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muziek in poëzie duits 1

DU  HOLDE  KUNST

 

Een bloemlezing uit de Duitse poëzie van de 18e en 19e eeuw waarin muziek het thema is.

 

Dit begrip is ruim op te vatten : het omvat in dit geval ook muziekinstrumenten, componisten, composities, muziekkritiek  en   publiek.

 

Sommige van de opgenomen gedichten zijn op muziek gezet. Getoonzette gedichten over andere thema’s  zijn in deze bloemlezing niet opgenomen.

 

In deze collectie zijn de gedichten opgenomen in de alfabetische volgorde van de auteursnamen.

Het begin van mijn collectie treft U hieronder aan; honderden andere Duitse gedichten kunt U via de mail toegestuurd krijgen : 

j.baan6@upcmail.nl

 

 

Achtergrondinformatie is ontleend aan Wikipedia.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

KOMM, LIEBE ZITHER

 

Komm, liebe Zither, komm, du Freundin stiller Liebe,

Du sollst auch meine Frendin sein.

Komm, dir vertraue ich die geheimsten meiner Triebe,

Nur dir vertrau ich meine Pein.

 

Sag' ihr an meiner Statt, ich darf's ihr noch nicht sagen,

Wie ihr so ganz mein Herz gehört.

Sag' ihr an meiner Statt, ich darf's ihr noch nicht klagen,

Wie sich für sie mein Herz verzehrt.

 

Anoniem (vgl. Mozart KV 351)

Mozart, KV 351, Elly Ameling (1977)

http://www.youtube.com/watch?v=GCI8tc_P25l

 

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Der Violine zarte Seele,

Voll schweigend reger Harmonien,

Träumt nun im offenen Gehäuse

Nachzitternder Erregung Träume.

 

Wer wird aus solcher Ruh sie rühren

Aufs neu mit schmerzensmächt'gem Arm,

Der Violine zarte Seele

Voll schweigend reger Harmonien?

 

Ein feiner zager Strahl des Mondes,

Mit letzten Schmerzen süßer Qual

Ironisch tändelnd -- reizt und reget

Leis mit dem silberhellen Bogen.

Der Violine zarte Seele.

 

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Du bist ein' Gottes Gabe,

du edler Musiklang,

wenn ich dich um mich habe

wird mir die Zeit nicht lang;

kein' Kunst is deines gleichen,

der Teufel selbst muss weichen,

wenn Davids Harfe klingt.

 

Die Harfe Davids klinget

jetzt und in allem Land,

so oft ein Christe singet

von Gottes mächt'ger Hand.

Fürwahr, ob solchem Schalle

wir werden fröhlich Alle;

die Musik Freude bringt.

 

Drum sollen wir gedenken

im Herzen oft daran,

wer uns die selbig schenken

und wieder nehmen kann,

und gegen solcher Gaben

geneigte Herzen haben,

weil Guts, aus ihr entspringt.

 

Anoniem

 

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ARIA

 

Wer die Musik nicht liebt und ehret,

wer diese Kunst nicht gerne höret.

der ist und bleibt ein Asinus,

I-a, i-a, ein Asinus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein schönes Lied von rechten Meistern,

kann Herze, Leib und Seel' begeistern.

Drum sag ich euch noch zum Beschluß:

 

Wer die Musik nicht liebt und ehret,

wer diese Kunst nicht gerne höret.

der ist und bleibt ein Asinus,

I-a, i-a, ein Asinus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anoniem

 

 

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DAS  TOTE  FAGOTT

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Nacht ist so mild und so heiter,

Die Sternelein blinken so hell;

Da kommen zwei dunkle Reiter

daher im Galopp gar schnell;

Und unter der ragenden Feste

Des Ritters von Beutelschnapp,

Da springen die nächtlichen Gäste

Von den Gäulen herab.

 

Das ist der Ritter Otto,

Sein Knappe der Gunteram,

Der hat ein grossen Fagotto,

Den blast er gar wundersam.

 

Der Ritter liebt Adelgunde,

Das Fräulein von Beutelschnapp.

Drum schlägt er die Zither zur Stunde,

Drum blast den Fagotto der Knapp;

Sie spielen ein süsses Larghetto

Voll brennender Liebesglut.

Das Fräulein ward bei dem Larghetto

Gar wundersam zu Mut.

Es lockt sie ein holdes Sehnen

Hinaus auf den Söller bald;

Sie lauschet den lieblichen Tönen

Die klingen durch Flur und Wald.

 

Adelgunde, liebliche Minne,

Adelgunde, der Frauen Zier!

O du Eine, du Feine, du Reine,

Komm, o komm und entflieh mit mir!"

Doch ach, Adelgundes Vater

Vernahm die Musik zur Stund';

Sein Schwert genommen hat er,

Ermordet sein Kind Adelgund!

Hat auch dann den Ritter erschlagen,

Den Knappen auch stach er zu Todt.

Da nahm er mit grimmen Behagen

Als Beute den edlen Fagott!

 

Den hängt er im Ahnensaale

Hoch auf über seinem Sitz,

Und lacht beim vollem Pokale

Und spottet mit frevelndem Witz:

 

"Du schnarrender Bassgeselle!

Nun bist du auf ewig verstummt.

Ich sandte den Bläser zur Hölle -

Dein Liedel hat ausgebrummt!"

 

Da ziehet ein Hauch durch die Halle,

Dem Ritter wird Angst und Bang;

Mit schrecklichem Geisterschalle

Das Tote Fagott erklang!

 

Den Ritter fasst tödliches Wehe

Es fasst ihn grimm grausiger Graus.

Er stürzt sich von schwindelnder Höhe,

Verzweifelt zum Fenster hinaus.

Da fällt das Fagott vom Nagel

Und bricht sich das Genick.

Die Burg zerstört der Hagel -

O grausames Geschick.

 

Um Mitternacht da stöhnet dort

Ein grausamer Klang;

In dunklem Schauer tönet

Der Geister Zwiegesang:

Adelgunde, ja wir sind vereint!

 

Anoniem

 

 

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                              MELODIE

 

 

                     An Fräulein von Hügel.

 

            Auch Melodie ist irdisch wandelbar,

        Dieselben Noten bleiben nicht dieselben,

        Aus einer Kehle klingt sie ernst und klar

        Und kann die Luft zu einer Kirche wölben;

        In andrer Kehle schwankt sie wie ein Meer,

        Auf dem Sirenen lockend mich umringen.

        Aus ganzer Seele singt, sonst ist sie leer,

        Ich lasse mich von beider Art bezwingen.

 

 

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MIT DEM DOLCH RÜHR’ ICH DIE ZITHER

 

 

            »Mit dem Dolch rühr' ich die Zither,

        Gift ist meiner Stimme Hauchen;

        Doch sie tobt, nicht wie Gewitter,

        Bebt nicht, wie Vulkanes Rauchen:

        Lieblich weiß sich in den Tönen

        Zorn und Rache zu versöhnen.

 

            Sinke Schlummer auf Entzückte!

        Ach, dies wünschet der Verückte;

        Dies Erheben im Vergeben

        Kann Verrath euch nicht erstreben

        Und der Liebe, die sich so verklärt,

        Wird noch höh're Lust gewährt.«

 

            »Nur die Lust der Melodieen,

        Nicht des Worts verhaltne Schmerzen

        Dringen durch der Küsse Glühen;

        Denn sie liebt nicht mit dem Herzen.

        Ja, ihr geht es, wie dem Kinde,

        Ihr verfliegt das Wort im Winde.

 

            Keinem ist die Schönheit eigen,

        Allen möchte sie sich zeigen,

        So in Worten wie in Werken,

        Um durch Beifall sich zu stärken;

        Lobst du sie, so ist sie doppelt schön,

        Sie ist nichtig, wenn sie ungesehn.«

 

 

Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) uit : Ausgewählte Gedichte.

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Achim_von_Arnim

http://www.vonarnim.com/content/Anhaenge/nachlass_bettina­arnim.pdf

 

 

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             DIE  TAMBURINSCHLÄGERIN 

 

 

            Wie Fliegen summt herum mein Sinn

        Und wiegt sich leicht auf Halmen,

        Als wollt' er sie zermalmen

        Und Lachen spielt mir über's Kinn.

 

            Ich that, als zög ich fort von ihr

        Den Hut beschatten Rosen,

        So trat ich zu der Losen

        Und sprach: »Ich ziehe fort von hier.

 

            Mich zieht, mich treibt, ich weiß nicht was,

        In allen meinen Adern;

        Ich fühl ein stockend Hadern,

        Ha fühlt den Puls, die Wangen blaß.

 

            Nach Welschland schweift mein feiner Sinn,

        Ich bin von Luft getragen,

        Die Wolken ziehn den Wagen,

        Es rollet laut mein Sinn darin.

 

            Hinab, hinab im Thränenstrom

        Zerfließen meine Augen,

        Was können sie mir taugen,

        Wenn sie nicht sehn das hohe Rom.«

 

        Sie sah mich an aus losem Schlaf,

        Misst mich mit großen Augen,

        Muß in die Händchen hauchen,

        Um klar zu sehn, was mich betraf.

 

            Dann springt sie von der Rasenbank

        Gar leicht auf meinen Rücken,

        Ich will mich boshaft bücken,

        Doch Sie mir nicht vom Rücken sank.

 

            Sie singt mit hellem, hellem Ton:

        So wandern wir nun alle

        Im hellen Morgenschalle

        Zu unsres Papstes goldnem Thron.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

            Ich küsse sein Pantöffelein,

        Er bittet mich um Küsse,

        Damit er sicher wisse,

        Ob ich auch eine Christin rein.

 

            Wohlauf, wohlan mein Pegasus,

        Ich will Dich schön umfassen,

        Sollst mich nicht fallen lassen,

        Nach Rom ich heut noch reiten muß.

 

            Es flieget neben uns die Welt,

        Sie sah mich an aus losem Schlaf,

        Misst mich mit großen Augen,

        Muß in die Händchen hauchen,

        Um klar zu sehn, was mich betraf.

 

            Dann springt sie von der Rasenbank

        Gar leicht auf meinen Rücken,

        Ich will mich boshaft bücken,

        Doch Sie mir nicht vom Rücken sank.

 

            Sie singt mit hellem, hellem Ton:

        So wandern wir nun alle

        Im hellen Morgenschalle

        Zu unsres Papstes goldnem Thron.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

            Ich küsse sein Pantöffelein,

        Er bittet mich um Küsse,

        Damit er sicher wisse,

        Ob ich auch eine Christin rein.

 

            Wohlauf, wohlan mein Pegasus,

        Ich will Dich schön umfassen,

        Sollst mich nicht fallen lassen,

        Nach Rom ich heut noch reiten muß.

        Es flieget neben uns die Welt,

 

 

         Bewacht sie auf dem sel'gen Sitz.

 

        Da ist, da ist Italia,

        Ich fühl im Marmorbilde

        Die Wangen weich und milde,

        Mein Liebchen ist Italia.

 

 

Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) uit : Nachlese

 

 

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                       DAS  WUNDERHORN

 

 

            Ein Knab auf schnellem Roß

            Sprengt auf der Kaisrin Schloß,

            Das Roß zur Erd sich neigt,

            Der Knab sich zierlich beugt.

 

            Wie lieblich, artig, schön

            Die Frauen sich ansehn,

            Ein Horn trug seine Hand,

            Daran vier goldne Band.

 

            Gar mancher schöne Stein

            Gelegt ins Gold hinein,

            Viel Perlen und Rubin

            Die Augen auf sich ziehn.

 

            Das Horn vom Elephant,

            So gros man keinen fand,

            So schön man keinen fing

            Und oben dran ein Ring,

 

            Wie Silber blinken kann

            Und hundert Glocken dran

            Vom feinsten Gold gemacht,

            Aus tiefem Meer gebracht.

 

            Von einer Meerfey Hand

            Der Kaiserin gesandt,

            Zu ihrer Reinheit Preis,

            Dieweil sie schön und weis'.

 

            Der schöne Knab sagt auch:

            »Dies ist des Horns Gebrauch:

            Ein Druck von Eurem Finger,

            Ein Druck von Eurem Finger

 

            Und diese Glocken all,

            Sie geben süßen Schall,

            Wie nie ein Harfenklang

            Und keiner Frauen Sang,

 

            Kein Vogel obenher,

            Die Jungfraun nicht im Meer

            Nie so was geben an!«

            Fort sprengt der Knab bergan,

 

            Ließ in der Kaisrin Hand

            Das Horn, so weltbekannt;

            Ein Druck von ihrem Finger,

            O süßes hell Geklinge!

 

Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) uit : Des Knaben Wunderhorn

 

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                        NACHTMUSIKANTEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Narren-Nest von Abraham a St. Clara. Wien 1751. III. T.S. 89.

 

            Hier sind wir arme Narrn

            Auf Plätzen und auf Gassen,

            Und thun die ganze Nacht

            Mit unsrer Musick passen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

            Es giebt uns keine Ruhe

            Die starke Liebes-Macht,

            Wir stehen mit dem Bogen

            Erfroren auf der Wacht;

 

            Sobald der helle Tag

            Sich nur beginnt zu neigen,

            Gleich stimmen wir die Laut,

            Die Harfen und die Geigen.

 

            Mit diesen laufen wir

            Zu mancher Schönen Hauß,

            Und legen unsern Kram,

            Papier und Noten aus.

 

            Der erste gibt den Tackt,

            Der andre bläßt die Flöten,

 

 

             Der dritte schlägt die Pauck',

            Der viert stößt die Trompeten.

 

            Ein andrer aber spielt

            Theorb und Galischan

            Mit gar besonderm Fleiß,

            So gut er immer kann.

 

            Wir pflegen auch so lang

            An einem Eck zu hocken,

            Bis wir ein schön Gespenst

            Hin an das Fenster locken;

 

            Da fängt man alsbald an

            Vor der Geliebten Thür

            Verliebte Arien

            Mit Pausen und Suspir.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

            Und sollten vor der Wacht

            Wir endlich weichen müssen,

            So macht man statt der Händ',

            Die Läufe mit den Füßen.

 

            Und also treiben wirs

            Oft durch die lange Nacht,

            Daß selbst die ganze Welt

            Ob unsrer Narrheit lacht.            

            Ach schönste Phillis hör

            Doch unser Musiciren,

            Und laß uns eine Nacht

            In deinem Schoos pausiren.

 

Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) uit : Des Knaben Wunderhorn

 

 

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DER  HIMMEL  HÄNGT  VOLL  GEIGEN

 

 

 

Bairisches Volkslied.

 

        Wir genießen die himmlischen Freuden,

        Drum thun wir das Irdische meiden,

        Kein weltlich Getümmel

        Hört man nicht im Himmel,

        Lebt alles in sanftester Ruh;

        Wir führen ein englisches Leben,

        Sind dennoch ganz lustig daneben,

        Wir tanzen und springen,

        Wir hüpfen und singen,

        Sanct Peter im Himmel sieht zu.

 

        Johannes das Lämmlein auslasset,

        Der Metzger Herodes drauf passet,

        Wir führen ein gedultigs,

        Unschuldigs, gedultigs,

        Ein liebliches Lämmlein zum Tod.

        Sanct Lucas den Ochsen thut schlachten,

        Ohn einigs Bedenken und Achten,

        Der Wein kost't kein Heller

        Im himmlischen Keller,

        Die Engel, die backen das Brod.

 

        Gut Kräuter von allerhand Arten,

 

         Die wachsen im himmlischen Garten,

        Gut Spargel, Fisolen,

        Und was wir nur wollen,

        Ganze Schüssel voll sind uns bereit

        Gut Aepfel, gut Birn und gut Trauben,

        Die Gärtner, die alles erlauben.

        Willst Rehbock, willst Hasen?

        Auf offner Straßen,

        Zur Küche sie laufen herbei.

 

        Sollt' etwa ein Fasttag ankommen,

        Die Fische mit Freuden anströmen,

        Da laufet Sanct Peter

        Mit Netz und mit Köder

        Zum himmlischen Weiher hinein;

        Willst Karpfen, willst Hecht, willst Forellen,

        Gut Stockfisch und frische Sardellen?

        Sanct Lorenz hat müssen

        Sein Leben einbüßen,

        Sanct Marta die Köchin muß seyn.

 

        Kein Musik ist ja nicht auf Erden,

        Die unsrer verglichen kann werden,

        Eilftausend Jungfrauen

        Zu tanzen sich trauen,

        Sanct Ursula selbst dazu lacht,

        Cecilia mit ihren Verwandten,

         Sind treffliche Hofmusikanten,

        Die englische Stimmen

        Ermuntern die Sinnen,

        Daß Alles für Freuden erwacht!

 

Ludwig Achim von Arnim (1781-1831) uit : Des Knaben Wunderhorn

 

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HYMNE  AN  DIE  MUSIK

 

 O Kunst, du heiliger Tempel der Welt!

An deinen Stufen knien Meister

und falten die Hände;

des Lorbeers grünende Zweige

schlingen um deine Säulen sich

und ranken die Blätter um jegliches Haupt.

 

Musik ertönt! Der heilige Klang

der Orgel braust und die Posaunen erschallen!

Bald klagt es leise wie Flötenhauch den Sternen zu,

bald stürmen und rauschen aufbrausend

die Klänge mit Donnergewalt!

 

Und das Menschenherz lauscht den heiligen Tönen;

und aus den Augen rieselt der Tränenquell;

dann richtet es hoffend sich wieder empor,

zu himmlischen Fernen hinan!

Das hat Musik getan,

Musik, die göttliche Kunst!

 

Karl Christian Ernst Graf von Bentzel-Sternau (1767-1849)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Christian_Ernst_Graf_von-Bentzel-Sternau

 

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AN  SIE AM KLAVIER

 

 

Pulse, höret auf zu schlagen

durch den sturmgehob'nen Busen;

horcht! Sie opfert jetzt den Musen

in der Tonkunst Heiligtum.

 

Ihr Gedanken nur dürft wagen

an mein Dasein mich zu mahnen,

nur ein formenloses Ahnen

öffne mir EIysium.

 

Laß sie durch die Himmel gleiten

von der Erde diese Töne,

durch die Himmel der Camöne,

nicht die Erd' ist ihr Gebiet.

 

Jeder Ton, entlockt den Saiten,

trag wie aus Pirenens Quelle

sich von Seele hin zu Seele

durch die Welten als ein Lied!

 

Wie sie zittern, wie sie rauschen,

Wie sie kosen, wie sie beben

diese Klänge durch mein Leben,

und mir gilt kein einz'ger Ton!

 

Nur verborgen darf ich lauschen,

glauben nur du würdest klagen

auch um mich, dürft ich dir sagen,

was ich nun gelitten schon!

 

Wie sie rauschen,

wie sie beben,

diese Klänge durch mein Leben,

und mir gilt kein einz'ger Ton!

 

Nur verborgen darf ich lauschen,

glauben nur du würdest klagen

auch um mich, dürft ich dir sagen,

was ich nun gelitten schon!

 

Karl   Johann Ritter Braun von Braunthal (1802-1866)

 

 

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Johann_Braun_von_Braunthal

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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                            SIMPHONIE

 

Simphonie

 

            Ruhe! –die Gräber erbeben;

            Ruhe! – und heftig hervor

            Stürzt aus der Ruhe das Leben,

            Strömt aus sich selbsten empor

            Die Menge, vereinzelt im Chor.

 

            Schaffend eröffnet der Meister

            Gräber – Geborener Tanz

            Schweben die tönenden Geister;

            Schimmert im eigenen Glanz

            Der Töne bunt wechselnder Kranz.

 

            Alle in einem verschlungen,

            Jeder im eigenen Klang,

            Mächtig durchs Ganze geschwungen,

            Eilet der Geister Gesang

            Gestaltet die Bühne entlang.

 

            Heilige brausende Wogen,

            Ernst und wollüstige Glut

            Strömet in schimmernden Bogen,

            Sprühet in klingender Wut

            Des Geistertanz silberne Flut.

 

            Alle in einem, erstanden,

            Sind sie sich selbst nicht bewußt

            Daß sie sich einzeln verbanden;

            Fühlt in der eigenen Brust

            Ein jeder vom Ganzen die Lust.

 

            Aber im inneren Leben

            Fesselt der Meister das Sein;

            Läßt sie dann ringen und streben;

            Handelnd durcheilet die Reihn

            Das Ganze im einzelnen Schein.

 

 

Clemens Brentano (1778-1842), uit : Ausgewählte Gedichte

http://nl.wikipedia.org/wiki/Clemens_Brentano

 

 

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                      GUITARRE  UND  LIED

 

 

Guitarre

 

        Wache auf, Du süßes Lied,

        Öffne Deine goldnen Augen;

        Mondschein still herniedersieht.

        Leise, kühle Lüfte hauchen

        Durch die tiefe dunkle Nacht.

        Lasse Deinen hellen Blick,

        Leuchtend, durch die Schatten schweben;

        Antwort kehret bald zurück,

        Wenn des Echos Wechselleben

        Hallend an dem Fels erwacht.

            Sag', wo willst Du hin?

        Soll ich Dich begleiten,

        Durch die Dunkelheiten

        Deine Schritte leiten?

        Soll ich stiller Liebe

        Deinen düstern Sinn

        Freundlich deuten?

        Willst Du Deine Triebe

        Durch den Abend singen;

        Oder höher,

        Immer höher

        Zu den Sternen klingen?

        Laß Dich traulich umschlingen;

 

         Sprich Deine Worte

        In meine Akkorde.

 

 

Lied

 

        O, welch nächtlich banges Rauschen;

        Ob sie wohl am Fenster stehet,

        Oder an der kleinen Pforte,

        Meine Töne zu belauschen;

        Oder durch den Abend gehet.

 

 

Guitarre

 

        Mädchen, höre seine Worte!

        Mädchen, lieb Mädchen erscheine,

        Sieh vom Fenster nieder;

        Laß das Lied

        Nicht so alleine.

        Ach, der helle Schimmer

        Bald verglüht,

        Kehret nimmer,

        Nimmer wieder.

 

 

Lied

 

        Nimmer, nimmer wiedersehen!

        Stille Liebe, süße Blicke,

         All die Töne, all die Lieder

        In der kühlen Nacht verwehen;

        Nimmer kehren sie zurücke.

 

 

Guitarre

 

        Ach, das Mädchen sieht nicht nieder;

        Von den Saiten schwingen

        Sich die Töne durch die Nacht,

        Worte irren und verklingen –

        Wo die Liebe nicht wacht,

        Ist alles leer,

        Kein Freuen mehr.

 

 

Lied

 

        Alles leer, und nimmer freuen,

        Kaum im Herzen aufgeblühet,

        Ist das Leben schon so schwer.

        Muß ich mich dem Tode weihen,

        Der mich langsam abwärts ziehet.

 

 

Guitarre

 

        Ist denn keine Wiederkehr?

        Ist die Liebe hingetragen

        In den stummen Tod?

        Ist sie nirgends zu erfragen;

        Ist sie in dem Abendrot,

        Mit den andern Funken,

        Hinabgesunken?

 

 

Lied

 

        Alle Lichter bald versinken;

        Alle Töne stumm ersterben;

        Nur allein, wer liebetrunken,

        Liebe sieht im Auge blinken,

        Der kann nimmermehr verderben.

 

 

Guitarre

 

        Ist die Liebe Dir versunken,

        O, so wende,

        Schnell behende,

        Zum Himmel die Blicke,

        Laß die untreue Erde zurücke.

        Hinauf ins helle Getümmel,

        In der Sterne froh Gewimmel!

        Oben am Himmelszelt

        Kein Echo Dich gefesselt hält.

        Im hohen Wolkensaal,

        Da sind Liebesblicke,

        Und freudiges Hallen

         Hörst Du zurücke,

        In Tönen ohne Zahl,

        Dir wieder schallen.

 

 

Lied

 

        Aller Himmel bald verschwindet,

        Alle Sterne bald vergehen,

        Alle Töne niederfallen;

        Denn allein ihr Blick entzündet

        All das Licht in Himmelshöhen.

 

 

Guitarre

 

        Nun so laß uns abwärts wallen.

        Bebe nicht,

        Der Weg ist so tief,

        Ohne Licht.

        Manch Lied schon so entschlief;

        Kannst Du in den Himmelsseen

        Keine Freiheit mehr ersehen,

        In den fernen

        Goldnen Sternen,

        Die wie Blumen drinnen brennen.

        Keinen Frühling mehr erkennen.

        So will ich Dich führen auf stillen Wegen;

        In den Busen, wie ins Grab,        

        Dein Gebete,

        Deine süße Rede

        Traurig niederlegen.

        Blicke nieder

        Ohne Wehe,

        Vergehe,

        Kehre heller wieder.

 

 

Lied

 

        Ach, mit tiefen, tiefen Wehen

        Kehre ich ins Herz zurücke,

        Sink' ich in die Tiefe nieder,

        Und das Herz muß nun vergehen,

        Weil ich's mit Gewalt zerdrücke.

 

 

Guitarre

 

        Ach, so sterben alle Lieder,

        Die so lange

        Liebe suchen in dem Weibe.

        Liebe, nein, die währt nicht lange,

        Dient dem Leibe

        Bloß zum süßen Zeitvertreibe.

        Ist die Zeit vertrieben,

        Wo ist die Liebe geblieben?

        Mit den Sinnen         Muß man die Liebe

        Wild umspinnen;

        Da ist Leben,

        Wiedergeben

        Zu gewinnen.

 

 

Lied

 

        Laß, o laß mich ruhig sterben,

        Drücke mir die Augen zu;

        Laß mich glaubend still zerrinnen,

        Soll ich zweifelnd denn verderben?

        Gieb im Tode mir nur Ruh'.

 

 

Guitarre

 

        Gehe hoffend still von hinnen,

        Schlummre sanft Du süßes Lied;

        Schließe Deine goldnen Augen,

        Mondschein ist schon abgeblüht.

        Leise Lüfte Dich verhauchen,

        Kühler Morgen schon erwacht.

        Lasse Deinen trüben Blick

        Stille zu den Schatten schweben,

        Sehne nimmer Dich zurück;

        Denn der Liebe Wechselleben

        Ist verhallt in tiefer Nacht. –

        Ach, wo bist Du hin?

        Konnt' Dich nicht begleiten,

        Durch die Dunkelheiten

        Deinen Schritt nicht leiten;

        Konnt' nicht stiller Liebe

        Deinen düstern Sinn

        Freundlich deuten?

        Konntest nicht Deine Triebe

        Durch den Abend singen;

        Auch nicht höher,

        Immer höher

        Zu den Sternen klingen;

        Mußte Dich traurig umschlingen –

        Schlummert freundlich

        Ihr letzten Worte,

        Im letzten Akkorde.

 

Clemens Brentano (1778-1842) uit :

Ausgewählte Gedichte

 

***

 

     Um die Harfe sind Kränze geschlungen,

    Schwebte Lieb' in der Saiten Klang:

    Oft wohl hab' ich mir einsam gesungen,

    Und wenn einsam und still ich sang,

    Rauschten die Saiten im tönenden Spiel,

    Bis aus dem Kranze, vom Klange     durchschüttert,

    Und von der Klage der Liebe durchzittert,

    Sinkend die Blume herniederfiel.

 

    Weinend sah ich zur Erde dann nieder,

    Liegt die Blüte so still und tot;

    Seh' die Kränz' an der Harfe nun wieder, –

    Auch verschwunden des Lebens Rot,

    Winken mir traurig wie schattiges Grab,

    Wehen so kalt in den tönenden Saiten,

    Wehen so bang und so traurig: Es gleiten

    Brennende Tränen die Wang' herab.

 

    Nie ertönt meine Stimme nun wieder,

    Wenn nicht freundlich die Blüte winkt;

    Ewig sterben und schweigen die Lieder,

    Wenn die Blume mir nicht mehr sinkt.

    Schon sind die meisten der holden entflohn;

    Ach! wenn die Kränze die Harfe verlassen,

    Dann will ich sterben; die Wangen erblassen,

    Stumm ist die Lippe, verhallt der Ton.

 

     Aber Wonn', es entsprosset zum Leben

    Meiner Asche, so hell und schön,

    Eine Blume. – Mit freudigem Beben

    Seh' ich Tilie so freundlich stehn.

    Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid.

    Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen –

    Schöner und lieblicher seh' ich sie stehen,

    Wie meinen Feinden sie mild verzeiht.

 

Clemens Brentano (1778-1842) uit :

Ausgewählte Gedichte

 

***

 

Dein Lied erklang, ich habe es gehöret,

    Wie durch die Rosen es zum Monde zog;

    Den Schmetterling, der bunt im Frühling flog,

    Hast du zur frommen Biene dir bekehret,

    Zur Rose ist mein Drang,

    Seit mir dein Lied erklang!

 

    Dein Lied erklang, die Nacht hat's hingetragen,

    Ach, meiner Ruhe süßes Schwanenlied!

    Dem Mond, der lauschend von dem Himmel sieht,

    Den Sternen und den Rosen muß ich's klagen,

    Wohin sie sich nun schwang,

    Der dieses Lied erklang!

 

    Dein Lied erklang, es war kein Ton vergebens,

    Der ganze Frühling, der von Liebe haucht,

    Hat, als du sangest, nieder sich getaucht

    Im sehnsuchtsvollen Strome meines Lebens,

    Im Sonnenuntergang,

    Als mir dein Lied erklang!

 

Clemens Brentano (1778-1842) uit :

Ausgewählte Gedichte

 

***

 

NACHKLÄNGE  BEETHOVENSCHER MUSIK

 

1.

        Einsamkeit, du Geisterbronnen,

        Mutter aller heil'gen Quellen,

        Zauberspiegel innrer Sonnen,

        Die berauschet überschwellen,

        Seit ich durft' in deine Wonnen

        Das betrübte Leben stellen,

        Seit du ganz mich überronnen

        Mit den dunklen Wunderwellen,

        Hab' zu tönen ich begonnen,

        Und nun klingen all die hellen

        Sternenchöre meiner Seele,

        Deren Takt ein Gott mir zähle,

        Alle Sonnen meines Herzens,

        Die Planeten meiner Lust,

        Die Kometen meines Schmerzens,

        Klingen hoch in meiner Brust.

        In dem Monde meiner Wehmut,

        Alles Glanzes unbewußt,

        Kann ich singen und in Demut

        Vor den Schätzen meines Innern,

        Vor der Armut meines Lebens,

        Vor der Allmacht meines Strebens

        Dein, o Ew'ger, mich erinnern!

 

         Alles andre ist vergebens.

 

2.

        Gott, dein Himmel faßt mich in den Haaren,

        Deine Erde zieht mich in die Hölle,

        Gott, wie soll ich doch mein Herz bewahren,

        Daß ich deine Schätze sicherstelle,

        Also fleht der Sänger und es fließen

        Seine Klagen hin wie Feuerbronnen,

        Die mit weiten Meeren ihn umschließen;

        Doch inmitten hat er Grund gewonnen,

        Und er wächst zum rätselvollen Riesen.

        Memnons Bild, des Aufgangs erste Sonnen,

        Ihre Strahlen dir zur Stirne schießen,

        Klänge, die die alte Nacht ersonnen

        Tönest du, den jüngsten Tag zu grüßen:

        Auserwählt sind wen'ge, doch berufen

        Alle, die da hören, an die Stufen. –

 

3.

        Selig, wer ohne Sinne

        Schwebt, wie ein Geist auf dem Wasser,

        Nicht wie ein Schiff – die Flaggen

        Wechslend der Zeit, und Segel

        Blähend, wie heute der Wind weht,

        Nein ohne Sinne, dem Gott gleich,

        Selbst sich nur wissend und dichtend

 

  Schafft er die Welt, die er selbst ist,

        Und es sündigt der Mensch drauf,

        Und es war nicht sein Wille!

        Aber geteilet ist alles.

        Keinem ward alles, denn jedes

        Hat einen Herrn, nur der Herr nicht;

        Einsam ist er und dient nicht,

        So auch der Sänger!

 

4.

        Nichts weiß ich von dir, o Wellington,

        Aber die Welle

        Tönt deinen Namen so brittisch.

        Kleinod der Erde, England

        Eiland, vom Meere gegürtet

        Jungfräulich, Arche auf grünenden

        Hügeln ruhend, der Sündflut

        Bist du entrücket, dich lieb' ich,

        Nicht um handelbequeme

        Gestalt in mancher Vollendung,

        Nein um dich nur, denn heilig

        Sind wohl die Inseln. Die Sterne

        Gürtet umsonst nicht das Blau,

        Und die sehenden Augen,

        Wunderinseln des Lichtes,

        Schwimmen umsonst nicht im Glanz;

        Was umarmt ist, ist Tempel,

 

         Freistatt des Geistes, der die Welt trägt.

        Wer möchte sonst leben?

 

5.

        Wer hat die Schlacht geschlagen,

        Wer hat die Schlacht getönt,

        Wer hat den Sichelwagen,

        Der über das Blutfeld dröhnt,

        Harmonisch hinübergetragen,

        Daß sich der Schmerz versöhnt?

        Wen hat in heißen Tagen

        Ein solcher Kranz gekrönt,

        Wer darf so herrlich ragen,

        Von Sieg und Kunst verschönt.

        Wellington in Tones Welle

        Woget und wallet die Schlacht,

        Wie eines Vulkanes Helle,

        Durch die heilige Sternennacht.

        Er spannt dir das Roß aus dem Wagen,

        Und zieht dich mit Wunderakkorden

        Durch ewig tönende Pforten.

        Triumph, auf Klängen getragen!

        Wellington, Viktoria!

        Beethoven, Gloria!

 

Clemens Brentano (1778-1842) uit :

Ausgewählte Gedichte

Beethoven, Wellington’s Sieg

http://www.youtube.com/watch?v=ZPX7RT9uFUU

***

 

    An die blinde Virtuosin

     Mademoiselle Paradies

 

    Dein Schicksal werde nicht gescholten!

    Zwar raubts dir Phöbus goldnen Strahl:

    Doch hat dir diesen tausendmal

    Sein goldnes Saitenspiel vergolten.

 

Gottfried August Bürger (1747-1794), uit :

Gedichte (1789)

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Gottfried_August_B%C3%BCger

 

***   

 

                  DER SPIELMANN

 

 

Im Städtchen gibt es des Jubels viel,

Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel.

Dem Fröhlichen blinket der Wein so rot,

Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

 

Ja tot für den, den nicht sie vergißt,

Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist:

Da steht er immitten der Gäste im Krug,

Und streichelt die Geige lustig genug.

 

Er streichelt die Geige, sein Haar ergraut,

Es schwingen die Saiten gellend und laut,

Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,

Ob auch sie in tausend Stücke zerbricht.

 

Es ist gar grausig, wenn einer so stirbt,

Wenn jung sein Herz um Freude noch wirbt.

Ich mag und will nicht länger es sehn!

Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdrehn!

 

Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?

O Gott - bewahr uns gnädiglich,

Daß keinen der Wahnsinn übermannt.

Bin selber ein armer Musikant.

 

Adelbert von Chamisso (1781-1838)

Uit : Lieder und lyrisch-epische Gedichte

http://nl.wikipedia.org/wiki/Adelbert_von_Chamisso

 

 

                            DER    SPIELMANN

 

 

    Im Städtchen gibt es des Jubels viel,

    Da halten sie Hochzeit mit Tanz und mit Spiel,

    Den Fröhlichen blinket der Wein so rot,

    Die Braut nur gleicht dem getünchten Tod.

 

    Ja tot für den, den nicht sie vergißt,

    Der doch beim Fest nicht Bräutigam ist;

    Da steht er inmitten der Gäste im Krug,

    Und streichet die Geige, lustig genug!

 

    Er streichet die Geige, sein Haar ergraut,

    Es springen die Saiten gellend und laut,

    Er drückt sie ans Herz und achtet es nicht,

    Ob auch sie in tausend Stücken zerbricht.

 

    Es ist gar grausig, wenn einer so stirbt,

    Wann jung sein Herz um Freude noch wirbt;

    Ich mag und will nicht länger es sehn,

    Das möchte den Kopf mir schwindelnd verdrehn. –

 

    Wer heißt euch mit Fingern zeigen auf mich?

    O Gott! bewahr uns gnädiglich,

    Daß keinen der Wahnsinn übermannt;

    Bin selber ein armer Musikant.

 

     Adelbert von Chamisso (1781-1838)

 

*** 

 

ER  LIEGT UND SCHLÄFT

 

Er liegt und schläft an meinem Herzen,

Mein guter Schutzgeist sang ihn ein;

Und ich kann fröhlich sein und scherzen,

Kann jeder Blum' und jedes Blatts mich freun.

Nachtigall, ach! Nachtigall, ach!

Sing mir den Amor nicht wach!

 

Matthias Claudius (1740-1815)

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Matthias_Claudius

 

***

                       DIE  FLÖTE

 

    Geweihter Hades, deiner Urkraft Flamme

    Umfächert uns mit Feuerfingern fürchterlich;

    Doch bangt mir kaum vor Stachels nahem Stich:

    Mein Blicken rings auf Düsterung zum Stamme,

 

    Damit er sich mit Rinde klar beklammre,

    Befahl dem Glast: Zerfahl' geschwisterlich!

    Im alten Walde sammelt sich das Ich,

    Auch hilft mir Demeter, der Seele Amme.

 

    So traut daheim, bei Tau und Morgenröte,

    Verdankt das Auge Mandelzweigen Rast,

    Denn himmlisch blühn sie auf ins Tal der Nöte.

 

    Nun Amsel meines Liebens, frei vom Ast,

    Beschwing dein Lied zum Lenz, mit Spiel der Flöte,

    Wie du's von Hirten sanft vernommen hast!

 

    Theodor Däubler (1876-1934)

    Uit : Attische Sonette

http://nl.wikipedia.org/wiki/Theodor_D%C3%A4ubler

 

***   

 

        WIE MELODIE AUS REINER SPHÄRE

 

Wie Melodie aus reiner Sphäre hör' ich;

    Wie Harmonie aus ewiger Kläre hör' ich;

 

        Ein Weh'n, so sanft, als ob mir eines Engels

    Gelinde Schwinge nahe wäre, hör' ich.

 

        Erzählt der Ost von deiner Brust Geneigtheit?

    Denn eine wundersüße Mähre hör' ich.

 

        Verkündet er die seligste der Stunden?

    Denn was da scheucht jedwede Zähre hör' ich.

 

Georg Friedrich Daumer (1800-1875)

Uit : Hafis

 

***

 

      ICH SCHLAGE DICH, MEIN TAMBURIN

 

                 Ich schlage dich, mein Tamburin;

            Ich schwinge mich als Tänzerin;

            Ich schlage dich so wild, so wild,

            Weil ich so trüb, so trübe bin,

            Beschwüre gerne meine Pein,

            Betäubte gerne meinen Sinn;

            Doch ewig ist mein Kummer wach,

            Doch ewig ist mein Friede hin.

            Ach käme dir ein Ahnen nur,

            Wie krank ich im Gemüthe bin,

            Du tönetest nur Herzeleid

            Ob deiner armen Schlägerin.

 

Georg Friedrich Daumer (1800-1875)

Uit : Poetische Zugaben,  Zigeunerisch

 

http://en.wikipedi.org/wiki/Georg_Friedrich_Daumer

 

***

 

                  EINE   HOLDE SÄNGERIN

 

            Eine holde Sängerin,

                Blümelein am Bache sucht sie,

            Gleitet aus und fällt hinein,

                Hin zum Meere spült der Bach sie.

            Von dem Meere wird sie drauf

                Wogend an den Strand getrieben;

            Alsofort am Strande wächst

                Eine dichtbelaubte Linde.

            Brüderlein aus ihrem Holz

                Schnitzet eine feine Harfe.

            »Ach, wie lieblich, ach, wie schön

                Klingt sie, meine Lindenharfe!« –

            »Lindenharfe wäre das?«

                Also spricht die Mutter weinend,

            »Dein verlornes Schwesterlein,

                Meine süße Tochter ist es.

            O wie deutlich in mein Ohr

                Hör' ich ihre Stimme klingen!

            O wie zärtlich an mein Herz

                Fühl' ich ihre Seele dringen!«

 

Georg Friedrich Daumer (1800-1875)

Uit : Poetische Zugaben, Lettisch-Lithauische Volkspoesie

 

***

 

        SINGE, SINGE, SINGE MÜNDLEIN

 

                 Singe, singe, singe Mündlein,

            Zwitschere, mein Vogelzünglein,

            Lodere, mein Lebekerzlein,

            Jubele, mein Lebestündlein,

            Liebe, liebe, was da lieblich,

            Poche laut, mein liebes Herzlein!

            Alles, Alles wirst du missen,

            Alles, Alles wird entrissen;

            Bald genug in schwarzer Erde

            Werden wir zu schweigen wissen,

            Ach, nur allzu stille sein,

            Wenn die Tanne glatt gehobelt,

            Wenn wir unter Frühlingswettern

            Weilen in den weißen Brettern,

            Hausen in dem engen Schrein.

 

Georg Friedrich Daumer (1800-1875)

Uit : Poetische Zugaben, Esthnisch

 

***  

 

 

TRAGE  NICHT SO GRELLE TÖNE  VOR

 

        Trage nicht so grelle Töne vor,

        Prediger! Zu weichlich ist mein Ohr,

        Ist zu musikalischer Natur,

        Und die süße Sängerin der Flur,

        Der es horcht, hat es so ganz verwöhnt,

        Daß es schmerzt, wenn deine Stimme tönt.

        Willst du nicht, daß ich in's Weite flieh',

        So versuch' es und verwandle sie

        In gelinde, zarte Melodie!

 

Georg Friedrich Daumer (1800-1875)

Uit : Poetische Zugaben, Nachtrag

 

*** 

 

                      SIE    SINGT

 

Sie singt.

        Auf sachten Wellen schwingt sich der Saal.

        Die Lichter dunkeln,

        Ihre Augen strahlen,

        Ihre Pupillen durchfunkeln den Raum,

        Küsse schlagen schwer in ihr Blut,

        Ihre Brüste tragen die Küsse kaum,

        Sie reckt tausend klaffende Lippen,

        Ihr Haupt zurückgesunken.

        Trunken schließt sich der letzte Wunsch.

 

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit:  Reliquien. Gedichte

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Dauthendey

 

***

 

 

 KEIN LIED FÄLLT MIR MEHR EIN

 

 

        Locktest mich in dein Herz hinein,

        Mir ist die Luft ausgegangen,

        Meine Stimme liegt bei dir gefangen,

        Kein Lied fällt mir mehr ein.

 

        Und rings hör' ich doch Lieder genug,

        Es singen beim Nesterbauen

        Die Vögel im Grünen und Blauen

        Und haben noch Lieder im Flug.

 

        Nur ich muß schweigen und geh' herum,

        Als fürcht' ich die Vögel zu stören,

        Und ließ mich so gern vor dir hören, –

        Doch atemlos bin ich und stumm.

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit : Singsangbuch, Liebeslieder

 

 

***

 

        DAS  HERZ  WIRD  ZUR  FLÖTE

 

Goldgelbe Schlüsselblumen und rosa Waldwicken

Kommen ins Zimmer mit ländlichen Blicken.

Veilchen und samtne Osterblumen mit silbrigem Schimmer

Bringen die Luft vom Berg, wo Gräser nicken,

Und alle rufen: »Frühling bleibt es jetzt immer.«

Hörst keine Uhr und keinen Holzwurm mehr ticken,

Alle Tage unsterblichen Atem dir schicken.

Das Herz wird zur Flöte; drauf spielt jede Stund'

Deiner Liebsten wollüstiger Mund.

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit : Lusamgärtlein, Frühlingslieder aus Franken.

 

***  

 

                   BIN IM LIEDREGEN

 

 

 

Habe ich Bäume und Berge und jeden Grashalm besungen,

So halt' ich in Reimen die Liebste umschlungen;

Bin im Liedregen endlich dann zu ihr gedrungen.

 

Ich darf sie begleiten auf heimlichsten Wegen,

Darf mich nah wie ihr Schatten als Lied zu ihr legen,

Ich höre in Liedern ihr Blut sich bewegen.

 

Darf im Laub und in Nächten ihr Blut dann begleiten,

Bin nah ihr wie grüne und schneiende Zeiten,

Darf als Lied mich im Bett ihres Herzens ausbreiten.

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit : Lusamgärtlein, Frühlingslieder aus Franken.

 

*** 

 

UND  ORGELPFEIFEN  SIND DIE EICHEN UND                     BUCHEN IM WIND  

 

 

Im Walde einer am Wege sitzt von Mittagssonne erhitzt;

Sieht der Buschbirke zu, die mit den Blattspiegeln blitzt,

Und horcht der Windorgel nach; die gibt der Waldtiefe keine Ruh.

Es spielt im Wald die Orgel erst leise, dann laut bald,

Und immer den Anfang ohn' Ende derselben Weise,

Und Orgelpfeifen sind Eichen und Buchen im Wind.

Sie wünschen dem Wind, der auf ewiger Reise,

Daß er gleich der Liebe das Ende nie find',

Damit ihre Lieder unsterblich sind.

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit : Lusamgärtlein, Frühlingslieder aus Franken.

 

***

 

            MONDMUSIKANTEN

 

            Mit Flöte und der Violin'

            Javanen, zwei, die Landstraß' ziehn.

            Sie feiern so die helle Nacht.

            Musik am grauen Weg erwacht.

 

            Hörst nicht der nackten Füße Schritt, –

            Hörst nur Musik. Sie schreitet mit.

            Musik als Dritter ist Gesell.

            Sie folgt den beiden wie ein Quell.

 

            Musik geht vor den beiden her.

            Sie wissen bald von sich nichts mehr.

            Musik zieht ihre Seelen fort,

            Und zu Musik wird Zeit und Ort.

 

(Garoet, April 1915)

 

 

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit : Lieder der Trennung

 

***

 

 DIE DAME UND DAS GRAMMOPHON

 

            Einmal, in der Sommerfrische,

            Stand auf einem Gasthaustische

            Schön poliert ein Grammophon,

            Dieses hatte Menschenton.

 

            Prächtig schrie sein Blechzylinder.

            Solches lockt zuerst die Kinder,

            Doch auch Damen ist Geschrei

            Nicht so gänzlich Einerlei.

 

            Manche stand mit langem Halse

            An dem Trichter und der Walze.

            Denn nicht Jeder sieht gleich, wie

            Vor sich geht die Melodie.

 

            Keiner glaubt von diesem Dinge,

            Daß es Stimmen fertig bringe.

            Niemand gar vermutet hätt',

            In dem Dinge ein Quartett.

 

            Ist 'ne Nummer abgelaufen,

            Darf man sich 'ne andere kaufen.

            Und weil es die Walze kann,

            Kommt auch ein Tenor daran.

 

             Der Tenor brüllt aus dem Trichter,

            Und verzückt sind die Gesichter.

            Manche Dam' hätt's gern heraus,

            Wie sieht der Tenor wohl aus!

 

            Und mein Gott, wer hätt's erwartet!

            Schicksale sind abgekartet!

            Eine Dame – das kommt vor –

            Wird besessen vom Tenor.

 

            Ach, er singt so unverfroren

            Sich ins Herz ihr und die Ohren.

            Aus der Walze, die sich schiebt,

            Singt ein Mann, den's nicht mehr gibt.

 

            Ihn, der einst hineingeschrieen,

            Möcht' die Dame an sich ziehen;

            Und die Dam', mit einem Wort,

            Geht nicht mehr vom Trichter fort.

 

            Ach, total tut sie erwarmen,

            Möcht' den Trichter fest umarmen.

            Endlich kauft sies Grammophon.

            Hätt' sie nur was mehr davon!

 

            Aber ich darf's nicht verhehlen,

             Sie tat nur die Nachbarn quälen.

            Kaum kam der Tenor ins Haus,

            Stirbt ein jedes Stockwerk aus.

 

            Und auch sie wär' dran gestorben,

            Wärs Gehör nicht erst verdorben.

            Jetzt ihr's nicht mehr schaden kann,

            Denn sie wurde taub daran.

 

            Doch weil sie nicht blind, die Tauben,

            Schraubt sie weiter an der Schrauben,

            Schont auch gar nicht den Tenor,

            Bis er seine Stimm' verlor.

 

            Wenn sich auch die Walzen drehen,

            Kein Tenor tut mehr entstehen;

            Denn das Grammophon, das hat

            Endlich mal die Sache satt.

 

            Nur die Dam' ist noch vorhanden.

            Und nach Jahren noch, da fanden

            Wir sie an dem Grammophon

            Horchend und verzückt davon.

 

            Keiner könnt' es ihr beibringen,

            Daß die Walzen nicht mehr singen.

            Trotz sie taub auf jedem Ohr,            

            Hört sie heut' noch den Tenor.

 

Max Dauthendey (1867-1918)

Uit : Neun Pariser Moritaten

 

*** 

                 

            VERKLÄRTE  NACHT

 

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;

der Mond läuft mit, sie schaun hinein.

Der Mond läuft über hohe Eichen,

kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,

in das die schwarzen Zacken reichen.

Die Stimme eines Weibes spricht:

 

Ich trag ein Kind, und nit von dir,

ich geh in Sünde neben dir.

Ich hab mich schwer an mir vergangen;

ich glaubte nicht mehr an ein Glück

und hatte doch ein schwer Verlangen

nach Lebensfrucht, nach Mutterglück

und Pflicht – da hab ich mich erfrecht,

da ließ ich schaudernd mein Geschlecht

von einem fremden Mann umfangen

und hab mich noch dafür gesegnet.

Nun hat das Leben sich gerächt,

nun bin ich dir, o dir begegnet.

 

Sie geht mit ungelenkem Schritt,

sie schaut empor, der Mond läuft mit;

ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.

Die Stimme eines Mannes spricht:

 

Das Kind, das du empfangen hast,

sei deiner Seele keine Last,

o sieh, wie klar das Weltall schimmert!

Es ist ein Glanz um Alles her,

du treibst mit mir auf kaltem Meer,

doch eine eigne Wärme flimmert

von dir in mich, von mir in dich;

die wird das fremde Kind verklären,

du wirst es mir, von mir gebären,

du hast den Glanz in mich gebracht,

du hast mich selbst zum Kind gemacht.

 

Er faßt sie um die starken Hüften,

ihr Atem mischt sich in den Lüften,

zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

 

Richard Fedor Leopold Dehmel (1863-1920)

Uit : Weib und Welt

 

http://www.richard-dehmel.de/

 Schönberg, Verklärte Nacht, Boulez

http://www.youtube.com/watch?v=U-pVz2LTakM

*** 

 

 

                          AUF  DIE  MUSIK

 

 

Ode.

 

                Auf, rühret eüch ihr muntern Saiten,

        Und flammet meine Geister an,

        Damit ich eüern Trefflichkeiten,

        Ein würdigs Opfer bringen kan!

        Wer ist der nicht in Wollust schwimme,

        Wenn eüer himmlisches Gestimme

        Durch unsrer Sinnen Tiefen bricht?

        Ihr spielet schon; Ich bin entzücket.

        Wo werd ich von eüch hingerücket?

        Welch eine Regung fühl ich nicht!

 

                So wie die Königinn der Büsche,

        Wenn sie des Frühlings Anmuht fühlt,

        Mit Wundervollem Tohngemische

        Durch die erfreüten Lüfte spielt:

        So steiget ihr und sinket wieder.

        Bald lasset ihr eüch sanfte nider;

        Bald stürmet ihr mit Macht herbey.

        Ihr spielet streng. Ihr spielet schöne

        Ihr mischet eüre Zaubertöhne

        Mit tausendfacher Schmeicheley.

 

                So lernen wir durch Lust und Grausen,

         Wie kräftig eüre Züge seyn.

        Bald kömmt ein lieblich-sanftes Sausen,

        Und wieget uns in Wollust ein.

        Bald werden wir von eüerm Schallen

        Mit Furcht und Schrecken überfallen;

        Bald rühret ihr uns Geist und Muht;

        Und bald so fügt es eüer Wille,

        Daß unter einer holden Stille

        Der Sturm der Sinnen wieder ruht.

 

                Drum bleiben eüre werten Spiele

        Das beste Labsal unsrer Brust.

        Sie wirken in uns ein Gefühle

        Von jenes Paradises Lust.

        Ermuntert eüch, gepriesne Saiten!

        Verdoppelt eüre Lieblichkeiten,

        Womit ihr Herz und Sinne zwingt!

        Wie aber? hör ich nicht Climenen

        Mit ihrer Stimme Wundertöhnen?

        Ihr Saiten schweigt! Climene singt.

 

Carl Friedrich Drollinger (1688-1742)

Uit : Vermischte Gedichte

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Friedrich_Drollinger

               

***

 

 

Wandern lieb' ich für mein Leben,

Lebe eben wie ich kann,

Wollt ich mir auch Mühe geben,

Paßt es mir doch gar nicht an.

 

Schöne alte Lieder weiß ich;

In der Kälte, ohne Schuh,

Draußen in die Saiten reiß ich,

Weiß nicht, wo ich abends ruh!

 

Manche Schöne macht wohl Augen,

Meinet, ich gefiel ihr sehr,

Wenn ich nur was wollte taugen,

So ein armer Lump nicht wär. --

 

Mag dir Gott ein'n Mann bescheren,

Wohl mit Haus und Hof versehn!

Wenn wir zwei zusammen wären,

Möcht mein Singen mir vergehn.

 

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Wanderlieder

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Eichendorff

 

***

 

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland lau und blau,

Ging' ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

 

In der Nacht [dann]1Liebchen lauschte

An dem Fenster süß verwacht;

Wünschte mir und ihr, uns Beiden,

Heimlich eine schöne Nacht.

 

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland lau und blau,

Ging' ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

 

Josef von Eichendorf (1788-1857)

Uit : Wanderlieder

 

*** 

 

Durch Feld und Buchenhallen,

bald singend, bald fröhlich still,

recht lustig sei vor allen,

wer's Reisen wählen will.

 

Wenn's kaum im Osten glühte,

die Welt noch still und weit:

da weht recht durchs Gemüte

die schöne Blütenzeit !

 

Der Lerch' als Morgenbote

sich in die Lüfte schwingt,

eine frische Reisenote

durch Wald und Herz erklingt.

 

O Lust, vom Berg zu schauen

weit über Wald und Strom,

hoch über sich den blauen

[tiefklaren] Himmelsdom !

 

Vom Berge [Vöglein] fliegen

und Wolken so geschwind,

Gedanken überfliegen

die Vögel und den Wind.

 

Die Wolken ziehn hernieder,

das Vöglein senkt sich gleich,

Gedanken gehn und Lieder

[fort bis ins]  Himmelreich.

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Wanderlieder

 

***

 

DER TANZ, DER IST ZERSTOBEN

 

Der Tanz, der ist zerstoben,

Die Musik ist verhallt,

Nun kreisen Sterne droben,

Zum Reigen singt der Wald.

 

Sind alle fortgezogen,

Wie ist's nun leer und tot!

Du rufst vom Fensterbogen:

«Wann kommt das Morgenrot!»

 

Mein Herz möcht mir zerspringen,

Darum so wein ich nicht,

Darum so muß ich singen,

Bis daß der Tag anbricht.

 

Eh es beginnt zu tagen:

Der Strom geht still und breit,

Die Nachtigallen schlagen,

Mein Herz wird mir so weit!

 

Du trägst so rote Rosen,

Du schaust so freudenreich,

Du kannst so fröhlich kosen,

Was stehst du still und bleich?

 

Und laß sie gehn und treiben

Und wieder nüchtern sein,

Ich will wohl bei dir bleiben!

Ich will dein Liebster sein!

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Frühling und Liebe

 

***

 

DER  KEHRAUS

 

Es fiedeln die Geigen,

Da tritt in den Reigen

Ein seltsamer Gast;

Kennt keiner den Dürren,

Galant aus dem Schwirren

Die Braut er sich faßt.

 

Hebt an, sich zu schwenken

In allen Gelenken.

Das Fräulein im Kranz:

«Euch knacken die Beine -- »

«Bald rasseln auch deine,

Frisch auf spielt zum Tanz!»

 

Die Spröde hinterm Fächer,

Der Zecher vom Becher,

Der Dichter so lind.

Muß auch mit zum Tanze,

Daß die Lorbeern vom Kranze

Fliegen im Wind.

 

So schnurret der Reigen

Zum Saal 'raus ins Schweigen

Der prächtigen Nacht;

Die Klänge verwehen,

Die Hähne schon krähen,

Da verstieben sie sacht. --

 

So gings schon [vor Zeiten]

Und geht es noch heute,

Und [hörest]2 du hell

Aufspielen zum Reigen,

Wer weiß, wem sie geigen, --

Hüt dich, Gesell !

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Romanzen

 

***

 

DIE HOCHZEITSÄNGER

 

Fernher ziehn wir durch die Gassen,

Stehn im Regen und im Wind,

Wohl von aller Welt verlassen

Arme Musikanten sind.

Aus den Fenstern Geigen klingen,

Schleift und dreht sich's bunt und laut,

Und wir Musikanten singen

Draußen da der reichen Braut.

 

Wollt sie doch keinen andern haben,

Ging mit mir durch Wald und Feld,

Prächtig in den blauen Tagen

Schien die Sonne auf die Welt.

Heisa: lustig Drehn und Ringen,

Jeder hält sein Liebchen warm,

Und wir Musikanten singen

Lustig so, daß Gott erbarm.

 

Lachend reicht man uns die Neigen,

Auf ihr Wohlsein trinken wir;

Wollt sie sich am Fenster zeigen,

's wäre doch recht fein von ihr.

Und wir fiedeln und wir singen

Manche schöne Melodei,

Daß die besten Saiten springen,

's war, als spräng mir's Herz entzwei.

 

Jetzt ist Schmaus und Tanz zerstoben,

Immer stiller wird's im Haus,

Und die Mägde putzen oben

Alle lust'gen Kerzen aus.

Doch wir blasen recht mit Rasen

Jeder in sein Instrument,

Möcht in meinem Grimm ausblasen

Alle Stern am Firmament!

 

Und am Hause seine Runde

Tritt der Wächter gähnend an,

Rufet aus die Schlafensstunde,

Und sieht ganz erbost uns an.

Doch nach ihrem Kabinette

Schwing ich noch mein Tamburin,

Fahr wohl in dein Himmelbette,

Weil wir müssen weiterziehn!

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit Frühling und Liebe

 

 

***

 

DIE  LERCHE

 

Ich kann hier nicht singen

Aus dieser Mauern dunklen Ringen

Muß ich mich schwingen

Vor Lust und tiefem Weh.

O Freud, in klarer Höh

Zu sinken und sich zu heben

In Gesang

Über die gründe Erde dahin zu schweben,

Wie unten die licht' und dunklen Streifen

Wechselnd im Fluge vorüberschweifen,

Aus der Tiefe ein Wirren und Rauschen und Hämmern,

Die Erde aufschimmernd im Frühlingsdämmern,

Wie ist die Welt so voller Klang!

Herz, was bist du bang?

Mußt aufwärts dringen!

Die Sinne tritt hervor,

Wie glänzen mir Brust und Schwingen,

Wie still und weit ist's droben am Himmelstor.

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit Frühling und Liebe

 

***

 

NACHTIGALL

 

Nach den schönen Frühlingstagen,

Wenn die blauen Lüfte wehen,

Wünsche mit dem Flügel schlagen

Und im Grünen Amor zielt,

Bleibt ein Jauchzen auf den Höhen;

Und ein Wetterleuchten spielt

Aus der Ferne durch die Bäume

Wunderbar die ganze Nacht,

Daß die Nachtigall erwacht

Von den irren Widerscheinen,

Und durch alle sel'ge Gründe

In der Einsamkeit verkünde,

Was sie alle, alle meinen:

Dieses Rauschen in den Bäumen

Und der Mensch in dunkeln Träumen.

 

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit Frühling und Liebe

 

***

 

LUST’GE VÖGEL IN DEM WALD

 

Lust'ge Vögel in dem Wald,

Singt, solang es grün,

Ach wer weiss, wie bald,

wie bald Alles muss verblühn!

 

Sah ich's doch vom Berge einst

Glänzen überall,

Wusste kaum, warum du weinst,

Fromme Nachtigall.

 

Und kaum ging ich über Land,

Frisch durch Lust und Not,

Wandelt' alles, und ich stand

Müd im Abendrot.

 

Und die Lüfte wehen kalt,

fibers falbe Grün,

Vöglein,euer Abschied hallt

Könnt' ich mit euch ziehn!

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Frühling und Liebe

SCHON KEHREN DIE VÖGEL WIEDER EIN

 

Schon kehren die Vögel wieder ein,

Es schallen die alten Lieder,

Ach, die fröhliche Jugend mein,

Kommt die wohl auch noch wieder?

 

Ich weiß nicht, was ich so töricht bin!

Wolken im Herbstwind jagen,

Die Vögel ziehn über die Felder hin,

Das klang wie in Frühlingstagen.

 

Dort auf dem Berg, da steht ein Baum,

Drin jubeln die Wandergäste,

Er aber, müde, rührt wie im Traum

Noch einmal Wipfel und Äste.

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Frühling und Liebe

 

   ***

 

               SÄNGERLEBEN

 

 

            Singen kann ich nicht wie du

            Und wie ich nicht der und jener,

            Kannst du's besser, sing frisch zu!

            Andre singen wieder schöner,

            Droben an dem Himmelstor

            Wird's ein wunderbarer Chor.

 

 

 Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Gedichte

 

***

 

 

VERTRAUTE VIOLINE

 

Bist du manchmal auch verstimmt,

Drück dich zärtlich an mein Herze,

Daß mirs fast den Atem nimmt,

Streich und kneif in süßem Scherze,

Wie ein rechter Liebestor

Lehn ich sanft an dich die Wange

Und du singst mir fein ins Ohr.

Wohl im Hofe bei dem Klange

Katze miaut, Hund heult und bellt,

Nachbar schimpft mit wilder Miene -

Doch was kümmert uns die Welt,

Süße, traute Violine!

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

Uit : Wanderlieder

 

 

            DER  IRRE  SPIELMANN

 

    Aus stiller Kindheit unschuldiger Hut

    Trieb mich der tolle, frevelnde Mut.

    Seit ich da draußen so frei nun bin,

    Find ich nicht wieder nach Hause mich hin.

 

    Durchs Leben jag ich manch trügrisch Bild,

    Wer ist der Jäger da? wer ist das Wild?

    Es pfeift der Wind mir schneidend durchs Haar,

    Ach Welt, wie bist du so kalt und klar!

 

    Du frommes Kindlein im stillen Haus,

    Schau nicht so lüstern zum Fenster hinaus!

    Frag mich nicht, Kindlein, woher und wohin?

    Weiß ich doch selber nicht, wo ich bin!

 

    Von Sünde und Reue zerrissen die Brust,

    Wie rasend in verzweifelter Lust,

    Brech ich im Fluge mir Blumen zum Strauß,

    Wird doch kein fröhlicher Kranz daraus! –

 

    Ich möcht in den tiefsten Wald wohl hinein,

    Recht aus der Brust den Jammer zu schrein,

    Ich möchte reiten ans Ende der Welt,

    Wo der Mond und die Sonne hinunterfällt.

 

Wo schwindelnd beginnt die Ewigkeit,

    Wie ein Meer, so erschrecklich still und weit,

    Da sinken all Ström und Segel hinein,

    Da wird es wohl endlich auch ruhig sein.

 

Joseph von Eichendorf (1788-1857)

Uit :Gedichte (uitgave 1841)

 

*** 

 

                    INTERMEZZO

 

 

            Dein Bildnis wunderselig

            Hab ich im Herzensgrund,

            Das sieht so frisch und fröhlich

            Mich an zu jeder Stund.

 

            Mein Herz still in sich singet

            Ein altes, schönes Lied,

            Das in die Luft sich schwinget

            Und zu dir eilig zieht.

 

Joseph von Eichendorf (1788-1857)

Uit :Gedichte (uitgave 1841)

 Schumann, Dein Bildnis, Dietrich Fischer-Diskau

http://www.youtube.com/watch?v=moW1p7aoDco

***  

 

                        INTERMEZZO

 

            Wohl vor lauter Sinnen, Singen

            Kommen wir nicht recht zum Leben;

            Wieder ohne rechtes Leben

            Muß zu Ende gehn das Singen;

            Ging zu Ende dann das Singen:

            Mögen wir auch nicht länger leben.

 

Joseph von Eichendorf (1788-1857)

Uit :Gedichte (uitgave 1841)

 

***  

 

                  AN  EINE   TÄNZERIN

 

 

            Kastagnetten lustig schwingen

            Seh ich dich, du zierlich Kind!

            Mit der Locken schwarzen Ringen

            Spielt der sommerlaue Wind.

            Künstlich regst du schöne Glieder,

            Glühend-wild,

            Zärtlich-mild

            Tauchest in Musik du nieder

            Und die Woge hebt dich wieder.

 

            Warum sind so blaß die Wangen,

            Dunkelfeucht der Augen Glanz,

            Und ein heimliches Verlangen

            Schimmert glühend durch den Tanz?

            Schalkhaft lockend schaust du nieder,

            Liebesnacht

            Süß erwacht,

            Wollüstig erklingen Lieder –

            Schlag nicht so die Augen nieder!

 

            Wecke nicht die Zauberlieder

            In der dunklen Tiefe Schoß,

            Selbst verzaubert sinkst du nieder,

            Und sie lassen dich nicht los.

 

             Tödlich schlingt sich um die Glieder

            Sündlich Glühn,

            Und verblühn

            Müssen Schönheit, Tanz und Lieder,

            Ach, ich kenne dich nicht wieder!

 

Joseph von Eichendorf (1788-1857)

Uit :Gedichte (uitgave 1841)

 

*** SONETT   III

 

Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,

Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen,

Gesänge durch das Rauschen tief verhallen,

Die möchten gern ein hohes Wort dir sagen.

 

Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen,

Darüber alte Brüder sinnend wallen?

Wenn Töne wie im Frühlingsregen fallen,

Befreite Sehnsucht will dorthin ich tragen.

 

Wie bald läg' unten alles Bange, Trübe,

Du strebtest lauschend, blicktest nicht mehr nieder,

Und höher winkte stets der Brüder Liebe.

 

Wen einmal so berührt die heil'gen Lieder,

Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,

Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne!

 

Josef von Eichendorff (1788-1857)

 

***

 

 

                    DIE   MUSIKANTIN

 

            Schwirrend Tamburin, dich schwing ich,

            Doch mein Herz ist weit von hier.

 

            Tamburin, ach könntst du's wissen,

            Wie mein Herz von Schmerz zerrissen,

            Deine Klänge würden müssen

            Weinen um mein Leid mit mir.

 

            Weil das Herz mir will zerspringen,

            Laß ich hell die Schellen klingen,

            Die Gedanken zu versingen

            Aus des Herzens Grunde mir.

 

            Schöne Herren, tief im Herzen

            Fühl ich immer neu die Schmerzen,

            Wie ein Angstruf ist mein Scherzen,

            Denn mein Herz ist weit von hier.

 

Joseph von Eichendorf (1788-1857)

Uit :Gedichte (uitgave 1841)

 

 

***    

AN DAS CLAVIER (1776)

 

Mit stillem Kummer in der Brust

Schleich ich mich hin zu dir

Bring Harmonie in mich und Lust,

Du liebliches Clavier!

 

Magdalena Philippine Engelhard née Gatterer (1756-1831)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Philippine_Engelhard

 

***

 

                          BEETHOVEN

 

Es traf mein Ohr ein Machtposaunenton,

Ich sprang zu dem, was meine Sinne hörten:

Es war, als wenn wo Saurushirsche röhrten,

Es war so seltsamgroßer Grollerton –

    Da stand Er! stand ein Mann auf höchster Spitze!

Da blies Er, mächtig, mächtig wie voll Zorn

Vom lichtgehüllten Wolkendonnersitze, –

    Mein Hirn war ob des Wunders ganz verworrn –

    Ich lag mit offnem Munde

    Am tiefen, tiefen Grunde –

Der Ton noch dicker quoll und schwoll und schwoll:

Mein Grund fing langsam an zu wanken,

Der Wolkenmensch dort oben blies wie toll,

Ein Zittern hob des Berges Flanken

    Und schwarze Wolken krallten sich hochoben fest

Und Sturm begann am Fels zu wühlen,

Als wollte er den Mann

Von seiner Riesenkanzel spülen,

Und alles Licht ward jäh vom Dunkel fortgepreßt,

Und drohend rührten sich die Donnertrommeln –

    Doch fest stand hoch der Weltentöneschichter:

    Er brüllte rasendlauter durch den Trichter –

Noch grauser schwoll das finstre Rommeln –

    Der Riese aber blies –

 

Da brach am Berg der erste Donnerkrach,

Und Ein Blitz sprang ihm nach

    Und hieb

    Den Mann vom Felsen!

Die Tuba sprang

Der Himmel sprang

Das Allgeschrei in Nacht ertrank – –

    Ich weiß nicht mehr, wo alles blieb.

 

Gerrit Engelke (1890-1918)

Uit : Rhythmus des neuen Europas

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Gerrit_Engelke

 

***  

 

 

                          EIN   HARFENKLANG

 

 

    Der Wind, im dunklen Laube wühlend, bringt

    Zu mir den Ruf der wachen Nachtigallen:

    Dazwischen: welch ein Ton? Ein Fremdes singt.

    Woher die Stimmen, die bald sacht,

    Bald schwer aufklingen aus der Nacht

    Und jetzt wie in sich selbst verhallen?

    Der weiße Apfelzweig,

    Der sich vor meinem offnen Fenster wiegt,

    Ans Glas die feuchten Blüten schmiegt,

    Glänzt märchenhaft im Vollmondlicht,

    Und heilig schimmern Büsche, Beet und Steig,

    Mein Blick ist fassungslos geweitet:

 

    O welches hohe Fest ist hier bereitet

    Den feinen Seelen, die in Träumen leben

    Und unter jedem leisen Ton erbeben,

    Der von der Harfe der Gottheit klingt und kündet,

    Daß sie noch immer

    Zum alten Spiel die fleißigen Finger ründet

    Und noch zu Ende nicht ihr Lied gebracht.

    Sie endets nimmer,

    Horch, welch ein Klang der Liebe durch die Nacht!

 

Gustav Falke ( 1853-1916)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Falke

 

***   

 

 

 

                   AUS  DEM  TAKT

 

 

 

        Mein Weib und all mein holder Kreis,

        Mein Kind und all mein lachend Glück.

        Ich rühre an die Saite leis,

        Wie hell klingt es zurück.

 

        Nur manchmal, wenn von ferne ich

        Die großen Ströme rauschen höre,

        Wenn sich der vollern Lebenschöre

        Ein Ton in meine Stille schlich,

        Schrei laut ich auf und hebe Klag:

        Mehr Licht, mehr Licht, nur einen Tag!

 

        Und blutend leg ich, abgewandt,

        Mein Herz in eure Liebeshand,

        Bis es von aller Angst entbunden

        Und wieder seinen Takt gefunden,

        Den Gleichtakt zwischen Wunsch und Pflicht.

        Herddämmerglück, Herddämmerlicht.

 

Gustav Falke ( 1853-1916)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

***  

 

 

 

                           MUSIK

 

            Eine Musik lieb ich mehr

            Als die schönste der größten Meister.

            Täglich klingt sie um mich her,

            Klingt täglich lauter und dreister.

 

            Ich liebe sie sehr, und doch, es gibt

            Stunden, da muß ich sie schelten,

            Dann ist für die, die das Herz so liebt,

            Ein Donnerwetter nicht selten.

 

            Da schweigt sie wohl erschrocken still,

            Doch dauert die Pause nicht lange,

            Und wenn ich der Ruhe mich freuen will,

            Ist sie wieder im besten Gange.

 

            Zuletzt geb ich mich doch darein

            Und lache: laß klingen, laß klingen!

            Und hör durch des Hauses Sonnenschein

            Vier Kinderfüße springen.

 

Gustav Falke ( 1853-1916)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

 

               DIE   ZIERLICHE   GEIGE

 

 

                Ein klapperdürrer Fiedelmann

                Stand unter einem Baume

                Und setzte seine Geige an

                Und geigte wie im Traume

                Und sang ein leises Zwitscherlied,

                Das rührte an die Äste,

                Und als der letzte Ton verschied,

                Da starb ein Spatz im Neste.

 

                Der klapperdürre Fiedelmann

                Stand unter trocknem Kranze

                Und setzte seine Geige an

                Und geigte flott zum Tanze

                Und geigte flott zum Erntebier,

                Wo Rock und Schürze fliegen,

                Ein letzter Triller, zart und zier,

                Da muß die Großmagd liegen.

 

                Und wieder stand der Fiedelmann

                Stocksteif vorm Pastorate

                Und setzte seine Geige an

                Zur geistlichen Sonate.

                Ein rührend Religioso sang

                Von allen Himmelsschauern,

 

                 Ein schluchzender Morendogang –

                Wer predigt nun den Bauern?

 

                Dann stand der fleißige Fiedelmann

                Wohl auf der Herrendiele

                Und setzte seine Geige an

                Zu raschem, scharfem Spiele.

                Das klang halb wie ein Trinklied froh,

                Halb wie ein Sturm auf Schanzen,

                Ein kurzes, keckes Tremolo,

                Da muß der Schloßherr tanzen.

 

                Und neulich stand der Fiedelmann

                Auch vor des Schulzen Kammer

                Und setzte seine Geige an

                Und sang wie eine Ammer

                Und sang und sang den ganzen Tag

                Und sang vor tauben Ohren,

                An dem, der da im Fieber lag,

                Schien jede Kunst verloren.

 

                Da trat er dicht ans Bettgestell,

                Hub wütend an zu kratzen,

                Doch statt des Kranken Trommelfell

                Mußt ihm die Quinte platzen.

                Erbost schlug er sein Saitenspiel

                Aufs Haupt dem zähen Recken,

 

                 Die Geige in zwei Stücke fiel,

                Der Schulze starb vor Schrecken.

 

                Der klapperdürre Fiedelmann,

                Da hockt er nun am Rande

                Und leimt sein Zeug, so gut er kann,

                Flickt Saiten, Steg und Bande

                Und brummt, das hat man nun davon,

                Dem spielt ich zu manierlich,

                Jetzt lern ich Baß und Bombardon,

                Die Geige ist zu zierlich.

 

Gustav Falke ( 1853-1916)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

 

*** 

 

              DER  ALTE  MUSIKANT

 

(Aus einer Novelle)

 

            Jung, in den hohen Spielmannsorden

            Trat ein ich, weil es mir gefiel,

            Nun »alter Musikant« geworden,

            Zieh' ich umher mit meinem Spiel.

 

            Um schweift mein Aug', um geht der Teller,

            Ein Scherflein, zögernd, fällt hinein,

            Ich nehme meinen Beifalls-Heller

            Und muß es noch zufrieden sein.

 

            Ach, hingeschwundne junge Tage,

            Nie wieder kehrt ihr mir zurück, –

            Und doch an Frau Fortunas Schlage,

            So fruchtlos Bitten auch und Klage,

            Harr' ich noch immer auf mein Glück.

 

Theodor Fontane (1819-1898)

Uit : Gedichte (1898)

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Theodor_Fontane

 

*** 

 

                          PUBLIKUM

 

            Das Publikum ist eine einfache Frau,

            Bourgeoishaft, eitel und wichtig,

            Und folgt man, wenn sie spricht, genau,

            So spricht sie nicht mal richtig.

 

            Eine einfache Frau, doch rosig und frisch,

            Und ihre Juwelen blitzen,

            Und sie lacht und führt einen guten Tisch,

            Und es möchte sie jeder besitzen.

 

Theodor Fontane (1819-1898)

Uit : Gedichte (1898)

 

***  

 

                 LUREN-KONZERT 

 

    In Kopenhagen, groß und gesperrt,

    Am Saal-Eingange stand: Luren-Konzert.

 

    Und an meinen Gastfreund jener Tage

    Richte voll Neugier ich die Frage:

    »Sage, was meint das? Bis Fausts Lemuren

    Reicht es gerade. Doch was sind Luren?«

 

    »Luren, in Tagen der Goten und Geten,

    Hießen unsre Nordlands-Trompeten,

    Hörner waren's, von sieben Fuß Länge,

    Schlachtruf waren ihre Klänge,

    Die Luren, lange vor Gorm dem Alten,

    Übers Moor und über die Heide schallten ...

 

        Wo der Steindamm sich hinzieht, stieben die Funken,

        In den Sumpf ist Roß und Troß versunken,

        Und versunken unter die Binsen und Gräser

        Waren zuletzt auch die Lurenbläser.

        Da lagen sie. Bis zu zweitausend Jahren

        Sind Nebel und Wind drüber hingefahren,

        Eines Tages aber grub man, und Schwert und Knauf

 

         Und die Luren auch stiegen wieder herauf,

        Herauf aus dem Moorgrund unterm Rasen,

        Und auf diesen Luren wird heute geblasen.«

 

    Ein tret' ich. Im Saal, an Estrad' und Wand,

    Sitzen schöne Frauen, die Fächer in Hand;

    Luftig die Kleider, kokett die Hüte,

    Vorn an der Brust eine Heidekrautblüte,

    So sitzen sie da; Lorgnon und Gläser

    Richten sich auf die Lurenbläser.

 

    Das sind ihrer drei. Blond-nordisch ihr Haar,

    Keiner über dreißig Jahr,

    An die Brüstung jetzt sind sie herangetreten,

    Hoch heben sie langsam ihre Trompeten,

    Und die Luren, so lang' in Tod gebunden,

    Haben aufs neue Leben gefunden.

 

    Es fallen die Schwerter, es klappen die Schilde,

    Walküren jagen, es jagt Brunhilde,

    Von der Toten hochaufgetürmtem Wall

    Aufwärts geht es nach Walhall.

 

    Und nun verklingt es; die Köpfe geneigt,

    Lauscht noch alles, als alles schon schweigt.

    Draußen am Eingang, groß und gesperrt,

    Las ich noch einmal: Luren-Konzert.

 

 

Theodor Fontane (1819-1898)

Uit : Gedichte (1898)

 

*** 

 

                      FELDMUSIK

 

        Der frische Nord fegt übern Rhein,

        Die Flocken und die Schloßen treiben,

        Vom Dache klirrt herab der Stein,

        Und zitternd rühren sich die Scheiben.

        Nun ist es Zeit, nun ans Klavier!

        Vor dir am Flügel will ich knien –

        Du aber sende lächelnd mir

        All deine mut'gen Melodien!

 

        Laß brausen sie heran im Takt

        Die Klänge all, von denen jeder

        Den Arm mir wie ein Werber packt,

        Und auf den Hut mir steckt die Feder;

        Ein Schwert mir in die Rechte preßt,

        Ein blitzend Schwert, und lauten Schalles

        In sein Gebraus mich jubelnd läßt:

        Deutschland und Freiheit über alles!

 

        Musik, Musik! – o schmettre fort!

        Frisch auf, Musik von deutschen Meistern!

        Auch wer ins Feld zieht mit dem Wort,

        Läßt sich von Tönen gern begeistern!

        Drum immerzu! – Noch ein Gedicht

        Von deinem göttlichen Beethoven!

 

        Laß ich auch Banner fliegen nicht,

        Laß ich doch fliegen zorn'ge Strophen!

 

        Das ist die rechte Feldmusik,

        Geht ein Poet der Welt zu Leibe:

        Am eignen Herd ein mutig Stück,

        Gespielt von seinem lieben Weibe!

        Füllt kühnes Klingen ihm das Haus,

        Dann singt er doppelt freud'gen Schalles

        In Wetter und in Sturm hinaus:

        Deutschland und Freiheit über alles!

 

        St. Goar, Februar 1844.

 

        Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Freiligrath

 

***

 

FÜR  MUSIK

 

Nun die Schatten dunkeln,

Stern an Stern erwacht:

Welch ein Hauch der Sehnsucht

Flutet [in der]1 Nacht!

 

Durch das Meer der Träume

Steuert ohne Ruh',

Steuert meine Seele

Deiner Seele zu.

 

Die sich dir ergeben,

Nimm sie ganz dahin!

Ach, du weißt, daß nimmer

Ich mein eigen bin.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884)

Uit : Juniuslieder

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Geibel

 

*** 

 

              DIE NACHTIGALL

 

Die Nachtigall auf meiner Flur

Singt: Hoffe du nur! Hoffe du nur!

Die Frühlingslüfte wehen.

Ein Dornenstrauch schlief ein zu Nacht,

Ein Rosenbusch ist aufgewacht,

So mag's auch dir geschehen.

Hoffe du nur!

 

Emanuel von Geibel (1815-1884)

 

***

 

KLINGE, KLINGE, MEIN PANDERO

 

Klinge, klinge, mein Pandero,

doch an andres denkt mein Herz.

Wenn du, muntres Ding, verständest

meine Qual und sie empfändest,

jeden Ton, den du entsendest,

würde klagen meinen Schmerz.

Bei des Tanzes Drehn und Neigen

schlag' ich wild den Takt zum Reigen,

daß nur die Gedanken schweigen,

die mich mahnen an den Schmerz.

Ach, ihr Herrn, dann will im Schwingen

oftmals mir die Brust zerspringen,

und zum Angstschrei wird mein Singen,

denn an andres denkt mein Herz.

 

 

Emanuel von Geibel (1815-1884)

 

***

DER  KNABE  MIT  DEM WUNDERHORN

 

 

 

Der Knabe mit dem Wunderhorn

 

                Ich bin ein lust'ger Geselle,

            Wer könnt' auf Erden fröhlicher sein!

            Mein Rößlein so helle, so helle,

            Das trägt mich mit Windesschnelle

            Ins blühende Leben hinein -

                    Trara!

            Ins blühende Leben hinein.

 

                Es tönt an meinem Munde

            Ein silbernes Horn von süßem Schall,

            Es tönt wohl manche Stunde,

            Von Fels und Wald in der Runde

            Antwortet der Widerhall -

                    Trara!

            Antwortet der Widerhall.

 

                Und komm' ich zu festlichen Tänzen,

            Zu Scherz und Spiel im sonnigen Wald,

            Wo schmachtende Augen mir glänzen

            Und Blumen den Becher bekränzen,

            Da schwing' ich vom Roß mich alsbald -

                    Trara!

            Da schwing' ich vom Roß mich alsbald.

 

            Süß lockt die Gitarre zum Reigen,

            Ich küsse die Mädchen, ich trinke den Wein;

            Doch will hinter blühenden Zweigen

            Die purpurne Sonne sich neigen,

            Da muß es geschieden sein -

                    Trara!

            Da muß es geschieden sein.

 

                Es zieht mich hinaus in die Ferne;

            Ich gebe dem flüchtigen Rosse den Sporn.

            Ade! Wohl blieb' ich noch gerne,

            Doch winken schon andere Sterne,

            Und grüßend vertönet das Horn -

                    Trara!

            Und grüßend vertönet das Horn.

 

Emmanuel von Geibel (1815-1884) , uit : Jugendgedichte

 

***

Pergolesi, Stabat Mater, Talens Lyriques, Rousset http://www.youtube.com/watch?v=9mrVZHPikqM

 

                               PERGOLESE

 

                Endlich ist das Werk vollendet,

            Und der fromme Meister sendet

            Seinen Dank zu Gottes Thron;

            Da erbraust in prächt'gen Wogen

            Durch des Domes stolze Bogen

            Schon Gesang und Orgelton:

 

                Stabat mater dolorosa

            Iuxta crucem lacrimosa,

            Dum pendebat filius,

            Cuius animam gementem,

            Contristatam ac dolentem

            Pertransivit gladius.

 

                Und der Gottesmutter Schmerzen

            Rühren mächtig aller Herzen,

            Wie die Orgel tiefer schwillt;

            Doch in schönen Himmelstönen

            Muß sich selbst die Qual versöhnen,

            Und der Wehmut Träne quillt.

 

                Quis est homo, qui non fleret,

             Christi matrem si videret

             In tanto supplicio;

      Quis non posset contristari,

            Piam matrem contemplari

            Dolentem cum filio!

 

                Frommer Schauer, heil'ges Bangen

            Hält des Meisters Seel' umfangen,

            Todesahnung ernst und mild;

            Doch in gläubigem Vertrauen

            Sehn wir zum Altar ihn schauen

            Auf der Jungfrau Gnadenbild.

 

                Virgo virginum praeclara,

            Mihi iam non sis amara,

            Fac me tecum plangere,

            Fac, ut portem Christi mortem,

            Passionis fac consortem

            Et plagas recolere!

 

                Horch! Da tönen Seraphslieder

            In den Chor der Frommen nieder,

            Wunder ahnend lauscht das Ohr;

            Erdwärts steigen sel'ge Geister,

            Tragen himmelan den Meister,

            Und das Lied rauscht mit empor:

 

                Fac me cruce custodiri,

            Morte Christi praemuniri,

 

            Confoveri gratia;

            Quando corpus morietur,

            Fac, ut animae donetur

            Paradisi gloria.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884) , uit : Jugendgedichte

 

*** 

 

                FÜR  MUSIK

 

                    Nun die Schatten dunkeln,

                Stern an Stern erwacht:

                Welch ein Hauch der Sehnsucht

                Flutet in der Nacht!

 

                    Durch das Meer der Träume

                Steuert ohne Ruh',

                Steuert meine Seele

                Deiner Seele zu.

 

                    Die sich dir ergeben,

                Nimm sie ganz dahin!

                Ach, du weißt, daß nimmer

                Ich mein eigen bin.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Juniuslieder

 

***

 

 

    Weil meine Muse nicht den wilden Trieben

    Der Menge frönt in diesen wirren Tagen,

    So hat sie früh gelernt dem Ruhm entsagen

    Und ist in ihrer Stille gern geblieben.

 

        Denn nicht verwechseln läßt sich's nach Belieben,

    Wofür begeistert eine Brust geschlagen;

    Und was ein Gott mich lehrt' im Herzen tragen,

    Das kann mit meinem Herzen nur zerstieben.

 

        Behagt mein Lied euch recht, so laßt mich gehen

    Und horcht den Weisen andrer, die geschwinde

    Nach eurer flücht'gen Gunst den Mantel drehen.

 

        Ich singe dann den Wäldern und dem Winde,

    Den lichten Sternen über blauen Seen,

    Doch kann ich singen nur, was ich empfinde.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884) uit : Juniuslieder.Herbstblätter

 

***

 

                            SPRUCH

 

                 So steckt Musik in Flut und Stein,

            In Feur und Luft und allen Dingen;

            Aber willst du vernehmen das Klingen,

            Mußt du eben ein Dichter sein.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884) uit : Sprüche

 

 

***

 

                    NACHTIGALLENSCHLAG

 

Erste Nachtigall.

 

    Tio tjo, tio tjo, tiotinx,

    O wie süß, o wie süß

    Im blühenden Flieder

    Auf und nieder

    Zu schaukeln,

    Zu gaukeln,

    Wenn der Mond erwacht,

    Durch die lange, duftige Sommernacht,

    O wie süß, o wie süß!

 

 

Zweite Nachtigall.

 

    Frau Nachbarin, Gott grüß'!

    Tio tjo, tio tjo, hier gefällt mir's auch

    Im Holunderstrauch,

    Wo die blauen Glocken

    Über dem Wasser hangen –

    Züküht, züküht – seht, wie sie prangen!

    Wollen noch mehr zusammenlocken.

    Tio tjo, tio tjo!

 

 

Dritte Nachtigall (kommt geflogen).

 

     Wer ruft mir so?

 

 

Erste Nachtigall.

 

    Ei, auch schon hier

    Im grünen Revier?

 

 

Zweite Nachtigall.

 

    Glaubten dich noch im Süden weit,

    Wo die Orange Blüten schneit,

    Warst ja so glücklich noch dort, als wir zogen;

    Sangst immerzu

    Ohne Rast und Ruh',

    Das war ein Schwellen, ein Wogen.

    Sprich, was wandte so schnell dir den Sinn,

    Daß du doch nach Norden geflogen?

 

 

Dritte Nachtigall.

 

    Er ist hin! Er ist hin!

    Alles Glück ein Hauch!

 

 

Zweite Nachtigall.

 

    So sprich doch, wer?

 

Dritte Nachtigall.

 

    Mein Rosenstrauch.

    Ich hatt' ihn so wert, so lieb gehatt,

    Kannt' jede Knospe, jedes Blatt;

    Der König war er der ganzen Au,

    Sein Gold und Perl' der Morgentau

    Im Purpur aufgefangen –

    Kam der Sommer ins Tal

    Mit heißem Strahl,

    Da ist er verwelkt, vergangen.

 

 

Erste Nachtigall.

 

    Ärmste! Und nun?

 

 

Dritte Nachtigall.

 

    Mich ließ es nicht ruhn.

    Flog weit, immer weiter, bis zu euch,

    Abschied zu nehmen, ihr Guten.

    Dort im dichten Jasmingesträuch

    Laßt mich in Liedern verbluten.

 

 

(Fliegt ins Dickicht.)

 

 

Erste Nachtigall.

 

    Tio tjo, tio tjo! Lieb Schwesterlein!

    Wir wollen mit dir traurig sein.

 

 

Zweite Nachtigall.

 

    Wollen klagen mit hellem Schlag

    Bis an den rosenroten Tag,

        Züküht, züküht.

 

 

(Flattern fort.)

 

 

Kuckuck (setzt sich auf eine Pappel.)

 

    Kuckuck, kuckuck, und noch einmal!

    Was sind die Vögel doch sentimental!

    Kuckuck, kuckuck! Bin Rezensent;

    Wenn ich's nur besser machen könnt'!

    Kuckuck!

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Juniuslieder

 

 

***

 

 

 

 

 

                           DER   SPIELMANN

 

 

 

 

Sie sagen, im Freien einst lag er zu Nacht,

Da haben ihm Feien die Fiedel gebracht,

Da hat auf den Klippen bei Monduntergang

Der Nix ihm die Lippen gelöst zum Gesang.

 

    Nun geigt er und singt er, nun singt er und geigt,

Die Herzen bezwingt er, sobald er sich zeigt;

Im Dorf an der Linde, im Fürstenpalast,

Wie drängt sich geschwinde der Schwarm um den Gast!

 

    Schon hebt er den Bogen, schon weckt er den Schall,

Da strömt es wie Wogen aus klarem Kristall;

Wie schwellen die reinen so stark und so weich!

Wer's hört, der muß weinen und jauchzen zugleich.

 

    Was lächelt vor Wonne der Greis dort und schwärmt?

Er träumt, daß die Sonne der Jugend ihn wärmt.

Was blickt in die Runde der Kriegsmann so kühn?

Vom Siegsfeld die Wunde beginnt ihm zu glühn.

 

    Was staunen befangen die Knaben im Kreis?

 

 

 

 

 Was brennt auf den Wangen der Mädchen so heiß?

Im bangenden Sinne die Lust und die Qual,

Den Zauber der Minne verstehn sie zumal.

 

    Dem Weidmann erklingt es wie grüßendes Horn,

Den Schnitter umsingt es wie Wachteln im Korn,

Den Schiffer am Lande befällt's wie ein Weh,

Er hört das Gebrande der rollenden See.

 

    Und wo sich im Kreise verblutet ein Herz,

Da kühlt ihm die Weise den brennenden Schmerz;

Aufatmet's betroffen, als träufelte mild

Balsamisches Hoffen vom Sternengefild.

 

    Wie Adlersgefieder jetzt schwingt sich der Schall,

Jetzt säuselt er nieder wie Tropfen im Fall;

So wandeln die Boten des Jüngsten Gerichts,

So grüßen die Toten vom Orte des Lichts.

 

    Nun sterben die Klänge, nun schweigen sie ganz –

Da jubelt die Menge, da bringt sie den Kranz;

Doch stolz sich verneigend, als drück' ihn der Lohn,

Ins Dunkel ist schweigend der Spielmann entflohn.

 

    Beim Glanze der Sterne, von Winden umrauscht,

Schon wandert er ferne, wo niemand ihm lauscht;

Da geigt er in Tränen sich selbst noch ein Stück:

    Verlorenes Sehnen, begrabenes Glück.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

 

 

 

***

 

 

 

 

VERZAUBERT   LAG, VERSCHOLLEN

 

Verzaubert lag, verschollen,

            Dornröschen gleich im Walde tief,

                Das Lied auf staub'gen Rollen,

                Das Musenkind, und schlief.

 

                Da bricht durchs Dorngestrippe

            Mit hellem Ruf ein Königssohn,

                Da küßt mit warmer Lippe

                Die Schläferin der Ton.

 

                Und sieh, zu raschen Schlägen

            Urplötzlich ist ihr Herz erwacht;

                Sie hebt sich ihm entgegen,

                Ihr Auge weint und lacht.

 

                Vom Lager aufgesprungen

            Die Arme strickt sie um ihn her;

                Sie halten sich umschlungen

                Und lassen sich nicht mehr.

 

                Und auf der Liebe Flügel

            Nun ziehn die beiden treugesellt

                Wohl über Strom und Hügel

                Hinaus in alle Welt.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

***

 

 

 

 

                 AN  EINE JUNGE SÄNGERIN

 

            Ach, noch einmal diese Töne,

        Die mir Flügel in das schöne

        Zauberland der Jugend sind!

        Laß sie schwellen voll und leise!

        Diese Weise

        Sang einst deine Mutter, Kind.

 

            Am Klavier dort in der Nische

        Saß sie, wenn des Abends Frische

        Klar ins offne Fenster drang;

        Golden wob's um ihre Locken,

        Und wie Glocken

        Schwebte wogend ihr Gesang.

 

            Ach, das war vor langen Jahren,

        Eh' ich in die Welt gefahren,

        Hoch im Sturm noch trieb mein Herz;

        Aber stets bei ihrem Liede

        Kam ein Friede

        In des Jünglings Lust und Schmerz.

 

            Grau jetzt, mit gedämpftem Feuer,

        Einsam kehr' ich; die mir teuer,

        Gingen alle fast zur Ruh';

 

         Sie auch schläft, die süße Rose,

        Unterm Moose,

        Doch ihr Ebenbild bist du.

 

            Singe, Kind, und in die blauen

        Augen laß mich tief dir schauen!

        Jugendheimwärts träumt mein Sinn,

        Und von längst entschwundnen Lenzen

        Zieht ein Glänzen

        Durch die müde Brust dahin.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

*** 

            SPIELMANNS   HEIMKEHR

 

    Nun schüre die Glut mir empor auf dem Herd,

Denn dahin ist die sonnige Zeit;

Der Sturm saust über die Halde,

Und es fallen die Blätter im Walde –

O du Jugend, wie liegst du so weit!

 

    Einst zog ich hinaus in die klingende Welt,

Da standen die Rosen in Blust.

Von der Nachtigall lernt' ich das Reisen,

Und ich habe die schmelzendsten Weisen

Und die feurigsten Lieder gewußt.

 

    »Gott grüß' euch im Grünen, Gott grüß' euch im Schloß!

Wer kredenzt mir den funkelnden Wein?

Gott grüß' euch im dämmernden Städtchen!

Und ich spiel' euch zum Reigen, ihr Mädchen,

Und die Schönste soll Königin sein!

 

    Gott grüß' euch, ihr eisernen Reiter! Wohin

Bei des Frühlichts blutigem Rot!

In das Feld, in die Schlacht, in das Wetter?

O so laßt zum Trompetengeschmetter

Mich euch singen von Sieg und von Tod!

 

 

 

 

Und ihr Pfleger des Geistes mit sinnender Stirn,

Gott grüß' euch, und reicht mir die Hand!

Von der Schöpfung geheiligtem Ringe,

Von dem Wandel der irdischen Dinge

Hab' ich manches geschaut und erkannt.«

 

    Und ich wanderte fern, wo das Haupt des Olymps

Goldschwingig der Adler umzieht,

Und ich trank aus dem Rhein, aus dem grünen,

Und ich saß auf den Gräbern der Hünen,

Und ich sang an den Gletschern mein Lied.

 

    Doch die Jahre vergingen wie Spreu vor dem Wind,

Müd bin ich nach Hause gekehrt;

Ach, die einst sich gefreut mit dem Knaben,

Sind zerstreut, sind dahin, sind begraben,

Und ein ander Geschlecht sitzt am Herd.

 

    Ich wende die Augen um und um;

Wer ist, der den Alten noch kennt?

Da dunkelt's am himmlischen Bogen,

Und es kommen die Sterne gezogen,

Und die Sterne sind treu bis ans End'.

 

 

 

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

 

 

 

*** 

 

 

 

 

                IN  DAS  MOZARTALBUM

 

                Mag die Welt vom einfach Schönen

            Sich für kurze Zeit entwöhnen,

            Nimmer trägt sie's auf die Dauer,

            Schnödem Ungeschmack zu fröhnen.

 

                Bald, vom Taumelfest ersättigt

            Anspruchsvoller Trugkamönen,

            Sehnt sie sich zurück zum Gipfel,

            Den die echten Lorbeern krönen,

            Und mit Wonne lauscht sie wieder

            Goethes Liedern, Mozarts Tönen.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

 

 

 

***

 

                 Ein herzlich Lied gedeiht wohl still

            In Busch und Waldesgrüne,

            Doch wer Tragödien dichten will,

            Braucht Weltverkehr und Bühne.

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

 

 

 

***

 

 

 

                    DIE   SÄNGERIN

 

 

                Vor andern kalt zu scheinen

            Hab' ich mich längst gewöhnt,

            Doch halt' ich kaum das Weinen,

            Wenn diese Stimme tönt.

 

                Die goldnen Weisen triefen

            Ins Herz wie Vollmondschein

            Und ziehn in alle Tiefen

            Der Wehmut mich hinein.

 

                Das sind gesungene Tränen;

            Es klagt und flutet drin

            Das ganze Leiden und Sehnen

            Der kranken Sängerin.

 

                Schon brennt auf ihrem blassen

            Gesicht ein fliegend Rot;

            Sie kann das Singen nicht lassen

            Und weiß, es ist ihr Tod.

 

 

 

 

Emanuel von Geibel (1815-1884), uit : Spätherbstblätter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                DAS GLOCKEN-KONZERT

 

 

 

 

NACH DEM SPANISCHEN DES CAMPOAMOR

 

    Für einen Gebornen hier sie sich einen

    Die dort für einen Toten weinen.

    Hier klingen sie aneinander an

    Din don din dan

    Dort rauschen sie in dumpfem ton

    Din dan din don.

 

    Einer beginnt ein andrer ist am ziele ...

    Dem ungeheuerlichen spiele

    Gebrochen meine freuden nahn

    Din don din dan

    Mein herz birgt ihre gräber schon

    Din dan din don.

 

    Ach wie ist der tod dem leben

    So zu unrecht beigegeben

    Din don din dan

    Alles unser tun ist wahn.

    Wie schnell eilt das glück davon

    Din dan din don.

 

Stefan George (1868-1933)

Uit : Die Fibel

 

http://nl.wikipedia.org/wiki/Stefan_George

 

***  

 

 

 

 

                        DIE GLOCKEN

 

    Ich hörte euer sonder geläute

    Es weckte in mir eine sondere freude

    Es schienen darin bekannte stimmen

    Wunderbar ineinander zu schwimmen.

 

    Als ich schwach war da liess euer klingen

    Vor reue des herzens saiten zerspringen

    Und alle stärke es von mir trug

    In der frage: klingt wahrheit ihr oder trug?

 

    Nun fürcht ich euren schall nicht mehr ...

    Nur weiter nur weiter! es regt mich nicht sehr.

    Ich höre nichts aus euren tönen

    Als hoffen vergessen versöhnen.

 

Stefan George (1868-1933)

Uit : Die Fibel

 

 

 

 

***   



DER SAITENSPIELER

 

    Wie er das krause haupt mit weissem ringe ·

    Die schmalen schultern mit dem reichen kleide

    Geschmückt hervortrat und die laute schlug ·

    Zuerst erzitternd in der scheu der jugend:

    Darob erwärmen sich auch strenge greise.

    Wie er auf wangen banges rot entzündet ·

    Wie dem vor ungewohntem gruss geneigten

    Von manchem busen köstliches gehäng

    Und spangen niederfielen: dess gedenkt man

    Soweit des heilgen baumes frucht gedeiht.

    Die mädchen sprechen eifrig unter sich ·

    Verschwiegen duldend schwärmen alle knaben

    Vom helden ihrer wachen sternennächte.

 

 

Stefan George (1868-1933)

Uit : Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte

 

 

 

 

*** 

 

WEISSER GESANG

 

    Dass ich für sie den weissen traum ersänne ..

    Mir schien im schloss das herbe strahlen tränken

    Und blasse blütenbäume nur umschränken

    Dass er mit zweier kinder frühtag ränne:

 

    Ein jedes einen schlanken strauss umschlänge

    Hell-flitternd wie von leichtgeregter espe

    Daraus als wimpel eine silber-trespe

    Hoch über ihre schwachen stirnen schwänge

 

    Und beide langsam kämen nach dem weiher

    Auf breitem marmelstiege manchmal wankend

    Bis bei dem flügelschlag der nahen reiher

    Der arme sanfte bürde heftig schwankend

 

    Duft-nebel wirbelte von kühlen narden

    Mit denen die Vereinten höherem raume

    Entgegenschwebend immer lichter warden –

    Bald eines mit dem reinen äther-flaume.

 

Stefan George (1868-1933)

Uit : Das Jahr der Seele

 

 

*** 

 

 

 

 

                            GIB  EIN LIED MIR

 

 

 

 

     Gib ein lied mir wieder

    Im klaren tone deiner freudentage –

    Du weisst es ja: mir wich der friede

    Und meine hand ist zag.

 

    Wo dunkle seelen sinnen

    Erscheinen bilder seltne hohe ·

    Doch fehlt das leuchtende erinnern ·

    Die farbe hell und froh.

 

    Wo sieche seelen reden

    Da lindern schmeichelhafte töne ·

    Da ist die stimme tief und edel

    Doch nicht zum sang so schön.

 

 

 

 

Stefan George (1868-1933)

Uit : Das Jahr der Seele

***

                   DIE  TÄNZERIN

 

        Mädchen mit dem schönen Busen,

        Sitze nicht so fromm im Winkel!

        Sieh die frölichen Brunetten

        Tanzen mit vergnügten Männern!

        Sieh die Tänzer, sieh die Füsse

        Fliehen, wie die schnellen Töne!

        Sieh wie frölich tanzt der Haufe!

        Sieh, es trennet sich der Haufe!

        Sieh, das Mädchen tanzt ein Solo!

        Sieh, wie reitzend wirfts die Füsse!

        Sieh, wie schnell kann es sie drehen!

        Sieh, sieh, sieh wie hoch es springet!

        Sieh, nun schleicht es mit den Tönen!

        Sieh, nun hüpft es mit den Saiten!

        Sieh, nun dreht es sich im Zirkel,

        Sieh, wie langsam machts die Ründe!

        Sieh, nun fliegt es aus dem Zirkel,

        Sieh, nun dreht sichs wieder langsam,

        Als wenn Graun an seinen Tönen

        Leib und Füß und Hände zöge.

        Sieh, nun schleicht, nun springt es wieder!

        Sahst du, wie es unterm Springen,

        Schwebend mit den Füssen spielte?

        Sieh, ietzt eben spielt es wieder!

         Tänzerin, hör auf zu tanzen,

        Denn indem ich deine Füsse

        Springen, schleichen, spielen sehe,

        Seh ich keinen schönen Busen.

 

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803)

Uit:  Versuch in Scherzhaften Liedern, II

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Wilhelm_Ludwig_Gleim

 

***  

 

           NANTCHEN, AN  IHR  KLAVIER

 

        Wo ist der Freund, der Freud' und Leid so gleich

Mit Freunden theilt, wie du?

Wo ist ein Mensch, an Scherz, wie du, so reich?

Wer hörte Klagen je theilnehmender wohl zu?

        Du scherzest nicht, wenn unterm Trauerflor'

Mir eine Thrän' entschlüpft,

Du seufzest nicht mir Dissonanzen vor,

Wenn jugendlich das Blut in meinen Adern hüpft.

        Ich bin mit dir, wenn Amarant mir fehlt,

Noch glücklich; aber ach!

Schickt einst wie du, er, den mein Herz erwählt,

In meine Launen sich, so bin ich's tausendfach.

 

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748-1828)

Uit : Lieder zweier Liebenden

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Friedrich_g%C3%BCnther_von_Goeckingk

 

***

 

 

 

 

               ALS   NANTCHEN   SANG 

 

 

        Halt ein! halt ein! denn tausend Ströme füllen

Mein Herz, und heben mich empor!

O! sing' um unsrer Lieb' und meines Lebens willen

Nie einem andern Jüngling' vor!

 

 Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748-1828)

Uit : Lieder zweier Liebenden

 

*** 

 

            ALS  ER NANTCHENS LIEDER ANSAH

 

 

                    Dieses Denkmals ihrer Liebe

                Freuet einst sich dann die Welt,

                Wenn ich weinend mich betrübe,

                Daß sie, ach! der todten Liebe

                Dieses Denkmal aufgestellt!

 

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748-1828)

Uit : Lieder zweier Liebenden

 

*** 

 

INSCHRIFT  ÜBER EINEM CONCERTSAAL 

 

 

        Ihr wißt die Ueberschrift von manchen Gartenthoren:

Bringt Augen mit, die Hände laßt heraus.

So wird auch hier gebeten: Kommt mit Ohren,

Die Zunge laßt zu Haus.

 

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748-1828)

Uit : Sinngedichte

 

*** 

      

           DIE  GOLDENE  LEYER

 

 

                Maz reimet kein Gedicht,

            Worin er nicht

            Von seiner goldnen Leyer spricht.

            Du Narr, der immer Hunger hat,

            Verkaufe sie, und iß dich satt.

 

Leopold Friedrich Günther von Goeckingk (1748-1828)

Uit : Sinngedichte

 

*** 

 

 

                    DER MUSENSOHN

 

            Durch Feld und Wald zu schweifen,

            Mein Liedchen wegzupfeifen,

            So geht's von Ort zu Ort!

            Und nach dem Takte reget

            Und nach dem Maß beweget

            Sich alles an mir fort.

 

            Ich kann sie kaum erwarten,

            Die erste Blum im Garten,

            Die erste Blüt am Baum.

            Sie grüßen meine Lieder,

            Und kommt der Winter wieder,

            Sing ich noch jenen Traum.

 

            Ich sing ihn in der Weite,

            Auf Eises Läng und Breite,

            Da blüht der Winter schön!

            Auch diese Blüte schwindet,

            Und neue Freude findet

            Sich auf bebauten Höhn.

 

            Denn wie ich bei der Linde

            Das junge Völkchen finde,

            Sogleich erreg ich sie.            

            Der stumpfe Bursche bläht sich,

            Das steife Mädchen dreht sich

            Nach meiner Melodie.

 

            Ihr gebt den Sohlen Flügel

            Und treibt durch Tal und Hügel

            Den Liebling weit von Haus.

            Ihr lieben, holden Musen,

            Wann ruh ich ihr am Busen

            Auch endlich wieder aus?

 

Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Uit : Gedichte    (Ausgabe letzter Hand) 

Schubert, Der Musensohn. Elisabeth Schwartzkopf

http://www.youtube.com/watch?v=NGlix9XM6_Q

http://nl.wikipedia.org/wik i/Johann_Wolfgang_von_Goethe

***

 

                            DER SÄNGER

 

            »Was hör ich draußen vor dem Tor,

            Was auf der Brücke schallen?

            Laß den Gesang vor unserm Ohr

            Im Saale widerhallen!«

            Der König sprach's, der Page lief;

            Der Knabe kam, der König rief:

            »Laßt mir herein den Alten!«

 

            »Gegrüßet seid mir, edle Herrn,

            Gegrüßt ihr, schöne Damen!

            Welch reicher Himmel! Stern bei Stern!

            Wer kennet ihre Namen?

            Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit

            Schließt, Augen, euch; hier ist nicht Zeit,

            Sich staunend zu ergetzen.«

 

            Der Sänger drückt' die Augen ein

            Und schlug in vollen Tönen;

            Die Ritter schauten mutig drein

            Und in den Schoß die Schönen.

            Der König, dem das Lied gefiel,

            Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel,

            Eine goldne Kette holen.

           »Die goldne Kette gib mir nicht,

            Die Kette gib den Rittern,

            Vor deren kühnem Angesicht

            Der Feinde Lanzen splittern;

            Gib sie dem Kanzler, den du hast,

            Und laß ihn noch die goldne Last

            Zu andern Lasten tragen.

 

            Ich singe, wie der Vogel singt,

            Der in den Zweigen wohnet;

            Das Lied, das aus der Kehle dringt,

            Ist Lohn, der reichlich lohnet.

            Doch darf ich bitten, bitt ich eins:

            Laß mir den besten Becher Weins

            In purem Golde reichen.«

 

            Er setzt' ihn an, er trank ihn aus:

            »O Trank voll süßer Labe!

            O wohl dem hochbeglückten Haus,

            Wo das ist kleine Gabe!

            Ergeht's euch wohl, so denkt an mich,

            Und danket Gott so warm, als ich

            Für diesen Trunk euch danke.«

 

Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

Uit : Gedichte    (Ausgabe letzter Hand, 1827)

 

 

***  

 Singet nicht in Trauertönen

Von der Einsamkeit der Nacht.

Nein, sie ist, o holde Schönen,

Zur Geselligkeit gemacht.

 

Wie das Weib dem Mann gegeben

Als die schönste Hälfte war,

Ist die Nacht das halbe Leben

Und die schönste Hälfte zwar.

 

Könnt ihr euch des Tages freuen,

Der nur Freuden unterbricht?

Er ist gut, sich zu zerstreuen;

Zu was anderm taugt er nicht.

 

Aber wenn in nächt'ger Stunde

Süsser Lampe Dämmrung fließt,

Und vom Mund zum nahen Munde

Scherz und Liebe sich ergießt;

 

Wenn der rasche, lose Knabe,

Der sonst wild und feurig eilt,

Oft bei einer kleinen Gabe

Unter leichten Spielen weilt;

 

Wenn die Nachtigall Verliebten

Liebevoll ein Liedchen singt,

Das Gefangnen und Betrübten

Nur wie Ach und Wehe klingt;

 

Mit wie leichtem Herzensregen

Horchet ihr der Glocke nicht,

Die mit zwölf bedächtgen Schlägen

Ruh und Sicherheit verspricht.

 

Darum an dem langen Tage,

Merke dir es, liebe Brust;

Jeder Tag hat seine Plage,

Und die Nacht hat ihre Lust.

 

J.W. von Goethe (1749-1832)

 

*** 

 

Dich hat Amor gewiss, o Sängerin, fütternd erzogen;

Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost.

So, durchdrungen von Gift die harmlos atmende Kehle,

Trifft mit der Liebe Gewalt nun Philomele das Herz.

 

J.W. von Goethe  (1749-1832)

 

***

 

 

EINE  ÄHNLICHKEIT MIT  APOLLEN

 

        Es sagte Stella:

        Machstu auf mich

        Ein artig Liedgen,

        So bist du mein.

 

            Ich machte hurtig

        Ein artig Liedgen.

        Sie lobt's und sagt:

        Nun bistu mein!

        Doch ich, o Schäfer, bin noch nicht dein.

 

            Was ich erfuhr,

        Erfuhr Apollo

        Auf Tempens Flur.

        Für Daphnen kriegt' er

        Den Lorbeer nur.

 

Nicolaus Götz (1721-1781)

Uit: Ausgewählte Gedichte

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Nicolaus_G%C3%B6tz

 

***

 

                    DIE   MUSIK 

 

    Sei mir gegrüßt, o Königin!

    Mit der strahlenden Herrscherstirn,

    Mit dem lieblich tönenden Munde

    Und dem Wahnsinn sprühenden Blick,

    Schwingend das zarte Plektron,

    Ein mächtiger Szepter in deiner Hand.

 

    Sei mir gegrüßet, Herrlichste

    Unter den herrlichen Schwestern!

 

    Lieblich sind sie, die Huldinnen alle,

    Die am Throne des Lichts gezeugt,

    Von unsterblichen Müttern geboren,

    Gerne nieder zur Erde steigen;

    Boten einer vergangenen,

    Verkünder einer künftigen Welt.

 

    Lieblich sind sie, die Huldinnen alle,

    Wenn sie, der Sterblichkeit Nebelkleid

    Um die leuchtenden Schultern geworfen,

    Wie Apollon unter den Hirten

    In dem Kreise der Menschen weilen;

    Und in der Fremde rauhen Boden

    Palmenreiser der Heimat pflanzen;

 

     Menschen ähnlich und dennoch Götter,

    Beide Welten liebend verbinden,

    Hernieder zur Erde den Himmel ziehn

    Und den Menschen zu Göttern erhöhn.

 

    Lieblich sind sie, die Huldinnen alle,

    Doch wie die Rose unter den Blumen

    Strahlst du hervor aus dem Chore der Schwestern.

 

    Als das Recht von der Erde verschwunden,

    Und die Unschuld gen Himmel geflohn,

    Dienen lernte die freie Gebärde,

    Lügen das Aug, des Himmels Bild,

    Und das Wort, das heilige, wahre,

    Sich in schändende Fesseln schlug:

    Da wardst du von den Göttern gesendet,

    Als Vertraute für bessere Seelen,

    Deine Sprach ihrem Munde zu leihn.

    Freudig eilten sie dir entgegen,

    Sanken vertrauend in deinen Arm,

    Und Lieb und Hoffnung, und Scham und Reue

    Flüsterten leis in deinen Busen,

    Was sie erreicht und was sie verloren,

    Was sie geträumt und wie sie gefühlt.

 

    Seitdem stehst du dem Menschen zur Seite,

    Eine helfende Trösterin!

     Wo er weilt und wo er wandelt,

    An des Unglücks gähnendem Absturz,

    Auf der Freude Blumenhöhn,

    Überall tönt deine Stimm ihm entgegen,

    Wie ein Ruf aus besseren Welten,

    Klagend, tröstend, freundlich erhebend,

    Von der Wiege bis ins Grab.

 

    Sanft stehst du an der Wiege des Knaben,

    Der kaum dem Schoß sich der Mutter entwand,

    Dem noch in einer trüben Welle

    Taumelnd sein Ich und die Außenwelt schwimmt,

    Dem kaum der Schmerz noch ahndend gelehret,

    Daß er zum Leben – voll Schmerzen! – erwacht.

    Wie er so daliegt und jammert und klaget,

    Da tönt ein Laut in seine Ohren –

    Der erste Strahl in der irdischen Nacht –

    Aus der Wärterin einfachem Liede

    Spricht dein Mund dem Klagenden zu:

    »Dulde! Lerne beizeiten dulden,

    Ist doch Leiden des Lebens Name,

    Wenige Stunden, und es ist vollbracht!«

    Und du legst in des Kleinen Wiege

    Einen treuen, liebenden Bruder,

    Der durch das Leben ihn begleitet,

    Hülfreich und treu ihm zur Seite steht.

    Jeden Kummer halb ihm abnimmt,

 

    Jede Freude vertausendfacht,

    Und am Ziele der Lebensbahn

    Ihn in die offenen Arme nimmt,

    Legst den Schlummer ihm an die Seite,

    Und der Knabe lächelt und – schläft.

 

    In der Trompete mutigen Tönen

    Rufst du den Jüngling ins Schlachtgewühl,

    Leitest die Stärke, ermutigst das Zagen,

    Jubelst ob dem geschlagenen Feind,

    Verkündest die Siegesbotschaft dem Lande,

    Weinst dem Gefallenen nach ins Grab.

 

    Aus der Zither melodischen Saiten

    Klagst du dem Mädchen des Liebenden Glut,

    Wo die Sprache das Wort verweigert,

    Borgest du hülfreich den lieblichen Klang.

    Und das Mädchen höret die Klage,

    Von Ahndung und Scham den Busen bestürmt,

    Zögernd folgt sie dem süßen Zuge,

    Gleich den Saiten bebet ihr Herz,

    Und auf der Töne goldenen Schwingen

    Ziehet die Liebe als Sieger ein.

 

    An des Altars geschmückten Stufen

    Empfängst du jauchzend die schamhafte Braut,

    Scheuchst von der Stirn ihr das zagende Bangen,

    Zeigst ihr die nahende Seligkeit.

 

    So durch alle Gewinde des Lebens

    Geleitest du liebreich den Erdensohn,

    Hilfst ihm erklimmen die steilen Stufen,

    Und streuest auf jede mit mildem Sinn

    Deine Rosen oder Zypressen,

    Freuden- oder Mitleidstränen,

    Und wenn endlich das Leben verklungen,

    Der letzte Seufzer der Brust entflohn,

    Zum Staub gekehrt der Staubgeborne,

    Wankst du stöhnend hinter der Bahre,

    Hinüberzeigend in lichte Fernen,

    Glaub und Hoffnung an leitender Hand. –

 

    Wo ist eine Macht, die deiner gleichet,

    Eine Gewalt, die deiner sich naht,

    Wenn du auf Sturmesflügeln einherbraust,

    Wenn du mit Zephyrslispeln säuselst;

    Wenn du des Mutes glimmenden Funken

    In die zagende Seele schleuderst

    Und den Funken zur Tat entflammst,

    Wenn du im duftenden Myrtenhain

    Mit süßer Ahndung das Herz beschleichst.

    Wo ist eine Macht, die deiner gleicht!

    Bewehrt mit deinem flammenden Schwert,

    Schlug Tyrtäus der Feinde Gewalt,

     Felsen gehorchten deinem Worte,

    Als du aus Amphions Leier gebotst,

    Aus der Unterwelt heulenden Klüften

    Zog die Geliebte des Orpheus Gesang.

 

    Wie bildsamer Ton, wie weiches Wachs

    Ist des Menschen Herz in deiner Hand,

    Timotheus' Leier tönt,

    Und Persepolis flammt,

    Händel greift in die Saiten

    Und Persepolis flammt noch einmal

    Vor den Sinnen der trunknen Hörer!

 

    Wer vermag deinen Zauber zu schildern,

    Liebliche, milde, freundlich holde,

    Fühlende Freundin fühlender Seelen:

    Herrlichste unter den herrlichen Schwestern!

    Was der Mime nur schwankend stammelt,

    Was der Dichter zu laut verrät,

    Lispelt vernehmlich dein Saitenspiel.

    Sei die Dichtkunst noch so gepriesen,

    Sie spricht doch nur der Menschen Sprache,

    Du sprichst, wie man im Himmel spricht!

 

    Darum sei mir dreimal gesegnet,

    Hohe, strahlende Königin!

    Ewig soll meine Lippe dich preisen,

    Und in den Klang meiner Weihgesänge

    Mische sich jauchzend der Jubel der Welt!

 

Franz Grillparzer (1791-1872)

Uit : Ausgewählte Gedichte

 

http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Grillparzer

***

                  STÄNDCHEN

 

 

            Brim blim, klang kling,

            Höre, Mädchen, was ich sing!

 

            Sieh mich hier vor deinem Fenster

            Lauschend mit der Zither stehn,

            In der Stunde, wo Gespenster

            Nur und Liebende noch gehn.

            Alles ruht im trauten Zimmer,

            Nur die Liebe ruhet nimmer.

 

            Brim blim, klang kling,

            Was ist die Liebe für ein Ding!

 

            Stürme brausen durch die Gassen,

            Tief verhüllt in Schnee und Eis,

            Ach, und doch, kaum kann ichs fassen,

            Kalt die Hand, der Busen heiß.

            Innre Gluten, wärmt die Finger,

            Kühl, o Eis, den Minnesinger.

 

            Brim blim, klang kling,

            Was ist die Liebe für ein Ding!

 

            Mutig, wenn ich dich nicht sehe,  

            Sinn ich aus manch Liebeswort,

            Aber kaum in deiner Nähe,

            Ist die Sprache eilends fort.

            Ferne mutig, nahe blöde?

            Kannst du denken, Lieb, so rede!

 

            Brim blim, klang kling,

            Was ist die Liebe für ein Ding!

 

            Nur, ergreif ich meine Zither,

            Wird das Herz mir weit und groß,

            Und das brütende Gewitter

            Bricht in hundert Strahlen los.

            Ja, mags noch so seltsam klingen,

            Reden kann ich nicht, doch singen.

 

            Brim blim, klang kling,

            Was ist die Liebe für ein Ding!

 

            Drum, das Saitenspiel in Händen,

            Ruf ich kühn zu dir hinauf:

            Laß den spröden Sinn sich wenden,

            Tu mir Herz und Fenster auf!

            Aber still: denn wird sies innen,

            Zürnt sie etwa dem Beginnen,

            Schilt, daß ichs mich unterfing,

            Was ist die Liebe für ein Ding!

            Doch was schmäh ich diese Wonne,

            Die mein Innres süß bewegt,

            Ist die Sonne minder Sonne,

            Weil kein Aug ihr Schaun erträgt?

            Bleibt, wenn nichts auch übrig bliebe,

            Das Gefühl doch, daß ich liebe,

            Ach und –

 

            Brim blim, klang kling,

            Liebe bleibt ein süßes Ding!

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

         ALS  SIE, ZUHÖREND, AM KLAVIER SASS

 

 

Still saß sie da, die Lieblichste von allen,

Aufhorchend, ohne Tadel, ohne Lob;

Das dunkle Tuch war von der Brust gefallen,

Die, nur vom Kleid bedeckt, sich atmend hob;

Das Haupt gesenkt, den Leib nach vorn gebogen,

Wie von den fliehnden Tönen nachgezogen.

 

Nenn ich sie schön? Ist Schönheit doch ein Bild,

Das selbst sich malt und nur sich selbst bedeutet,

Doch Höheres aus diesen Zügen quillt,

Die wie die Züge einer Schrift verbreitet,

An sich oft bildlos, unscheinbare Zeichen,

Doch himmlisch durch den Sinn, den sie erreichen.

 

So saß sie da, das Regen nur der Wangen

Mit ihren zarten Muskeln rund und weich,

Der Wimpern Zucken, die das Aug umhangen,

Der Lippen Spiel, die Purpurlädchen gleich,

Den Schatz von Perlen hüllen jetzt, nun zeigen,

Verriet Gefühl, von dem die Worte schweigen.

 

Und wie die Töne brausend sich verwirren,

In stetem Kampfe stets nur halb versöhnt,

Jetzt klagen, wie verflogne Tauben girren,

 

Jetzt stürmen, wie der Gang der Wetter dröhnt,

Sah ich ihr Lust und Qual im Antlitz kriegen

Und jeder Ton ward Bild in ihren Zügen.

 

Mitleidend wollt ich schon zum Künstler rufen:

»Halt ein! Warum zermalmst du ihre Brust?«

Da war erreicht die schneidendste der Stufen,

Der Ton des Schmerzes ward zum Ton der Lust,

Und wie Neptun, vor dem die Stürme flogen,

Hob sich der Dreiklang ebnend aus den Wogen,

 

Und wie die Sonne steigt; die Strahlen dringen

Durch der zersprengten Wetter dunkle Nacht,

So ging ihr Aug, an dem noch Tropfen hingen,

Hellglänzend auf in sonnengleicher Pracht;

Ein leises Ach aus ihrem süßen Munde,

Sah, wie nach Mitgefühl, sie in die Runde.

 

Da triebs mich auf; nun soll sies hören!

Was mich schon längst bewegt, nun werd ihrs kund!

Doch blickt sie her; den Künstler nicht zu stören

Befiehlt ihr Finger schwichtgend an dem Mund,

Und wieder seh ich horchend sie sich neigen

Und wieder muß ich sitzen, wieder schweigen.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

***

 

                    FRANZ  SCHUBERT   

 

            Schubert heiß ich, Schubert bin ich

            Und als solchen geb ich mich.

            Was die Besten je geleistet,

            Ich erkenn es, ich verehr es,

            Immer doch bleibts außer mir.

            Selbst die Kunst, die Kränze windet,

            Blumen sammelt, wählt und bindet,

            Ich kann ihr nur Blumen bieten,

            Sichte sie und wählet ihr.

            Lobt ihr mich, es soll mich freuen,

            Schmäht ihr mich, ich muß es dulden,

            Schubert heiß ich, Schubert bin ich,

            Mag nicht hindern, kann nicht laden,

            Geht ihr gern auf meinen Pfaden,

            Nun wohlan, so folget mir!

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

 

                  BEETHOVEN  

 

Abgestreift das Band der Grüfte,

Noch erschreckt, sich findend kaum,

Flog die Seele durch den Raum

Dünn und leicht gespannter Lüfte.

War das Blitzen? Wars ein Laut? –

Ach, er hört, er hört den Laut! –

Stürmen jetzt wie Windesbraut,

Wehen nun wie Engelsschwingen,

Klänge nun, wie Harfen klingen.

Aufwärts! Aufwärts! – Kreis an Kreis,

Welt an Welt, vom Schwunge heiß,

Und der äußerste der Sterne

Zeigt noch gleichentfernt die Ferne.

Wards Genuß schon, ists noch Qual?

Sinne schwänden, Sinne bersten,

Denn das Letzte wird zum Ersten,

Und des Ganzen keine Zahl. –

Dunkel nun. Ha, Todesnacht,

Übst du zweimal deine Macht?

Aber nein, es führt nach oben,

Aus des Dunkels Schoß gehoben,

Strahlt der Tag in neuer Pracht.

Und ein Land streckt seine Weiten,

Gleich Oasen, die sich breiten

In des Sandmeers wüstem Graun,

Und durch seine Blumen schreiten

Männer, göttlich anzuschaun.

Klarheit strahlt aus ihren Zügen,

Lächeln schwebt um ihren Mund,

Ein befriedigtes Genügen

Gibt die Erdentnommnen kund.

Doch der Angekommne, düster,

Stehet fern und blickt nicht um.

Gält es ihm, ihr leis Geflüster?

Ihm ihr Winken still und stumm?

Aber plötzlich fällts wie Schuppen,

Offnen Sinnes eilt er hin,

Er erkennt die Meister-Gruppen,

Und die Meister kennen ihn.

Einer aus der Schar der Sänger

Hebt den Finger, lächelt, droht.

»Bach, ich kenne dich, du Strenger!

Rächst du ein verletzt Gebot?«

Ritter ohne Furcht und Tadel,

Auf der Stirn den Geisteradel,

Geht vorüber Gluck und weilt,

Nickt im Schreiten und enteilt.

»Haydn, Haydn! alter Vater!

Sei mein Schützer, mein Berater

In dem neuen, fremden Land!«

Und der Alte faßt die Hand,

Küßt ihn auf die Stirn und weinet,

Doch war fröhlich, was er meinet:

»Bravo! Scherzo, Allegretto!

Hie und da hätt ich ein Veto,

Doch ists Blut von meinem Blut.

Ach, sie nennens, glaub ich, Laune,

Nun, ich war auch heitrer Laune,

Und das Ganze, wie so gut!«

Cimarosa will noch zaudern,

Paesiello wagt sich nicht,

Wenn sie je und dann auch schaudern,

Zeigt doch Neigung ihr Gesicht.

Höher fast um Kopfeslänge

Drängt sich Händel durchs Gedränge;

Da teilt plötzlich sich die Menge,

Und der Glanz wird doppelt Glanz,

Mozart kommt im Siegeskranz.

Und der Fremdling will entweichen:

»Ach, was soll ich unter euch?

Als ich stand bei meinesgleichen,

Schien ich bis hierher zu reichen,

Aber hier? den Besten gleich?

Wo ich irrte, was ich fehlte,

Bald zu rasch, bald grübelnd wählte,

Kühn gewagt, zu leicht erlaubt,

Hat mir Mut und Kranz geraubt.«

Und der Meister wiegt das Haupt:

»Frage hier die Siegsgefährten,

Sie auch trog oft rascher Mut;

Doch kein Tadel folgt Verklärten,

Und der letzte Schritt auf Erden

Macht den letzten Fehler gut.

Geister können ja nicht sündgen!

Wenns die Schüler breit verkündgen,

Nach es ahmen in Geduld,

Ihnen ist, nicht uns die Schuld.

Knaben lehrt man Silben scheiden,

Da genügt wohl Meister Duns;

Lernt von andern Fehler meiden,

Großes schaffen lernt von uns.

Denn selbst Gift, an rechter Stelle,

Wird der Heilung frohe Quelle;

Rechtes, ohne Maß und Wahl,

Zeugt verderbenschwangre Qual.

Wer auch Richter über dir?

Starke Könige der Seelen,

Lassen wir vom Volk uns wählen,

Doch, gewählt, gebieten wir;

Und das Kunstwerk, wie der Glauben,

Ob man klügelt, was man lehrt,

Läßt es sich kein Jota rauben,

Hats durch Wunder sich bewährt.

Drum tritt ein, sei nicht beklommen!

Gleich den Besten sei geehrt!

Es ist dein, was du genommen,

Und dein Wagen ist dein Wert.«

Ausgesprochen hat der Meister,

Endlos wächst der Chor der Geister,

Um den Aufgenommnen her

Wirds von Grüßenden nicht leer.

Shakespeare winkt ihm mit den Händen,

Zeigt Lope de Vega ihn,

Klopstock, Dante, Tasso wenden

Ihre Blicke freundlich hin.

Einer nur steht noch im weiten,

Wartet, bis die Flut verrinnt,

Kommt jetzt näher, hinkt im Schreiten,

Kräftig sonst und hochgesinnt.

Byron ists, der Feind der Knechte,

Mißt ihn jetzt mit stolzem Blick,

Beut ihm schüttelnd dann die Rechte,

Wirft das Auge scheu zurück:

»Bist du gern in dem Gedränge?

Magst du gern bei vielen stehn?

Sieh dort dunkle Buchengänge,

Laß uns miteinander gehn!«

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

*** 

 

WORTE  ÜBER   BEETHOVENS  GRAB ZU ZINGEN

 

 

 

(Einem seiner eigenen Posaunenstücke untergelegt)

 

                    Du, dem nie im Leben

                    Ruhstatt war, noch Haus;

                    Ruhe nun, du Müder,

                    Ruh im Tod noch aus.

 

                    Und reicht Freundesträne

                    Übers Grab hinaus,

                    Hör die eignen Töne

                    Tief im stillen Haus.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

      IN  MOSCHELES  STAMMBUCH

 

            Tonkunst, dich preis ich vor allen,

            Höchstes Los ist dir gefallen,

            Aus der Schwesterkünste drei,

            Du die freiste, einzig frei!

 

            Denn das Wort, es läßt sich fangen,

            Deuten läßt sich die Gestalt,

            Unter Ketten, Riegeln, Stangen

            Hält sie menschliche Gewalt.

 

            Aber du sprichst höhre Sprachen,

            Die kein Häscherchor versteht,

            Ungreifbar durch ihre Wachen

            Gehst du, wie ein Cherub geht.

 

            Darum preis ich dich vor allen

            In so ängstlich schwerer Zeit,

            Schönstes Los ist dir gefallen,

            Dir, und wer sich dir geweiht.

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

 

***

 

                      NOTTURNO 

 

                Zögernd, stille,

            In des Dunkels nächtger Hülle,

                Sind wir hier.

            Und, den Finger leicht gekrümmt,

                Leise, leise,

                Pochen wir

            An des Liebchens Kammertür.

 

                Doch nun steigend,

                Hebend, schwellend,

            Stark und stärker, lauter, laut

            Rufen aus wir hochvertraut:

                Schlaf du nicht,

            Wenn der Neigung Stimme spricht!

 

        Sucht' ein Weiser nah und ferne

        Menschen einst mit der Laterne;

        Wieviel seltner dann als Gold

        Menschen, uns geneigt und hold.

        Drum, wenn Freundschaft, Liebe spricht,

        Freundin, Liebchen, schlaf du nicht!

 

            Aber was in allen Reichen

            Wär dem Schlummer zu vergleichen?

             Was du weißt und hast und bist,

            Zahlt nicht, was der Schlaf vergißt!

            Drum, statt aller Freundschaftsgaben,

            Sollst du nun auch Ruhe haben.

            Noch ein Grüßchen, noch ein Wort!

            Es verstummet unsre Weise;

                    Leise, leise,

            Schleichen wir uns wieder fort.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

***  

 

                        PAGANINI

 

Adagio und Rondò auf der G-Saite

 

    Du wärst ein Mörder nicht? Selbstmörder du!

    Was öffnest du des Busens sichres Haus

    Und stößt sie aus, die unverhüllte Seele,

    Und stellst sie hin, den Gaffern eine Lust?

    Fährst mit dem Dolch nach ihr und triffst;

    Und weinst und klagst darob

    Und zählst mit Tränen ihre blutgen Tropfen?

    Drauf höhnst du sie und dich

    Aufjubelnd laut in gellendem Gelächter.

    Du nicht ein Mörder? Frevler du am Ich!

    Des eignen Leibs, der eignen Seele Mörder;

    Und auch der meine – doch ich weich dir aus!

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

 

***

 

                  MIRJAMS   SIEGESGESANG 

 

Gedicht von Franz Grillparzer

 Schubert, Mirjam’s Siegesgesang, Tölzer Knabenchor

http://www.youtube.com/watch?v=BYXtZIfrduU

In Musik gesetzt von Franz Schubert

 

        Rührt die Cymbel, schlagt die Saiten,

        Laßt den Hall es tragen weit;

        Groß der Herr zu allen Zeiten,

        Heute groß vor aller Zeit.

 

 

Chor.

 

        Groß der Herr zu allen Zeiten,

        Heute groß vor aller Zeit.

 

 

        Aus Ägypten vor dem Volke,

        Wie der Hirt den Stab zur Hut,

        Zogst du her, dein Stab die Wolke,

        Und dein Arm des Feuers Glut.

 

 

Chor.

 

        Zieh ein Hirt vor deinem Volke,

        Stark dein Arm, dein Auge Glut.

         Und das Meer hört deine Stimme,

        Tut sich auf dem Zug, wird Land,

        Scheu des Meeres Ungetüme,

        Schauns durch die kristallne Wand.

 

 

Chor.

 

        Wir vertrauten deiner Stimme,

        Traten froh das neue Land.

 

 

 

        Doch der Horizont erdunkelt,

        Roß und Reiter löst sich los,

        Hörner lärmen, Eisen funkelt –,

        Es ist Pharao und sein Troß.

 

 

Chor.

 

        Herr, von der Gefahr umdunkelt,

        Hilflos wir, dort Mann und Roß.

 

 

 

        Und die Feinde, mordentglommen

         Drängen nach dem sichern Pfad;

        Jetzt und jetzt – da horch! welch Säuseln,

        Wehen, Murmeln, Dröhnen – Sturm.

        's ist der Herr in seinem Grimme,

        Einstürzt rings der Wasserturm.

 

        Mann und Pferd,

        Roß und Reiter,

        Eingewickelt, umsponnen

        Vom Netze der Gefahr.

        Zerbrochen die Speichen ihrer Wagen;

        Tot der Lenker, tot das Gespann.

        Tauchst du auf, Pharao?

        Hinab, hinunter,

        Hinunter in den Abgrund,

        Schwarz wie deine Brust.

        Und das Meer hat nun vollzogen,

        Lautlos rollen seine Wogen,

        Nimmer gibt es, was es barg,

        Eine Wüste, Grab zugleich und Sarg.

 

 

Chor.

 

        Tauchst du auf, Pharao?

        Hinab, hinunter,

        Hinunter in den Abgrund,

        Schwarz wie deine Brust.

         Schrecklich hat der Herr vollzogen,

        Lautlos ziehn des Meeres Wogen;

        Wer errät noch, was es barg?

        Frevlergrab zugleich und Sarg. –

 

 

 

        Drum mit Cymbel und mit Saiten

        Laßt den Hall es tragen weit,

        Groß der Herr zu allen Zeiten,

        Heute groß vor aller Zeit.

 

 

Chor.

 

        Groß der Herr zu allen Zeiten,

        Heute groß vor aller Zeit.

 

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

[Bei der Grundsteinlegung des Musikvereinsgebäudes]

 

Die dieses Haus in Gottes Hut vertraut,

Aus kleinen Spenden haben sammelnd sies erbaut,

Gespart, gesorgt, getrachtet jahrelang,

Der Tonkunst es geweiht und dem Gesang,

Sie dachten, als sie legten diesen Stein,

So fest wie er mög ihre Stiftung sein,

Und selbst wenn einst zerfallen Stein und Mauern,

Noch gleicher Sinn in diesem Lande dauern.

 

Franz  Grillparzer (1791-1872)

Uit : Gedichte

 

*** 

 

 

BEETHOVENS  MUSIK ZU  GOETHES TRAUERSPIEL EGMONT  DURCH DEKLAMATION VERBUNDEN

 

 Beethoven, Muziek bij Egmont

http://www.youtube.com/watch?v=oQ41JuFTICs

Die Dichtung von Mosengeil ergänzt und für diese Aufführung eingerichtet von Franz Grillparzer

 

Ouvertüre

 

Vernommen habt ihr die gewaltgen Töne,

Die, einem größern Geiste beigesellt,

Ein großer Geist vor euer Ohr gezaubert;

Beethoven, Goethe, wandelnd Hand in Hand,

Ein Paar, wie ihr vereint wohl nie mehr schaut,

 

Und einen Helden gehen sie zu feiern,

Die Ähnlichen, den sie sich schufen gleich.

Egmont, den Mann der fernen Niederlande.

Nicht, daß er war, wie staunend ihr ihn seht –

Ein Staatsmann war er und ein Hort der Schlacht,

Wie andre mehr – sie aber zogen ihn

Empor in ihres Geistes Sonnennähe

Und strahlten an ihn mit dem reinsten Licht,

Daß ein Verklärter er die Zeiten lebt.

So wars die Art der Kunst seit ihrem Morgen,

Und wird es bleiben, bis ihr Abend graut.

 

Besteigt denn, von den Tönen hold geleitet,

Den Zauberwagen, der geflügelt naht,

Laßt euch von ihm in ferne Zeiten tragen,

Wo frisch der Sinn, verwegen war die Tat,

Und tretet schaudernd vor die ernste Bühne,

Wo Häupter fallen, Meinungen zur Sühne.

 

 

1

 

Der Vorhang rollt empor: ihr seid in Brüssel,

Vorm Tor der reichen, lebensfrohen Stadt.

Ein Armbrustschießen feiern sie da draußen;

Der Bürgersmann hält mit und der Soldat,

Der Jubel schließt vereinigend die Runde,

Der Spott macht sich durch laute Scharen Raum,

Die Keckheit hört erstaunt aus fremdem Munde,

Was sie gedacht und sich gestanden kaum.

Man schilt, man lobt, gibt zu, läßt sich gefallen,

Den Herrschern wird das Beste zugetraut;

Doch scheint das Jetzt nicht hoch in Gunst bei allen;

Wie priese man das Ehmals sonst so laut.

 

Die Armbrust knackt; zwei Kreise, drei, getroffen!

Der Sieger wird glückwünschend schon begrüßt:

Da tritt noch einer vor, ob kaum zu hoffen,

Hält er den Einsatz mit und zielt und schießt

Rein schwarz. Sein ist der Tag! Wie schreit die

 

 

                                                      Menge

Und drängt sich zu und schüttelt ihm die Hand,

Und keiner wills beneiden und bestreiten,

Ists einer doch, hört ihr! von Egmonts Leuten.

Egmont! Der Name jubelt durch die Stätte,

Die Taubheit selber hörts und ruft vereint;

Nicht König und nicht Staat, nicht Amt und Räte,

Er ists, den das Vertrauen jubelnd meint.

Und jeder fügt ein Beiwort seinem Namen

Und glaubt genug ihn nicht gepriesen noch:

Der Siegesfürst von Saint Quentin,

Der Held von Gravelingen!

Und Egmont, Egmont hoch!

So jubeln sie und zechen wohl noch lange.

 

Laßt uns zur halbverwaisten Stadt zurück;

Der Abend sinkt, und auf dem kurzen Gange

Zeigt eins und andres etwa sich dem Blick.

Der Torweg gähnt, des Marktes Seiten weichen;

Im Hause der Regentin schimmert Licht.

Die edle Frau, aus Östreichs mildem Stamme,

Wohl noch mit ihrem Kanzler sich bespricht.

Wir forschen nicht und gehn die kleine Gasse.

Ein kleines Pförtchen führt zur Wendelstieg,

Wie eng, wie schmal; die Glastür halb verhängt,

Drin Licht und Worte, wie sie Freunde tauschen. –

Wer liebend forscht, der darf wohl einmal lauschen.

Im Armstuhl sitzt ein Weib, schon was bei Jahren,

In niederländscher Tracht, ein wenig schwer;

Das dunkle Kleid sticht ab zur weißen Haube,

Die knapp läuft um die Faltenstirne her.

Sonst reinlich und behaglich, obschon ärmlich.

 

Ihr Aug ruht lächelnd auf dem jungen Mann,

Der, Garn gehängt um seine beiden Arme,

Sich und den Faden abzuwinden reicht,

Und dieser Faden läuft zu weißen Händen,

Und diese Hände wirbeln ihn zum Knäul.

Und drüber blitzts aus dunkelbraunen Augen,

Die sich, so scheints, des wirren Spieles freun;

Und seht, ein Mädchen ists, nicht so: ein Cherub,

Der, halb geflügelt Kind, halb Zornesbote,

Mit Adleraugen eine Welt bescheint.

Was ist sie schön! Die runden Mädchenwangen,

Die lichte Stirn, das Näschen sehr bestimmt,

Die Augenbrauen scharf, der Mund so weich,

Und doch in stolzem Mitleid manchmal zuckend –

Ist sie? – Es ist das Mädchen, das Graf Egmont meint,

Zu dem er schleicht, den Mantel übers Kinn,

Und das die Nachbarinnen neidend schelten;

Sie aber weiß es, ist erfreut, betrübt,

In einem überselig: daß sie liebt,

Und wieder traurig bis zu lauten Zähren;

Dem Liebsten kann sie ganz, sie weiß es, nie gehören;

Drum möchte sie ein Knabe sein, ein Mann,

Ihm dienend nahn in gut und bösen Tagen,

Die Fahne nach im heißen Streite tragen,

Und Furcht und Hoffnung, Scham und Glück und Pein

Singt sie mit solchem Schlummerliede ein.

 

 

Lied:

 

                »Die Trommel gerührt« etc.

                wie im Stücke von Goethe

 

So freue dich, denn kurz ist alle Freude,

Was dir im Wege blühet, nimm es mit,

Denn warnend hör ich nah schon eine Stimme,

Und fernher kommt des Unheils dumpfer Tritt.

 

 

(folgt Entreact I No 2)

 

 

2

 

Das war Oraniens tiefe Warnerstimme,

Wo Egmont wandelt hoch auf steilem Pfad,

Dem Spanier längst verdächtig und verhaßt,

Da geht ein Freund ihm warnend stets zu Seite.

An Hoheit – nicht des Standes nur allein,

Des Herzens auch – ist Wilhelm von Oranien

Dem edlen Egmont gleich. Vom Himmel selbst

Scheint er ihm zugesellt, daß er den Sturz

Nah an des Abgrunds jähem Rand ihm zeige.

Denn minder rasch, die Tücke klug belauschend,

Hat Wilhelm seiner Gegner Spiel durchschaut.

Schon zählt er Albas Schritte; wägt die Ketten,

Die er den edlen Fürsten wie dem Volke

Tief im Versteck der mißtraunvollen Seele

Geschmiedet. – Margarethas mildes Szepter,

Er sieht es schon entwendet und entweiht;

Sie selbst verscheucht vom Lande, das sie schützte; –

Da eilt er, dem Verderben zu entrinnen.

Doch ach! sein Egmont folgt ihm nicht! – Umsonst

Hält flehend er den teuern Freund umschlungen.

In stolzer Sicherheit, auf heilges Recht

Sich stützend, will er kühn dem Herzog stehen;

Will von ihm selbst des Königs Willen hören. –

Ihm ist das Leben nur ein muntres Spiel;

Er mag um seinen höchsten Preis nicht geizen.

Es soll kein schleichend Mißtraun, kein Verdacht

Das leichte Blut ihm hemmen und vergiften.

Ihm gilt für tot, wer stets den scheuen Blick

Auf eigne Sicherheit gerichtet hält.

 

»Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt« –

So fraget Egmont den besorgten Freund –

»Was ist denn dran? – Wenn uns der Morgen nicht

Zu neuen Freuden weckt, und keine Lust

Der Abend uns zu hoffen übrig läßt:

Ists weiter denn des An- und Ausziehns wert?

Gepeitscht von unsichtbaren Geistern, gehn

Die Sonnenpferde dieser kurzen Zeit

Mit unsres Schicksals leichtem Wagen durch.

Und uns bleibt nichts, als mutig fest zu stehn;

Die Zügel straff zu halten; – rechts und links

Vom Steine hier, vom Sturze da die Räder

Hinwegzulenken; – doch wohin es geht? –