffe letzen.

    Die Gratien sind gantz gewiß in dir/

    Und sprechen so durch deine Gunst mit mir.

 

4.

    Dein Strich/ der starck und wieder zart/

Ist so ein Wechsel/ der entzücket.

    Kurtz alles hat der Tugend-Art/

Die herrlich/ aber still erqvicket.

    Dein sanffter Thon macht keinen Menschen wild.

    Der Würckung nach bist du der Tugend-Bild.

 

5.

    Drum ehret dich ein edles Hertz/

Das der Begierden Macht nicht treibet.

    Ein feiner Geist liebt deinen Schertz/

Wovon ein Dumm- und Wilder bleibet.

    Ach stille still'/ ein solcher ist nicht wehrt/

    Daß so ein Klang durch seine Sinnen fährt.

 

6.

    So komm mein wehrter Zeit-Vertreib/

Der mir den Unmuth kan versingen.

    Ein ander lieb' ein geiles Weib/

Du kanst mir mehre Freude bringen/

    Denn deine Lust ist nach des Himmels-Sinn/

    Und bleibt mein Schatz/ so lang ich ledig bin.

 

7.

    Nach aller Arbeit wird mein Geist

Von dir mit neuer Krafft berühret.

    Wenn mich das Glück mit Anmuth speis't/

So wird auch deine Lust verspühret.

    Bin ich betrübt/ und komme denn zu dir/

    So spielest du mir was beweglichs für.

 

8.

    Getreuer Freund/ drum lieb ich dich/

Und will dich in die Armen faßen/

    Drum öffnen meine Schenckel sich/

Ein solch Vergnügen nicht zu lassen.

    Ich halte dich; bin ich nur wohlgemuth/

    So klingest du mir noch einmahl so gut.

 

9.

    Nimm diesen Strich zu guter letzt.

Du ungemeines Spiel der Säyten.

    Kein Spiel das sonsten auch ergetzt

Weiß deinen Vorzug zu bestreiten.

    Die Sorgen fliehn/ mein Wünschen stellt sich ein/

    Kein Schatz der Welt geht über frölich seyn.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte  


***

Auf seine Laute/ von dem Herrn Baron von Lichnowsky

 

1.

        Du süsser Klang beliebter Säyten/

            Der meine Laute kosibar macht;

        Der mir vor hundert andern Leuten/

            So manche Lust zu wege bracht.

            Erlaube daß itzt meine Hand/

        Die schon so manchem Zeit-Vertreibe

            Zu Ehren Müh' hat augewand/

        Auch dir ein wahres Lob-Lied schreibe.

 

2.

        Wenn mehr als hundert leere Grillen/

            Den bey dem Buch gantz müden Sinn/

        Itzund beginnen anzufüllen;

            Und ich offtmahls verdrießlich bin:

            So weiß ich kein vergnügter Ziel

        Dem Kummer und Verdruß zu setzen/

            Als nur das süße Lauten-Spiel/

        Das mich allein weiß zu ergetzen.

 

3.

        Ich greife was ich will vor Lieder/

            Es sey auch auf dem tiefsten Chor/

         So gehts mir schon durch alle Glieder/

            Und schallt verliebt in meinem Ohr.

            Vergnügt wird jedes Schlaf gestöhrt;

        Wenn man bey späten Abend Stunden/

            Dich auf der Straßen spielen hört/

        Und Echo sich mit dir verbunden.

 

4.

        Will einer Doris Augen zwingen/

            Die er sonst nicht zu schauen kriegt:

        So darf er nur ein Ständgen bringen;

            Und spielen/ was ihr Ohr vergnügt:

            So ist schon alles gleich geschehn:

        Das schöne Kind läst hin und wieder

            Sich alsdenn bald am Fenster sehn/

        Und hört vergnügt auf seine Lieder.

 

5.

        Drum du allein O süsse Laute/

            Du bleibst mein süsser Zeit-Vertreib;

        Du bist mir meine Hertz-Vertraute/

            Wenn andre jetzt ein schönes Weib

            Mit ihrem Spiegel fast entzückt.

        Du süße Laute bleibst mein Leben/

            So lange mich dein Klang beglückt/

        So lange werd' ich dich erheben.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 

 

*** 

 

Als ein Frauenzimmer in der Opera wohl sang

 

Man sagt/ daß die Music vom Himmel sey entsprungen.

Ja freylich/ weil man itzt auf Englisch hat gesungen.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 

*** 

 

Auf eine schöne Sängerin in der Opera

 

Wenn so viel Schönheit singt/ und so viel Anmuth lacht/

So sagt man/ daß Music aus Menschen Götter macht.

Drum wenn anitzo noch die alten Heyden waren/

Sie würden/ Schönste/ dich vor ihre Venus ehren.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 

*** 

 

Die Würckung der Music in der Harmonie der Gemüther bey einem vergnügten Hochzeit-Feste

 

Im Nahmen eines guten Freundes.

 

Man sagt/ daß die Music vom Himmel sey gekommen/

    Und bringe der Vernunfft das Urtheil selber bey:

Diß habe von der Welt den Ursprung nicht genommen/

    In dessen Wunder-Krafft ein Göttlichs Wesen sey.

Ob man die Schmeicheley nun gleich hierinnen schmecket:

    Gnug/ daß sie unser Hertz zu aller Regung zwingt/

Und den erstorbnen Geist so schön in uns erwecket/

    Ja gleichsam durch den Thon ein neues Leben bringt.

So gar halb todte weiß Music gesund zu machen/

    Die die Tarantula durch ihren Gifft verletzt.

Sie jagt die Grillen aus und bey den schwersten Sachen

    Ist sie die Artzeney/ die Leib und Seel ergetzt.

Die Würckung hat sie auch bey unvernünfftgen Thieren:

    Der Elephanten Wuht wird durch Music gelegt.

Der Delphin wird verliebt/ wenn wir die Saiten rühren/

     Daß er den Arion durch Meer und Wellen trägt.

Ein Beyspiel/ daß sich wohl zu dieser Liebe schicket/

    Die diesen schönen Tag zur süßen Freude nimmt.

An dem zwo Seelen sind durch den Accord entzücket/

    Den wahre Liebe schön in gleichen Hertzen stimmt.

An dem ein Arion/ der wohl auf Saiten spielet/

    Ein der Music geneigt und artges Kind bewegt/

Daß es durch ihn den Trieb zum Ehestande fühlet/

    Und ihn vergnügt durchs Meer der reinsten Liebe trägt.

Herr M – – den die Stadt hat zur Music genommen/

    Nimmt zum Vergnügen sich die Jungfer – –

So geht/ die von dem Stamm recht edler Musen kommen/

    Die Tugendhaffte Braut/ zu Musen wieder hin.

Das schönste Sinnen Bild von gleich gesinnten Hertzen

    Bleibt nichts als die Music; so angenehm sie ist/

So süß und rein durchaus zwo gleiche Lauten schertzen/

    So wunderschön auch stets ein gleiches Paar sich küßt.

Wohldann/ du wehrtes Paar/ das Tugend stets gezieret/

    Von dessen Leben nur ein reiner Thon erklingt/

Das durch die Harmonie, die von den Sternen rühret/

     Zum ewigen Concert Gemüth und Hertze bringt/

Der Himmel/ welcher euch so schön zusammen stimmt/

    Laß eure Hertzen stets wohl accordiret seyn.

Und wie uns die Music die Sorgen offt benimmet:

    So stelle sich bey euch niemahls ein Kummer ein.

Will die Tarantula des Neides euch verletzen/

    So wird bey euch dafür in Tugend musicirt;

Und aller Feinde Haß ist dieser Ergetzen/

    Die die Zufriedenbeit in Gott allzeit geführt.

Weil die Music auch schön bey schönem Wetter klinget:

    So muß euch Glück und Wohl stets wie im Lentzen blühn/

Und was sonst Regen/ Sturm/ Wind Schnee und Nebel bringet/

    Wie Wolcken in der Fern vor euch vorüber ziehn.

Noch eines fällt mir bey: Soll man Music wohl hören/

    So muß es stille seyn; darzu schickt sich die Nacht/

Wo kein Geräusche sonst kan Ohr und Andacht stöhren/

    Und wo ein zarter Thon sich viel beliebter macht.

So musiciret nur; ob wir es nicht erfahren:

    So wünschen wir dennoch und glauben steiff und sest/

Daß sich/ der Himmel fügs/ in dreyen viertel Jahren

    Von eurer Nacht-Music ein Echo hören läst.

 

Christian  Friedrich Hunold  (1681-1721)

Uit : Academische Nebenstunden allerhand neuer Gedichte 

 

*** 

 

Lied des Orpheus, als er in die Hölle ging

 

        Wälze dich hinweg, du wildes Feuer!

    Diese Saiten hat ein Gott gekrönt;

    Er, mit welchem jedes Ungeheuer,

    Und vielleicht die Hölle sich versöhnt.

 

        Meine Saiten stimmte seine Rechte:

    Fürchterliche Schatten, flieht!

    Und ihr winselnden Bewohner dieser Nächte,

    Horchet auf mein Lied!

 

        Von der Erde, wo die Sonne leuchtet,

    Und der stille Mond;

    Wo der Thau das junge Moos befeuchtet,

    Wo Gesang im grünen Felde wohnt;

 

        Aus der Menschen süßem Vaterlande,

    Wo der Himmel euch so frohe Blicke gab,

    Ziehen mich die schönsten Bande,

    Ziehet mich die Liebe selbst herab.

 

        Meine Klage tönt in eure Klage;

    Weit von hier geflohen ist das Glück;

    Aber denkt an jene Tage,

    Schaut in jene Welt zurück!

         Wenn ihr da nur einen Leidenden umarmtet,

    O so fühlt die Wollust noch einmal;

    Und der Augenblick, in dem ihr euch erbarmtet,

    Lindre diese lange Qual!

 

        O ich sehe Thränen fließen!

    Durch die Finsternisse bricht

    Nun ein Strahl von Hoffnung; ewig büßen

    Lassen euch die guten Götter nicht!

 

        Götter, die für euch die Erde schufen,

    Werden aus der tiefen Nacht

    Euch in selige Gefilde rufen,

    Wo die Tugend unter Rosen lacht.

 

Johann Georg Jacobi (1740-1814)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Georg_Jacobi

 

*** 

 

Wenn im leichten Hirtenkleide

Mein geliebtes Mädchen geht,

Wenn um sie die junge Freude

Sich im süßen Taumel dreht,

Unter Rosen, zwischen Reben,

In dem Hain und an dem Bach,

Folgt ihr dann mit stillem Beben

Meine ganze Seele nach.

 

Wär' ich auf der Frühlingsaue

Nur das Lüftchen, das sie fühlt,

Nur ein Tropfen von dem Thaue

Der um sie die Blume kühlt;

Nur das Bäumchen an der Quelle,

Das sie schützet und ergötzt,

Und die kleine Silberwelle,

Die den schönsten Fuß benetzt!

 

Wären meine Klagetöne

Der Gesang der Nachtigall,

Hörte mich die sanfte Schöne

Zärtlich in dem Wiederhall!

Lispelt' ich an Rosenwänden

Als ein Abendwind herab,

Oder wär' in ihren Händen

Der beblümte Hirtenstab!

 

Könnt' ich ihr als Veilchen dienen,

Wenn sie neue Kränze flicht;

Könnt' ich in der Laube grünen,

Wo mit ihr ein Engel spricht!

Böt' ich in vertrauten Schatten

Ihrem Schlummer sanftes Moos,

Oder, wo sich Täubchen gatten,

Meinen blumenreichen Schooß!

 

Mach', o Liebe! dort im Stillen,

Unter jenem Mirthenbaum,

Wo sie ruht, um ihretwillen

Mich zum leichten Morgentraum!

Mit verschämtem holden Lachen

Sehe sie mein Schattenbild --

Und, o Liebe, beym Erwachen

Werd' ihr Morgentraum erfüllt!

 

Johann Georg Jacobi (1740-1814)

 

 

***

 

 

An den Herrn Music-Director Rolle,

über die Cantate des Friedens-Festes

 

1762.

 

            Die Musen alle sind zu wenig

        Ein Lied zu singen so voll Pracht!

        Dein: Jauchzet Gott, denn er ist König!

        Drang tief in mich mit Gottes Macht.

 

            Im Tempel horchten alle Frommen.

        Der ganze Himmel, dachten sie,

        Rauscht itzt, und wird hernieder kommen,

        Mit Majestät und Harmonie!

 

            Entzückung fühlten alle Seelen,

        Als nähm ein säuselnder Zephyr

        Das schönste Lied von Philomelen

        In seinen Mund, und brächt es dir.

 

            Und du mit zaubrischen Verbreiten

        Belebetest im Augenblick

        Das Lied auf mehr als tausend Saiten

        Und sängst es in den Hayn zurück!

 

Anna Louisa Karsch (1722-1791)

Uit : Auserlesene Gedichten

 

http://www.womeningerman.org/conference/2002/karsch.html

 

*** 

 

An die Muse,

daß sie den Abend der großen Illumination singen solle

 

Den 4. April 1763.

 

Die du das Feld des Krieges überflogest,

Durch Schwefelduft und Kugelregen drangst,

Zum Sieger, und mit ihm durch Ehrenpforten zogest,

Und seines Einzugs Jubel sangst,

O Muse! singe nun auch kühn den stolzen Abend,

Der von des Sturmwinds Flügeln loß,

Den Sternenmantel um sich habend,

Herabsah, auf Berlin, das seinen König groß,

Und seinen Frieden ewig nannte,

Und, von der Kunst beflammt, den Sphären ähnlich brannte,

Ganz ähnlich jenem Pomp der prächtigen Natur.

 

    Hast du sie nachgezählt, die hundert tausend Flammen,

Durch deren Glanz der Sieger fuhr?

Sanftlächelnd, wie sein Gott, wenn, auf der Weizen-Flur

Von tausend Schnittern froh zusammen

Die Stimmen mischen sich in ein harmonisch Lied,

Und jeder Busen dankbar glüht!

Und jeder Blick emporgehoben,

Den Erndtegeber wünscht zu sehen und zu loben,

Und seiner Güte Bild weit ausgebreitet sieht:

 

    So ausgebreitet, also mächtig fortgerissen,

Drang Freude sich von Brust zu Brust;

Es staunte, trunken von des Patrioten Lust,

Das Auge, wenn den Hercul der beschützten Preussen,

Des Amphitrions Sohn mißgünstig vor sich sah,

Wild, trozend, stand das Bild des Stierbekämpfers da,

Und schwang, mit Riesenarm die knotenreiche Keule;

Du glaubtest, daß der Schlag geschah,

Und bebtest vor dem Zungenpfeile

Des siebenköpfigen, gekrümmten, schlangengleich

Geformten Thieres, das ihm drohte,

Und größer wuchs nach jedem Streich;

O! dich erschreckte selbst die todte

Giftlose Hyder, an dem Fuß

Des Halbgotts, der sich tief verbeugen

Vor Friedrichs Göttergröße muß.

 

    Wenn Malerei und Dichtkunst schweigen;

So redet von dem Vater mehr, als von dem Held,

Sein Landvolk, das ein ödes Feld

Nun wieder tief in Furchen ziehet;

Aus Vorrathshäusern Korn empfängt;

Und Hütten, die der Feind versengt,

Aus ihrer Asche steigen siehet.

Ihm tönet Lob der Mildigkeit

Erhabner, aus der Kinder Munde,

Als Siegsgesänge, nach dem Streit,

Der jedes Lorbeerblatt erkauft mit einer Wunde

Des Königlichen Herzens hat.

 

    O Muse! hörst du nicht das arme Volk der Stadt?

Es jauchzt, und tanzt umher, mit heiterm Angesichte,

Und feiert über seinem Hunger großen Sieg,

Preißt den Geschmack der Friedensfrüchte,

Und tilget jeglichen Gedanken an den Krieg

Mit dem Gedanken seiner Freude,

Den göttlich Sorgenden zu sehn;

Der seine Feinde zwang, die Herzen umzudrehn;

Und Sieg vergaß, und frug, ob schweren Mangel leide

Sein Volk, bey dessen Zärtlichkeit

Sein großes Herz sich mehr erfreut,

Als wenn Berlin, dem Ueberwinder, und dem Frieden

Colossen aufgebaut, und mit der Lampen Pracht,

Auf weißen Marmorpyramiden,

Dreimal den Mond beschämt gemacht.

 

Anna Louisa Karsch (1722-1791)

Uit : Auserlesene Gedichte (uitgave 1792)

 

***

 

 

An eine Dichterin,

welche das Klavier spielte

 

1767.

 

                Des Jovis, der Latona Sohn

            Hat mir ein Saitenspiel gegeben;

                Du aber kannst im süßen Ton

            Die Stimme zum Gesang erheben.

 

                Dein Finger hüpfet wie der West,

            Der an dem schönsten Tag des Mayen

                In jugendliche Blumen bläst,

            Die Deines Lieblings Blick erfreuen.

 

                Hör auf, geliebte Zauberin!

            Hör auf zu singen und zu spielen;

                Ich brenne, da ich weiblich bin,

            Was wird nicht dieser Jüngling fühlen,

 

                Der über Deine Schultern sieht,

            Bald Deinen weißen Hals betrachtet

                Bald dieses Auge, welches glüht

            Und redet, und im Sprechen schmachtet?

 

                Hör auf, o Mädchen! jeder Schlag

            Dringt tiefer in des Jünglings Busen,

               Und das, was Dein Klavier vermag,

            Vermag kaum eine von den Musen.

 

Anna Louisa Karsch (1722-1791)

Uit : Auserlesene Gedichte (uitgave 1792)

 

*** 

 

An einen, der das Klavier spielte

 

    Was hör ich? Ist Apoll zu dir herabgestiegen

    Und ordnet deiner Triller Lauf?

    So lernt ein junger Adler fliegen

    Dem Alten nach, der oft herauf

    Zu Phöbus Wagen flog, und dem Olympus nah

    Den Vogel Jupiters, den Pfau der Juno sah.

 

Anna Louisa Karsch (1722-1791)

Uit : Auserlesene Gedichte (uitgave 1792)

 

*** 

 

ÜBER  EIN MUSIKALISCHES  VORSPIEL

 

            Das Saitenspiel klang trefflich schön,

        Franzisca sang ein Meisterstück;

        Zwar konnte man kein Wort verstehn,

        Doch dieses war des Dichters Glück.

 

Abraham Gotthelf Kästner (1719-1800)

Uit : Sinngedichte

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gotthelf_K%C3%A4stner



***  

 

             AN EINEN VIRTUOSEN

 

    Daß er durch mächtigen Gesang

Der Löwen Grimm, der Felsen Härte zwang,

Der Ruhm war einst dem Orpheus eigen:

Doch du thust mehr, du machst die Damen schweigen.

 

Abraham Gotthelf Kästner (1719-1800)

Uit : Sinngedichte

 

*** 

 

 

     Es schwebt mir auf der Zung'

 

 

            Es schwebt mir auf der Zung' ein Lied,

            Ein frohes, sinnig Lied,

            Es wächst so rasch, es grünt, es blüht,

            Ging ich, so ging's, schied ich, es schied.

 

            O goldnes Lied, geboren kaum,

            Gedankenschwerer junger Traum,

            Fürwahr Du bist von Gott gesandt,

            Des Himmels süßes Unterpfand!

 

 

Friederike Kempner (1836-1901)

Uit : Gedichte (1903)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Friederike_Kempner

 

*** 

            Unnütz lyrisches Gesinge,

            Unnütz lyrisches Geklinge

            Gehst Du mir nicht aus dem Sinn,

            Schreib' ich auf's Papier Dich hin.

 

Friederike Kempner (1836-1901)

Uit : Gedichte (1903)

 

*** 

 

             Daktylen und Jamben, Trochäen,

            Sie schließ' ich in einen Bund,

            Die Regel, sie ewig zu trennen

            Hat keinen vernünft'gen Grund.

 

            Nicht Stände gibt es und Kasten

            Im Reiche der Poesie,

            Das Mannigfache im Schönen,

            Es bildet die Harmonie.

 

 

Friederike Kempner (1836-1901)

Uit : Gedichte (1903)

 

 

***

 

Das Sängerglas

 

        Das Glas, aus dem der Sänger trinket,

        Sei ein lichtheller Bergkristall,

        Ein Glas, das tönt und sonnig blinket;

        Ganz ein Gefäß aus Licht und Schall.

 

        In Berges Klüften, wo Metalle

        Still reifen durch des Feuers Macht,

        Ertönen funkelnde Kristalle

        Und halten Geister treue Wacht.

 

        Zum Liede schaffender Erdgeister

        Ertönt dort der Kristalle Klang,

        Wie Weisen alter Sangesmeister,

        Die in Erdtiefen ruhn schon lang.

 

        Glück auf! hebt aus dem Schoß der Erden

        Die Klingenden! scheut Geister nicht!

        Bringt sie ins Feuer, daß sie werden

        Pokale voller Klang und Licht!

 

        Die reicht den Söhnen des Gesanges!

        Auf daß sie schlürfen mit dem Wein

        Geheimnisse des Lichts und Klanges

        Der schaffenden Erdgeister ein;

 

 

         Daß sie in Weines Spiegel schauen

        Der unterird'schen Wunder viel:

        Goldburgen und kristallne Auen,

        Der Wasser und der Feuer Spiel,

 

        Berggeister, schwebend durch die Gänge,

        Erhellt von funkelndem Gestein; –

        Daß Licht und Klang in die Gesänge

        Einström' aus dem Kristall voll Wein.

        So ein Kristall, berührt vom Munde

        Des Sängers, tönt wie Elfensang,

        Und in des Sängers Todesstunde

        Zerspringt er mit der Wehmut Klang.

 

 

Justinus  Kerner (1786-1862)

Uit : Die lyrischen Gedichte

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner

 

*** 

 

 

    DIE  ÄOLSHARFE IN DER RUINE

 

 

 

            In des Turms zerfallner Mauer

            Tönet bei der Lüfte Gleiten

            Mit bald halb zerrißnen Saiten

            Eine Harfe noch voll Trauer.

 

            In zerfallner Körperhülle

            Sitzt ein Herz, noch halb besaitet,

            Oft ihm noch ein Lied entgleitet

            Schmerzreich in der Nächte Stille.

 

Justinus  Kerner (1786-1862)

Uit : Die lyrischen Gedichte

 

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                   SÄNGERS  TROST

 

                Weint auch einst kein Liebchen

                Tränen auf mein Grab,

                Träufeln doch die Blumen

                Milden Tau hinab;

 

                Weilt an ihm kein Wandrer

                Im Vorüberziehn,

                Blickt auf seiner Reise

                Doch der Mond dahin.

 

                Denkt auf diesen Fluren

                Bald kein Erdner mein,

                Denkt doch mein die Aue

                Und der stille Hain.

 

                Blumen, Hain und Aue,

                Stern und Mondenlicht,

                Die ich sang, vergessen

                Ihres Sängers nicht.

 

Justinus  Kerner (1786-1862)

Uit : Die lyrischen Gedichte

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           DER  GEIGER  ZU GMÜND

 

        Einst ein Kirchlein sondergleichen,

        Noch ein Stein von ihm steht da,

        Baute Gmünd der sangesreichen

        Heiligen Cäcilia.

 

        Lilien von Silber glänzten

        Ob der Heil'gen mondenklar,

        Hell wie Morgenrot bekränzten

        Goldne Rosen den Altar.

 

        Schuh' aus reinem Gold geschlagen

        Und von Silber hell ein Kleid

        Hat die Heilige getragen:

        Denn da war's noch gute Zeit,

 

        Zeit, wo überm fernen Meere,

        Nicht nur in der Heimat Land,

        Man der Gmündschen Künstler Ehre

        Hell in Gold und Silber fand.

 

        Und der fremden Pilger wallten

        Zu Cäcilias Kirchlein viel;

        Ungesehn woher, erschallten

        Drin Gesang und Orgelspiel.

 

         Einst ein Geiger kam gegangen,

        Ach, den drückte große Not,

        Matte Beine, bleiche Wangen,

        Und im Sack kein Geld, kein Brot.

 

        Vor dem Bild hat er gesungen

        Und gespielet all sein Leid,

        Hat der Heil'gen Herz durchdrungen:

        Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

 

        Lächelnd bückt das Bild sich nieder

        Aus der lebenlosen Ruh',

        Wirft dem armen Sohn der Lieder

        Hin den rechten goldnen Schuh.

 

        Nach des nächsten Goldschmieds Hause

        Eilt er, ganz vom Glück berauscht,

        Singt und träumt vom besten Schmause,

        Wenn der Schuh um Geld vertauscht.

 

        Aber kaum den Schuh ersehen,

        Führt der Goldschmied rauhen Ton,

        Und zum Richter wird mit Schmähen

        Wild geschleppt des Liedes Sohn.

 

        Bald ist der Prozeß geschlichtet,

         Allen ist es offenbar,

        Daß das Wunder nur erdichtet,

        Er der frechste Räuber war.

 

        Weh! du armer Sohn der Lieder

        Sangest wohl den letzten Sang!

        An dem Galgen auf und nieder

        Sollst, ein Vogel, fliegen bang.

 

        Hell ein Glöcklein hört man schallen,

        Und man sieht den schwarzen Zug

        Mit dir zu der Stätte wallen,

        Wo beginnen soll dein Flug.

 

        Bußgesänge hört man singen,

        Nonnen und der Mönche Chor,

        Aber hell auch hört man dringen

        Geigentöne draus hervor.

 

        Seine Geige mitzuführen,

        War des Geigers letzte Bitt'.

        »Wo so viele musizieren,

        Musizier' ich Geiger mit!«

 

        An Cäcilias Kapelle

        Jetzt der Zug vorüberkam,

        Nach des offnen Kirchleins Schwelle

 

         Geigt er recht in tiefem Gram.

 

        Und wer kurz ihn noch gehasset,

        Seufzt: »Das arme Geigerlein« –

        »Eins noch bitt' ich,« – singt er, »lasset

        Mich zur Heil'gen noch hinein!«

 

        Man gewährt ihm; vor dem Bilde

        Geigt er abermals sein Leid,

        Und er rührt die Himmlischmilde:

        Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

 

        Lächelnd bückt das Bild sich nieder

        Aus der lebenlosen Ruh',

        Wirft dem armen Sohn der Lieder

        Hin den zweiten goldnen Schuh.

 

        Voll Erstaunen steht die Menge,

        Und es sieht nun jeder Christ,

        Wie der Mann der Volksgesänge

        Selbst der Heil'gen teuer ist.

 

        Schön geschmückt mit Bändern, Kränzen,

        Wohl gestärkt mit Geld und Wein,

        Führen sie zu Sang und Tänzen

        In das Rathaus ihn hinein.

         Al